13.04.1987

FRANKREICHSchöne Trophäe

Die Franzosen haben einen neuen Medienzar - der staatliche Fernsehsender TF1 wurde an einen Baulöwen verkauft. *
Die Festung war gefallen, der Sieger hielt triumphalen Einzug. "Willkommen in Ihrem neuen Haus", huldigte der Intendant des französischen Fernsehsenders TF1, Herve Bourges, schon am Portal seinem neuen Herrn: Francis Bouygues, 64, einem der größten Bauunternehmer der Welt, einem der reichsten Männer Frankreichs.
Der vierschrötige Mann mit den buschigen Augenbrauen, "König des Beton" genannt, machte am vorvergangenen Sonnabend Fernsehgeschichte: Er kaufte ein Viertel von Frankreichs größtem und ältestem TV-Sender an der Pariser rue Cognacq-Jay mit Mann und Material: über 1500 Beschäftigte, Technik, Produktionsgesellschaft und Filmarchive. TF1 ist kein Staatssender mehr.
1,5 Milliarden Franc (etwa 500 Millionen Mark) muß Francis Bouygues für einen Anteil von 25 Prozent - das gesetzlich erlaubte Maximum - hinblättern. Bei einem Jahresumsatz seiner Unternehmen von 46 Milliarden Franc kann er sich das leisten.
Außer Bouygues steigen noch ein Dutzend Teilhaber mit ein, sie übernehmen für weitere eineinhalb Milliarden ebenfalls 25 Prozent. Dazu gehören an erster Stelle der britische Medienzar Robert Maxwell ("Daily Mirror") und sein Sohn Ian (zusammen zwölf Prozent). Dabei ist auch, neben Zeitungsverlagen und Banken, Frankreichs Unternehmer-Star Bernard Tapie (1,66 Prozent).
Die zweite TF1-Hälfte wird zu 40 Prozent in Form von Volksaktien verscherbelt; zehn Prozent gehen an die Belegschaft.
Die TF1-Privatisierung verändert Frankreichs Fernsehlandschaft von Grund auf: Es ist, als würde die deutsche Baufirma Philipp Holzmann plötzlich die ARD übernehmen. Und niemand weiß, ob der bisher politisch enthaltsame Bouygues nicht plötzlich messianische Instinkte entwickelt - wozu Medienmacht ja leicht herausfordert. Schon kündigte er an, "gern eine eigene Sendung" gestalten zu wollen.
Daß die im März 1986 an die Macht gekommene rechte Regierung des gaullistischen Premierministers Jacques Chirac 65 von den Sozialisten verstaatlichte Banken, Versicherungen und Industriegruppen reprivatisiert, hatte die Nation mit Gleichmut hingenommen.
Bei der TF1-Entstaatlichung aber reagierte das Fernsehvolk empfindlicher. Die Franzosen betrachten den Sender, den sie liebevoll "la Une" (die Eins) nennen, als nationales Erbe, vergleichbar dem Eiffelturm oder den Loire-Schlössern. Umfragen ergaben bis zuletzt eine Mehrheit gegen den Verkauf. Zweimal demonstrierte im vorigen Jahr die TF1-Belegschaft gegen die "Verschleuderung" des mit Gebühren und Steuermitteln großgepäppelten Senders. Linke Politiker, Künstler und Intellektuelle unterstützten ihren Protest.
Das Vorhaben der Chirac-Mannschaft schien überdies unlogisch. Denn alle rechten Regierungen seit Charles de Gaulle hatten das Staatsfernsehen stets als Propagandainstrument benutzt: Ungeniert setzten sie willfährige Intendanten und Abteilungsleiter ein oder diktierten Kommentatoren ihre Meinungen. Die Sozialisten, die 1981 an die Macht kamen, erwiesen sich als gelehrige Schüler: Wer nicht parierte, wurde kaltgestellt oder entlassen.
Doch uneigennützig handelte die Chirac-Regierung nicht - sie wollte wohl ein für allemal TF1 in sicheren, nämlich konservativen (Unternehmer-)Händen unterbringen. Der Verkauf könnte zudem als Alibi dienen, die verbleibenden Staatssender Antenne 2, FR3 und Radio-France in reine Regierungslautsprecher umzuwandeln. Schon streikten die Antenne-2-Journalisten vorige Woche gegen wachsende politische Pression.
Das Mißtrauen in Chiracs Medienpolitik wurde geschürt durch das Wirken einer von der Rechtsregierung geschaffenen Aufsichtskommission, "Commission nationale de la communication et des libertes" (CNCL). Offiziell sind die 13 Mitglieder - Abgesandte so erlauchter Institutionen wie Elysee-Palast, Academie francaise, Parlament oder Staatsrat - unabhängig. Aber die CNCL handelte Chirac-treu.
Erst besetzte sie drei von vier Intendantenposten mit dem Premier genehmen Männern. Dann schanzte sie eine der privaten TV-Stationen, die "5", einem unentbehrlichen Chirac-Helfer _(Vor seinem Firmensitz bei Paris. )
zu, dem ultrarechten Multiverleger und Parlamentsabgeordneten Robert Hersant ("Le Figaro", "France-Soir"). "In keinem anderen freien Land", empörte sich der frühere sozialistische Kulturminister Jack Lang, wäre ein Fernsehsender von einer unabhängigen Kommission an einen so "intoleranten, brutalen Mann der extremsten Rechten" wie Hersant vergeben worden.
Neben dem Bauunternehmer Bouygues gab es für den bisherigen Staatssender TF1 nur einen potenten Bewerber: Jean-Luc Lagardere, Chef des Rüstungskonzerns Matra, Herr über Frankreichs größtes Verlagshaus Hachette und über Radio Europa 1.
Daß sein Freund Lagardere auch sein Favorit für TF1 sei, hatte Chirac selbst fünf Tage vor der Entscheidung verraten. "Jean-Luc", so hörten Joumalisten den Premier zu Lagardere sagen, "du kannst zufrieden sein, dein Team hat gewonnen." Der voreilige Glückwunsch wurde publik gemacht, der Handel sah nach abgekartetem Spiel aus. Die CNCL fühlte sich genötigt, Unabhängigkeit zu demonstrieren; ihr Wohlwollen für Bouygues stieg, der Betonkönig erhielt am Ende den Zuschlag. Seine erste Amtshandlung: Er ernannte sich selbst zum TF1-Präsidenten.
Trophäen in aller Welt hat Bouygues schon genug: Der neue Fernseheigner baute das Pariser Prinzenparkstadion und das neue Musee d''Orsay; er errichtete Atomkraftwerke in Frankreich, Flughäfen in Nahost und die Uni in Riad.
Sich selbst schmückte der als Patriarch bekannte Bouygues mit einem bombastischen Firmensitz in Saint-Quentin-en-Yvelines bei Paris, einem "Mittelding zwischen Versailles und Reichsparteitagsgebäude", wie ein Architektur-Kritiker höhnte.
Menschlich lernten die Franzosen den Bauherrn schätzen, als er im Fernsehen freimütig von seinem überstandenen Lungenkrebs erzählte. Fraglich aber ist, ob er als Fernsehboß wirklich unabhängig bleiben kann. Denn der Unternehmer strebt gewaltige Regierungsaufträge an: neue Autobahnen, Euro-Disneyland bei Paris, den Kanaltunnel nach England. Einen allzu selbstbewußten TV-Chef dürfte Chirac kaum mit Gefälligkeiten verwöhnen.
Auch die TF1-Belegschaft fühlt sich nicht sicher. Den neuen TV-Magnaten hindert kein Gesetz an politischer Einflußnahme oder an Strukturveränderungen im Sender. Bitter kommentierte der Herausgeber des Linksblattes "Liberation" die Unbekümmertheit der TF1-Übergabe: "Man findet kaum ein besseres Beispiel für die Unterentwicklung der französischen Demokratie."
Die Linke jedenfalls will den Verkauf nicht hinnehmen. Sollten die Sozialisten wieder an die Macht kommen, versprach ihr Chef Lionel Jospin vorige Woche, würden sie "TF1 in den öffentlichen Dienst zurückführen".
Vor seinem Firmensitz bei Paris.

DER SPIEGEL 16/1987
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