09.03.1987

Die Lust ist da, aber ich verkneif's mir

Von Bittorf, Wilhelm

SPIEGEL-Autor Wilhelm Bittorf über die Geschlechtsliebe in den Zeiten von Aids

Die Stimme klang jung und schüchtern. Sie kam aus dem Telephon und wurde direkt über die Sendeanlagen des Süddeutschen Rundfunks ausgestrahlt. "Angenommen, ich hätte jetzt mit einer gefährdeten Person Verkehr gehabt", sagte die Anruferin, "nach wieviel Wochen kann man dann feststellen, ob ich mich infiziert hab?"

"Wenn Sie mit einem Mann aus dem Drogenmilieu oder einem Bisexuellen Sexualkontakt hatten", erwiderte sanft Frau Dr. Fischer vom Gesundheitsamt der Stadt Stuttgart, "dann kann man frühestens in zwei Monaten einen Test machen."

"Aber wenn's dann negativ isch, isches negativ?"

"Vorausgesetzt, Sie schlafen in der Zwischenzeit nicht wieder ungeschützt mit einer Risikoperson."

Nächster Anruf: "Wenn ich ... kann ich mich ... bei Oralverkehr anstecken durch den Speichel?"

Zu "Anal- und Oralverkehr", erklärt Frau Dr. Fischer, sei folgendes zu sagen: "Ungeschützten Analverkehr unbedingt unterlassen und auch oral-genitalen Verkehr nicht vordringlich praktizieren."

Nächste Fragerin: "Wenn also die Viren hauptsächlich durch Blut und Sperma übertragen werden - das stimmt doch?"

"Ja genau, Sie haben vorhin gut aufgepaßt."

"Ist die Frau besonders beim Sperma nicht viel stärker betroffen als der Mann, wenn sie's ... in sich aufnimmt?"

Deutsche Gespräche in den Zeiten von Aids, Frühjahr 1987. Da werden beim Rundfunk, bei den Zeitungen und Beratungsstellen viele hundert anonyme Beichten abgelegt: "Ich war auch nicht immer ganz treu." Da werden persönliche Bekenntnisse verkündet: "Mein Leben hat sich verändert, zu viele Freunde sind an Aids gestorben... Ich bestehe auf Kondombenutzung" (Barbara Valentin). Da werden unumwundene Ratschläge erteilt: "Beim Blasen vor allem den Samenerguß in die Mundhöhle vermeiden" (Aids-Hilfe Nordrhein-Westfalen).

Anruf bei der Münchner "Abendzeitung" während einer Beratungsstunde mit dem Chef des städtischen Gesundheitsamts, Norbert Kathke. Der Anrufer gibt als Beruf "Taxifahrer" an. Seine Frage: "Angenommen, ich will mit einer Frau schlafen, die das Virus hat. Ist ganz normaler Geschlechtsverkehr wirklich gefährlich?"

Kathke: "Sie meinen jetzt, Sie führen Ihr steifes Glied in die Scheide ein, ohne Kondom."

Anrufer: "Ja. Und ich habe keine Verletzung an der Eichel und benutze Öl, damit ich mich nicht verletze."

Kathke: "Sie können nicht wissen, ob Sie keine winzig kleinen Verletzungen haben. Wenn Ihre Partnerin HIV-positiv ist und Sie sich nicht schützen, spielen Sie russisches Roulett."

So offen und öffentlich haben Frauen, Männer und Medien in dieser Republik noch nie zuvor über Sexualität geredet. Seit den ersten Wochen des Jahres wird mit überrumpelnder Deutlichkeit Ungehörtes hörbar, wird Verschwiegenes ausgesprochen, sonst Verborgenes enthüllt. Es ist, als sei zwischen Sylt und dem Königssee eine einzige riesige Talk-Show ausgebrochen, bei der die Leute im Land auf einmal mit allem herausplatzen, was sie noch niemandem zu sagen und niemanden zu fragen gewagt haben.

In einem Ausmaß, das noch vor wenigen Monaten unvorstellbar schien, sind die intimen Zonen und Säfte des menschlichen Körpers zum Gegenstand detailgetreuer Diskurse vor breitestem Publikum geworden. Die Varianten und Kaprizen der Geschlechtslust beanspruchen höchstes politisches Interesse. Und im ZDF war sogar schon eine Art Beischlaf zu sehen: Der Buchstabe I aus der Letternfolge AIDS vögelte in einen Werbespot aus Dänemark unter kräftigen Stößen das hingespreizte A - was er aber nur durfte, weil er sich zuvor ein Hütchen aufgesetzt hatte.

Denn ach, diese Offenheit und diese ungehemmte Aufklärung, sie dürfen nicht nach Freiheit und Lustgewinn trachten wie ihre Vorläufer in den ausgelassenen sechziger Jahren. Sie müssen zu banger Vorsicht mahnen. Sie wollen Freizügigkeit vergraulen - oder zumindest kondomisieren. Sie wollen warnen vor dem grimmen Feind, der allen leichtsinnig Verliebten erstanden ist, warnen vor dem unsichtbaren Aids-Virus, das wie die Schlange im Garten Eden den Liebesdrang der Menschen mißbraucht, um sie ins Elend zu stürzen.

Schlicht gesagt: Das Virus, Kürzel HIV, wird durch Geschlechtsverkehr übertragen, auch durch den zwischen Mann und Frau. "Aids greift jeden an" - das ist die Kunde, von der die Massen aufgewühlt werden. Denn Aids "geht an die Wurzeln der Sexualität", sagt der Amerikaner Robert Gallo, einer der Entdecker von HIV, dem Erreger von frühem Siechtum und Tod, der seine Opfer vorzugsweise dann erwischt, wenn sie in Glücksgefühlen schwelgen.

HIV als neueste Evolutionserrungenschaft aus dem Mikrokosmos hat auch die Medizin mit allen ihren Segnungen übertölpelt. Sie hat kein Heilmittel. Bis es, niemand weiß wann, eine wirksame Arznei und einen Impfstoff gibt, sehen Ärzte und Volksgesundheitshüter deshalb nur eine Methode, das Virus in seiner raschen Verbreitung auch nur zu bremsen: Die in der Wurzel bedrohte Sexualität der Menschen muß sich ändern. Ihr Liebesverhalten muß infektionssicher werden. Möglichst monogam. Risikofrei. Mißtrauischer als der Verfassungsschutz und niemals mehr wirklich spontan - denn schon eine Paarung mit dem falschen Partner (und ohne Gummischutz), so heißt es, könnte dich für immer infizieren.

Mit Prüderie habe das gar nichts zu tun, versichern kühl die Gesundheitsexperten und Epidemiologen, die diese Aschermittwochsbotschaft überbringen. Das seien ganz einfach lebensnotwendige hygienische Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung.

Aber die Liebe ist nicht die Cholera. Und schon die bloße Vorstellung nimmt einem den Atem, wie die Krankheit Aids die beiden stärksten Lebensmächte im Menschen, den Selbsterhaltungswillen und den Sexualtrieb, feindlich gegeneinanderstellt, aufeinander losläßt.

Um der Krankheit zu entgehen, "sollen wir alles wieder aufgeben, was wir uns an sexuellen Rechten und Möglichkeiten erkämpft haben", sagt Shere Hite, die amerikanische Sexforscherin, die einen neuen "Hite-Report" vorbereitet. Sie weiß von vielen Frauen, die sich "nicht einschüchtern lassen und entschlossen sind, den schmalen Streifen vom Paradies zu verteidigen, den wir uns in den sechziger und siebziger Jahren zurückerobert haben".

Erica Jong dagegen, Schriftstellerin ("Angst vorm Fliegen") und einst übermütige Hohepriesterin der "Traumnummer" (auch "flying fuck" oder "Spontanfick" genannt), neigt zur Resignation. In der "Washington Post" seufzte sie: "Es

ist schwer genug, attraktive Junggesellen zu finden, auch ohne daß man gezwungen ist, sie über Bisexualität und Drogengebrauch auszuquetschen, Bluttests zu verlangen und ihnen Kondome in die Hand zu drücken. Wäre es nicht leichter, den Sex ganz aufzugeben und einem religiösen Orden beizutreten?

Wie stellen sich die deutschen Frauen und Männer zu der sexuellen Gegenrevolution, die Aids ihnen zumutet? Unterziehen sie ihre bisherigen Partner und Praktiken einer schmerzlichen Überprüfung? Zählen sie beklommen ihre verflossenen Bettgenossen und -genossinnen zusammen? Blicken sie wehmütig zurück auf sorglos genossene Freuden? Machen sie sich klar, daß sie nie wieder so unbekümmert und spornstreichs ins Heu hüpfen dürfen?

Denn um Aids auch ohne ein pharmazeutisches Wundermittel unter Kontrolle zu bekommen, sagen Fachleute, müßten Angst und Einsicht das Geschlechtsleben eines Großteils der sexaktiven Deutschen so gründlich umkrempeln, wie die christlichen Missionare vor fast zweihundert Jahren das Geschlechtsleben der Südseeinsulaner umgekrempelt haben - durch Novitäten wie die "Missionarsstellung" und alles verhüllende Muu-Muu-Kleider für die Frauen.

Kann so etwas in der postmodernen Gesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts gelingen? Leisten die Deutschen, die Westeuropäer, die Amerikaner Triebverzicht, um eine menschenmordende Epidemie zu bannen - oder gibt es, unabhängig von Aids, auch andere Ursachen und Bedürfnisse, die das Sexualverhalten in Richtung auf eine "neue Prüderie" hin verändern?

Eine Frau, mit der ich einige Male gepennt habe und die ich ziemlich aufregend fand, hat mir später erzählt, sie sei ganz besonders stolz darauf, daß sie auch schon Schwule rumgekriegt habe auf ihre heißmachende Art. Schwule!

Mir war, als hätte mir jemand einen Rieseneiszapfen in die Magengrube gerannt. Meine Angst, ich hätte mich infiziert, war enorm, keine Ahnung, warum. Klar, ich hatte vorher schon viel über Aids gelesen, auch geschrieben. Aber die Angst hat mich erst da gepackt. Die Wochen bis zur Entscheidung, den Bluttest zu machen, waren schlimm. Es ist ja,

als ob du dich einem unwiderruflichen Urteil über dein ganzes Leben unterwirfst.

Dann die Blutentnahme, anonym, eine Woche warten, kaum Schlaf in der Nacht, man hängt doch sehr an sich. Testergebnis: negativ.

Aber der Schock sitzt mir in den Knochen. Mein Sexleben nach dem Motto "Gut ist, was Lust macht" ist seitdem vorbei. Der Sex danach, viel weniger als sonst, war Sex mit Kondom, auch wenn die Mädels gemosert haben.

Und nun seit Monaten Zusammenleben mit einer einzigen, die ich mir auch unter dem Aspekt ausgesucht habe, ob sie treu sein kann. Ich lebe monogam und konzentriere mich jetzt auf einen Menschen. Die Lust auf andere ist da, aber ich verkneif's mir.

So ist es einem Zeitungskorrespondenten in Hannover ergangen, einem 37jährigen, gutaussehenden Mann, dem Frauen nicht selten Zettel mit ihrer Telephonnummer zustecken, wenn er sich in Szene-Treffs blicken läßt. Und so wie ihm würde es ausnahmslos allen sexuell aktiven Männern und Frauen in diesem Land ergehen, wenn sich die Wunschvorstellungen der Gesundheitspolitiker erfüllten: Schock, Panik, negativer Test, Einsicht und Bekehrung zu Beständigkeit und Treue. Dann - und vorausgesetzt, die bekehrten Paare halten ihr sittsames Behagen auf Dauer durch - hätte Aids unter den deutschen Heteros keine Chance.

Aids ist wie ein Schicksal, es trifft dich, oder es trifft dich nicht, wie ein Autounfall. Ich ändere mein Verhalten deswegen nicht. Ein Kondom zum Beispiel ist mir einfach unangenehm. Ich hab lieber die Annehmlichkeit ohne Präser als die Sicherheit mit. Was mich schreckt, ist weniger die Krankheit, als daß ich diejenige sein könnte, die sie weitergibt. Ich hab mir überlegt, ob ich mich dann umbringen würde oder nicht.

Das sagt Margie, 20 Jahre, Auszubildende in einem Münchner Reisebüro. Eine verwirrende, aber gar nicht untypische Auskunft: erst Gleichgültigkeit, Fatalismus, dann unvermittelt Selbstmordgedanken auf die entlegene Möglichkeit hin, sie könnte jemanden anstecken. Denn schon die bloße Furcht vor Aids, ob sie das Verhalten ändert oder auch nicht, ist ein Phänomen für sich - kompliziert wie das Virus, das sie auslöst, und voller Widersprüche.

Erst galt Aids über Jahre als ein Leiden, das nur homosexuelle Männer und Drogenfixer beiderlei Geschlechts heimsucht. Nur bei diesen Rand- und "Risikogruppen" schien Ansteckungsgefahr zu bestehen: einmal, weil Homosexuelle beim Analverkehr eine Körperöffnung penetrieren, die für diesen Zweck nur unzureichend ausgestattet ist, und dabei Blut und Samen, die Hauptvirusträger, am ehesten miteinander in Berührung bringen. Zum anderen, weil Fixer durch gemeinsam benutzte und ungereinigte Injektionsnadeln Blut mit Blut vermischen.

Den Gegengeschlechtlern leuchtete das ein. Mit ungläubigem Schaudern verfolgten sie, wie das zunächst unbemerkt in der Schwulenszene zirkulierende Immunschwäche-Virus seine erschreckende Wirkung zu Zeigen begann und die Opfer sich in sarkombedeckte Skelette verwandelten.

"Die Natur läßt nicht mit sich spaßen", sagten viele Heteros mit der profunden Weisheit Onkel Bräsigs, und die meisten übrigen dachten es: "Die Natur rächt sich." Die promisken Schwulen von Kalifornien bis zum Kurfürstendamm, die sich (wie der Hollywooder Schriftsteller John Rechy formulierte) als "Sturmtruppen der sexuellen Revolution" und "sexuell Gesetzlose" verstanden - hatten die es nicht zu toll getrieben bei ihrer "Sexjagd" nach immer rascher wechselnden Partnern in ihren Saunas und bei den priapischen Orgien, die sie in Whirlpools und Dunkelräumen veranstalteten?

Um so vehementer die Reaktion, seit die selbstgerecht als "Schwulenseuche" bezeichnete tödliche Krankheit auch in die nach Milliarden zählende Mehrheitsherde der Heteros einfällt - wobei die Zahlen der durch Hetero-Sex Infizierten

und der bereits offen Erkrankten fürs erste noch klein sind, absolut und erst recht als Anteil an der sexuell aktiven Gesamtbevölkerung.

In den Vereinigten Staaten waren bei Jahresanfang 1987 genau 1092 Personen registriert, die durch Mann-Frau-Verkehr infiziert wurden und schon offen an der Auszehrung durch Aids erkrankt sind. Das waren 3,8 Prozent der insgesamt 28593 US-Aids-Kranken zu diesem Zeitpunkt. Hochrechnungen weisen aus, daß dieser Anteil bis Ende 1991 auf 5,3 Prozent wachsen wird - bei einer möglicherweise auf 270000 ansteigenden Gesamtzahl der Kranken in den USA.

In der Bundesrepublik sind inzwischen 35 offen erkrankte und durch Hetero-Sex angesteckte Aids-Opfer gezählt worden. Die Schätzungen zur Gesamtzahl der Infizierten hierzulande schwanken zwischen 30000 und über 100000 - von denen fast alle nicht wissen, daß der verstohlene Erreger in ihren Adern kreist. Bei einem Anteil von fünf Prozent Heteros wären das zwischen 1500 und mehr als 5000 gegengeschlechtlich Infizierte in der ganzen Republik. Aber auch bei den Homosexuellen fing die Plage mit kleinen Zahlen an, die sich dann rasch vermehrten.

"Allein schon die theoretische Möglichkeit, daß sie und ihre Familienangehörigen sich die 'Schwulenkrankheit' auch holen könnten, macht vielen Leuten enorm zu schaffen", berichtet Stefan Zippel, Psychologe in der Münchner Aids-Beratung, die von Woche zu Woche stärker mit "oft panischen Anrufen" überschwemmt wird. "Da werden, schon weil das Virus geschlechtlich übertragen wird, verdrängte eigene Probleme mit der Sexualität akut. Da schlagen Phobien durch, da kommt die alte, anerzogene Verquickung von Sex und Strafe wieder hoch."

Als Beispiel erwähnt Zippel einen 23jährigen, der "sich von einer Prostituierten hat blasen lassen und dann geschwollene Lymphknoten bekam". Er habe also aus Schuldgefühl "auf psychosomatische Weise ein frühes Aids-Symptom entwickelt, obwohl er, wie sich zeigte, überhaupt nicht infiziert war".

Immer mehr "ganz normale Bürger", Frauen und Männer, meldeten sich, erzählt der Telephon-Berater Uli, einer von 36 ehrenamtlichen Ratgebern in Köln. Nicht wenige Anruferinnen "befürchten, ihr Partner gehe fremd, haben Todesangst, aber können mit dem Partner nicht darüber reden".

Weil diese Krankheit mitten in die elementarsten Lebensbezüge und Wertempfindungen hineintrifft - Sexualität, Liebe, Treue, Stolz und Selbstgefühl -, ist Aids für die Bundesbürger zu einer Art individuellem Super-GAU geworden, zum größten anzunehmenden Unglück, das den einzelnen treffen kann - schlimmer als ein sauberer Verkehrsunfall mit anschließender Querschnittlähmung, schlimmer auch als Krebs, der junge Menschen meist verschont. Und da nun im Prinzip jeder Sextätige gefährdet erscheint, spukt Aids-Furcht besonders im Schoß der Familie.

Väter mit Töchtern von sechzehn, siebzehn Jahren martern sich mit der Vorstellung, das Kind könnte von der greulichen Plage befallen werden. "Der Drang ist groß, die Kinder nicht mehr aus den Augen zu lassen", sagt ein Bremer Studienrat mit zwei quirligen Töchtern von fünfzehn und achtzehn Jahren. "Das sollte nun die Generation sein, die unsere Freiheiten erben und unbeschwerter als wir genießen sollte. Statt dessen müßten wir die Mädchen eigentlich wieder in Keuschheitsgürtel stecken und ihnen was vom Höllenfeuer erzählen."

Weniger mitfühlende Eltern verbergen nicht ihre Genugtuung darüber, daß der Spuk der sexuellen Freiheit endlich vorbei sei. Ihnen dient das HIV-Virus als Vorwand und Mittel, in das Leben und die Freundschaften ihrer Nachkommen hineinzuregieren und intime Inquisitionen zu veranstalten.

"Meine Mutter hat mich neulich danach ausgefragt, was ich mit meinem Freund alles anstelle", erzählt die 19jährige Hamburger Abiturientin Katja, die meist einen Pferdeschwanz und Cowboystiefel trägt, "Sex ohne feste Beziehung für undenkbar" hält, aber "im Bett keine Tabus" kennt. Einige der von ihrer Tochter angedeuteten Vergnügungen habe die konsternierte Mutter denn auch als "pervers und aidsgefährlich" geächtet.

Katja: "Ich habe ihr klarzumachen versucht, daß man auch durch die ausgefallensten Sachen kein Aids bekommen kann, wenn keiner der beiden Partner infiziert ist."

Zudringliche Eltern fordern oft nur Trotz heraus: Nun gerade nehmen die Kinder die Warnungen vor der Geißel Aids nicht ernst, die so vielen Autoritätspersonen so gut in den Kram zu passen scheint.

"Ich habe keine Angst davor. Mir ist das scheißegal. Ich denk an die fünf Jahre Inkubationszeit bei Aids, und dann denk ich, ach, ist ja noch so lang hin", erklärt Britta V., eine 16jährige Schülerin in Köln-Höhenhaus, die das Thema nicht nur zu Hause, sondern seit einem Jahr im Religionsunterricht immer wieder vorgesetzt bekommt mit dem Tenor: Aids - das ist der Lohn der Sünde.

Doch wenn die jungen Leute mit Aids auch nur indirekt in Berührung kommen, kann Unbekümmertheit in irrationale Angst umschlagen. Ein Fall unter einer wachsenden Zahl ähnlicher Vorfälle spielte sich im Düsseldorf-Gerresheimer Gymnasium ab: Als dort in der 13. Klasse bekannt wurde, daß der Freund einer Klassenkameradin, durch Fixen bedingt, an der Immunschwäche erkrankt sei, gingen die Mitschüler dem Mädchen aus dem Weg wie dämonengläubige Urwaldbewohner einer verhexten Stammesgenossin. Sie isolierten sie und gaben ihr nicht einmal mehr die Hand.

Daß Aids und Aids-Furcht erst recht auf der ehelichen Walstatt als Waffen von ungemeiner emotionaler Zerstörungskapazität Verwendung finden, daran lassen diskrete Erkundigungen keinen Zweifel. Argwohn, Eifersucht und Untreue bekommen durch das Virus einen tödlichen Biß. Auch ein Aids- (genauer: Antikörper-)Test, den der wirklich oder vermeintlich hintergangene Partner gebieterisch fordert, ehe er/sie sich zu neuerlichen Intimitäten herbeiläßt, kann da selbst bei günstigem Ergebnis oft nichts mehr retten.

Um nur den gar nicht bösartigen Fall einer an sich intakten Ehe zu nehmen: Was bleibt einem Essener Krankenhausarzt, der keinen Kontakt mit Aids-Patienten hat, zu tun übrig, wenn seine 40jährige Frau ihm erklärt: "Ich überseh' das Risiko nicht mehr, wenn ich weiter wie bisher mit dir schlafe"? Regelmäßige Bluttests läßt sie nicht gelten; denn die gebildete, aufgeklärte, doch völlig verunsicherte Frau ist überzeugt, ihr Mann könne sich, wie auch immer, jeden Tag infizieren und die Viren lange vor dem nächsten Test auf sie übertragen.

Deshalb macht sie es nur noch, wenn er einen Überzieher benutzt: Gattenliebe im Zeichen von Aids; nach dem Stoff, aus dem Kondome sind, auch "Latex-Liebe" genannt.

Seltsame Tage - und Nächte - liegen vor uns. Es ist wahr, daß es (in den USA) bisher erst 1100 Fälle einer heterosexuell übertragenen Aids-Erkrankung gibt. Aber es ist auch wahr, daß es vor drei Jahren noch weniger als 100 solche Fälle gab. Man kann dieselben Zahlen zum Anlaß nehmen, sich Sorgen zu machen oder sich keine Sorgen zu machen.

Was immer geschieht, man wird den Leuten niemals genug Geschichten von dieser Epidemie erzählen können - das Thema ist unterschwellig pornographisch, zugleich entsetzlich und erotisch. Es liegt ein bestimmter Reiz darin, einen legitimen Grund und sogar die Verpflichtung zu haben, in aller Öffentlichkeit Dinge zu diskutieren, die brave Leute noch nie diskutiert haben.

Die Reporterin Katie Leishman hat diese Sätze letzten Monat in der amerikanischen Zeitschrift "Atlantic Monthly" geschrieben. Was sie sagt, läßt sich im jetzigen Stadium von keiner Diskussion oder Analyse des Aids-Phänomens trennen. Es gehört dazu; denn es hilft zu erklären, warum die Aids-Angst ein solcher Publikumsrenner ist gegenüber all den anderen Ängsten auf dieser Erde.

Aids hat, was den anderen fehlt: Der Atomtod ist anonym, blind, unpersönlich,

auch nach Tschernobyl unvorstellbar und so gesehen sterbenslangweilig. Er mag drohen, die Erde zu entvölkern, aber er hat wenig mit der geheimsten Erlebnissphäre des Menschen zu schaffen. Auch die ärgsten Umweltschäden liegen weiter weg als ein Infektionsverhängnis in der erogenen Zone. Und wenn die Pershing-Raketen in Baden-Württemberg nur das Sexualleben der Deutschen beeinträchtigten, wären sie längst weg.

So fesselnd ist Aids, daß es andere, womöglich berechtigtere Sorgen ablenkt, absorbiert, auffrißt - für eine Weile jedenfalls. Das wäre so, auch ohne die grotesken Moritaten in "Bild": von der "Münchner Deutschlehrerin" etwa, die in Bad Wörishofen durch bloße Zungenküsse mit einem "Hamburger" an Aids erkrankte ("'Ich hatte nicht mal Geschlechtsverkehr mit ihm', sagt die 26jährige fassungslos. Sie kann nicht mehr arbeiten, wartet auf den Tod ..."); oder von der Düsseldorferin, die sich angeblich durch ein Urlaubsabenteuer in Portugal das Leben zerstörte ("'Ich habe nur einmal mit ihm geschlafen', sagt sie").

Im Medientornado um Aids nehmen auch ernstgemeinte Publikationen in Kauf, daß sie Befürchtungen wecken könnten, die sich vielleicht später als übertrieben erweisen. Sie tun das aus guten Gründen: Denn da die Viren-Infektion bis zu fünf und mehr Jahre lang unbemerkbar bleiben kann und sich in dieser Zeit entsprechend unbemerkt ausbreitet, können nur der frühestmögliche Alarm und die zeitigste Aufklärung erreichen, daß die Epidemie im frühestmöglichen Stadium auf Widerstand trifft.

Erst muß sich das Reich der Sinne in ein Kondominium aus Treue und sicherem Sex verwandeln. Dann vielleicht, hoffen die Fachleute, könnten die Verheerungen, die sie jetzt prophezeien, abgewendet werden.

Vor wenigen Monaten noch waren laut Umfragen Millionen erwachsene Bundesbürger an Gruppensex und Partnerrausch interessiert. Es gibt viele Clubs, in denen man das genießen kann. Das Interesse ist jetzt merklich geschwunden, jeder hat Angst vor Aids.

Die regelmäßige Maihof-Veranstaltung "Liebesschule", bisher dazu gedacht, Kontakte zwischen Gleichgesinnten zu fördern, hat nur noch ein Thema: Aids. Man könnte meinen, daß diejenigen recht bekommen, die uns schon immer einbleuen wollten: Sex ist etwas Schmutziges, Niedriges, Gefährliches.

Nur: Sex an sich überträgt ja kein Aids, dazu bedarf es eines Infizierten. Und hier setzt die dumpfe Angst ein, einem solchen zu begegnen, der womöglich selbst von seiner Infektion nichts weiß ...

Aschgrau ist das Stimmungsbild, das Wolfgang Sander, Chef des ländlichen Sex-Treffs und Swinger-Clubs "Hotel Maihof" auf dem pfälzischen Rheinufer, in einem Rundbrief an seine verschreckten und ausbleibenden Gäste skizziert. Noch 1986 feierte der Club mit 43 Prozent Besucherzuwachs das erfolgreichste Jahr seiner siebenjährigen Aktivität. Jetzt klagt Sander über einen jähen und existenzbedrohenden Umschwung: "Manche trauen sich nicht einmal mehr, mit dem eigenen Partner ins Bett zu gehen, geschweige denn mit einem anderen."

Auf Informationen des Gesundheitsamtes Ludwigshafen und der Uni-Hautklinik Heidelberg gestützt, versucht der gelernte Ingenieur Sander nun, die fundierten und die hysterischen Skrupel seiner abgekühlten Klientel auseinanderzusortieren: "Im Straßenverkehr kommen jährlich Tausende Menschen um. Dennoch läßt niemand sein Auto stehen, sondern benimmt sich entsprechend vorsichtig."

Sander bietet den Swingern auch einen Aids-Test (unter einer Nummer mit Vornamen) an, ja er verlangt ihn sogar von Teilnehmern an Gruppensex-Veranstaltungen. Zum "orientalischen Liebesmahl" oder zu einer als Gaudi zelebrierten "Schwarzen Messe" würden künftig nur solche Gäste zugelassen, die in einer geplanten "Liste der Aids-Freien" stehen. Sander: "Damit man Sex wieder unbekümmert und frei erleben kann."

Es gibt viele Episoden zu erzählen aus dem Land, über das der Eishauch böser Ahnungen weht, Szenen einer schwarzen Komödie, die der alte Billy Wilder nur leider nicht mehr verfilmen kann. Wie der 54jährige, schürzenjagende Pharma-Vertreter aus Stuttgart, der sich nicht mehr traut, auf seinen Touren mit neuen, unbekannten Frauen anzubändeln, statt dessen längst verflossene Liebschaften reaktiviert. "Die alten Flammen wieder anzünden", nennt er es - Frauen zwischen 45 und 55, "von denen ich genau weiß, daß die ganz bestimmt nichts mit Typen machen, die ihnen was anschleppen könnten."

Oder wie die Lebensgefährtin eines Düsseldorfer Boutiquenbesitzers, die ihm davongelaufen war, es mit der Aids-Angst zu tun bekam und geläutert zu dem Mann zurückkehrte - aber erst wieder mit ihm ins Bett ging, nachdem er seine Unbedenklichkeit per Bluttest bewiesen hatte. Oder wie nackte Münchner in der (seriösen) Sauna im Cosima-Bad dröhnend einen puerilen Witz darüber belachen, warum Beamte gegen Aids gefeit seien ("weil s'n Hintern eh net hochbekommen"), im dichtbesetzten Schwitzraum aber selber jeden Kontakt mit einem anderen Körper zu vermeiden suchen und dabei die sonderbarsten Verrenkungen vollführen.

Ein Spaßvogel hat die Aufforderung "Sei kein Feigling, spar die Mark!" auf den Präservativ-Automaten des hannoverschen Lokals "Pfannkuchenhaus" geschrieben. Und in der nämlichen Kneipe

erzählt die grünäugige Studentin Almut, 22, sie sei zwar seit einem Jahr mit einem Mann zusammen, doch der Wunsch nach anderen rege sich bei ihr durchaus: "Ich will schon mit anderen knutschen und flirten. Aber dabei soll es dann auch bleiben."

Sie erläutert ihre überraschende Eröffnung: "Ich genieße die Schmuseatmosphäre. Wenn man miteinander schläft, geht sie kaputt."

Aber im Narrenstrudel des Karnevals, im Mahlstrom erhitzter Leiber auf den Faschingsbällen - haben auch da die meisten nur den Ratschlag Annemarie Rengers befolgt, "an Frau Süssmuth zu denken"? Beim FDP-Ball im Münchner Deutschen Theater ganz bestimmt. Dort, wie überhaupt bei den Festen der gehobenen Gesellschaftsschichten, gab es nur scheu hingetupfte Wangenküßchen unter guten Bekannten, die einander nicht trauen.

Im unbändig plebejischen Getriebe des Salvatorkellers beim "Schabernackt" (der Name ist Programm) dagegen schien das Gespenst der Krankheit verbannt, obwohl man es hier eher hätte fürchten können als bei den Freidemokraten. Doch auch solche Saturnalien sahen offenherziger aus, als sie waren: Die meisten Bacchanten kamen, tanzten, schmusten und gingen in Cliquen mit ihren Freunden und Kollegen - auch wenn, wie jedes Jahr, die Story von den entfesselten Paaren, die wie besessen auf der Toilette kopulieren, wieder ihre phantasienanregende Runde machte.

"Is sex necessary?" Diese von den New Yorker Humoristen James Thurber und E. B. White vor 60 Jahren spaßeshalber aufgeworfene Frage - Muß Sex wirklich sein? - wird außerhalb des Salvatorkellers offenbar immer ernsthafter gestellt, in Manhattan wie in Frankfurt wie in London, sogar in der amerikanischen Zentrale von "Playboy", wo Illustrations-Chef Gary Cole übellaunig mault: "Die einzige sichere Nummer, die am Ende bleibt: sich per Telephon Sauereien sagen."

Nirgendwo in den Lokalen für Leute unter 40 läuft anscheinend noch die "schnelle Abschleppe" zwischen zweien, die sich gerade erst kennengelernt haben, läuft noch der gute alte "one-nightstand" - das Gastspiel für eine Nacht, das mit der rituellen Formel "Zu mir oder zu dir?" begann.

Im "Indochine" an der New Yorker Lafayette Street, dem neuen In-Restaurant der Mode-, Pop- und Medien-Clique, wird nicht einmal mehr geflirtet. "Wir schrecken hier schon vor dem ersten Schritt zurück", konstatiert ein grämlicher Stammgast. "Jedesmal, wenn ich mit einer Frau rede, muß ich an den Aids-Faktor denken."

Rock-Vamp Madonna und andere Popstars gehen singend auf Distanz: "Take your hands off me." Viele aus ihrer Generation scheinen ihr nachzueifern: aufreizendes Auftreten erlaubt, anfassen verboten. An der New York University,

unter deren 40000 Studenten es bisher drei Fälle von Aids gegeben habe, herrscht im Vergleich mit den wilden siebziger Jahren derzeit ein sehr gemäßigtes Sex-Klima", berichtet der Gesundheitschef der Uni, Lawrence Manell.

Daß dieser Lustverlust auch feste Paarbeziehungen erfasse und keineswegs nur auf Aids-Furcht zurückzuführen sei, will, für England zumindest, die Society-Gazette "Harpers & Queen" herausgefunden haben. Aids, schreibt Reporterin Nicola Shulman mit feiner Ironie, mache Männer zwar "anfälliger für hypochondrische Anfälle" und veranlasse sie, "ihre geschlechtliche Ausrüstung mit einem noch mütterlicheren Auge zu betrachten als üblich". Doch die Krankheit habe den ohnehin vorhandenen Schwund des sexuellen Appetits - jedenfalls bei den Yuppies zwischen 25 und 35 - nur bestätigt.

"Aids", so Nicola Shulman, "hat die neue Sexlosigkeit nicht geschaffen. Denn diese zeigt sich nicht in der Weigerung, mit Fremden zu schlafen, sondern in dem vagen Widerwillen, überhaupt mit jemand zu schlafen."

Es gibt sie, die ohnehin Sensiblen und Scheuen, die Gelangweilten und milde Angewiderten, für die der Geschlechtsakt kein Abenteuer der Sinne, sondern eine Beleidigung ihres ästhetischen Empfindens ist; die Eingeschüchterten und die Einzelgänger, denen Aids den längst ersehnten Vorwand bietet, "nein" zu sagen und sich den solitären Wonnen von "The Great M" hinzugeben, wie man Masturbation heute in New York lobpreisend umschreibt.

Doch die von wahrer oder nur gespielter Einsicht und Umsicht Beseelten, heute so auffällig wie früher unscheinbar, sind bei genauem Hinsehen bloß ein Teil des Bildes. Und fast sieht es aus, als teile sich dieses Bild des Sexualverhaltens wie in der Vergangenheit wieder in eine helle und eine dunkle Zone, eine Ober- und eine Unterwelt: im Hellen die dauerhaften monogamen Beziehungen (mit oder ohne Ehe) und die medizinisch unbedenklichen Beischlafpraktiken, im Dunkel alles übrige, und das heißt: das meiste, was mit der menschlichen Sexualität zu tun hat.

Auch der einzelne Mensch würde dann wieder viel schärfer als im zurückliegenden Vierteljahrhundert gespalten: im Hellen das von der Gesellschaft geforderte Betragen, die der Umgebung vorgespielte Ordentlichkeit.

Im Dunkel dagegen die Phantasien und Begierden, wenn sie am eigenen Gefährten, an der Gefährtin nicht entbrennen, doch an einem/r anderen; die Einfälle und Experimente, die dem Partner nicht schmecken (obwohl doch ein uninfiziertes Dauerpaar unter sich eigentlich alles tun dürfte); das Ungetüm des erregten Triebs, das alle guten Vorsätze (Kondombenutzung eingeschlossen) zunichte macht. "Selbst bei vielen Aids-Besorgten", bemerkt Katie Leishman, "vertreibt die Aussicht, in zehn Minuten einen Orgasmus zu haben, jeden Gedanken an die nächsten 20 Jahre ihres Lebens."

Wenn's nach de Herrn ging, dat jeder zwoate ohne Gummi. Manche frogn scho: bist du a gsund. Wenn i sog "ja", glaubt ma des jeda. Die meisten Freier san Familienväter, die steigen eina, sagn gehts ohne Gummi a, de denken da ned an ihre Familie. Und hernach kommt dann der Geistesblitz.

Da redet eine von der Dunkelseite: Connie, 21, vom Wohnmobil-Strich an der "Ingo", der Ingolstädter Straße in Münchens Norden. Wie Männer sich trotz des Aids-Alarms einen Teufel scheren, wenn Geilheit sie überkommt, beobachtet auch der Sozialpsychologe Rainer, der in Jeans und Lederblouson als ambulanter Berater und Helfer, kurz "Streetworker", für das Gesundheitsamt durch das Dickicht der Szene streift.

Ich stamm' aus einem liberalen Elternhaus, bin auch ein bißchen herumgekommen. Aber erst durch die Aids-Hilfe ist mir klargeworden, wie wenig ich im kleinen und die Forschung im großen über das Sexualverhalten der Gattung Mensch Bescheid weiß. Aids macht mir diese Dunkelzonen bewußt.

Ich hab mir nicht vorgestellt, wieviel bisexuelle Männer es gibt - das ist ja die Hauptfurcht von Frauen, sogar den eigenen Männern gegenüber, daß die sich bei einem Homosexuellen angesteckt haben könnten. Ich bin erstaunt, wie stark auch Hetero-Männer im Umgang mit Frauen auf Analverkehr fixiert sind. Das wollen sie haben, viele von i hnen, das regt sie auf, grad weil es immer ein Tabu war und durch die Gefährlichkeit heut wieder ganz stark eins ist.

"Der alte Mythos von der gefährlichen Sexualität kommt wieder raus", sagt der Frankfurter Sexualforscher Martin Dannecker - abschreckend für die einen, um so anziehender für andere, von denen die Psychologie feststellt, daß sie zu

"zwanghaftem Risikoverhalten" neigen, aus was für verborgenen Antrieben auch immer: Selbstzerstörungsdrang? Erregungssucht? Obsessionen aus der Tiefe des polymorph-perversen Unbewußten?

Vielleicht ist "Risikosex" ja die zeitgemäße, entzauberte, verzerrte und heruntergekommene Version der schwarzen Poesie, die erotisches Verlangen und Todessehnsucht schon immer miteinander verschmolzen hat. Vielleicht ist es eine Erinnerung an die auch ohne Aids nicht nur mythisch, sondern real gefährliche und verletzende Kraft einer normensprengenden Leidenschaft - die "Allgewalt der Liebe", sprach Sigmund Freud, zeige sich gerade "in ihren Verirrungen".

In die lichten Gefilde dieser geteilten Sexualität aber ziehen "Schmuseatmosphäre" und Romantik ein - nicht nur wegen der Epidemie. "Ein Wandel im Lebensstil der jungen Generation wäre auch ohne Aids gekommen", erklärt der Pädagogik-Professor Tom Ziehe von der Uni Hannover. "Heute wollen es viele Kids wenigstens privat stabil haben, wo sie doch sonst überall unter Druck stehen, in der Schule, an der Uni, bei der Arbeitsplatzsuche, am Arbeitsplatz, wenn sie einen kriegen. Wer Sorgen hat wie die Jungen heute, denkt weniger an Eskapaden, die alles noch komplizierter machen könnten."

Eine 24jährige, unverheiratete Sekretärin in Frankfurt:

Es gibt jetzt wieder dieses ausgeprägtere Balzverhalten. Man redet wochenlang, man geht wochenlang spazieren. Vielleicht ist das ein verlängertes Vorspiel. Es dauert wahnsinnig lang, bis man zu Potte kommt, aber man steht dafür auch nicht gleich unter Zugzwang. Du wurdest doch früher gleich derart in die Enge getrieben, daß du gar nicht darauf kamst, dich zu fragen, will ich überhaupt?

Heute nimmt man sich mehr Zeit. Daß man wie früher morgens, mittags, abends einfach drauflos macht, ist vorbei. Die Leute schmusen und kuscheln, liegen die ganze Nacht im Bett, und da passiert sonst nichts.

Auf der dunklen Seite des Liebesmonds dagegen geschieht noch immer - man könnte meinen: nun erst recht - unabsehbar Bedenkliches. "Es inserieren immer mehr Ehemänner und Ehefrauen, die unbedingt fremdgehen wollen", berichtet Angie, die Anzeigensetzerin der alternativen "Münchner Stadt-Zeitung" (die Inserate selbst geben ja keinen Aufschluß darüber, ob der erwünschte Sinnestaumel ehebrecherischer Natur wäre; darin stehen nur kryptische Wendungen wie "Möchtest du einmal wieder so richtig verf. werden?").

Am leichtesten zu warnen und abzuschrecken sind die Männer und Frauen, die - paradox, aber einleuchtend - ohnehin am allerwenigsten gefährdet sind: die von den Medizinern "triebschwach" Genannten, die Hypochonder und Berührungsängstlichen. Bei den anderen wird es schwieriger mit der "gesellschaftlich organisierten Änderung des Geschlechtsverhaltens", die Erwin Haeberle fordert, der aus Deutschland stammende kalifornische Sexualwissenschaftler.

Viele fürchten, in Amerika wie hierzulande, daß erst der um sich greifende Tod durch Aids die Macht der liederlichen Liebe brechen wird. "Das beste Motiv, dein Verhalten zu verändern", sagt Jane Wilson vom amerikanischen "Aids-Umerziehungs-Programm", "ist das Begräbnis von einigen deiner Freunde."

So war es bei den Homosexuellen. Doch denen gegenüber gibt es bei den Heteros einen gar nicht kleinen Unterschied: die Frauen. "Sie sind doppelt gefährdet - am eigenen Körper und in ihrer Fähigkeit, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen", erklärt der Münchner Arzt und Aids-Berater Klaus Görgens. "Sie sind stärker motiviert und weitaus einsichtiger als die Männer, mit denen wir zu tun haben."

Werden so die Frauen, eben erst halbwegs befreit, wieder zu Hüterinnen einer strengen Geschlechtsmoral?

Im nächsten Heft

"Safer Sex" in Unis und Discos? - Die Schlüsselrolle der Frauen - Probleme mit der Freizügigkeit: "Wir haben uns zuviel zugemutet" - Aids und Feminismus: "Abschied vom koitalen Mann"?


DER SPIEGEL 11/1987
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Die Lust ist da, aber ich verkneif's mir