09.03.1987

„Du bist der Stern, ich hab dich gern“

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über Peter Zadeks Rock-Musical „Andi“ im Hamburger Schauspielhaus *
Uff. Der Berg hat sehr lange gekreißt, und was er endlich in die Welt gesetzt hat, ist mehr als eine Maus, die brüllt: ein Theater-Erdbeben, zu dessen Einschätzung sich die nach oben offene Richter-Skala anbietet. "Andi" ist ein Ding auf Gedeih und Verderb, und das wollte es sein. Der letzte Bumerang, der treffen muß, so oder so.
Die "Einstürzenden Neubauten", unnahbar und auf ihre Weise unschlagbar, haben einen Abend lang Hamburgische Dramaturgie gemacht. Durch sie bekam der arme Unglücksjunge namens Andi, den die alltägliche Gewalt nicht überleben ließ, ein monumentales Requiem; durch sie wurde in diesem Rock-Musical Gewalt nicht nur beredet und gemimt, sie bekam Form, sie erschien als kühnes, strenges, nachhaltig verletzendes Kunst-Ereignis: Alles an Buhs ging am Ende auf Peter Zadek nieder, und den "Neubauten" jubelte das Premierenpublikum eine Zugabe ab.
Tief in den Schauspielhaus-Saal hinein, gegen Plüsch und Stuck und Goldglanz, schiebt sich ein Schau-Schlachtfeld wie für ein Rockkonzert: sperriges Gestänge, darüber Scheinwerferbatterien, Metallstege, Projektionsflächen für Dias und Film, am Rand Fernsehmonitoren, über die das Futter des Tages flimmert - Denver und Donald Duck, Mad Max und Madonna, dazwischen die Tagesschau oder die Bühne live -, und auf der Bühne selbst drängen sich Schlagzeug-Podeste, Mikrophone, Lautsprecherboxen. Nichts außer einem Auto vom Schrottplatz, ein paar Pappwänden und Möbeln vom Sperrmüll sieht da nach Theater aus: Zadek setzt, wieder einmal eine dröhnende Riesen-Maschine ein, um eine Geschichte zu erzählen, die leise und einfach und oft den Tränen nah sein möchte.
Andi, der rebellische Sechzehnjährige aus Hamburg-Barmbek, der gern ein großer Rocker wäre, milieugeschädigt, durch Jugendknast abgestumpft, unglücklich, einsam, verletzt: Ein Kleinbürger in Panik schießt den kleinen Krawallmacher tot. "Ein Musical von Burkhard Driest, Peer Raben und Peter Zadek" steht auf dem Programmzettel, doch von Musical-Glamour und -Schmiß will dieser Bilderbogen voll vorstädtischer Durchschnitts-Kümmerlichkeit nichts wissen. Zadek motzt die Welt, die er zeigt, nicht mit Exotik auf.
Da ist der kränkelnde Rentner Kalinski, der die Rocker mag, obwohl sie ihm seinen Dackel abgemurkst haben; da hängen Omi und Opa mit Kissen unter den Ellenbogen im Fenster und überschauen ihr kleines Revier, dessen Schönstes ein paar Blumenkübel aus Waschbeton am U-Bahn-Schacht sind; da lungert dieser Pulk von Jungen und Mädchen herum, denen die eigene Zukunft schon keine Frage mehr wert ist; da ist der Kioskbesitzer Heise samt Frau und Tochter und Schäferhund, kein fletschender Law-and-order-Typ, bloß auch ein vom Leben Überfahrener, der einmal durchdreht; da schleppt Andis Mutter ständig Plastiktüten voll Bierdosen, längst zu zerknickt und schwach, um dazwischenzugehen, wenn ihr Liebhaber auf die Kinder einschlägt; da sind eine scheißliberale Lehrerin und ein Jugendfürsorger voll klebriger Toleranz; und da ist Andi, den man weder liebt noch braucht. Was soll er denn sonst werden wollen als Rocker?
Zadek hat sich, wie schon lange nicht mehr, auf seine Figuren und ihre Geschichten mit allen Risiken und Erschöpfungen eingelassen. Was zu Beginn der Arbeit an Dialog-Papier vorhanden gewesen sein mag, kann nicht weit gereicht haben; erst im Laufe des Abends wird beinah ein richtiges Stück daraus, und ein Rest Unordentlichkeit bewahrt den Szenen die Frische des Improvisierten, des glücklich gefundenen Augenblicks, der beiläufigen, nur ja nicht hochdramatisierten Lebendigkeit, die sich auch mal läppisch verläppert, wie das so ist.
Heinz Schubert spielt den Biedermann mit Gewehr, der nie über den Pimpf in sich hinausgewachsen ist, Jutta Hoffmann die hilflose Kummer-Mutter, die ihr Kind immer nur von sich wegschubsen kann, Uwe Bohm den Andi: Er und die beiden Mädchen, die es einigermaßen gut mit ihm meinen (die blonde Susanne Schäfer, die schwarze Susanne Lothar), verwandeln sich wunderbar spielerisch aus dem breitspurigen Rocker-Getue zurück in Kinder - "Andi" ist auch "Frühlings Erwachen" in Barmbek.
Alles, was schön ist an diesem Stück, ist leicht und klein. Schwer lastet darauf aber die "multimediale" Video-Spektakel-Maschinerie und noch schwerer die fixe Idee, daß das Ganze ein "Musical" sein müßte. Ein paar Liedchen, deren Ausdruckskraft nicht über den Reichtum eines Dutzend-Schlagers hinausgeht ("Du bist der Stern, ich hab dich gern"), ein paar schüchterne Tanznümmerchen, ein paar stumpfe Rocker-Gesänge zu einem elend dünnen und mutlosen Musiksüppchen von Peer Raben - so dummes Zeug macht "Andi" nicht zur hausgemachten "West Side Story" aus Barmbek. Und das geschieht ihm recht.
Denn da sind ja die "Einstürzenden Neubauten", die Berliner Show-Stopper von wirklicher Wucht. Gegen ihre Donnerschläge und berstenden Klangwogen, ihre Schreie und Schmerz-Grenzwert-Erfahrungen kann sich Zadeks Theater nur behaupten, wo es ganz empfindlich und leise und sentimental ist.
Kurz vor Ende stellt Zadek das ganze lärmende, bilderspeiende Spektakel einfach ab und schafft Ruhe für seinen _(Uwe Bohm (l.) und Ralf Richter. )
Andi. Der darf sich selbst eine Grabrede halten, eine Rede über das Lachen. Das ist Uwe Bohms Gewinner-Moment, da ist er, zart und herb und witzig und traurig, wirklich der Star - zu spät für das Ganze, zu spät, doch er hat seinen Beifall bekommen.
In einer Stadt, wo die Regierung, um in Ruhe regieren zu können, inzwischen am besten ihr Volk auflösen und sich ein anderes wählen würde - warum soll sich da nicht auch der Schauspielhaus-Intendant statt seines Publikums, von dem er sich ungeliebt fühlt, ein anderes wünschen dürfen? Ein Publikum, das nicht Pralinen will, sondern ehrliche Action, nicht Scheiß, sondern Schweiß, ein Publikum also wie jenes "unverbrauchte", das beim HSV in der Westkurve jubelt, das in den Kung-Fu-Kinos am Steindamm, gleich um die Ecke hinter dem Schauspielhaus, den unsterblichen Bruce Lee anfeuert und bei Rockkonzerten in der Alsterdorfer Sporthalle mitklatscht bis zum Umfallen. Ach, wenigstens einmal auch im Theater ein Jubelgewoge von Wunderkerzen ...
Als Zadek Udo Lindenbergs "Rock Revue ''79" inszenierte, hat er das erlebt. Daß da dem Publikum Wurst war, ob der Regisseur "Zadek oder Zudreck" hieß, war Zadek seinerseits Wurst, Hauptsache, es strahlte, und für dieses Publikum, das "richtige", ist "Andi" gedacht - das "falsche" aber, das die Premiere füllte, wollte sich partout nicht exorzieren lassen.
Es hätte, nach all den mörderisch hochgekitzelten Ereignis-Erwartungen, ein Abend sein müssen, der das ganze Hamburger Schauspielhaus-Elend der letzten Monate glatt vergessen läßt; also ein Wunder. Doch das wäre es erst, wenn nun all die Andis aus Barmbek und sonstwo, die abends am Hauptbahnhof aus dem U-Bahn-Schacht heraufsteigen, das Schauspielhaus nicht mehr links liegen lassen, auf ihrem Weg zu den Knochenbrecher-Kinos am Steindamm.
Uwe Bohm (l.) und Ralf Richter.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 11/1987
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