04.05.1987

EISHOCKEYWarum ich?

Eishockey-Nationalspieler Miroslav Sikora fürchtet, daß sein Name für immer mit der Skandal-Weltmeisterschaft von Wien in Verbindung gebracht wird. *
Als Miroslav Sikora den Regieraum im Fernsehstudio des Westdeutschen Rundfunks (WDR) betrat, ging gerade das Rotlicht aus. Es tue ihm leid, erklärte ein Fernsehmensch dem Eishockey-Crack, "wir hatten zehn Minuten Zeit, die sind vorüber".
Trotz Rush-hour war Sikora in seinem dunkelblauen BMW 325i von der Wohnung
im Kölner Stadtteil Junkersdorf zum Funkhaus in die Innenstadt gehetzt. Ein Redakteur hatte ihn, am Montag voriger Woche, nach Beginn der Live-Übertragung vom WM-Spiel Deutschland gegen die Schweiz telephonisch mit der Offerte geködert, in der ersten Drittelpause könne er "alles noch einmal erklären".
Seine Unschuld öffentlich zu beteuern, dafür ist Miroslav Sikora, 29, derzeit kein Weg zu beschwerlich. Nachdem ihm die WDR-Leute mitgeteilt hatten, zum Interview sei es nun zu spät, und die zweite Pause wäre bereits verplant, ballte Sikora die rechte Hand zur Faust, hieb ein Loch in die Luft und ging verärgert.
Die Reaktion macht den Erklärungsnotstand deutlich, unter dem der in Polen geborene deutsche Eishockey-Nationalspieler leidet. Was alle Welt weiß und akzeptiert, will er immer wieder nachweisen: "Ich bin unschuldig." Dabei hat ja tatsächlich die Unfähigkeit der Funktionäre den Skandal bei der Weltmeisterschaft in Wien verursacht, ausgelöst durch die Annullierung der Sikora vom Eishockey-Weltverband IIHF zunächst erteilten Spielberechtigung.
Doch der Spieler hat ganz offenkundig die Affäre noch nicht verkraftet, in deren Mittelpunkt er seit der vorletzten Woche steht. Mit Sikoras Lebensgeschichte befaßten sich ausführlich die europäischen Medien bis hin zur sowjetischen Nachrichtenagentur "Tass", und bevor die Sachlage nicht eindeutig klargestellt wurde, war die Tendenz keineswegs immer positiv. So schrieb der "Express", das Kölner Boulevardblatt: "Sikoras Lüge - Aus für Deutschland?"
"Warum ausgerechnet ich?" fragt Sikora, wo er doch immer so großen Wert darauf gelegt habe, "daß mich die Leute in der Bundesrepublik anerkennen".
Am 10. August 1977, so Sikora, habe er beschlossen, sein "Leben anders zu gestalten". An dem Tag setzte er sich von der polnischen Eishockey-Nationalmannschaft ab, die in Deutschland Freundschaftsspiele austrug. Mit einem Freund, der zunächst mitkommen wollte, hatte er während der Reise erstmals Fluchtgedanken erörtert, "in der letzten Nacht vor der Rückreise hab' ich dann die Chance allein genutzt". Politische Motive leiteten ihn nicht. Sikora: "Ich hatte nur Eishockey im Kopf, und dafür erschienen mir die Voraussetzungen im Westen günstiger als in Polen."
Seither beschränkt sich der Kontakt des Republikflüchtlings mit der Heimat auf gelegentliche Briefwechsel mit Mutter Viktoria. Die hatte ihn und den Bruder, nach der frühen Trennung der Eltern, allein aufgezogen.
Im Gegensatz zu anderen Emigranten hat Sikora nach eigenem Bekunden niemals Heimweh geplagt. Als er im vorigen Jahr im Gastland die Staatsbürgerschaft beantragte, "fühlte er sich lange schon als Deutscher". Die Aussicht, auch in der Nationalmannschaft spielen zu können, nannte er "Ehre, Verpflichtung und Freude" zugleich.
Schnell lernte Sikora die Spielregeln beim vormaligen Klassenfeind. Während der 18monatigen Sperre nach seiner Flucht zahlte ihm sein neuer Arbeitgeber, der Kölner EC, zwar rund 3000 Mark brutto im Monat. Aber, so Sikora ihm sei gleich klargeworden, "daß ich für mein Fortkommen ebenso allein verantwortlich bin wie für meine Integration in die Gesellschaft".
Der Aufstieg Sikoras zu einem der besten Eishockey-Profis in Deutschland verlief reibungslos. Sein Jahreseinkommen wird auf nunmehr 160000 Mark geschätzt. Nicht unbedingt viel für einen Mann, der in den beiden vergangenen Jahren erfolgreichster Torschütze des rheinischen Meisterklubs war, insgesamt 270 Bundesligatreffer erzielte und von dem Beobachter schwärmen, nur er könne noch solche Soli laufen wie einst Erich Kühnhackl.
Auch wenn andere vielleicht mehr verdienen, "weil sie häufig wechseln und dann pokern", läßt Sikora das "ganz kalt". Er hat sich auf Dauer in Köln eingerichtet, zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Lehrerin Lise Schmitz, und der zweijährigen Tochter Linda-Isabell. Sie bewohnen ein Eigenheim in der Nähe des Müngersdorfer Stadions, und Hochzeit ist laut Sikora nur deshalb noch nicht gewesen, weil die Hochzeitsreise nach Amerika gehen solle und der Beruf dafür nicht genügend Zeit lasse.
Selbst das zu erklären ist ihm wichtig. Nur ja nicht auffallen - nach dieser Maxime hat Sikora seit jetzt fast zehn Jahren sein Leben im Westen eingerichtet. Ihn angepaßt zu nennen würde er immer als Kompliment auffassen.
Verständnis hat Sikora für fast alles. So führt direkt hinter seinem Reihenhaus die Autobahn vorbei. Die Lärmschutzwand, für die eine Bürgerinitiative kämpft, hätte er auch gern, "aber der Bund muß sie ja auch bezahlen können".
Wenn er von der bundesdeutschen "Ellenbogen-Gesellschaft" spricht, meint der Ex-Pole aus Kattowitz das nicht negativ. Denn "Leistung, Kraft, Mut und Ausdauer" würden ja, wie bei ihm, honoriert.
Dabei will er selbst "nur in Maßen" die Ellenbogen gebraucht haben, um an den Gewinnspielen des Kapitalismus teilzunehmen. Mit dem Anlageberater Clemens Vedder, unlängst zurückgetretener Schatzmeister des Kölner EC, sowie den Eishockey-Kollegen Udo Kießling und Peter Schiller betrieb Sikora eine Gesellschaft, die Mietobjekte aufkaufte und in Eigentumswohnungen umwandelte. Während Schiller derzeit einen 300000-Mark-Anteil bei Vedder einklagt, kam Sikora auch mit dem als schwierig geltenden Geschäftsmann klar: "Ich war immer korrekt."
So will er in der Öffentlichkeit gesehen werden, deshalb hat ihn der WM-Skandal tief getroffen. Daher läßt er einen Anwalt prüfen, ob er den deutschen Präsidenten des Weltverbandes, Günther Sabetzki, wegen Rufschädigung verklagen kann. Der hatte ihm in Wien vorgeworfen, "gelogen" zu haben.
Doch selbst ein Sieg vor Gericht könnte Sikora nicht von dem Alptraum befreien, der ihn seit vorletzter Woche plagt. Wenn in zehn Jahren, so fürchtet er, die Rede auf die Weltmeisterschaft in Wien komme, dann "sagt jeder: Ach, war das nicht da, wo die Sache mit dem Sikora passiert ist".

DER SPIEGEL 19/1987
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