16.03.1987

ERICH BÖHME

Das war es

Von Böhme, Erich

Das war es *

Und das soll es nun gewesen sein? Nach sechs Wochen gewichtigen Getuschels, geschäftigen Intrigierens und rührigen Stuhlbeinsägens?

Auf Kohls Kanzler-Schreibtisch blieb ein Zettelkasten zurück, voller kläglicher Versuche, konservativliberal der 90er Jahre Herr zu werden: Formelkompromisse, vertagte Beschlüsse, ausgeklammerte Entscheidungen.

Zu reden wäre gewesen über zweieinhalb Millionen Arbeitslose, einen deroutierten Bauernstand, die zerrinnende Konjunktur. Auf der Tagesordnung hätte eine "Reform" des Steuersystems stehen müssen, finanziert aus dem Abbau überflüssiger Subventionen, das Gesundschrumpfen des sündhaft teuren Gesundheitswesens, die Sanierung der Rentenversicherung. Wo blieben die klaren Entscheidungen über Außen- und Deutschlandpolitik, Entspannung und Raketenabbau, innere Sicherheit und Aids-Bekämpfung?

Auf einen Kanzler hätte es ankommen sollen, der nicht nur die eigene Machtfrage stellt, sondern die seiner Koalition; die Frage nach Regierungswillen und Regierungsfähigkeit einer Parteienkonstellation, die großspurig versprochen hatte, Deutschland jenseits rot-grüner Wanderpfade in die Zukunft zu führen.

Statt dessen ein disparater Interessenverein, der sich zwar auf den Wählerwillen berufen kann, sich günstigenfalls aber aufrafft, die jeweils eigene Klientel zu Lasten des Partners zu bedienen.

An unterschiedlichen Theken servierten Strauß und Blüm, Bangemann und Geißler, Zimmermann und Baum, Süssmuth und Gauweiler. Der Wirt wartete im Separee, bis das Freibier ausgeschenkt, die Milch der faulen Denkungsart verschüttet war.

Es kann doch nicht alles nur Autosuggestion gewesen sein, wenn die Deutschen die Autorität eines Adenauer, die Visionen eines Brandt, die Kompetenz eines Schmidt honorierten. Tempi passati? Auch grauer politischer Alltag kann sich nicht nur im Sitzfleisch eines Pfälzers erschöpfen, der beschlossen hat, Kanzler zu werden und es um den Preis allseitiger politischer Lähmung zu bleiben.

Aus dem Vorrat an Gemeinsamkeiten, oft beschworener Garantieformel für ein Fortbestehen angejahrter Ehen, ist nach nur viereinhalb Jahren ein Vorrat nur mühsam oder schon gar nicht mehr überbrückbarer Gegensätze geworden, aus dem ein jeder das Seine zu retten trachtet, der Kanzler das Beste für sich.

Aber selbst das entgleitet dem einst wegen seines traumhaft sicheren parteitaktischen Geschicks respektierten Kohl. Das Stühlerücken im Kabinettsaal, seit zwei Jahren im Blick auf die 90er Schicksalsjahre "Revirement" genannt, geriet zur Reise nach Jerusalem.

Kein schneidiger Abgang Zimmermanns, dessen Posten von Strauß zur Disposition gestellt worden war für den Fall, daß es nicht zu den konservativen Law-and-order-Rigorismen kommen sollte, ohne die angeblich Staatsfeinde nicht mehr einzufangen sind. Kein Demissionsbrief Stoltenbergs, dessen Steuergeschenke vorderhand unbezahlt bleiben und dessen Posten Kohl seinem Freund Strauß feilgeboten hatte.

Kein Zapfenstreich für den überhitzten Wörner. Kein Muß-i-denn für den Selbstbediener Schwarz-Schilling. Kein Halali für den gehetzten Hasen Kiechle. Kein stilles Gedenken für den schweigsamen Engelhard.

Statt dessen zur falschen Zeit auf den falschen Stühlen der "Riesenstaatsmann Mümmelmann" und der "gefinkelte Mafioso" Johnny Klein, wie die Neuen an Kohls Liedertafel von eigenen Koalitions- und Parteifreunden tituliert werden.

Weiter so soll es gehen: Mit dem angebrochenen Riesen Stoltenberg, einem sozial geschrumpften Blüm, mit Wall- und Bangemann - der eine mit dem Standbein im Kabinett, dem Spielbein in Hessen; der andere schon mit beiden Beinen auf dem Sprung nach Brüssel. Mit Freidemokraten, die sich an ihren 9,1 Prozent Wählerstimmen und vier Kabinettsposten berauschen, Teilzeitsieger im Fingerhakeln mit der CDU, die sich von Kohl verkauft fühlt.

Das war es denn also - das Ganze nicht der Rede wert und zum Vergessen, würden seine Folgen sich nicht von selber in Erinnerung bringen. Schneller und schlimmer, als es der damalige Oppositionspolitiker Strauß den regierenden Sozialliberalen an den Hals gewünscht hatte.

Schon geht im alten Wasserwerk am Rhein der Geist von Sonthofen um, klammheimlich noch - aber schon zählbar.


DER SPIEGEL 12/1987
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