DER SPIEGEL



ITALIEN

Bettino der Starke

Der zurückgetretene sozialistische Ministerpräsident Craxi will die Christdemokraten zur Machtprobe zwingen. *

In der römischen Politik ist Bettino Craxi das, was der Stürmer Diego Armando Maradona für Italiens Fußballfans ist: ein begnadeter Dribbelkünstler, der aus jeder Lage Tore schießt, notfalls auch mit Tricks und Fouls.

Als der sozialistische Ministerpräsident am vergangenen Dienstag zurücktrat, stellte er in seiner Abschiedsrede vor dem römischen Senat klar, daß "Bettino der Starke", wie Parteifreunde ihn mit respektvollem Spott nennen, auch weiterhin Spielmacher bleiben will.

Italien sei in den dreieinhalb Jahren seiner Regierung zu einer Nation mit "neuem internationalen Ansehen" gewachsen, pries Craxi seine Bilanz. Dank eines erstaunlichen Wirtschaftswunders sei das Land zur fünftgrößten Industrienation der Welt aufgestiegen - und habe nunmehr sogar die Briten überholt, auch wenn der Aufschwung durch die sinkenden Ölpreise und den fallenden Dollarkurs begünstigt worden sei.

So kunstfertig schönte Craxi das Bild seiner Regierung, daß die Mehrheit seiner Landsleute am Ende nicht recht verstand, warum eine der stabilsten und "besten italienischen Nachkriegsregierungen" ("Financial Times") 15 Monate vor dem regulären Ende der Legislaturperiode abtreten mußte.

Doch der innere Friede in der Fünf-Parteien-Koalition aus Christdemokraten, Sozialisten, Republikanern, Sozialdemokraten und Liberalen war schon seit längerem brüchig. Zweihundertmal war die Craxi-Regierung in den vergangenen 43 Monaten im Parlament überstimmt worden - oft dank unbekannter Heckenschützen aus dem eigenen Koalitionslager.

Diesem Partisanenkrieg liegt ein Machtkampf zwischen Craxi und den Christdemokraten zugrunde: Die DC konnte es nie verwinden, daß sie, obwohl stärkste Partei, nicht auch den Regierungschef stellte. Immer heftiger forderte DC-Chef Ciriaco De Mita einen Wechsel an der Spitze der Regierung. Im Sommer 1986 gab Craxi schließlich sein Ehrenwort: Der Stabwechsel ("la staffetta") solle im März 1987 stattfinden.

Der Austausch des Ministerpräsidenten wurde für die DC um so dringlicher, als sich der autoritäre, unduldsame und machtverliebte Craxi "unerwartet für uns alle vom politischen Lehrling zu einem Politiker erster Qualität entwickelte", so der Publizist Indro Montanelli vorige Woche.

Unter Craxis Regierung fiel die Inflation von 16 Prozent bei Amtsübernahme 1983 auf 4,2 Prozent heute. Gegen wütende Proteste der kommunistischen Opposition und großer Teile der Gewerkschaften traute er sich, die "scala mobile", den automatischen Inflationsausgleich für Löhne, erheblich zu kürzen.

Seine mannhafte Weigerung, 1985 die arabischen Entführer der "Achille Lauro" an die USA auszuliefern, mehrte seine persönliche Popularität.

Obwohl autokratische Allüren, Kraftmeierei und schroffe Reden den Italienern seit Benito Mussolini zuwider sind, imponierte der Sozialistenführer seinen Landsleuten am Ende so sehr, daß sie ihm in einer Umfrage Bestnoten gaben; 60 Prozent sprachen sich gegen seinen Abschied aus dem Palazzo Chigi aus.

Dabei hat sich Craxi für die kleinen praktischen Probleme nie sonderlich interessiert, er liebt die Außenpolitik. Immer wieder versprochene Reformen, etwa in der unendlich langsam arbeitenden Justiz (durchschnittliche Prozeßdauer sechseinhalb Jahre), im völlig verrotteten Gesundheitswesen oder in der umständlichen öffentlichen Verwaltung, ließ er schleifen.

Seinem mutmaßlichen Nachfolger Giulio Andreotti will Craxi jetzt das Leben so schwer wie möglich machen, damit es rasch zu Neuwahlen kommt. Seine Popularität und die günstige Wirtschaftskonjunktur, hofft der Sozialistenchef, könnten seiner Partei einen deutlichen Stimmenzuwachs bescheren und die Sozialisten (bislang 11,4 Prozent der Stimmen) endlich zu einem stärkeren Gegenspieler der Großen - Christdemokraten (32,9 Prozent) und Kommunisten (29,9 Prozent) - machen.

Vorige Woche forderte er die DC zum Kräftemessen heraus, indem er verlangte, nicht Andreotti, sondern De Mita oder der stellvertretende Ministerpräsident Forlani sollten den Regierungsvorsitz übernehmen. Die Christdemokraten aber wollen an Andreotti festhalten. "Wenn ich es nicht schaffe, schafft es keiner", meinte der Kandidat, der fünfmal Ministerpräsident und fünfzehnmal Minister war.

Über die Fuchsschläue seines Widersachers Andreotti hatte Craxi früher einmal gesagt: "Füchse enden über kurz oder lang alle beim Kürschner."

Der bucklige, immer etwas undurchsichtig wirkende Andreotti, ein Meister machiavellistischer Polit-Intrigen, hat nur eine Möglichkeit, den Widersacher zu schrecken - durch einen Dialog und eine eventuelle Zusammenarbeit mit den Kommunisten. Denn eine heimliche Allianz der beiden Großparteien würde Craxis hochfliegenden Traum gefährden: die Christdemokraten, ohne die in der italienischen Nachkriegspolitik bislang nichts ging, eines Tages als Führer einer siegreichen Linkskoalition in die Opposition zu verweisen. _(Bei seinem Rücktritt im Senat am 3. ) _(März; oben 2. v. l.: Außenminister ) _(Andreotti. )

Bei seinem Rücktritt im Senat am 3. März; oben 2. v. l.: Außenminister Andreotti.

DER SPIEGEL 11/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 11/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ITALIEN:
Bettino der Starke

TOP



TOP