09.03.1987

LINKETräume von damals

Apo-Veteran Daniel Cohn-Bendit läßt die Revolte der Jugend nach zwei Jahrzehnten jetzt in einer Fernsehserie Revue passieren - der Akteur von einst als Interpret und Interviewer der Helden von gestern. *
"Ein ewiges Leben und kostenlose Toiletten gehörten bei den Yippies zu ihren Wahlversprechen" - Rückschau auf die Jahre der Jugendrevolte in aller Welt von einem, der in Frankreich und in der Bundesrepublik selber kräftig ins Feuer geblasen hatte: Dany ("le Rouge") Cohn-Bendit, 1968 Anführer der Pariser Studenten gegen de Gaulle, später Spontifex und Herausgeber des quirlig-frischen "Pflasterstrand" in Frankfurt, grüner Realo mit Einfluß und ein Feuerkopf auch noch mit 42 Jahren.
"Wir haben sie so sehr geliebt, die Revolution", so der Titel des im Pariser Barrault-Verlag erschienenen Bildbandes und auch der vierteiligen Fernsehserie, die noch im sozialistischen Frankreich gedreht und von der Chirac-Regierung erst monatelang blockiert wurde, dann aber im November letzten Jahres mit großer Resonanz in Frankreich über die Bildschirme ging.
Der Westdeutsche Rundfunk hat das intelligent und pfiffig gemachte Zeitdokument angekauft. Er sendet die vier Teile in seinem Dritten Fernsehprogramm von dieser Woche an, jeweils am Freitag.
Die französisch-holländische Koproduktion mit dem deutschen Titel "Wiedersehen mit der Revolution" fängt nicht nur mit scharf pointierten Rückblenden noch einmal die politische Situation und das Lebensgefühl der 68er-Generation ein, Cohn-Bendit hat die Protagonisten der Revolte in vielen Ländern wieder aufgesucht und führt vor, was aus ihnen geworden ist, wie sie leben und über ihre Träume von damals denken. Da taucht
im ersten Teil der Sendereihe, Untertitel "Der Aufstand", mit mildem Lächeln der Amerikaner Abbie Hoffman auf, seine wilde Vergangenheit von einst ist einer angepaßten Behaglichkeit gewichen. Er war das Idol der jungen Linken, setzte dem Bürgermeister von Chicago dermaßen zu, daß er wegen Verschwörung gegen den Staat angeklagt wurde und seine Identität wechseln mußte. Unter dem Pseudonym Barry Freed avancierte er zu einem der prominentesten Umweltschützer und wurde von Präsident Carter empfangen, während zur selben Zeit das FBI überall die Fahndung nach dem Staatsfeind Hoffman betrieb.
Oder Jerry Rubin, ein Protagonist der Yippie-Bewegung. In den sechziger Jahren hatte er Tausende von Studenten in Amerika auf die Straße gebracht, in der Wall-Street Dollarnoten in Brand gesteckt und war, bei allen Aktionen in vorderster Front, selber insgesamt 36mal in Haft. Dann wurde Rubin Börsenmakler. Heute lebt er in einem New Yorker Luxus-Appartement, organisiert mondäne Partys für die Schickeria, wirbt für die "American Express"-Karte und sorgt sich, Nicaragua könnte "ein zweites Kuba werden".
Es ist die offenbar unbegrenzte Austauschbarkeit von politischen Überzeugungen, ein bis auf den Anschein von Taschenspieler-Tricks reduziertes Engagement vieler Helden von einst, was der Rückschau immer wieder Elemente einer tragikomischen Bitternis beimischt.
Der zweite Teil der Sendereihe widmet sich vor allem dem Aufstand der Pariser Studenten - der "rote Dany", natürlich, in seiner Hauptrolle vor Ort.
Eine andere Folge beschreibt den Weg der Revolte in den Terrorismus. Cohn-Bendit war stets ein entschiedener Gegner des bewaffneten Kampfes. Seine wichtigsten Interviewpartner in Südamerika und Europa sind Zeugen dafür, daß es auch andere Wege zur Überwindung von Terrorismus gibt als Fahndungsdruck und eine Justiz ohne Gnade.
Die brasilianischen Kidnapper Fernando Gabeira und Alfredo Sirkis, die mit Terrorkommandos 1969 den US-Botschafter und 1970 den deutschen Botschafter Ehrenfried von Holleben als Geiseln genommen hatten, 55 politische Gefangene aus der Folterhaft der Militärregierung freipreßten und dann ihre Opfer wieder laufen ließen, sind heute bekannte Schriftsteller und Journalisten, die sich für die Demokratie in Südamerika engagieren. Valerio Morucci, ehemals Rotbrigadist in Italien und einer der Entführer von Aldo Moro, nutzt die Gelegenheit des Interviews aus dem Gefängnis zu einer eindeutigen Absage an eine Politik mit dem Terror.
Auch Joschka Fischer hat seinen Auftritt im Film - der Sponti-Freund aus den Tagen der Frankfurter Straßenschlachten. Sein Weg führte von der "Putzgruppe", die Glasfassaden der Banken im Frankfurter Westend in Trümmer legte, bis ins Kabinett des Sozialdemokraten Börner.
"Mit den größten Schwierigkeiten, ihn zu finden" hat Cohn-Bendit auch den deutschen Ex-Terroristen Hans-Joachim Klein, der ihm früher in Frankfurt mal das Auto repariert hatte, irgendwo aufgetrieben. Klein war im Dezember 1975 mit "Carlos" beim Überfall auf die Wiener Opec-Konferenz dabei. Elf Minister wurden als Geiseln entführt, drei Tote blieben zurück. Klein wurde durch einen Bauchschuß schwer verletzt, sagte sich bald darauf öffentlich vom Terrorismus los und lebt unerkannt im Verborgenen.
"Ich verstecke mich im hintersten Winkel einer ganz kleinen Stadt", erzählte er im Film, "in einem kleinen Land. Ich widme mich meinem Kind. Ich mache den Haushalt, wasche ab und bereite das Mittagessen für meine Frau und meinen Sohn vor und spiele mit ihm. Ich bin ein Hausmann. Mein Leben ist verdorben. Jetzt ist das Kind mein Leben."
Cohn-Bendit hat viel für die getan, die aus dem Terrorismus aussteigen, aber nicht zu Verrätern werden wollten. Dany kürzlich im "Pflasterstrand": "Wer denjenigen praktisch helfen will, die, verfolgt und gehaßt von Staat und Guerilla, sich ihren Platz in der Gesellschaft mit einer anderen Identität erkämpfen, kann sich an mich wenden. Ich kann jederzeit die dringend gebrauchten Summen weiterleiten."
Verglichen mit vielen alten Mitstreitern, die er vorführt, ist der Autor Cohn-Bendit jung geblieben. Den Freuden des guten Lebens durchaus nicht abhold und zu jeder Kapriole bereit, schimmert der "rote Dany" von damals auch heute überall noch durch.

DER SPIEGEL 11/1987
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