16.03.1987

Wenn Ribbentrop und Führer mich wollen...

Von Augstein, Rudolf

Rudolf Augstein über Hans-Jürgen Döschers Studie "Das Auswärtige Amt im Dritten Reich" *

Der halbwegs Gebildete von heute kennt vier Weizsäckers: den Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, dessen Bruder Carl Friedrich, noch als Bürgerlicher geboren und 1963 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet; weiterhin beider Onkel, den genialen Viktor von Weizsäcker als Vordenker der psychosomatischen Medizin, von den NS-Größen scheel beäugt und dennoch während des Krieges Professor in Breslau und über Jahre mit der Auswertung von Hirn und Rückenmark "euthanasie"-getöteter Kinder beschäftigt. Das Prinzip der Euthanasie hat er, wie auch Nicht-Deutsche und Nicht-Nazis schon vor 1933, bejaht; er aber tat es 1935 schriftlich.

Carl Friedrich von Weizsäcker bekannte selbst, er könne sich vorstellen, an einer Nazi-Atombombe mitgebaut zu haben, wenn die deutschen Physiker das Prinzip erkannt hätten und vom Führer dazu verpflichtet worden wären. (Der ganz und gar Gebildete kennt auch noch den Großvater des Physikers und des Bundespräsidenten, Carl von Weizsäcker, von 1906 bis 1918 Ministerpräsident und Außenminister des letzten Königs von Württemberg, 1916 in den Freiherrnstand erhoben. Schwäbischer Briefadel, nicht reich.)

Der vierte bekannte Weizsäcker, Vater von Richard und Carl Friedrich, fehlt noch in dieser Aufstellung: Viktors Bruder Ernst Freiherr von Weizsäcker. Staatssekretär des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrop von April 1938 bis zum März 1943, anschließend Botschafter beim Heiligen Stuhl bis Kriegsende, von einem US-Gericht zu sieben Jahren Freiheitsstrafe wegen billigender Mitwirkung bei der Deportation französischer und staatenloser Juden nach Auschwitz verurteilt, insgesamt 39 Monate in Haft. Sein Prozeß, der sogenannte Wilhelmstraßenprozeß, führte das Rubrum "gegen Weizsäcker und andere".

Während seiner Staatssekretärszeit in Berlin liefen alle bürokratischen Fäden des Auswärtigen Dienstes über seinen Schreibtisch. Er war erwählt worden von dem frisch ernannten Reichsaußenminister Joachim (kraft Adoption durch seine Tante gegen eine monatliche Leibrente, 450 Reichsmark, "von") Ribbentrop. Dieser Weizsäcker hat die Außenpolitik des Dritten Reiches während der kritischsten Jahre nicht mitgestaltet, aber als oberster Verwalter exekutiert.

Ein Thema mithin, besser geeignet als die Geschichte der I.G. Farben, unter dem Turgenjew-Titel "Väter und Söhne" ins Bild gesetzt zu werden. Denn anders als in Sinkels Fernseh-Saga, wo der erfundene I.G.-Farben-Sohn als Zeuge der Anklage gegen den Vater auftritt, stand der wirkliche Sohn Richard dem US-Gericht nicht als Zeuge der Anklage zur Verfügung, sondern, ganze vier Semester Jura im Rücken, assistierte der Verteidigung seines Vaters. Honi soi qui mal y pense. Das schwierigste Problem dabei: "Mein Vater war so mundfaul. Er sprach auch dann nicht, wenn eine Aussage ihm geholfen hätte."

Angesichts der im In- wie Ausland erfolgreichen Präsidentschaft Richard von Weizsäckers hätte ein Buch aus Ziesels Ecke, vom "Bayernkurier" empfohlen und von Alfred Dregger warm begrüßt, wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. Statt dessen fügte es sich, daß der 43jährige Historiker Hans-Jürgen Döscher lange vor der Wahl Richard von Weizsäckers die Materialien für sein Buch "Das Auswärtige Amt im Dritten Reich - Diplomatie im Schatten der ''Endlösung''" zusammentrug, es erscheint diese Woche. _(Siedler Verlag, Berlin; 336 Seiten; ) _(45 Mark. )

Keineswegs als überragende, aber doch als Schlüsselfigur wird dort der Staatssekretär von Weizsäcker beschrieben. Liest man die Akten des AA, so will man sich gern das Urteil des später von den Nazis hingerichteten Albrecht Haushofer zu eigen machen: Er sei 1938 der fähigste Beamte seiner Behörde gewesen, dem auch unter "normalen", unter deutschkonservativen Umständen also, dieser Posten rechtens zugestanden hätte.

Nicht auf Weizsäcker aber richtet sich der Fokus des Historikers. Im Mittelpunkt steht die planmäßig und mit Erfolg betriebene Infiltration des Auswärtigen Dienstes mit SS-Führerrängen und SS-Chargen, bis hin zu dem Ausmaß, daß Ribbentrop später klagte, die SS-Führung sei nicht mehr willens, "sein Ministerium überhaupt noch als selbständiges Ressort anzuerkennen".

Wenig hätte gefehlt, und das AA wäre eine Filiale der SS geworden, mit Himmler als eigentlichem Dienstherrn und dem auch von der SS adoptierten Ribbentrop als Galionsfigur. Himmler und Ribbentrop, sie duzten, sie schätzten und sie haßten sich.

Wie schon der Untertitel anzeigt, wird auch die Rolle des Auswärtigen Amtes bei der Auslöschung des europäischen Judentums untersucht. Ist die Mitwirkung der Wehrmacht weithin anerkannt, auch wenn man sich die Bruchstücke wie in einem Puzzle selbst zusammensuchen muß, so beileibe nicht die Mitwirkung des AA. Zwar sollen nur drei Prozent der Akten des Auswärtigen Amtes zwischen 1938 und 1945 die sogenannte Judenfrage betreffen; nur hatten es diese drei Prozent für die davon Betroffenen doch in sich. Immerhin konnte die Geheimregistratur die Materialienberge kaum noch fassen.

Bis 1979, praktisch also bis heute, hat das Auswärtige Amt in Bonn die These aufrechterhalten, das Auswärtige Amt in Berlin habe die Verbrechen an den europäischen Juden trotz seines "zähen, hinhaltenden Widerstands" nicht verhindern können. Döschers Untersuchungen ergeben ein anderes Bild.

Um zu einem möglichst unverzerrten Ergebnis zu kommen, müssen wir versuchen, was auch Döscher versucht, nicht von heute aus zu urteilen, sondern aus der Sicht der damals Beteiligten. Was hätte einen fähigen Ministerialdirektor des Auswärtigen Dienstes, Leiter der wichtigsten, der "Politischen Abteilung",

zu Anfang 1938 bewegen können, aus dem gewohnten Bürodienst in die gefährdete Ungewißheit des Staatssekretärs überzuwechseln?

Warum man - Hitler, Himmler, Ribbentrop - Weizsäcker haben wollte, ist klar. Er kannte die Behörde, ein unschätzbarer Vorteil für den am 4. Februar 1938 neu ernannten schneidigen Außenminister Joachim von Ribbentrop. Er galt als weich, war es wohl auch. Über seine Rolle als die eines Befehlsempfängers, eines notwendigen Übergangsgehilfen, dessen man sich später ("ausgequetschte Zitrone") entledigen konnte, machte er sich Illusionen.

Seine private Tagebucheintragung in den sogenannten Weizsäcker-Papieren vom 5. März 1938: "Wenn Ribbentrop und Führer mich haben wollen, so folge ich als Soldat." So verständigt er sich mit sich selbst, obwohl einen Monat vorher der Reichskriegsminister Werner von Blomberg und der Oberbefehlshaber des Heeres, Werner von Fritsch, von Hitler mit Hilfe schmachvollster Machenschaften aus dem Amt gejagt worden waren. Sein letzter Kriegsrang in der kaiserlichen Marine war der eines Korvettenkapitäns. Die innenpolitischen Zustände zwischen 1933 und 1938 scheinen ihn nicht existentiell angegriffen zu haben.

Dabei hatte er die neuen Herren schon einmal von ihrer wahren Seite kennengelernt. Im Herbst 1933 leitete er für zwei Monate die Personalabteilung des Auswärtigen Amtes unter Ribbentrops Vorgänger, dem schwäbischen, Hitler bauernschlau ergebenen Reichsaußenminister Constantin von Neurath. In seinen "Erinnerungen" schreibt Weizsäcker:
" Der Beamtenkörper sollte gesichtet werden. Wenn das "
" geschah, forderte ich dafür volle Anerkennung der "
" Übrigbleibenden. Meine Rechnung war zu optimistisch. Die "
" Partei verlangte zwar zunächst nicht viele Eingriffe in "
" unseren Personalstand, andererseits schenkte sie dem Rest "
" auch kein Vertrauen. "

Trotzdem bildete er sich 1938 ein oder machte er sich vor, daß er den großen Krieg werde verhindern können. Dies war sein Ziel, das steht außer Zweifel. Nur, er hatte den damals schon üblichen Preis zu entrichten, den Verkauf seiner Seele.

Man legte ihm nahe, in die NSDAP einzutreten und baldmöglichst das Parteiabzeichen zu tragen. Schwer denkbar, daß er der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes - es gab noch zwei im AA - geworden wäre, wenn er abgelehnt hätte. Er selbst stellt es so dar, daß er der Partei erst nach der Ernennung beigetreten sei, was nicht stimmt, es war vorher.

Anfang April wurde er Staatssekretär und trug das Parteiabzeichen. Mitte April stimmte Himmler seiner Aufnahme in die SS zu, und Mitte Mai machte er den neuen Staatssekretär zum SS-Oberführer (nach heutiger Rangliste ein Brigadegeneral) beim Persönlichen Stab des Reichsführers-SS.

Er leistete den SS-Eid auf den Führer, wurde 1942 noch SS-Brigadeführer (gleich Generalmajor). Ihm wurde im September jenes Jahres sinnigerweise noch der "Totenkopfring" von Himmler verliehen, Siegel und Symbol einer persönlich gescheiterten Existenz.

Weizsäcker mag dies alles als "Schönheitsfehler" betrachtet, mag die schwarze Uniform nur zum Schein oder zur Tarnung getragen haben, bestimmt widerwillig. Aber Ribbentrop hatte seinen Aspiranten ja unmißverständlich am 5. März 1938 wissen lassen, laut Weizsäcker:
" Grundsätzliche Übereinstimmung mit der Politik des "
" Führers. "Großes Programm", das nicht ohne das Schwert zu "
" erfüllen; daher noch 3 - 4 Jahre Vorbereitung nötig. "

Wieso Weizsäcker annehmen konnte, er werde fähig sein, Ribbentrop und über diesen gar den Führer Adolf Hitler von dessen "großem Programm" abzubringen, bleibt angesichts der später bewiesenen Zaghaftigkeit und Indolenz, beispielsweise in Judenfragen, unerfindlich. Das hat sich sogar Göring, der zweitmächtigste Mann im Staat, niemals zugetraut.

War Weizsäcker mithin naiv und unpolitisch? Das wäre die einzige Erklärung, die seinen Charakter unbeschädigt ließe. Schon 1933 hatte er es als "patriotische Pflicht" bezeichnet, jetzt erst recht im Auswärtigen Amt zu bleiben, um Schlimmeres zu verhüten. Schon 1933 war er als Personalreferent an dieser Aufgabe gescheitert.

Man muß nun allerdings bedenken daß Hitlers außenpolitische Zielsetzungen bis 1938 der Mehrheit des deutschen Volkes und ganz gewiß der übergroßen Mehrheit der Generalität und der AA-Leute zugesagt haben. Österreich gehörte einfach zum Reich, mochte man es noch so brutal heimholen. In der Tschechoslowakei und in Polen wohnten deutsche Volksgenossen, die man befreien mußte, durch eine "chemische Lösung" (Weizsäcker), nicht "mechanisch". Irgendeine Art von Anlehnung dieser beiden Staaten an das Deutsche, das Dritte Reich war unerläßlich, damit sie fürderhin nicht mehr ihre Rolle als Frankreichs Ostlandsdegen spielen konnten.

Hitlers eigentliche Absichten, die weit über dies schon recht größenwahnsinnige Schema hinausliefen, kannte niemand, sogar der spätere Reichsmarschall Hermann Göring nicht. Bis zum März 1938 war außenpolitisch nichts geschehen, was der Generalität und dem Auswärtigen Amt gegen den Strich gegangen wäre. In der Weimarer Republik hatte Weizsäcker vermutlich Stresemanns DVP (Deutsche Volkspartei) gewählt, als deren Anhänger sein Außenminister sich noch 1930 ausgab. Ribbentrop rühmte sich damals der Bekanntschaft mit dem verstorbenen Gustav Stresemann.

Österreich kehrte heim, während Weizsäcker sein Amt antrat. Daß Hitler sich mit Österreich nicht begnügen würde, wußte der Staatssekretär aufgrund seiner Verbindungen zum Heer, wußte es im übrigen von Ribbentrop höchstpersönlich und direkt. Warum nahm er an?

Ablehnung hätte Ungnade bedeutet, die gering zu veranschlagen ungerecht wäre; den Kopf hätte es nicht gekostet. Es scheint so, als habe er wirklich noch

etwas bessern wollen. Dafür war die Gelegenheit seines ersten Amtsjahres günstig.

Hitler wollte nun nach den Österreichern die Sudetendeutschen heimholen, aber diesmal mit Gewalt. Eine innere Widerstandsfront bildete sich, der zeitweise, hin- und herschwankend, sogar der Chef des Generalstabs, Franz Halder, angehörte, oder auch wieder nicht. Der zu entfesselnde Krieg drohte von vornherein, so sah es Halder, verlorenzugehen. Aber sein Chef, der neu ernannte Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von Brauchitsch, mochte sich gegen Hitler nicht stellen.

Weizsäcker sah sich nicht als Widerständler, weder damals noch später, auch nicht nach dem Krieg. Aber er sorgte selbst dafür, vergeblich, daß England zu einer harten und eindeutigen Haltung gegenüber Hitler angespornt wurde - keine ungefährliche Sache für diesen sonst nicht sehr couragierten Mann. Das Abkommen in München von Ende September 1938, das im Grunde der Widerstandsbewegung in der Wehrmacht für immer den Boden entzog, betrachtete er als seinen ganz persönlichen Erfolg, den er sich freilich mit Leuten größeren Kalibers (Göring, Mussolini) und dem italienischen Botschafter in Berlin, Bernardo Attolico, einer Art Freund, teilen mußte. Warum blieb er?

Daß Hitler den Rest der Tschechoslowakei demnächst auch noch einsacken würde, war ihm klar. Daß der sich nunmehr anbietende Einfall in Polen Krieg mit dem Westen bedeuten würde, wußte er. Nichts Nennenswertes hatte er hemmen und hindern können, und auch das Münchner Abkommen hätte es ohne ihn gegeben.

Die Verbrechen an den Polen nach Kriegsbeginn, er kannte sie. Der Familienfreund Ulrich von Hassell, Schwiegersohn von Tirpitz und nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet, sah ihn halb mitleidsvoll, halb verächtlich "in einer abscheulichen Lage". Darin befand er sich, aber er blieb.

Der heimlichen und offenen Besetzung des AA durch Himmlers Leute konnte er, selbst Träger eines hohen SS-Ranges, keinerlei Widerstand entgegensetzen. Er selbst war in die SS nicht gezwungen worden. Andere hatten abgelehnt. Gründe vorgeschützt. Er nicht. Es gab für ihn keine andere Beschäftigung mehr, als die Mordmaschine mit in Gang zu halten. Wollte er weg? Aber ja doch, unentwegt. Nur wohin? Für die Marine war der Korvettenkapitän von 1918 zu alt. In Ankara saß schon Papen, in Madrid Stohrer. Blieb Rom, am liebsten der Vatikan. Dahin kam er im Sommer 1943, obwohl er als Behördenchef schwer zu entbehren war. Einen Nachfolger hatte er nur dem Namen nach.

Hatte es sich ausgezahlt, in einer schwarzen SS-Uniform herumzulaufen anstatt in dem eigens für das Auswärtige Amt geschneiderten Kostüm? Er würde auch einen grünen oder roten Rock getragen haben, sagte er später. Eine richtige Einstellung für einen, der sich tarnen muß, für einen Widerstandskämpfer. Aber das war er eben nicht und wollte es nicht sein.

Daß der Reichsführer-SS Heinrich Himmler stärker sein würde als der Ehren-Obergruppenführer Joachim von Ribbentrop (Goebbels: "Seinen Namen hat er gekauft, sein Geld hat er geheiratet, und sein Amt hat er sich erschwindelt"), er konnte es nicht ändern. Wozu auch? Beiden hatte er ja gelobt, "die Bewegung mit allen Kräften zu fördern" und den Diplomaten neuen Typs mit heranzuzüchten.

In seinen publizierten Tagebuch-Papieren findet sich kein Hinweis auf die Ermordung der SA-Führer um den Stabschef Röhm und des Ehepaars Schleicher neben vielen anderen, kein Vermerk über die Nürnberger Gesetze von 1935 und die skandalöserweise noch heute so genannte "Reichskristallnacht" vom November 1938. War er ein Antisemit? Wie wandelte sich seine Einstellung zu den Juden zwischen 1933 und 1945? Beweisbar ist nur, daß er die Sowjets als verächtliches Pack einschätzte, die Natur von Molotow aber, der 1940 in Berlin pokerte, sehr wohl erkannte.

Man wird sich in die Gefühlslage eines gebildeten Menschen kaum einfühlen können, der Juden weder vergasen noch sonstwie ermorden will, aber zwei Jahre lang Kenntnis nimmt, keine Einwände hat, veranlaßt, zur Billigung vorlegt, als nirgends entscheidendes, aber immer mitwirkendes Rad der Mordmaschine. Wie er mit seinem Chef, dem Außenminister, noch reden, mit seinem eigennützigen Förderer, dem Reichsführer-SS, noch korrespondieren konnte - man faßt es nicht.

Wie fühlt sich ein Staatssekretär, der seine Paraphe auf ein Schriftstück setzt, das ihm sein Unterstaatssekretär als Vortragsnotiz zuleitet, in dem es heißt:
" Im Reichskommissariat Ostland wurde sofort eine unter "
" Leitung der Einsatzgruppe (A) vom estnischen Selbstschutz "
" durchgeführte Festnahmeaktion sämtlicher Juden "
" eingeleitet, deren Gesamtzahl nach Besetzung des Gebiets "
" durch deutsche Truppen etwa 2000 betrug. Die männlichen "
" über 16 Jahre alten Juden wurden mit Ausnahme der Ärzte "
" und der Judenältesten exekutiert... Auch in Weißruthenien "
" fanden umfangreiche Erschießungen von Juden statt. Wegen "
" höchster Seuchengefahr wurde mit der Liquidierung der im "
" Ghetto in Witebsk untergebrachten 3000 Juden begonnen. In "
" der Ukraine wurden als Vergeltungsmaßnahmen für die "
" Brandstiftungen in Kiew dortselbst sämtliche Juden "
" verhaftet und Ende September d. J. mehr als 33000 Juden "
" hingerichtet. In Shitomir wurden mehr als 3000 Juden zur "
" Vermeidung der Anstiftung von Sabotage durch sie "
" erschossen. Im Raum ostwärts des Dnjepr wurden annähernd "
" 5000 Juden erschossen. "

Die "Vortragsnotiz" stammt vom 10. Dezember 1941. Wäre es mithin nicht an der Zeit gewesen, sich selbst krankheitshalber aus dem Verkehr zu ziehen, was einem 59jährigen Mann mit seinen Verdiensten doch wohl möglich gewesen wäre? Wollte er immer noch das Schlimmere verhüten oder den Frieden, den er nicht hatte bewahren können, wieder herbeiführen?

Den Judenboykott des Frühjahres 1933 ("Kauft nicht bei Juden!") hatte er in seinen Papieren noch so kommentiert:
" Die anti-jüdische Aktion zu begreifen, fällt dem "
" Ausland besonders schwer, denn es hat diese "
" Judenüberschwemmung eben nicht am eigenen Leib verspürt. "
" Das Faktum besteht, daß unsere Position in der Welt "
" darunter gelitten hat und daß die Folgen sich schon "
" zeigen und in politische und andere Münze umsetzen. "

Das klingt ein wenig ambivalent. Das Wort "Judenüberschwemmung" wird uns in anderem Zusammenhang begegnen. Als Adolf Eichmann am 22. Juni 1942 je 40000 Juden aus Frankreich und den Niederlanden zum Arbeitseinsatz in das Arbeitslager Auschwitz "abbefördern" wollte, gab er dem Auswärtigen Amt davon Kenntnis: " ... und nehme an, daß auch seitens des Auswärtigen Amtes Bedenken gegen diese Maßnahmen nicht bestehen." Unterstaatssekretär Luther fragte bei Botschafter Abetz in Paris an. Der brachte, wohl um die Maßnahmen gegen die französischen Juden zu verlangsamen, das folgende Argument:
" Ähnlich wie in Deutschland seinerzeit die "
" Überschwemmung durch Ost- und andere Fremdjuden der "
" antisemitischen Stimmung im deutschen Volk besonderen "
" Auftrieb verliehen hat, ist auch in Frankreich "
" festzustellen, daß das Ansteigen des Antisemitismus in "
" starkem Maße auf die Zuwanderung von Juden fremder "
" Staatsangehörigkeit in den letzten Jahren zurückzuführen "
" ist. "

"Grundsätzlich" bestünden seitens des Auswärtigen Amtes keine Bedenken, teilte Luther dem Reichssicherheitshauptamt mit. Weizsäcker zeichnete das Schreiben ab. Auch Abetz versuchte a la Weizsäcker Schlimmeres zu verhüten.

Am 27. März 1942, drei Monate zuvor, hatte der erste Deportationszug Compiegne mit dem Ziel Auschwitz verlassen. Dem war folgendes vorausgegangen: Der Judenreferent Rademacher im AA hatte zu Händen Adolf Eichmanns diesen Text entworfen:
" Seitens des Auswärtigen Amts bestehen keine Bedenken "
" gegen die geplante Abschiebung von insgesamt 6000 Juden "
" französischer Staatsangehörigkeit bzw. staatenloser Juden "
" nach dem Konzentrationslager Auschwitz (Oberschlesien). "
" Seitens der Deutschen Botschaft Paris sind ebenfalls "
" Bedenken nicht geäußert worden. "

Weizsäcker brachte handschriftlich zwei einschränkende Änderungen an;

der durch Sonderboten überbrachte "Schnellbrief" hatte nun diesen Wortlaut:
" Seitens des Auswärtigen Amts wird gegen die "
" Abschiebung von insgesamt 6000 polizeilich näher "
" charakterisierter Juden französischer Staatsangehörigkeit "
" bzw. staatenloser Juden nach dem Konzentrationslager "
" Auschwitz (Oberschlesien) kein Einspruch erhoben. "

Es gibt Anlaß zur Verwunderung, warum Luther, und nicht der Behördenleiter Weizsäcker, von Heydrich zur Wannsee-Konferenz im Januar 1942 geladen wurde. Möglicher Grund: Weizsäcker galt in der SS-Führung als der "Mann ohne Verantwortung", der nichts "auf die eigene Kappe" nehme. So weit war es mit ihm gekommen. Er galt als "Mann ohne Eigenschaften".

Folgerichtig wurde er Mitte 1943 als Botschafter beim Heiligen Stuhl nach Rom aus der Berliner Fron entlassen. Dort traf er Gleichgesinnte. Wieder galt es, Schlimmeres zu verhüten: die Besetzung der Vatikanstadt durch Hitlers Truppen.

Von den Kunstschätzen und Bauten, Dingen dieser Welt also, abgesehen: Was hätte es vom Selbstverständnis der Kirche her Besseres gegeben als die Gefangennahme und äußerstenfalls sogar den Märtyrertod des Papstes Pius XII., dieses Stellvertreters Christi auf Erden? Rolf Hochhuth hatte da einen Genieblitz. Welches Ereignis hätte das Kriegsende durch die Demoralisierung vieler deutscher Soldaten mehr beschleunigen können? Beiläufig, kein deutscher Bischof ist von den Nazis auch nur für einen Tag eingesperrt worden.

Weizsäcker berichtete, wie der Papst besonders betroffen gewesen sei, daß man die Juden gleichsam unter seinen Fenstern abgeschleppt habe. Den Opfern war es wohl gleichgültig, ob der Papst dabei zuguckte oder nicht. Weizsäcker wenige Wochen später:
" Der Papst hat sich, obwohl dem Vernehmen nach von "
" verschiedenen Seiten bestürmt, zu keiner demonstrativen "
" Äußerung gegen den Abtransport der Juden aus Rom "
" hinreißen lassen... Da hier in Rom weitere deutsche "
" Aktionen in der Judenfrage nicht mehr durchzuführen sein "
" dürften, kann also damit gerechnet werden, daß diese für "
" das deutsch-vatikanische Verhältnis unangenehme Frage "
" liquidiert ist. "

"Liquidiert": Die Sprache, immer auf Verrat aus, hat sich dem Jargon anderer Träger des SS-Totenkopfringes angeglichen, sie wirkt schon nahezu verinnerlicht.

Wahr ist, das Auswärtige Amt hat sich unter Ribbentrops Staatssekretär als willfähriger Handlanger der SS-Mörder betätigt. In jedem von Hitler besetzten oder mit Hitler verbündeten Land bedurfte es strengster Pressionen seitens der AA-Funktionäre, um das Verbrechen des Jahrhunderts durchzusetzen. Italiener, Bulgaren, Rumänen (ich war Zeuge vor Ort), Ungarn, Norweger, Dänen, Slowaken, ja sogar die Franzosen machten Schwierigkeiten. Der deutsche Gesandte in Helsinki - sein Name Wipert von Blücher sei gepriesen - meldete, die Behandlung der Judenfrage habe Finnland dem Reich "innerlich entfremdet".

Das US-Gericht im Prozeß gegen Weizsäcker und Genossen hielt dem Ex-Staatssekretär teils richtig, teils vornehm zugute, er habe einen Kristallisationspunkt in der heimlichen Widerstandsbewegung bilden wollen, als Horchposten und Nachrichtenübermittler zugleich; des weiteren sogar, er habe Versuche zu Friedensverhandlungen ermöglichen wollen. Auch sei es denkbar, daß keiner der im Wilhelmstraßenprozeß Angeklagten zu jener Zeit gewußt habe, "daß Auschwitz ein Todeslager war".

Warum dennoch die Verurteilung? Seine Bedenken geltend zu machen, wäre die Pflicht eines Staatssekretärs gewesen. "Diese Pflicht wird nicht dadurch erfüllt, daß man nichts sagt und nichts tut." Die Angeklagten waren
" immerhin wohlunterrichtet über das Schicksal jedes "
" Juden, der der SS und der Gestapo auf Gnade und Ungnade "
" ausgeliefert war; sie kannten das Schicksal der "
" polnischen Juden und der Juden aus dem Baltikum und "
" Rußland; sie kannten das entsetzliche Los der deutschen "
" Juden. "

Ein deutsches Schicksal. Ein deutsches Schicksal? Man möchte meinen, Ernst Freiherr von Weizsäcker habe sich zum erstenmal seit Jahren wohl und mit sich im reinen gefühlt, als er nach der Urteilsverkündung seine Gefängniszelle wieder betrat. _(Oben: 1943, links Legationssekretär ) _(Sigismund von Braun; ) _(unten: in Nürnberg 1948. )

Siedler Verlag, Berlin; 336 Seiten; 45 Mark. Oben: 1943, links Legationssekretär Sigismund von Braun; unten: in Nürnberg 1948.

DER SPIEGEL 12/1987
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