04.05.1987

„Wir stehen vor einem Trümmerhaufen“

SPIEGEL-Report über den Niedergang der verstaatlichten Industrie Österreichs *
Einige Familien aus Knittelfeld und Kapfenberg in der Obersteiermark sind schon vor Monaten umgezogen. Nachdem der Staatsbetrieb VEW den Familienvätern gekündigt hatte, mußten sie ihre Eigenheime verkaufen; mit dem Erlös konnten sie nicht einmal die dafür aufgenommenen Kredite zurückzahlen. Jetzt stottern die arbeitslosen Stahlkocher ihre Schulden ab und leben in Baracken und Sozialwohnungen - fast auf Sichtweite zu ihren Eigenheimen.
Andere werden folgen, Stahlarbeiter vor allem, die ein Leben lang bei Voest-Alpine oder VEW ihr Geld verdient haben und nun erfahren, daß sie entbehrlich sind. Der größte Arbeitgeber in der Obersteiermark, die verstaatlichte Industrie, steht vor dem Kollaps, da kann von der besonderen Verantwortung der Gemeinwirtschaft gegenüber den Beschäftigten nicht mehr die Rede sein. Der größte Arbeitgeber schafft im Ernstfall auch die meisten Arbeitslosen.
Sie war einst der Stolz der Republik, "die Verstaatlichte". Noch vor einem Jahrzehnt brachten diese Staatsbetriebe Österreich ein Viertel des Industrieumsatzes, mit Stahl aus der Voest in Linz und den VEW in Kapfenberg, Aluminium aus der Amag in Ranshofen, Kraftwerksturbinen aus der Elin in Wien, Erdölprodukte aus der ÖMV in Schwechat, Düngemittel aus der Chemie Linz.
Gut 130000 Arbeitsplätze gab es einmal bei den fast 200 Staatsbetrieben. Sie wurden durch jahrzehntelanges Mismanagement aufs Spiel gesetzt. Jetzt stehen noch knapp 100000 Beschäftigte auf den Lohn- und Gehaltslisten.
Österreichs "Verstaatlichte" ist krank. "Wir liegen", sagt Hugo Sekyra, Generaldirektor der Holding Österreichische Industrieverwaltungs-AG (ÖIAG), "auf der Intensivstation und brauchen eine Bluttransfusion. Sonst sind wir tot."
Das sieche Sammelsurium von Firmen hat die Österreicher bereits viel Geld gekostet. Fast fünfeinhalb Milliarden Mark hat der Staat in den vergangenen sieben Jahren in seine Betriebe gepumpt. Geholfen hat es wenig, Arbeitsplätze wurden immer nur für ein paar Monate gesichert, der Zusammenbruch konnte nur aufgeschoben werden.
Und Hoffnung auf Besserung ist nicht angebracht. Konjunkturforscher sehen Österreichs Wirtschaft in eine Rezession schlittern. Schon 1986 kam es bei den Exporten zum schwersten Rückschlag seit fast 30 Jahren. Die verstaatlichte Industrie mit ihren schlichten Produkten wie Stahl oder chemischen Grundstoffen ist besonders hart betroffen. Die Aufträge in manchen Unternehmen bringen zum Teil nur bis Mitte Mai Arbeit.
"Jetzt fliegen wir aus den Märkten", sagt einer der Staatsmanager. Den Dollarverfall und die gleichzeitige Hartwährungspolitik der österreichischen Regierung können die Betriebe kaum noch verkraften: Der Schilling gerät zusehends unter Abwertungsdruck.
Selbst Bereiche, die noch vor kurzem als zukunftssicher galten, sind nun in Gefahr. Im Rohrwerk in Kindberg, das erst seit 1983 in Betrieb ist, wird häufig kurzgearbeitet. Einziger Großkunde ist die Sowjet-Union, 1000 Beschäftigte bangen um ihren Arbeitsplatz.
Längst sind Österreichs Politikern und Journalisten, die den langen Leidensweg ihrer Staatsbetriebe beschreiben wollen, die Begriffe ausgegangen. Von Debakel oder Katastrophen getraut sich schon keiner mehr zu sprechen. Was hier mit einem wichtigen Wirtschaftsbereich und
seinen Beschäftigten passiert ist, nennt Franz Ruhaltinger, Betriebsrat im Stahlkonzern Voest, ganz schlicht "eine Riesensauerei".
Nichts hat die Österreicher in den letzten Jahrzehnten so verstört wie der Niedergang ihrer verstaatlichten Industrie - weder die Aufregung um ihren mit Glykol versüßten Wein noch die schmerzhafte Diskussion um die Vergangenheit des Kurt Waldheim. Mit der "Verstaatlichten" geht ein Ideal zum Teufel, der Glaube an einen gangbaren Weg zwischen Kapitalismus und zentralisierter Planwirtschaft.
Die verstaatliche Industrie, so formulierte der Ökonom Kurt Bayer, sollte die "Wegbereiterin eines humanen technischen Fortschritts" sein. Die Sozialisten sprachen von "Verwirklichung der sozialen Demokratie".
Die hohlen Schlagworte sind längst vergessen. Der technische Fortschritt wurde verschlafen, für Humanität fehlt der Demokratie das Geld.
Österreichs "Verstaatlichte" ist nicht durch den harten Kampf wackerer Werktätiger entstanden, sondern - so spotteten Kritiker - durch eine "Revolution der Hofräte". Einstimmig beschlossen 1946 Österreichs neugegründete Parteien die Verstaatlichung von 70 Industriebetrieben. Die Fabriken, über den Osten des Landes verstreut und meist deutsches Eigentum, wurden damit dem Zugriff der Besatzungsmächte entzogen; österreichische Unternehmer hätten sich die Übernahme der oft stark bombardierten Anlagen aus Kapitalmangel nicht leisten können.
Aus den Reichswerken Hermann Göring in Linz wurden die Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerke, kurz Voest - das Herzstück des staatlichen Wirtschaftssektors. Viele "Ehemalige" in den Betrieben, darunter führende Belegschaftsvertreter und leitende Angestellte, fanden schnell eine neue politische Heimat. Zahlreiche Altnazis liefen zu den Sozialisten über, das "Gemeinschaftsgefühl" überdauerte den Wechsel unbeschadet und erschreckt noch heute viele Geschäftspartner.
Die "Verstaatlichte" sollte, darin kamen Sozialisten und Konservative überein, vor allem Roh- und Halbfertigprodukte zu Billigpreisen an die Privatwirtschaft liefern. Ein Vierteljahrhundert lang wurde dieser Kurs nicht geändert der Einstieg in neue gewinnträchtige Sparten war damit unmöglich.
Der Boom der sechziger Jahre nährte dennoch die Illusion, die Staatsbetriebe könnten anders als andere wirtschaften. Sozialleistungen wie sonst nirgends ließen die Arbeiter Staub, Lärm und Hitze vergessen. Die Stahl- und Wirtschaftskrise in den siebzigern überspielte der sozialistische Kanzler Bruno Kreisky mit dem vielbejubelten Grundsatz: "Mir sind ein paar hundert Millionen Schillinge Schulden lieber als ein paar tausend Arbeitslose."
Doch nur mit Geld lassen sich Arbeitsplätze nicht sichern. Die gutgemeinte Idee staatlicher Musterbetriebe erstickte am Filz der Funktionäre, Mismanagement _(Spatenstich am 13. Mai 1938 in Linz ) _(mit Göring am Rednerpult. )
zerstörte das wirtschaftliche Fundament. Die staatlichen Unternehmen haben beides produziert - Schulden und Arbeitslose.
Politiker konnten alle wichtigen Posten in der "Verstaatlichten" vergeben, und das Ergebnis war entsprechend. Nicht fachliches Können bestimmte die Wahl der Manager, sondern parteipolitische Loyalität. Führungskraft konnte nur werden, wer in den Parteizentralen akzeptiert wurde - und alles nach Proporz, einen von links, einen von rechts.
Mittelmäßige Manager besetzten die zweite Führungsebene in den Betrieben mit noch mittelmäßigeren Managern. Die durften sich dann, Loyalität immer vorausgesetzt, Spitzenpositionen regelrecht ersitzen.
Die Aufsichtsräte störten dabei wenig. Sie waren meist zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
So gelang es etwa dem Industriellen Emmerich Assmann, Mitglied im Aufsichtsratspräsidium der Voest, sich 75 Hektar Wald und Bauland anzuschaffen. Der Quadratmeter kostete knapp eine Mark, Verkäufer war die Voest.
Den Filz oben ergänzte der Filz unten. Vor Ort, vor allem in den Stahlstädten der Obersteiermark und in Linz, ersetzten vielfach die örtlichen Parteisekretariate das Arbeitsamt.
Als die begehrten Jobs in den Staatsbetrieben knapp wurden, nahm die Macht der Lokalpolitiker noch zu, insbesondere wenn sie über gute Kontakte zu sozialistischen Betriebsräten verfügten. Nur sie vermochten ihren Parteigängern und Freunden noch einen Arbeitsplatz zu verschaffen, und sei es bloß als Hilfskraft.
Die Politiker kümmerten sich um alles - um Posten und Privilegien. Was in den Unternehmen tatsächlich geschah, interessierte sie aber wenig- das war Sache der Manager. Und die, erst einmal bestellt, ließen sich auch kaum mehr in die Karten blicken.
1984 wählte Österreichs einflußreiches Wirtschaftsmagazin "Trend" den Manager mit dem besten Pokerface, Generaldirektor Heribert Apfalter von der Voest, zum "Mann des Jahres", obwohl sich die Verluste im Konzern stetig häuften." Wir müssen in die Zukunft sehen", sagte Apfalter, und alle glaubten daran.
Doch gerade die Voest, der Renommierbetrieb unter Österreichs Staatsunternehmen, ist ein Musterfall, der erahnen läßt, warum die "Verstaatlichte" gescheitert ist.
Für die Zukunft, die Apfalter fest im Blick hatte, langte es nicht. Die Produktivität bei Eisen und Stahl ist wesentlich geringer als bei bundesdeutschen Konkurrenten,
die Technik ist hoffnungslos veraltet.
Und kaum jemand ahnte, wie dilettantisch im weltweit tätigen Konzern gearbeitet wird. So hat die Voest bis heute keine befriedigende Kostenrechnung: Die Firmenleitung weiß zwar, was produziert und an wen verkauft wird. Aber was sie an den einzelnen Produkten verdient, ist oft nicht genau zu ermitteln. Deshalb wird auch viel zu spät erkannt, wo Verluste entstehen; und Konkurrenzvorteile können nicht genutzt werden.
Auch Marktanalysen - im internationalen Management eine selbstverständliche Entscheidungsgrundlage - werden kaum gemacht. Welche Umsätze zu welchen Preisen auf welchen Märkten erzielt werden - diese "Einserfrage für die eigene Produktpositionierung", so ein bundesdeutscher Industrieberater "kann bei der Voest nicht beantwortet werden"-. Schlimmer noch: Die Voest-Mitarbeiter wissen nicht einmal, wie sie sich solche Daten beschaffen können. Trotzdem stieg die Voest, mit fast bemitleidenswerter Ahnungslosigkeit, auch noch in abenteuerliche Geschäfte ein. Weitere Verluste waren die Folge.
Mit ihrem Handelshaus Intertrading nahm die Voest an der Ölspekulation teil. Unbedarfte Studienabgänger, darunter Philosophiestudenten, durften nach wenigen Monaten "Training" mit Milliardenbeträgen jonglieren und am riskanten Rotterdamer Ölmarkt als Käufer riesiger Mengen auftreten.
Der Staatsanwalt hielt das Geschäftsgebaren für "chaotisch", Intertrading-Chef Gernot Preschern sitzt inzwischen wegen Korruptionsverdachts in Haft. Schaden für die Voest: 4,2 Milliarden Schilling, rund 600 Millionen Mark.
In den USA sicherte sich der Stahlkonzern einen Großauftrag zu äußerst ungewöhnlichen Bedingungen. Nicht wie marktüblich zu einem Fixpreis, sondern zu den tatsächlich anfallenden Kosten sollte in Louisiana, an der Flußmündung des Mississippi, das Kompaktstahlwerk Bayou errichtet werden. Die Zahlungsfähigkeit der vermeintlich großzügigen Käufer wurde aber kaum überprüft. Weil die sich die Anlage nicht leisten konnten, betrieb die Voest das Stahlwerk jahrelang selbst.
Nach schweren Verlusten verkauften die Österreicher ihr Werk schließlich an den amerikanischen Buntmetallkonzern RSR. Der Voest blieb ein Verlust von knapp einer Milliarde Mark.
Der nächste Flop: Auf den Philippinen wurde die Voest beauftragt, für 200 Millionen Mark ein Kohletagebaugebiet zu erschließen, weil die Voest-Tochter Austromineral in einem Gutachten die Kohlevorräte auf der Insel Semirara positiv beurteilt hatte. Das Gutachten taugte nichts, die Kohle ist von schlechter Qualität. Die philippinische Regierung lehnte die Bezahlung der Voest-Arbeiten ab und bot statt Bargeld süffisant eine 40prozentige Beteiligung an den Erträgen des Kohleabbaus an. Die Voest lehnte dankend ab.
Andererseits scheiterten durchaus erfolgversprechende Geschäfte am Kompetenzdschungel in der Linzer Konzernzentrale. Monatelang erhielt ein bundesdeutscher Automobilkonzern, der einen großen Dauerauftrag an die Voest vergeben wollte, auf seine Anfragen keine verbindliche Auskunft.
Dafür gelang der Voest mit ihrer Tochterfirma Aldesta, einem Dekorplattenwerk, Bemerkenswertes: Der Jahresverlust überstieg den gesamten Umsatz des 100-Mann-Betriebs.
So häuften sich die Verluste. Mal waren es ein paar Dutzend, mal ein paar Hundert Millionen Mark. "Wir stehen" bemerkte eine Voest-interne Analyse im vergangenen Jahr, "vor einem ergebnismäßigen und auch arbeitsmoralischen Trümmerhaufen."
Geschäftspartner bemerkten davon zunächst nicht viel. Die aggressive Überheblichkeit, mit der die Voest-Leute überall auftraten, wurde trotz aller Fehlschläge weiter gepflegt.
"Die benehmen sich so, als sei es eine Gnade, ihnen etwas abkaufen zu dürfen", beklagte sich ein Industrieller beim früheren Verstaatlichtenminister Ferdinand Lacina, der selbst von den Firmenchefs wie ein Bittsteller behandelt wurde.
Inzwischen ist das Management der Voest bescheidener geworden. Im November 1985, nachdem die Verluste durch Ölspekulation bekannt wurden, setzte Minister Lacina den Rücktritt aller neun Vorstandsmitglieder durch.
Ein neues Management unter Führung des Auslandsösterreichers Herbert Lewinsky, der bis 1986 die Mobil Oil Deutschland geleitet hatte, soll den Staatskonzern zu retten versuchen. Leicht wird das nicht. Minister Lacina fürchtete schon bei Lewinskys Antritt, daß ein Führungswechsel allein die Probleme nicht beseitigt. "Wir sind noch lange nicht am Ende."
Für das Geschäftsjahr 1985 mußte die Voest einen Verlust von 11,8 Milliarden Schilling (1,7 Milliarden Mark) ausweisen. Der neue Voest-Finanzchef Claus Raidl versprach: "Jetzt sind keine Leichen mehr im Keller." Doch auch 1986 drückte es die Voest tief in die roten Zahlen, wieder ging eine Milliarde Mark verloren. Raidl diesmal: "Uns fallen leider
einige Belastungen aus der Vergangenheit auf den Kopf."
Ständig kommen neue Probleme hinzu. Im vergangenen Jahr litt die Voest unter Auftragseinbrüchen im konjunkturabhängigen Stahlbereich. In diesem Jahr droht wegen des niedrigen Dollarkurses ein neues Horrordefizit. Inzwischen sind auch die Geschäfte mit Ostblockländern rückläufig, die lange Zeit so gut liefen.
Wie bei der Voest häufen sich seit langem auch in anderen verstaatlichten Betrieben die Verluste. Die Chemie Linz darf sich rühmen, europaweit als einziges größeres Chemieunternehmen keine Gewinne zu erzielen. Trotz fallender Preise und sinkender Nachfrage setzt das Unternehmen nach wie vor auf die Produktion von Düngemitteln.
Stur am Weltmarkt vorbei, mit dieser Unternehmenspolitik haben die Chemie-Manager schon viel Erfahrung gesammelt: Als sich weltweit bereits mehr als drei Dutzend Beta-Blocker im Handel befanden, entwickelte die Chemie Linz mit riesigem Aufwand noch eine weitere Variante dieses Blutdruckmittels.
Als wegen der Seveso-Katastrophe in vielen Ländern die Trichlorphenol-Herstellung eingestellt wurde, produzierten die Linzer munter weiter- jetzt sitzen sie auf Fässern mit dioxinhaltigen Rückständen, die niemand mehr übernehmen will. Und während allzu gefährliche Pflanzenschutzmittel international geächtet werden, vertreiben sie ohne Skrupel Gifte wie 2,4-D und Lindan.
Zum ökonomischen Offenbarungseid gehört bei Österreichs Staatsbetrieben auch der ökologische. Ihnen ist zum Fluch geworden, daß sie sich jahrzehntelang auf eine wenig gewinnbringende, aber besonders umweltbelastende Grundstoffindustrie beschränkt haben (siehe Kasten Seite 176).
Die Mißerfolge und Fehler der Staatsbetriebe haben inzwischen Österreichs regierende Sozialisten ernüchtert. "Die ,Verstaatlichte'' ist schon lange kein Dogma mehr, es gibt dort nicht einmal mehr heilige Kühe", sagt Rudolf Scholten, einer der engsten Mitarbeiter des Bundeskanzlers Franz Vranitzky.
Ausgerechnet der zurückhaltende Ferdinand Lacina, Repräsentant der Linken in der Regierung, leitete als Verstaatlichtenminister den Kurswechsel ein und löste damit eine Kulturrevolution in den Staatsbetrieben aus. Mit seinem nachgiebigen Führungsstil scheiterte er aber bald am Widerstand der Gewerkschaften. Nachfolger wurde Rudolf Streicher, ein hemdsärmeliger und ungemein eitler Manager mit sozialistischem Parteibuch.
Ideologische Bedenken plagen Streicher kaum, er kennt nicht einmal die Passagen über die Verstaatlichte im Parteiprogramm der SPÖ: "Das muß ich jetzt doch einmal lesen", meint er, wenn er darauf angesprochen wird.
Dennoch ist unter Streicher die Dynamik der Reform fast zum Stillstand gekommen - Lobbyisten haben mit ihren Interventionen schon wieder Erfolg.
Dabei soll der neue Generaldirektor der staatlichen Holding ÖIAG, Hugo Sekyra, ein beispielloses Sanierungskonzept verwirklichen. Denn bis 1990 wollen die Politiker schwarze Zahlen sehen. "Wenn wir scheitern", sagt Sekyra, ein erfahrener Manager aus der Privatindustrie, "wird Österreich wirklich eine Bananenrepublik."
Das St. Galler Management-Zentrum eine Schweizer Industrieberatungsfirma hat den Weg vorgezeichnet, den Sekyra gehen will. Derzeit werden alle 196 Konzernbetriebe durchleuchtet. "Wir ziehen jedem Bereich die Haut ab", erklärt Sekyra-Assistentin Liselotte Palme "schauen, was drunter ist, und stellen dann alles neu zusammen."
Auf sechs bis acht Kernbereiche soll dann ein neuer Konzern aufgebaut werden, als gesichert gelten bisher erst die Unternehmensschwerpunkte Stahl, Öl, Chemie und Maschinenbau. Betriebe, die nicht in dieses Konzept passen, werden abgestoßen - auch wenn sie gewinnbringend arbeiten. Manche Verlustbringer - etwa der Bergbau der Bleiberger Bergwerks-Union - sollen einfach aufgegeben werden. Die Firma Futurit,
spezialisiert auf Verkehrsampeln, wurde bereits verkauft, möglichst die gesamte ÖIAG-Beteiligung an Siemens-Österreich (43,6 Prozent) soll folgen.
Aus den Erträgen solcher Verkäufe wird aber nur ein Bruchteil der Sanierungskosten bezahlt werden können. Noch einmal wird deshalb die "Verstaatlichte" Zuschüsse aus dem Staatsbudget erhalten - knapp fünf Milliarden Mark. Auch dieser Betrag, so wurde in der ÖIAG errechnet, wird mit Sicherheit nicht ausreichen. Stück für Stück sollen deshalb auch Anteile an jenen Firmen verkauft werden, die beim neuen Konzern verbleiben. 49 Prozent der Aktien des Mineralölbetriebs ÖMV werden an der Frankfurter und Wiener Börse placiert. Schon bald wird die Republik Österreich kaum noch einen der Verstaatlichten-Betriebe allein besitzen.
"Derzeit ist die Voest bankrott", sagt ein Regierungsvertrauter. "Doch wenn sie kapitalmarktfähig wäre, warum sollten wir mit ihr nicht an die Börse gehen?" ÖIAG-Chef Sekyra denkt noch einen Schritt weiter: Er könnte sich eine Verringerung des Staatsanteils auf 51 Prozent in allen Betrieben der Staats-Holding "durchaus vorstellen".
Da liegt der Staatsmanager durchaus im Trend. Die meisten Österreicher sind ihre einst so hochgelobten Staatsbetriebe leid. In einer Umfrage sprachen sich 84 Prozent für den Verkauf an Private aus.
Das alte Tabu, das staatseigene Betriebe in Österreich schützte und letztlich so verrotten ließ, ist gebrochen. Das Tempo der Privatisierung hängt nur noch von der Kapitalkraft der Investoren ab. Im trägen Österreich wird es aber- trotz einer hohen Sparquote - nicht genug Interessenten geben. Deshalb sind der Regierung auch Ausländer als Käufer hoch willkommen. Betreten müssen die Regierungsspitzen jedoch zur Kenntnis nehmen, daß die ausländischen Anleger die Bedingungen fast diktieren - wie in einem Entwicklungsland.
Mit diesem radikalen Wandel zeichnen sich freilich schon ganz neue Probleme ab: Der Staatsvertrag verbietet Österreich den Verkauf der Staatsbetriebe an Deutsche. Doch die interessieren sich am meisten dafür.
Den großen Staatskonzern, der einst jeden fünften Arbeitnehmer in Österreich beschäftigte, wird es bald nicht mehr geben. "Wir müssen", sagt Holding-Chef Sekyra in der beschönigenden Sprache der Politprofis, "häßliche und sehr schmerzhafte Personalanpassungen in jedem Bereich durchziehen."
Schmerzhaft in der Tat. In vier Jahren will die Staatsholding ÖIAG laut Sekyra wieder voll aktiv sein". Doch von knapp 100000 Arbeitnehmern werden dann, so rechnet der ÖIAG-Chef, noch 55000 dasein - im günstigsten Fall.
Spatenstich am 13. Mai 1938 in Linz mit Göring am Rednerpult.

DER SPIEGEL 19/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Wir stehen vor einem Trümmerhaufen“

Video 01:27

Überschwemmte Straße in England Die einen schaffen's - und die anderen...

  • Video "Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: Das ist das Risiko nicht wert" Video 02:11
    Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"
  • Video "Internat für junge Kriminelle: Wadims wundersame Wandlung" Video 12:31
    Internat für junge Kriminelle: Wadims wundersame Wandlung
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist" Video 01:47
    Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist
  • Video "Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger" Video 01:05
    Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger
  • Video "Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert" Video 04:28
    Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert
  • Video "Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung" Video 02:29
    Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung
  • Video "Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber" Video 00:35
    Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber
  • Video "Dieselskandal: Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?" Video 06:20
    Dieselskandal: "Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?"
  • Video "Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten" Video 02:27
    Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten
  • Video "US-Dashcam-Video: Wo bitte ist die Straße hin?" Video 01:01
    US-Dashcam-Video: Wo bitte ist die Straße hin?
  • Video "Abstürze der Boeing 737 Max: US-Regierung überprüft Flugaufsichtsbehörde" Video 00:57
    Abstürze der Boeing 737 Max: US-Regierung überprüft Flugaufsichtsbehörde
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...