24.11.1986

TERROR So einfach

Beim Bombenanschlag auf die Deutsch-Arabische Gesellschaft in Berlin führten offenkundig nahöstliche Geheimdienste Regie - aber welche? *
Der Kriminalfall war gelöst, die Täter waren geständig, die Hintermänner beim Namen genannt. Die in Berlin lebenden Jordanier Ahmed Hasi, 35, und Faruk Salama, 40, hatten sich als jene Attentäter bekannt, deren Bombe am 29. März die Einrichtung der Deutsch-Arabischen Gesellschaft in Berlin-Kreuzberg zertrümmerte und sieben Menschen verletzte.
Drahtzieher des Bombenanschlags konnte danach nur Syrien gewesen sein. Salama erzählte, wie er in Damaskus von Heitham Said alias "Abu Ahmed", dem Vizechef des Luftwaffengeheimdienstes, instruiert worden war, und Hasi, wie er schließlich die Bombe aus der syrischen Botschaft in Ost-Berlin geholt hatte, wo sie "Abu Ahmed" selbst mitten auf dem Küchentisch bereitgelegt hatte.
Syrien war soeben erst für den versuchten Londoner Bombenanschlag auf einen El-Al-Jumbo verantwortlich gemacht worden. Als Täter war der Jordanier Nisar Hindawi, noch dazu ein Bruder des Berliners Hasi, verurteilt worden. Gestützt auf Belege für syrische Regie bei diesem Zwischenfall, brach Großbritannien die Beziehungen zu dem Nahost-Staat ab. London verlangte von den Verbündeten ähnliche Sanktionen - was Wunder, da auch nach dem Bombenanschlag von Kreuzberg "Beweise in aller Eindeutigkeit" ("Die Zeit") für die syrische Mitwirkung sprachen.
Eindeutig aber war, wie der Prozeß zeigte, nur die Täterschaft der beiden, die in dieser Woche mit Verurteilung zu rechnen haben. Was aber die Syrien Connection anging, den nichtjustitiablen Bereich sozusagen, gab es Fragen. Der Hauptangeklagte Hasi bestritt, was er in den Untersuchungen eingeräumt hatte. Syriens Ost-Berliner Botschaft habe er nie von sich aus benannt, stets hätten die Vernehmer es in ihn "hinein gefragt".
Und dann stellte sich heraus, daß während der Untersuchungshaft Merkwürdiges geschehen war. Am 27. April - Hasi war nach dem Anschlag auf die West-Berliner Diskothek "La Belle" (drei Todesopfer) als Tatverdächtiger festgenommen worden - bekam er unerwarteten Besuch.
Der Vernehmungsbeamte des Staatsschutzes erschien an diesem Tag wie er später vermerkte, "im Beisein von zwei Angehörigen der britischen Schutzmacht". Die Gastvernehmer wurden vom Bundeskriminalamt als "Detective Chief Inspector Lloyd" und "Detective Constable Talbot" im Auftrag der Londoner Staatsanwaltschaft avisiert. Berlins Staatsanwaltschaft: "Ein Rechtshilfevorgang, so einfach ist die ganze Sache".
Freilich: Bei der Londoner Ermittlungsbehörde sind die Herren, wie dem SPIEGEL letzte Woche erklärt wurde, "nicht bekannt". Und eine Kooperation nur zwischen Polizeibehörden wäre hier problematisch - nach einer deutsch-englischen Vereinbarung von 1961 sind in dem Fall "Angelegenheiten politischen ... Charakters" ausgespart.
Eine halbe Stunde lang sprachen die Fremden Arabisch mit dem Häftling und faßten hinterher zusammen, man habe sich "über den in London inhaftierten Bruder" sowie die Zukunft des Hasi selbst" unterhalten.
Der eine fiel durch unvollkommenes Englisch auf und sprach dafür um so besser Arabisch. Hasi vermutet heute in ihm einen Abgesandten des israelischen Geheimdienstes. Das wäre nicht so weit hergeholt, denn Mossad-Leute mischten in bundesdeutschen und Berliner Strafverfahren schon wiederholt mit - als Vernehmer wie als V-Leute.
Die Herren aus London, so erinnert sich Hasi, stellten in Aussicht, "ich würde nach Jordanien abgeschoben" - für den Häftling, der sich als militanter Gegner des Königs Hussein bekennt, eine mörderische Perspektive. So zeigte die arabische Runde in Moabit denn auch sofort Wirkung. Der bis dahin unzugängliche Gefangene gestand seine Tat nebst detailreichem syrischen Hintergrund.
Daß die syrische Regierung jede Mitverantwortung für den Anschlag bestreitet, besagt nichts, zumal die Täter mit einiger Sicherheit Beziehungen zu syrischen Stellen unterhielten und einer von ihnen, Salama, wohl in der Tat in östlichen Bezichtigungsritual gehören, daß Syriens Ost-Berliner Botschafter Feisal Sammak die Urheberschaft dem israelischen Geheimdienst zuschiebt, den Frankreichs Premier Chirac auch hinter dem in wichtigen Details unaufgeklärten Londoner Anschlag vermutet.
In einem "Welt"-Interview hat Syriens Vizepräsident Abd el-Halim Chaddam jordanische Erkenntnisse zitiert, nach denen der Vater Hindawis und Hasis mit dem israelischen Geheimdienst kooperiert hat. Botschafter Sammak präzisiert: Walid Hindawi sei in den sechziger Jahren Koch der Londoner Botschaft Jordaniens gewesen, ehe er als Mitarbeiter des Mossad entlarvt und in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde.
Aber arbeitet ein nahöstlicher Geheimdienst so stümperhaft, wie es die Rekonstruktion des Anschlags erkennen läßt? Die Auswahl Salamas und Hasis als Operateure war unprofessionell: ihre Bombe detonierte zweimal nicht, und auch ein herbeigeeilter (syrischer) Instrukteur soll den Fehler erst nach eintägiger Bedenkzeit gefunden haben.
Wie branchentüchtig sind die Syrer? Hasi sagte aus, er habe, um nicht bei Kontrollen an der Sektorengrenze erwischt zu werden, den Sprengsatz auf einem Parkplatz an der Transitstrecke an Salama übergeben. Da gibt Syriens Ost-Berliner Botschafter ungerührt zu bedenken, daß eigene Akteure den Sprengstoff "doch wohl gleich auf direktem Weg im Diplomatenwagen" transportiert hätten.
Sammaks Fahrer Anwar Taraboulsi beispielsweise, der in West-Berlin wohnt, passiert täglich im Mercedes mit rotem Sonderkennzeichen die Sektorengrenze, auf deren westlicher Seite in der Zeit vor dem "La Belle"-Attentat Diplomaten nicht kontrolliert wurden.
In einem Punkt ist Ost-Berlins Syrien-Botschafter richtig stark im Gegenbeweis: Auf dem "Tisch mitten in der Küche" der syrischen Botschaft, wo sich laut Hasi alles zugespitzt haben soll, kann die Bombe kaum gelegen haben.
In der Küche waltet, respektiert vom Botschaftspersonal, eine resolute Ost-Berliner Haushaltsangestellte namens Müller, und in die Küche, so weiß Chauffeur Anwar Taraboulsi, "läßt Frau Müller sowieso niemanden rein". Aber selbst wenn: Der von Botschafter Sammak bereitwillig vorgezeigte Ort ("Unsere einzige Küche") ist ein von Wandschränken, Spüle und Herd eingeengtes Gelaß. Ein Küchentisch steht hier nirgends und hätte auch keinen Platz.
So bleibt am Ende des Prozesses, von dem vielleicht die deutsch-syrischen diplomatischen Beziehungen abhängen, manches ungereimt - wie bei Terror üblich, rätselhafter Orient. _(Mit Dolmetscher (oben Mitte) und ) _(Rechtsanwäl ten Gisela Kihn (links ) _(unten) und Ülo Salm (rechts unten) vor ) _(dem West-Berliner Kriminalgericht Moa ) _(bit (Gerichtszeichnung). )
Mit Dolmetscher (oben Mitte) und Rechtsanwäl ten Gisela Kihn (links unten) und Ülo Salm (rechts unten) vor dem West-Berliner Kriminalgericht Moa bit (Gerichtszeichnung).

DER SPIEGEL 48/1986
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