29.12.1986

„Was da fließt, weiß nur der liebe Gott“

Die behördlich genehmigte Rheinverschmutzung gefährdet das Trinkwasser Die alltägliche Vergiftung des Rheins mit Abwässern ist in der Summe gefährlicher als die Giftwelle nach dem Brand bei Sandoz Vielfach wissen die Behörden nicht, was in den Rhein abgeht - oft sind die erteilten Genehmigungen Blankoschecks für die Chemiefirmen. Wasserwerker fordern das „gläserne Abwasserrohr“. *
Für jeden anderen wäre es ein Alptraum gewesen, und selbst erfahrene Greenpeace-Kämpen waren überfordert: Als die "Regenbogenkämpfer" am Mittwoch vorletzter Woche eine Probe des Abwasserstroms beim Chemiegiganten Bayer Leverkusen entnehmen wollten, mußte ein Spezialist aushelfen.
Fünf Meter unter der Oberfläche des Rheins schwamm Profi-Taucher Uli Schreiber in das mannshohe Rohr und füllte eine Flasche mit jener braunroten Flüssigkeit, von der dort, vor neugierigen Augen verborgen, täglich Hunderte Millionen Liter in den Fluß strömen.
Ein "Menschenvorhang" aus Greenpeacern, die sich von einer benachbarten Brücke abseilten und so den Schiffsverkehr blockierten, begleitete die Tauch-Aktion. Die entnommene Abwasserprobe wurde im bordeigenen Labor des Greenpeace-Schiffes "Beluga" analysiert - um aufzudecken, was Chemiemanagern und ihren behördlichen Kontrolleuren in Nordrhein-Westfalen noch immer als "Betriebsgeheimnis" gilt: die alltägliche, behördlich genehmigte Vergiftung von Europas wichtigstem Strom.
Sie ist, das bestätigte die spektakuläre Stichprobe, noch schwerwiegender als alle Un- und Störfälle der letzten Zeit und mithin das eigentliche Hindernis auf dem (Rück)Weg zu sauberen Gewässern: Stündlich wird das Bayer-Werk beim Stromkilometer 703, also bei nur einem seiner insgesamt fünf "Auslässe", 3,5 Millionen Liter Abwasser los. 60 Tonnen Chemikalien und Schmutzfracht aller Art sind darin enthalten, darunter krebserregende chlorierte Kohlenwasserstoffe, nicht selten in Konzentrationen von "Störfall-Qualität" (Greenpeace).
Kein Problem allerdings für Bayer-Sprecher Wolfgang van Loon, der darauf hinwies, daß all die giftigen Stoffe im Rhein schließlich durch das Flußwasser auf ein Mikrogramm (Millionstel Gramm) pro Liter verdünnt und folglich ungefährlich würden. Doch die Zeit der Verdünnungsphilosophie nähert sich ihrem Ende. Denn trotz einiger hundert großer und kleiner Kläranlagen längs des Rheins, trotz einer Flut von Umweltgesetzen, trotz drei verschiedener Rheinschutz-Kommissionen und wohlfeiler Erklärungen der Umweltminister aller Rheinanlieger gilt noch immer: Zuviel Gift schwimmt den Rhein hinunter. Nur bis zur holländischen Grenze waren es im Jahr 1985: *___etwa eine Million Tonnen organischer Chemikalien, die ____sich biologisch nur schwer oder gar nicht abbauen, *___31000 Tonnen Ammonium, *___28000 Tonnen Phosphor, *___3840 Tonnen Schwermetalle und *___etwa 3000 Tonnen chlorierter Kohlenwasserstoffe, davon ____mindestens 40 Tonnen Nervengifte.
Insgesamt, so schätzen Fachleute, schwimmen über 100000 verschiedene Substanzen im Rheinwasser, nur einige tausend davon sind in ihrer chemischen Struktur exakt bekannt. Und wiederum nur einige hundert lassen sich mit den gängigen Methoden überhaupt im Wasser analysieren. Noch weniger ist bekannt
darüber, was das Stoffgemisch auf Dauer im Öko-System anrichtet - und im menschlichen Körper.
Längst ist nicht mehr sichergestellt, daß die bekannten und unbekannten Abkömmlinge des chemischen Fortschritts nicht in das aufbereitete Trinkwasser gelangen, mit dem rund 20 Millionen Menschen aus dem Rhein versorgt werden. So fanden Wissenschaftler der holländischen Wasserwerke im sogenannten Uferfiltrat, also im Grundwasser, das nahe dem Rheinufer entnommen wurde, rund 600 organische Chemikalien. Mindestens 20 davon gelten als krebserregend. Und selbst nach der - in längst nicht allen Rheinwasserwerken praktizierten - Aktivkohlefilterung konnten die Forscher noch sieben krebserregende Stoffe nachweisen _(1,1-Dichlorethylen, ) _(1,2-Dichlorethan, Trichlorethylen, ) _(Tetrachlorethylen, Trichlormethan, ) _(Tetrachlormethan und Benzol. )
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Wohl wiesen die Trinkwasser-Experten ausdrücklich darauf hin, daß die gemessenen Konzentrationen noch nicht als gefährlich gelten. Tests mit Bakterienstämmen verliefen gleichwohl alarmierend: In allen untersuchten Proben ergaben sich Hinweise auf eine mögliche erbgutschädigende Wirkung.
Immer aufwendiger werden deshalb die Methoden, mit denen die Wasserwerke versuchen, das Risiko für ihre Kunden kleinzuhalten. Das trieb deren jährlichen Investitionsbedarf seit 1970 von 1,2 auf derzeit 2,4 Milliarden Mark in die Höhe. Bei den laufenden Kosten schlagen allein die notwendigen regelmäßigen Filterwechsel mit einigen hundert Millionen Mark pro Jahr zu Buch.
Klassisches Beispiel für den gestiegenen Aufwand ist das Kölner Wasserversorgungsunternehmen "GEW". Lange schon können sich die Kölner nicht mehr auf die reinigende Wirkung von einigen hundert Meter Uferboden verlassen. So investierte das Unternehmen in den vergangenen Jahren 40 Millionen Mark in Aktivkohlefilteranlagen. Doch damit nicht genug: Zusätzlich kauften die Wasserwerker für 20 Millionen Mark fast 600 Hektar Land. Nachdem das Rheinwasser rund drei Monate vom Rhein zu den Uferbrunnen gewandert ist, muß es nun noch zusätzlich sechs Kilometer in den Kölner Norden gepumpt werden.
Riesige "Verdüsungsanlagen" verrieseln dort den vergifteten Lebenssaft auf den wasserwerkseigenen Wiesen. Und erst wenn das Naß nach weiteren eineinhalb Jahren den filtrierenden Boden bis zur Grundwassersohle durchströmt hat, holen gewaltige Pumpen es als Leitungswasser für Köln wieder nach oben.
Das "Dramatische" an der Situation, erklärte GEW-Sprecher Wolfgang Ludemann, "ist die Zangenbewegung des Gifteintrags, mit der wir kämpfen": Neben den Chemikalien im Uferwasser droht von der anderen Seite das schmutzige Ende der chemisierten Landwirtschaft
- Düngemittel- und Pestizid-Reste sickern in den Grund. Die meist noch praktizierte Vermischung von belastetem Rheinwasser mit scheinbar sauberem Grundwasser ist vielerorts nicht mehr problemlos möglich.
Eines Tages auch könnte der Ufergrund des Rheins mit Giften gesättigt sein und die Fähigkeit verlieren, die überwiegende Menge der schädlichen Stoffe zurückzuhalten. So mußte etwa der rheinland-pfälzische Umweltminister Klaus Töpfer vergangene Woche einräumen, daß in 41 von 62 untersuchten Rheinwasserbrunnen das Pflanzengift Atrazin gefunden wurde. Es gelangt zu etwa gleichen Teilen aus dem Maisanbau und den Abwasserrohren des Schweizer Konzerns Ciba-Geigy ins Rheinwasser. In 21 Fällen habe die Konzentration über dem von 1989 an geltenden Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter gelegen. Erst jetzt, so erfuhren die Rheinland-Pfälzer aus Töpfers Ministerium, sollen auch die dortigen Wasserwerke mit Aktivkohlefiltern ausgerüstet werden.
Ob damit aber stets und überall die strengeren neuen Grenzwerte eingehalten werden können, ist mehr als fraglich. Man kann nämlich nicht", so der Kölner Wasserchef Hansgeorg Winter, "aus jeder Brühe gutes Wasser machen."
Doch von den Sorgen der Wasserwerker scheinen die Chemiegewaltigen nur mäßig beeindruckt. So fiel dem Chef des Darmstädter Chemiekonzerns Merck und Vorsitzenden des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Joachim Langmann, in der Woche vor Weihnachten nichts Besseres ein, als über den "politischen Einfluß" zu spekulieren, unter dem die kommunalen Wasserunternehmen stünden. Womöglich, so Langmann, seien die Brunnen am Rheinufer nach dem Unfall bei Sandoz "aus politischen Gründen" abgeschaltet worden.
BASF-Regent Hans Albers, verantwortlich für jährlich 240 Millionen Kubikmeter Abwasser und somit den zweitgrößten bundesdeutschen Beitrag zur Giftfracht des Rheins, hielt die Abschaltungen von Brunnen nach der Einleitung von zwei Tonnen Pflanzengift Ende November aus seinem Werk gar für "ungerechtfertigt". Seinen rüden Umgang mit den Sorgen der Bürger entschuldigte er mit seinem "naturwissenschaftlichen Verständnis". Dem Nichtfachmann seien die Mengenverhältnisse bei Abwassereinleitungen eben nicht klar.
Das könnte sich ändern. Etwa dann, wenn öffentlich ruchbar wird, daß die größten und modernsten Chemiefabriken der Welt ausgerechnet beim Abwasser um Jahre hinter den Notwendigkeiten herhinken. Bislang begnügt sich die bundesdeutsche Chemieindustrie hauptsächlich mit dem selbstgefälligen Hinweis auf die vielen Kläranlagen, die seit Anfang der siebziger Jahre errichtet worden sind.
Drei Viertel der gesamten Schmutzfracht, die noch 1976 in den Main geleitet wurde, so rühmt sich der Hoechst-Konzern, würden heute mit Hilfe von Myriaden von Bakterien in den sogenannten Biohochreaktoren zurückgehalten. 75 Prozent der bösartigen chlorierten Kohlenwasserstoffe in den Produktionsabwässern, verkündete ein Sprecher der BASF-Zentrale in Ludwigshafen, würden im Klärschlamm festgehalten. Was übrigbleibt, ist mehr als genug.
Denn viele Stoffe entziehen sich einfach der bakteriellen Verdauungsarbeit. Untersuchungen des Karlsruher Engler-Bunte-Instituts in den Kläranlagen von fünf Chemiewerken ergaben, daß 50 bis 60 Prozent der am Ablauf noch vorhandenen Substanzen "nicht oder nur schwer abbaubar" sind. Der Anteil der häufig krebserregenden chlorierten Verbindungen schwankte zwischen 20 und 60 Prozent. Gemeinsam bringen es deshalb allein die fünf Hauptwerke von Bayer, BASF, Hoechst, Merck und der deutschen Ciba-Geigy auf ein Fünftel der gesamten Belastung des Rheinwassers mit diesen "aus hygienischer Sicht problematischen" Verbindungen.
Statt die Kunden der Wasserwerke für teure Aufbereitungsmaßnahmen bezahlen zu lassen, wäre es nur recht und billig, schon am Ort der Produktion den rheinischen Giftcocktail zu entschärfen.
Lösemittel könnten zurückgewonnen, Produktionsverfahren umgestellt, Giftstoffe in Aktivkohlefiltern zurückgehalten werden. Allein die Filterung, so ergaben Experimente des Karlsruher Wasserchemikers Heinrich Sontheimer, könnte den Gifteintrag der Chemiewerke um rund 90 Prozent reduzieren.
Die Kosten wären sicher enorm. Zudem würde, wie schon bei Einführung der Kläranlagen, das Giftproblem großenteils nur verlagert. Schon jetzt gibt es keine Lagerplätze mehr für die jedes Jahr anfallenden Millionen Tonnen verseuchten Klärschlamms. Für weitere Filterkuchen oder auch nur die Asche der Verbrennungsanlagen, in denen die Aktivkohle verbrannt werden müßte, fehlt es an Platz: Gesucht sind deshalb nicht nur neue, abwasserarme Techniken, gesucht sind vor allem neue, ungiftige Produkte.
Doch von beidem, so scheint es heute, trennen die Chemieindustrie noch Jahrzehnte. Gerade in den großen Chemiezentralen längs des Rheins, Standort eines Fünftels der gesamten westeuropäischen Chemieproduktion, stehen die Abwassertechniker noch am Anfang.
"Geschlossene Systeme", wie sie etwa der Cuxhavener Fischer Eckard Lehmann zum Schutze des Berufsstandes der Küsten- und Flußfischer fordert, stehen dem Prinzip der meisten Chemieanlagen diametral entgegen. Der überwiegende Teil funktioniert noch immer nach dem Kochtopfprinzip, bei dem unter hohem Druck und bei hohen Temperaturen Substanzen gemischt und Produkte kesselweise erzeugt werden. Beim anschließenden Großreinemachen entsteht ein Großteil der Abwässer. Zumeist fließen sie in das schier unendliche, ein Jahrhundert lang gewachsene Kanalisationssystem der Werke. Dort mischen sie sich mit den Abwässern von mal zehn, mal 1000 anderen Anlagen. Die enthaltenen Substanzen reagieren
miteinander, bilden neue und zerfallen wieder. Ganz am Ende steht zumeist die Kläranlage, wo das Gebräu in Tonnenquantitäten mit Bakterienschlamm vermischt wird, in der Hoffnung, die kleinen Tierchen werden es schon richten.
"Doch was das ist, was da fließt", bekannte ein Techniker der fünftgrößten Klaranlage der Welt bei der BASF, "das weiß nur der liebe Gott." Denn am Ende des Abwasserstroms ist auch das "naturwissenschaftliche Verständnis", auf das BASF-Chef Albers so stolz ist, am Ende. So heißt es verräterisch in einem als "vertraulich" gestempelten internen Abwasserbericht der Ludwigshafener: _____" Einige Einzelstoffe im Zulauf und Ablauf der " _____" Klaranlage werden regelmäßig bestimmt. Die Auswahl.., " _____" ergibt sich aus der Möglichkeit, sie analytisch zu " _____" erfassen. Es ist möglich daß andere Einzelsubstanzen in " _____" höhere; Konzentration vorhanden sind. "
Sind die Kenntnisse über die Schmutzflut schon am Ort der Entstehung dürftig - bei den Kontrollbehörden sind sie oft gar nicht vorhanden.
Bis heute gibt es keine allgemeingültigen Regeln, Richt- oder Grenzwerte für Chemieabwässer. Jede Werksleitung handelt die für sie gültigen "Erlaubnisbescheide" mit den Behörden einzeln aus. Meist steht dann ein halbes Dutzend Beamte einer ganzen Schar von Konzern-Chemikern und -Technikern gegenüber. Zudem müssen haufig Bauingenieure oder Juristen über Anlagen und Zusammenhänge entscheiden, über die sie sich allenfalls in mühsamer Heimarbeit die notwendigen Kenntnisse aneignen könnten.
Von bundesweiter Zusammenarbeit kann schon gar nicht die Rede sein. So haben etwa die Mitarbeiter des Freiburger Regierungspräsidiums keine Ahnung von den Grenzwerten, die ihre Kölner Kollegen den Verwaltern des Bayer-Abwassers abhandeln und umgekehrt. Und noch immer gibt es in der ganzen Republik keine Behörde, die systematisch die Daten über die wichtigsten Großverschmutzer des Rheins sammelt. Im Zeitalter der Datenverarbeitung hantieren die Beamten allerorts mit unhandlichen Aktenbergen. Den jeweils aktuellen Stand der Genehmigungsverfahren wissen immer nur einzelne Spezialisten, und auch das, so ergaben SPIEGEL-Recherchen, oft erst nach mehrtägiger Suche.
Bezeichnend waren die Auflagen, die Hessens grüner Umweltminister Joschka Fischer dem Hoechst-Konzern im Frühjahr dieses Jahres bescherte. Fischers Beamte hatten eine vollständige Kartierung des Hoechst-eigenen Kanalnetzes und der darin fließenden "Abwasserteilströme" gefordert. Außerdem erteilten sie den Chemikern im Frankfurter Westen die Auflage, doch bitte schön die Kanäle für Schmutzwasser von denen für Kühlwasser konsequent zu trennen. Letzteres fließt ungeklärt in den Main zurück - und nimmt bisher noch stets ein paar Chemikalienreste mit. Ohnehin gleicht, was als "Erlaubnis" für Abwassereinleitung erteilt wird, nur zu oft einem Blankoscheck. Begrenzt sind meist nur sogenannte Summenparameter. So werden mit dem sogenannten BSB5-Wert summarisch all jene Stoffe erfaßt, die innerhalb von fünf Tagen durch Bakterien "biologisch abbaubar" sind. Ein Wert für "CSB" gibt den Sauerstoffbedarf an, der bei Verbrennung der gesamten im Schmutzwasser enthaltenen Fracht anfallen würde. Erst in den letzten Jahren traten noch die "adsorbierbaren organischen Halogenverbindungen" (AOX) hinzu, mit denen ein großer Teil der höhergiftigen Substanzen erfaßt wird.
Doch längst nicht überall haben die Behörden Auflagen für "AOX" durchgesetzt. In Nordrhein-Westfalen, ohnehin Schlußlicht bei der Reinhaltung des Rheins, sind lediglich für das Bayer-Werk in Leverkusen entsprechende Grenzwerte eingeführt. Aus den übrigen Rohren sprudelt, was gerade so anfällt.
Begrenzungen werden ohnehin oft erst dann ausgesprochen, wenn ein Stoff ins Gerede gekommen ist. So halbierte das Mainzer Umweltministerium den Grenzwert für Dichlorisobutylether im BASF-Abfluß erst, als holländische Wasserwerker hohe Werte davon im Rheinwasser meldeten.
Jüngstes Beispiel ist das BASF-Produkt Metazachlor: Als der Stoff im Zuge der Untersuchungen nach dem Sandoz-Unfall mit hohen Konzentrationen auffiel, ließ der rheinland-pfälzische Umweltminister Klaus Töpfer die erlaubte Menge von 60 auf 30 Kilogramm täglich zurückzuschrauben. Zu spät: Vier Wochen später fanden seine Beamten das Zeug in den landeseigenen Grundwasserbrunnen am Rheinufer.
Noch schlimmer steht es um die internationale Zusammenarbeit der Rheinanlieger. Bis heute gelang es der "Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins" (IKSR) nicht, sich wenigstens auf vergleichbare Meßmethoden und -werte bei der Schmutzfracht zu einigen. Nach einer Liste der Verschmutzer und der Daten über die wichtigsten Substanzen befragt, bekannte IKSR-Sekretär Johan Goppel nur: "Das haben wir mal versucht, aber die Daten gibt es nicht."
Daß von dem "gläsernen Abflußrohr", wie es die Umweltschützer fordern, noch längst nicht die Rede sein kann, daran wirken in gutdeutscher Kleinlichkeit auch ganze Heerscharen von Beamten mit: Vielerorts wachen sie eifersüchtig über die sogenannten Wasserbücher, eine "Einrichtung aus der Wassermühlenzeit", wie es der Freiburger Wasserbeamte Stefan Brand umschrieb: Wie in einem Grundbuch sollen dort alle rechtsgültigen Erlaubnisse für Wasserentnahme und Abwasserbeseitigung verzeichnet sein. Doch zumeist sind die Bücher nicht auf dem neuesten Stand, und nur in Hessen darf die Öffentlichkeit
ungehindert Einsicht nehmen.
Von "feudalstaatlichen Verhaltensweisen des vorigen Jahrhunderts" sprachen denn auch engagierte Umweltschützer wie der Wissenschaftspublizist Hoimar v. Ditfurth anläßlich eines "Internationalen Rhein-Tribunals", bei dem Mitte Dezember im Dreiländereck bei Basel die "kriminellen Konzernleitungen" angeprangert wurden. Aufgestört durch die wachsende Beunruhigung der Rhein-Anwohner gibt sich selbst Bonns Umweltminister Walter Wallmann nun ein bißchen radikal.
Was den Grünen vor einem Jahr noch den Vorwurf einbrachte, sie wollten das Industriesystem zerstören, ist seit neuestem christdemokratisches Programm. "Einschneidende Maßnahmen" kündigte Wallmann den Chemiebossen an: Produktionsverbote und -einschränkungen und sogar das "gläserne Abwasserrohr" schrieb er auf die Wahlkampffahnen der Union.
"Grundsätzlich", so Wallmann in der Hamburger "Zeit", sei er bereit, die Unternehmen zu zwingen, offenzulegen, womit sie die Gewässer verschmutzen. Auch eine betriebsunabhängige Überwachung der Industrie solle eingeführt werden.
Käme es dazu, dann wäre Schluß mit dem Privileg der Selbstkontrolle in der Chemieindustrie, das Ökologen aller Couleur schon immer für einen Irrweg der Umweltpolitik hielten.
Hartnäckiger als bisher wollen auch die Wasserwerker längs des Rheins ihre Belange vertreten. Als Wallmann am Freitag vor Weihnachten zur Sonderkonferenz der Umweltminister der Rheinanlieger nach Rotterdam reiste, hatten er und seine Kollegen deren Forderungen schon in der Tasche: Wenigstens jene 129 Stoffe, die schon vor zehn Jahren auf eine vorläufige "schwarze Liste" der EG gesetzt worden waren, will die "Internationale Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke im Rheineinzugsgebiet" jetzt verboten sehen.
Im übrigen, so der von allen drei Präsidenten des Verbandes unterschriebene Brief, "hat auch die Technik der Trinkwasseraufbereitung ihre Grenzen. Toxische Stoffe gehören nicht ins Trinkwasser und sollten deshalb auch nicht im Rohwasser vorkommen". Konsequenz: "Daher erheben wir die grundsätzliche Forderung, daß alle anthropogenen (von Menschen hergestellten) toxischen Stoffe dem Rhein und seinen Nebengewässern ferngehalten werden."
Daß Westdeutschlands Chemiegiganten darüber noch nicht einmal nachzudenken bereit sind, wurde deutlich bei einer Pressekonferenz, die BASF-Chef Albers nach dem Sandoz-Unfall gab. Die Frage, ob es eines Tages möglich sein werde, keine Giftstoffe mehr in den Rhein zu leiten, beschied er lapidar: "Das schafft keine Kläranlage."
[Grafiktext]
Die Last im Rhein Bisher bekanntgewordene Rheinbelastung durch industrielle Abwasser pro Jahr (ohne Störfälle) Abwasser in Millionen Kubikmeter Schmutzfracht (angegeben in chemischem Sauerstoffbedarf in Tonnen) davon schwer abbaubar, in Prozent (Stoffe, die nicht innerhalb von fünf Tagen natürlich abgebaut werden) Anteil der schwer abbaubaren Substanzen nicht bekannt Giftige Chlorkohlenwasserstoffe in Tonnen genehmigte Einleitungen; alle übrigen Angaben: tatsächliche Einleitungen (die genehmigten Einleitungen sind zumeist höher als die tatsächlichen) Über einige Betriebe (z.B. Bayer Uerdingen, Chemische Werke Hüls) sind z.Zt. noch keine Angaben bekannt NIEDERLANDE BUNDESREPUBLIK FRANKREICH BAYER Leverkusen, Flittard, Dormagen Genehmigungen bis 1. 1. 84 PWA Papierwerke Mannheim (Firmenangabe) BASF Ludwigshafen Cellulose de Strasbourg Rhone-Poulenc Chalampe ROHM & HAAS Lauterburg CIBA-GEIGY, HOFFMANN-LA ROCHE, SANDOZ (grenznahe Betriebe) So stirbt der Rhein Verunreinigungen im Rhein durch "Störfälle" seit 1983 Zeitpunkt chemische Substanzen Verursacher 1983 20. Jan. 1,2 Tonnen Nitrobenzol Bayer-Leverkusen 28. Jan. 90 Kilogramm Nitrobenzol Bayer-Leverkusen 9. Aug. 760 Kilogramm Chlornitrobenzol Bayer-Leverkusen 13. Sept. Butylkresol Bayer-Leverkusen 23. Nov. 1000 Kilogramm Dichlorbenzol Bayer-Leverkusen 2. Dez. 800 Kilogramm Dichlorethan Bayer-Leverkusen 19. Dez. 1000 Kilogramm Triethylamin Bayer-Leverkusen 22. Dez. Isobutylether BASF 1984 9. - 15. Mai Nitrobenzol BASF 29. Mai 750 Kilogramm Phenetidine Bayer-Leverkusen 17. Juni 18,5 Tonnen ortho-Anisidin (krebserz.) Bayer 5. Juli 100 Kilogramm Astrazon (?) Bayer-Leverkusen 13. Sept. 2 Tonnen Dibutylformamide BASF 17. Dez. mehrere Tonnen Bis-Chlor-Isobutylether BASF 1985 2. Jan. 18 Kubikmeter Natronlauge Mannesmann 22. Mai 2,5 Tonnen Methylanilin Bayer-Leverkusen 14. Aug. 6 Tonnen Nitrotoluol Bayer-Leverkusen 1986 16. April 4 Tonnen Dimethylethylenphenylethalamin Bayer-Leverkusen 25. Juni 8 Tonnen Dichlorethan BASF 20. Aug. 250 Kilogramm Dichlorethan BASF 12. bis 14. Okt. mehrere Tonnen Chlorbenzol Bayer-Leverkusen 31 Okt. 400 Liter Atrazin Ciba-Geigy 1. Nov. rund 30 Tonnen Agrochemikalie Quecksilberverbindung Sandoz 7. Nov. große Menge Giftwasser (2. Welle) Sandoz 12. Nov. ein Liter Chlorbenzol Hoechst 21. Nov. 2000 Liter 2.4-Dichlor phenoxy-Essigsäure BASF 25. Nov. 100 Liter Chlormetakresol Bayer-Uerdingen 26. Nov. 800 Liter Methanol Bayer-Leverkusen 28. Nov. 2 Tonnen Ethylenglykol BASF 2. Dez. 5000 Liter Kunststoffemulsion Lonza 17. Dez. 5000 Kilogramm Cyclohexanon BASF Außerdem 20 bis 25 "Störfälle", bei denen die Verursacher unbekannt sind. Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Rhein- und Maaswasserversorgungsunternehmen
[GrafiktextEnde]
1,1-Dichlorethylen, 1,2-Dichlorethan, Trichlorethylen, Tetrachlorethylen, Trichlormethan, Tetrachlormethan und Benzol.

DER SPIEGEL 1/1987
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