16.02.1987

MOLKEIn toto

Tschernobyl-Spätfolge für die Bundesrepublik: Was tun mit 7000 Tonnen radioaktiv verseuchtem Molkepulver? *
Die Gefahr kam auf Schienen in Güterwagen daher. Im niedersächsischen Meppen blätterte Karl-Heinz Brümmer, Verwaltungschef im Emsland, in den Vorschriften, ob er befugt sei, die kreiseigene Bahnlinie Meppen-Haselünne zu sperren.
Im bayrischen Feldkirchen, Landkreis Straubing-Bogen, forschte Bürgermeister Manfred Heyd zur selben Stunde nach, ob er sich gleichfalls querlegen sollte, lief in die Wirtshäuser der Gemeinde und erkundigte sich an den Stammtischen nach der Volksmeinung.
Im Emsland nahmen Demonstranten dem Oberkreisdirektor das Nachdenken ab. In der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche setzten sie sich im Meppener Bahnhof mit Transparenten und Grablichtern auf die Gleise; für Stunden lief nichts zwischen Emden und Münster. In Feldkirchen behielt man die Bierruhe: "Stimmung normal, eher gelassen", konstatierte der Bürgermeister.
So konnte dort im Süden der Republik, wie mit Verzögerung dann auch im Norden, der einstweilen letzte Akt eines Jammerstücks vollzogen werden, das die Kunst westdeutschen Regierens auf schon lachhafte Weise deutlich macht: Nach knapp neun Monaten hatten Ministerien und Behörden endlich eine Möglichkeit gefunden, 5000 Tonnen radioaktiv belastetes Molkepulver aus dem Verkehr zu ziehen.
242 Bundesbahnwaggons mit dem strahlenden Milchmüll wurden dem Schutz der Bundeswehr anvertraut und teils in der Garnison Feldkirchen, teils bei Meppen auf einem Munitionserprobungsgelände für zunächst drei Monate abgestellt.
Fraglich, ob der Skandal damit ausgestanden ist oder erst richtig anfängt. Denn gerade als die Waggons zum Verschwinden gebracht waren, wurde bekannt, daß weitere knapp 2000 Tonnen verseuchten Pulvers in einem Lagerhaus in Forsting, bayrischer Landkreis Rosenheim, nach wie vor und kaum beachtet herumliegen. Und nun zeigte sich auch, daß der Bonner Umweltminister Walter Wallmann (CDU) nicht etwa entschlossen zur rechten Zeit, sondern hilflos zu spät handelte, als er sich schlagzeilenträchtig die Verfügungsgewalt über den Stoff einräumte.
Prompt geriet er zwischen alle Fronten. In Bayern warf ihm der CSU-Abgeordnete Erwin Huber vor, der Minister habe "bisher nur Aktivitäten vorgetäuscht". Das deutsche Atomforum der Kernkraftwirtschaft bemängelte, "nicht die Radioaktivität der Molke", sondern die Politik "unter dem Eindruck öffentlicher Hysterie" sei "ein Skandal".
Die Affäre hatte begonnen, als die radioaktiven Wolken nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im vorigen Frühjahr über Europa zogen und sich auch auf den bayrischen Wiesen niederschlugen. In der Milch der Kühe wurden Cäsium 134 und 137 mit Halbwertzeiten von zwei und dreißig Jahren festgestellt.
Das bayrische Landwirtschaftsministerium riet den Molkereien, sich von Milch und Joghurt vorübergehend auf die Produktion von Käse umzustellen - das strahlende Radionuklid wird mit der Molke ausgeschieden, dem Käswasser, das aus der geronnenen Milch abläuft.
Die Molke wurde "auf Drängen" des Ministeriums, so die Firma, größtenteils von der "Meggle Milchindustrie GmbH" in Wasserburg am Inn übernommen. Das Unternehmen trocknete die Molke zu 5046 Tonnen Molkepulver.
Als das Pulver fertig war, das sonst für Viehfutter mitverwendet wird, zeigte sich, daß man mit der Molke zugleich die Radioaktivität konzentriert und konserviert hatte. Die Messungen ergaben Werte bis zu 8000 Becquerel je Kilogramm - seit Tschernobyl betragt der Grenzwert "für die freie Verkehrsfähigkeit von kontaminiertem Molkepulver" 1850 Becquerel.
Das war, wie Meggle-Chef Toni Meggle feststellte, "kein verkäufliches Produkt mehr. Im Klartext: Diese Ware war Abfall". Mit "Hilferufen an die Behörden" versuchte Meggle, der "ausweglosen Situation Herr zu werden", denn "Abfälle", so das Abfallbeseitigungsgesetz, sind nun mal "Sachen, deren sich der Besitzer entledigen will oder deren geordnete Entsorgung zur Wahrung des Wohls der Allgemeinheit geboten ist".
So sahen es auch Politiker und Behörden des Freistaats Bayern, die Meggle zuvor die Verantwortung aufgebürdet hatten und ihm nun vorwerfen, er sei der Verursacher des Problems - ein "Ablenkungsmanöver", wie es in Kreisen der Grünen hieß. Meggle-Anwalt Paul Bornemann aus München: "Man konnte sich nicht darauf einigen, wer denn nun eigentlich für die Entsorgung zuständig sein sollte."
Klar schien, zunächst jedenfalls, die Notwendigkeil einer "Entsorgung des Molkepulvers in toto", so ein Gutachter, am besten tief unter der Erde. Doch niemand mochte diesen Abfall haben, den Meggle von Mai an in Waggons der Bundesbahn auf Abstellgleisen bei Rosenheim deponierte (SPIEGEL 48/1986).
Das Notizbuch von Meggle enthält aus dieser Zeit, unterdes war Herbst geworden, Eintragungen wie: "Das Bundesumweltministerium hat bis zur Stunde noch nicht reagiert." Plötzlich aber kam die Sache buchstäblich ins Rollen. Mitte November meldete sich bei Meggle ein Rolf Rüdiger Sprang, Geschäftsführer einer Exportfirma "Lopex" in Linden bei Gießen, und teilte mit, das Molkepulver kaufen, zu Fischfutter verarbeiten und exportieren zu wollen.
Doch Meggle war, was das Pulver betraf, nicht mehr verfügungsberechtigt. Seit die Firma für die verdorbene Ware vom Kölner Bundesverwaltungsamt mit 3,8 Millionen Mark entschädigt worden war, konnte das Unternehmen, so Anwalt Bornemann, "ohne Zustimmung der bayrischen Behörden nichts mit der Ware anfangen".
Die Behörden zauberten. Aus radioaktivem Abfall machten sie per Federstrich wieder handelsfähiges Wirtschaftsgut. Für 50 Mark die Tonne, so verfügten Umwelt- wie Ernährungsministerium von Bayern am 23. Januar, durfte Lopex 3000 Tonnen des Meggleschen Molkepulverkaufen, wenn das "Endprodukt" für "Mensch und Tier keine Gefährdung" bringe.
Auch Bayerns Umweltminister Alfred Dick, gerade eben noch um möglichst gründliche Entsorgung verlegen, demonstrierte nun, daß zumindest ihm das Pulver nichts anhaben kann. Vor Journalisten kostete er davon mit feuchter Fingerspitze: "Des tut mir nix."
Er war der einzige, der strahlte. In Köln und Bremen, wohin Lopex die Waggons mit dem Molkepulver, bisher unbezahlt, dirigierte, verlangten die zuständigen Ämter den sofortigen Rücktransport nach Bayern, und erst jetzt, als quer durch das Land erneut Tschernobyl-Panik aufzukommen drohte, befand Walter Wallmann in Bonn: "Die öffentliche Hand muß das verseuchte Pulver in ihren Besitz bringen, zwischenlagern und vernichten." Ohne Rechtsgrundlage ließ er das nun abermals zu Abfall erklärte Wirtschaftsgut am Freitag vorletzter Woche null Uhr flink in den Besitz der Bundesrepublik übergehen.
Sogar Hubschrauber der Bundeswehr ließ Wallmann aufsteigen, um geeignetes Gelände auszuspähen: Meppen und Feldkirchen. Dort wird das Molkepulver von Soldaten bewacht - Sicherheitsabstand zehn Meter -, bis Bonn damit weiterweiß.
Einstweilen bieten allerlei Experten mancherlei Lösungen an, die von anderen Sachverständigen sogleich als unrealistisch abgetan werden.
"Die Grenze von 1850 Becquerel", versicherte auch Toni Meggle am letzten Freitag, "ist für unser Haus jetzt beherrschbar." Wenn er sich da nicht wieder zuviel zumutet.
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Auf Bundeswehrgelände.

DER SPIEGEL 8/1987
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