19.01.1987

KRIMISZüchtet Bienen

100 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Sherlock-Holmes-Geschichte feiern Anhänger des Meisterdetektivs ihr Idol. *
London im Winter 1887. Queen Viktoria litt, wie die Zeitungen meldeten, wieder einmal an erkältungsbedingter Unpäßlichkeit - die Detektive von Scotland Yard rätselten wie üblich an einigen unlösbaren Mordfällen herum; in Irland scheiterte gerade einer der dort gewohnheitsmäßig durchgeführten Aufstände - diesmal wegen Trunkenheit eines Meldegängers.
In Bart''s Laboratorium arbeitete, so lasen die Londoner in "Beeton''s Christmas Annual", ein hagerer Mann mit Habichtnase fieberhaft an einem Test zum Nachweis kleinster Blutspuren. Er blickte nur kurz auf, als ihm ein gewisser Doktor Watson vorgestellt wurde, und bemerkte knapp: "Sie waren in Afghanistan, wie ich sehe." "Woher zum Teufel wissen Sie das?" rief der Doktor voller Erstaunen.
Mit diesem berühmt gewordenen Dialog, später tausendfach variiert, trat vor hundert Jahren eine Figur in die Welt, die populärer werden sollte als Queen Viktoria, bekannter als Scotland Yard und bemerkenswerter in ihren Suchtgewohnheiten als jeder Ire: Mister Sherlock Holmes, Privatdetektiv.
Kaum eine literarische Figur wurde intensiver und gründlicher beschrieben und erforscht, wurde auf Bühne und Leinwand häufiger in Szene gesetzt, keine von so vielen Anhängern verehrt. "Holmes, Sherlock" - das ist eine der wenigen Eintragungen in der "Encyclopaedia Britannica", die einer fiktiven Person gewidmet ist.
An die 200 Filme rund 50 Bühnenstücke und ungezählte Rundfunk- und TV-Bearbeitungen, dazu 7000 Publikationen deutender und erklärender Art kreisen um die Figur und ihre immer wiederkehren den Insignien: Vergrößerungsglas und Tabakspfeife, doppelschirmige Jagdmütze (Deerstalker) und pelerinenartiger Kutschermantel (Havelock) aus kariertem Tuch.
In diesem Jahr begehen die zahlreichen Sherlock-Holmes-Gesellschaften in aller Welt die hundertjährige Wiederkehr der Erstveröffentlichung.
Ein Jahr lang lag das Manuskript der Kurzgeschichte "A Study in Scarlet" bei "Beeton''s Christmas Annual" in der Redaktion. 25 Pfund hatte der unbekannte Autor für sein Erstlingswerk erhalten. Inzwischen zählen die vermutlich zehn noch existierenden Exemplare des Weihnachtsmagazins zu den gesuchtesten bibliophilen Raritäten - der Auktionspreis liegt derzeit bei 20000 Pfund.
Am Anfang der kriminalliterarischen Karriere des (1902 geadelten) Sir Arthur Conan Doyle stand der mäßige Erfolg seiner Arztpraxis in der südenglischen Stadt Southsea. Da nur wenige Patienten kamen, fand Dr. Doyle Zeit zu schreiben _("Der Hund von Basker ville", 1959 mit ) _(Peter Cu shing und Andre Morell. )
- anfangs historische Romane, denen englische Literaturkritiker heute beachtliche literarische Qualität beimessen, die aber damals völlig unbeachtet blieben.
In dem Unterhaltungsjournal "Strand" erschienen von 1891 an regelmäßig Sherlock-Holmes-Kurzgeschichten, mit durchschlagendem Erfolg. Der skurrile, unsentimentale Privatdetektiv war nach dem Geschmack der Briten. Sie schätzen seine Exzentrik ebenso wie die beißende Ironie, mit der er seine Gegenspieler und oft auch seinen Freund und Gehilfen Dr. Watson bedachte, dessen geistige Schlichtheit nur von seiner Treue überboten wurde.
Sherlock Holmes trank Whiskey, und zwar den mit ey, also wohl irischen, aber er spritzte sich auch dreimal am Tag eine siebenprozentige Kokainlösung. Er spielte ganz ordentlich Violine und verstand es, mit der Pistole zielgenau die Buchstaben VR in die Wand zu ballern; das stand für "Victoria Regina" - eine sehr spezielle Art des Patriotismus.
Mit seiner Fähigkeit, geradezu phantastische Schlüsse aus scheinbar unwesentlichsten Indizien zu ziehen, begründete Sherlock Holmes eine neue Ara des modernen Kriminalromans. Vorher, im Typus des Schauerromans, hatten das Mysteriöse und das Grauenerregende dominiert - nun siegte gleichsam die Aufklärung. Zum ersten mal bediente sich ein Detektiv bei der Spurensicherung und -auswertung, beim Deuten und Kombinieren der Indizien _(Links: "Die Lady mit dem ) _(Kanarien-Brillant"; rechts: Zweikampf an ) _(den Wasserfällen von Rei chenbach. ) _(Zeichnung aus "Strand Magazine" von ) _(1893. )
durchgängig naturwissenschaftlicher Methoden: Das chemische Labor in einer Ecke seiner Wohnung, 221 B Baker Street in London, war ein wichtiges Requisit der Sherlock-Holmes-Szenerie.
Bei seinem Lehrer Dr. Joseph Bell hatte Doyle als Medizinstudent die spezielle Art der gedanklichen Deduktion gelernt. Ein schäbiger Spazierstock, ein abgewetzter Hut - auch noch die unbedeutendsten Details verraten dem Detektiv alles wissenswerte über den Besitzer. Woher zum Teufel wußte er, daß dieser gewisse Dr. Watson gerade aus Afghanistan eingetroffen war? In "Study in Scarlet" läßt Autor Doyle den Leser mitdenken: _____" Es handelt sich um einen Gentleman, vom Typ her " _____" Mediziner, aber mit der Ausstrah lung eines Soldaten. " _____" Ganz sicher ein Dok tor der Armee also. Er kommt gerade " _____" aus den Tropen, denn sein Gesicht ist dunkel, und das ist " _____" nicht die natürliche Farbe seiner Haut, denn seine " _____" Handgelenke sind hell. Er hat Anstrengungen und Krankheit " _____" hinter sich, wie sein hageres Gesicht er kennen läßt. " _____" Sein linker Arm war verletzt denn er hält ihn in einer " _____" steifen, unnatürli chen Weise. In welchem Teil der Tropen " _____" könnte ein englischer Armeearzt so schwere Zeiten erlebt " _____" und seinen Arm verletzt haben? "
Logische Antwort: In Afghanistan.
Bei der Wahl der Schauplätze und Requisiten ließ sich Autor Doyle nichts entgehen, was Authentizität und Spannung fördern konnte: Opiumhöhlen, Geheimorganisationen, Giftschlangen, die nebelverhangenen Mooreinöden Devonshires, wo seit den Tagen des gottlosen Sir Hugo ein gräßlicher Fluch auf dem Adelsgeschlecht der Baskervilles lastete.
Meistens war Doyle selbst dagewesen so auch 1893 bei den Wasserfällen von Reichenbach in der Schweiz. "Ein schrecklicher Ort", wie der Autor notierte, "ein Ort, von dem ich gleich wußte, daß er ein würdiges Grab für Sherlock Holmes abgeben könnte, auch wenn ich mein Bankkonto gleich mit zu Grabe tragen würde."
Der Holmes-Serien überdrüssig, entschloß sich Doyle einige Monate später, den Meisterdetektiv in einem Zweikampf mit seinem ewigen Gegenspieler Professor Moriarty vom Felsvorsprung abstürzen und mit rudernden Armen in den brodelnden Tiefen des Wasserfalls verschwinden zu lassen.
Doch das war nicht das Ende: Acht Jahre später ließ Krimi-Autor Doyle auf Drängen seiner Leser (und seines Bankmanagers) die beliebte Romanfigur wiederauferstehen. Am Ende umfaßte das Sherlock-Holmes-OEuvre 56 Kurzgeschichten und vier Romane.
Doch das ist ein Nichts, verglichen mit der inzwischen gigantisch angeschwollenen Sekundärliteratur. Alle Augenblicke trifft sich die Holmes-Gemeinde zu Symposien und Seminaren, um heikle Detailfragen in der Biographie des in ihren Köpfen längst zur realen Gestalt mutierten Krimihelden hin- und herzuwenden: Hat Holmes in Oxford studiert oder in Cambridge? War er mit seinem Erzfeind Moriarty verwandt oder nicht? Was geschah in den Jahren zwischen dem Zweikampf an den Reichenbachfällen und Holmes'' wundersamer Rückkunft, in jener biographischen Lücke also, die Holmes-Freunde den "großen Hiatus" nennen? War Holmes in dieser Zeit in Tibet?
Nicht in einem, sondern mindestens in drei Sherlock-Holmes-Museen weltweit, aber auch in vielen Privathäusern von Enthusiasten ist das Wohnzimmer mit der Laborecke rekonstruiert, wie Autor Doyle es in den Erzählungen detailliert beschrieben hatte.
Eine Bausparkasse, die Abbey National, residiert in London unter der mythischen Baker-Street-Adresse. Als die Zahl der an Sherlock Holmes gerichteten Briefe überhand nahm, fügte sich die Firma der Fama: Abbey National stellte eine Sekretärin ein, die alle Zuschriften beantwortet.
Wo Sherlock Holmes'' Pfeifentabak zu beziehen und wie der Watergate-Fall abgelaufen sei, wollen die Briefschreiber wissen, andere suchen Rat in Scheidungsangelegenheiten, bitten um Autogramme oder laden zur Vortragsreise.
Sie bedaure, schreibt dann Sue Brown, die Sekretärin, aber der Meister sei nicht abkömmlich. Er lebe im Ruhestand und züchte in Sussex Bienen.
Daß Sherlock Holmes gestorben sein könnte, halten seine spitzfindigen, Holmes geschulten Anhänger sowieso für völlig ausgeschlossen. "Woher zum Teufel wissen Sie das?" That''s elementary, dear Watson: Es gab keine Todesanzeige in der "Times".
"Der Hund von Basker ville", 1959 mit Peter Cu shing und Andre Morell. Links: "Die Lady mit dem Kanarien-Brillant"; rechts: Zweikampf an den Wasserfällen von Rei chenbach. Zeichnung aus "Strand Magazine" von 1893.

DER SPIEGEL 4/1987
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