09.02.1987

Der GAU und das Mädchen

Der WDR strahlt den mehrfach verschobenen Polit-Thriller „Gambit“ aus: Bonn in der Hand atomarer Erpresser. *
Im Gerede ist das Ding lange genug. Zuerst, als Anfang vergangenen Jahres schon ein Termin sicher schien, fummelten die Kicker dazwischen: Während der Fußball-Weltmeisterschaft im Juni, so fanden damals die Kölner Programmplaner, sei im ersten Kanal keine Zeit für ein zweiteiliges Fernsehspiel mit atomarer Erpressung, Rechtsradikalen und Bundeskanzler Kohl. "Gambit", als Sprengsatz verdächtig, wurde unauffällig vom Sendeplatz verwiesen. Im Herbst sehe man weiter.
Dann, im September, als im ARD-Stundenplan durchaus zwei freie Abende zur Verfügung standen, kamen den Hasenherzen im WDR neue Bedenken: So kurz nach Tschernobyl und so knapp vor der Bundestagswahl sei der Polit-Thriller wohl auch deplaciert. Man werde ruhigere Zeiten abwarten.
"Kalte Absetzung" nannte "Gambit"-Regisseur Peter F. Bringmann das Kölner Geklüngel. Im Sender gehe offenbar "die große Angst" um, "man könne sich" in dem fiktiven Stück "zu deutlich auf die Realität" und damit "auf die Bundesregierung beziehen" - ein nicht eben weltfremder Argwohn.
Immerhin verlautete aus dem WDR-Funkhaus, es gebe gewisse "Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Hierarchen" der Anstalt. Und dann, erst vor ein paar Wochen, mußten aus der längst fertigen Produktion auf einmal auch noch ein paar allzu auffällig herausgestellte Produkte - Kameras und Whiskyflaschen - geschnitten werden.
Doch jetzt, nachdem die hellste Aufregung über Tschernobyl abgeklungen scheint, die Bonner Koalition bestätigt und der Zweiteiler von kostenloser Markenartikel-Werbung gereinigt ist, rückt der WDR endlich mit dem brisanten Stoff heraus: Am kommenden Sonntag (20.45 Uhr) und am darauffolgenden Mittwoch (20.15 Uhr) soll "Gambit" über den Sender gehen, Bringmanns sechster gemeinsamer Film mit dem Kölner Drehbuchautor Matthias Seelig ("Theo gegen den Rest der Welt").
Ob der WDR nun allerdings fein raus ist aus der Bredouille, wo Dichtung und Wahrheit - TV-Spiel und Tagespolitik - tatsächlich kollidieren könnten, bleibt bis zu den Sendetagen offen: Das makabre Poker um die im Libanon Entführten und die beiden inhaftierten Hamadei-Brüder kann noch weltpolitische Verwicklungen auslösen, die internationale Terrorszene jederzeit neuerlich zuschlagen; und ein paar Waggons Milchpulver reichen aus, um die Ängste
wachzuhalten, die Tschernobyl geweckt hat. Nicht ausgeschlossen also, daß Tagesschau und "Gambit" nächste Woche fast ähnliche Schrecken verbreiten.
Doch was manchen Programmaufseher im WDR zittern läßt, kann den "Gambit"-Machern nur recht sein: einer empfindlichen Öffentlichkeit vor Augen zu führen, daß "ein Atomstaat auch ein Überwachungsstaat" (Bringmann) und dennoch vor der apokalyptischen Bedrohung durch Verrückte oder terroristische Erpresser keineswegs sicher ist.
Jedenfalls peilt "Gambit" seinen Tatort unübersehbar an: Es ist das Machtzentrum Helmut Kohls. Auf weitschweifigen Helikopter-Fahrten werden Bonner Perspektiven eingefangen. Die Fassaden des Bundeskanzleramtes, vor denen sonst Ernst Dieter Lueg über die Lage der Nation orakelt, sind mehrfach abgelichteter Blickfang. In einer verblüffend glaubwürdig einmontierten Schnittfolge schreiten Kohl und Zimmermann sogar leibhaftig mit betretenen Mienen durchs Bild: "Gambit" muß eine Staatsaktion, die Lage ernst sein.
Seit Wochen treffen im Bundeskanzleramt regelmäßig stereotyp verfaßte Erpresserbriefe ein, in denen ein Anonymus namens "O.D.I.N." (gleichlautend mit dem zwielichtigen Germanengott Odin alias Wotan) Bonn ultimativ vor die Wahl stellt: entweder eine Milliarde Mark in Gold oder den Super-GAU in einem bundesdeutschen Kernkraftwerk.
Anfangs legen die Staatsdiener die "Aktion Feuerkeil" als Schnapsidee spinnerter Wichtigtuer zu den Akten. Aber dann heftet der Absender seinen Schreiben die Kopien geheimer Reaktorpläne und streng vertraulicher Sicherheitsunterlagen bei. Ein Krisenstab nimmt die Ermittlungen auf und schirmt diese zugleich vor der Öffentlichkeit ab, um Panik in der Bevölkerung zu verhindern.
Das Schöne am Bildschirm wie im Kino: Während Geheimdienstler und Staatssekretäre konfus über Haufen von Meßtischblättern hocken, ihre Computer mit Rasterfahndungen füttern, Hubschrauber in die Lüfte kommandieren und pausenlos Kaffee trinken, sieht der Zuschauer längst weiter, wenn auch lange nicht durch.
Immerhin liegt gleich zu Beginn des ersten "Gambit"-Teils in einem marockanischen Puff eine Leiche. Dort hat den deutschen Atomforscher Professor Ott offenbar beim Liebesspiel der Schlag getroffen. Christoph Steinbrenner, ein anderer Kunde, schafft als Entgelt für amouröse Dienste, die er nicht bezahlen kann, den Toten weg und dessen Tresorschlüssel beiseite. Daheim, in Otts Düsseldorfer Bank, erhält er damit Zugang zu einem Bündel geheimer Unterlagen, Titel der Akte: "Gambit".
Den zweiten Toten gibt es auf offener Straße im badischen Land. Dort wird der rechtsradikale Konrad Stromberg von Unbekannten erschossen, nachdem er sich durch ein Zeitungsinterview aus der neonazistischen Szene absetzen und die Hintergründe einer ominösen "finalen Aktion" publik machen wollte.
Wenig später muß auch Strombergs Freundin Hanna dran glauben. Sie wird in einer Waldhütte das Opfer der brutalen "Kampfgruppe Schröder". Und schließlich bricht auch noch der Gauner Steinbrenner unter den Schüssen rechter Lederjacken tot zusammen - just nachdem er für die "Gambit"-Papiere aus Otts Safe 12000 Mark kassiert hat und sich ins Ausland absetzen wollte.
Komisch nur, daß über all den Blutspuren der Mantel des Verschweigens liegt. Von Polizei ist wenig zu sehen. In den Zeitungen steht nichts. Der Krisenstab, der O. D. I. N. mal unter Rechtsextremisten, mal unter Atomwissenschaftlern vermutet, merkt nichts.
Das tut - langsam, aber dann mit um so sichererem Scharfblick - nur die ebenso ehrgeizige wie furchtlose Journalistin Sibylle ("Billie") Seeger, die sonst bei der alternativen Zeitschrift "Rundschlag" Zeilen schindet und nun hinter dem Knüller ihres Lebens her ist.
Und wie Gambit im Schach jene Spieleröffnung bezeichnet, bei der eigene Figuren geopfert werden, um Platz für den Angriff auf den Gegner zu schaffen, so geht diese Reporterin (zumindest fahrlässig) über drei der vier Leichen und auch sonst ganz radikal zu Werke - Billie gegen den Rest der Welt.
Unbeirrt von schießwütigen Hakenkreuzlern, die ihr überall auflauern, furchtlos gegenüber den rüden Verfassungsschützern, die ihr Telephon anzapfen, ihre Wohnung auf den Kopf stellen und schließlich gar mit dem Hubschrauber zum Verhör nach Bonn entführen, wagt sie sich zu schummrigem Treff mit zwielichtigen Mittelsmännern, photographiert auf verbotenem Gelände, kurvt über gesperrte Straßen und stößt endlich sogar auf O. D. I. N. persönlich, einen leicht verwittert dreinblickenden Einzelgänger, dem sie in liebevoller Hingabe frischen Kaffee eingießt.
Und während die Musik nach Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" immer bedrohlicher klingt, baut sie sich wieder auf: die Journalistin, wie sie nur das schwindelnde Kino hochstilisiert, die Über-Frau Kollegin, die allem auf der Spur ist und allen auf die Schliche kommt, die mutiger recherchiert und cleverer kombiniert als Verfassungsschutz, Kripo und Krisenstab.
So wird Billie Seeger letztlich ein - überaus attraktiver - Schönheitsfleck in einer Story, die mit mediengerechtem Nervenkitzel böse unter die Gänsehaut geht und den Staat da decouvriert, wo der keinen Staat mehr machen kann - im Falle einer minuziös ausgetüftelten atomaren Erpressung.
"Niemand kann widerlegen", so Bringmann, "daß eine solche Geschichte in Bonn passieren kann oder vielleicht schon mal passiert ist." Deshalb sollte man der realistischen Utopie auch ihre Längen und ihr gelegentliches Liebäugeln mit der Kolportage nachsehen.
Wie "Gambit" endet? Wenn der WDR den Film der Presse vorführt, müssen sich die Journalisten schriftlich verpflichten, den Schluß nicht zu verraten. Die Spielregel, ein freundlich verpaßter Maulkorb, sei eingehalten. Auf jeden Fall ist das Finale ein Clou - und allemal des Nachdenkens wert. Klaus Umbach _(Max Tidof als Stromberg, Despina Pajanou ) _(als Billie Seeger. )
Max Tidof als Stromberg, Despina Pajanou als Billie Seeger.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 7/1987
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