17.11.1986

TIERSCHUTZBruder Wal

Der Tierschutz radikalisiert sich. Im Hafen von Reykjavik setzten militante Walfang-Gegner zwei isländische Schiffe auf Grund. *
Am Sonntag kurz nach sechs Uhr früh wurde Schiffer Thorstein Thorsteinsson von einem schmatzenden Geräusch geweckt. Er griff nach dem Suchscheinwerfer und ließ den Lichtkegel über dem Hafenbecken kreisen nur ein paar Sekunden lang, dann schlug er Alarm:
Da, wo am Vorabend die "Hvalur 6" geankert hatte, waren nur noch zwei Masten zu sehen. Gleich daneben trieb blubbernd und mit starker Schlagseite die "Hvalur 7" auf dem Wasser.
Der Alarm kam zu spät. Auch die "Hvalur 7" ging auf Grund. Taucher der islandischen Küstenwache stellten später fest, daß jemand die Flutventile geöffnet habe. Montag früh kam dann aus Hvalfjordur, 25 Kilometer nördlich der Hauptstadt, die Meldung, daß die Walfangstation der Hvalur-Reederei verwüstet worden sei.
Das isländische Innenministerium hat Interpol inzwischen einen Haftbefehl gegen zwei mutmaßliche Täter übermittelt, den Kanadier Rodney Coronado und den Briten Nick Taylor alias Martin Bradley alias David Howard.
Taylor und Coronado waren am 31. Oktober mit einer Maschine der "Icelandair" in Keflavik gelandet und hatten Island wenige Stunden nach dem Attentat wieder in Richtung Luxemburg verlassen. Die Sabotage-Aktion hatte, wie die Ermittlungen ergaben, ursprünglich schon vor zwei Monaten laufen sollen, sie war aber mit Rücksicht auf das sowjetisch-amerikanische Gipfeltreffen verschoben worden.
Am Montagnachmittag strahlte der isländische Rundfunk eine Botschaft der amerikanischen "Sea Shepherd Conservation Society" aus, in der der Tierschützer und "Greenpeace"-Mitbegründer Paul Watson aus Vancouver (Kanada) die Verantwortung für den Anschlag übernahm. Seine Organisation, so teilte er mit habe das "volle Recht, die Walfangschiffe zu versenken", weil Island gegen das Moratorium der Internationalen Walfang-Kommission (IWC) von 1982 verstoße.
Formell ist die Begründung nicht haltbar. Die Isländer haben zwar für die Dauer von fünf Jahren auf die kommerzielle Waljagd verzichtet. Aber auf der IWC-Tagung im schwedischen Malmö erstritten sie sich im Juni dieses Jahres das Recht, 200 Wale im Jahr zu wissenschaftlichen Zwecken" zu harpunieren.
Nur, die Walschützer sehen Grund zu der Annahme, daß Island das Fangverbot unterläuft. Denn nur die Hälfte des erbeuteten Walfleischs bleibt zu nicht näher definierter wissenschaftlicher Verwendung im Land. Die andere Hälfte wird nach Japan exportiert.
Das Schiffeversenken in Reykjavik war nicht Paul Watsons erster Schlag gegen die "Tiermörder", wie er sie nennt. Watson bekennt sich zur Radikalität. Er hat nie einen Zweifel daran gelassen, daß er auch Gewalt nicht scheut, um die Interessen des Tierschutzes durchzusetzen.
Für Morrissey Johnson, den inzwischen retirierten Nestor der kanadischen Robbenjäger sind Watson und seine "Tierbefreiungsfront" nichts als "potentielle Killer". Watson hatte sich im Frühjahr 1983 mit seinem Aktionsschiff "Sea Shepherd II" vor Neufundland auf die Lauer gelegt, um auslaufende Fangschiffe zu rammen - ein für beide Seiten lebensgefährliches Unternehmen, weil die Schiffe der Neufundländer außer entflammbarem Treibstoff auch Munition und Dynamit zum Aufbrechen des Packeises an Bord hatten.
Obwohl die Besatzung die "Sea Shepherd II" mit elektrisch geladenem Stacheldraht eingeigelt hatte, gelang es einem Sturmtrupp der "Royal Canadian Mounted Police", das Schiff zu entern und die Besatzung festzunehmen. Der Captain konnte erst einen Tag später an der Grenze zu den USA verhaftet werden, weil er sich vor dem Angriff abgesetzt hatte.
Noch dichter als vor Neufundland schrammte Watson 1979 vor der portugiesischen Küste an der Katastrophe entlang. Obwohl er wußte, daß 39 afrikanische Besatzungsmitglieder an Bord waren, setzte er den Walfänger "Sierra" mit einem Rammstoß der "Sea Shepherd" auf Grund. Es war Zufall, daß damals keine Menschen zu Schaden kamen. Die "Sierra" sank, nur wenige Minuten nachdem die 39 Afrikaner in die Rettungsboote gegangen waren.
Die Aktion erinnert fatal an eine Aktion der ideologischen Gegner: die Versenkung des Greenpeace-Schiffs "Rainbow Warrior" durch französische Geheimdienstler im Hafen der neuseeländischen Stadt Auckland, bei der am 10. Juli letzten Jahres der holländische Photoreporter portugiesischer Herkunft Fernando Pereira den Tod fand.
Es gibt allerdings einen wesentlichen Unterschied: Die Franzosen wußten nicht, daß noch jemand an Bord war, als die Ladung hochging. Paul Watson dagegen erklärte nach der "Sierra"-Affäre, daß er Personenschäden in Kauf nehmen würde, um "Bruder Wal" vor seinen Jägern zu schützen. Denn: "Die Frage ist, ob deine eigenen Vorstellungen von der guten Sache irgendeinen Wert haben sollen ... du kannst nicht auf halbem Wege stehenbleiben."
Mit der Versenkung der zwei Walfangschiffe in Reykjavik, so sagt Paul Watson, hätten seine Leute 200 Walen das Leben gerettet. Ein schöner Traum, denn die Walfang-Saison ist eh vorbei. Und bis nächstes Jahr sind die zwei Boote längst wieder gehoben. "Hvalur"-Reeder Kristgan Loftsson: "Die Waljagd vor Island ist absolut legal. Wir machen weiter."

DER SPIEGEL 47/1986
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