04.05.1987

„Zur höheren Ehre der Phantasie“

Der Wiener Kulturunternehmer Andre Heller verwirklicht seine Kindheitsträume. Nach Theater und Zirkus, Variete und Feuerwerk baut er nun einen Rummelplatz, „wie es ihn noch nie gab“. Namhafte Künstler wirken dabei mit, ein Hamburger Großverlag übernimmt die Kosten des Heller-Projekts: rund zwölf Millionen Mark. *
Aus den Lautsprechern im Zuschauerraum der bunt bemalten Schaubude plärrt der Radetzky-Marsch. Zwei Herren betreten die Bühne, begrüßen das Publikum und bitten um äußerste Ruhe für ihre erste Nummer.
Dann wenden sich die beiden ab, und die Schaulustigen erkennen, daß hinten an den Beinkleidern der Künstler just jener Teil kurz unter dem Hosenbund ausgespart blieb, der gemeinhin als der wichtigste gilt.
"Das sind unsere Instrumente", erklärt das Duo die blanken Backen, zwängt dieselben behutsam durch zwei Löcher in den aufgestellten Paravents und beginnt, in voller Blöße den Hymnus aus Beethovens 9. Symphonie zu intonieren, allein durch kontrollierte Muskelkontraktion und völlig geruchsfrei. Jetzt wissen die Zuschauer, warum die Jahrmarktsbude ihren Namen trägt: "Palast der Winde".
Draußen vor dem Eingang streitet sich derweil ein Ehepaar. Fluchend, schreiend und prügelnd wälzen sich schließlich beide am Boden. Mit einer Handtasche drischt die wütende Frau auf ihren um Hilfe flehenden Mann ein. Wer sich angesichts solcher Szenen dennoch binden will, wird im "Hochzeitspavillon" um die Ecke bedient: mit Schnelltrauungen ohne Ausweis und Bürgen, ohne Garantie, aber mit Heiratsurkunde. Abgefertigt wird jeder, der will, auch die ältere Dame, die ihren Wolfshund, der fünfjährige Knirps, der seine Großmutter ehelichen will.
Ein paar Meter weiter werden Männer von Würmern zerfressen, mit Schiffstauen gefesselt oder gar scheibchenweise zerstückelt und gequält.
Die musikalischen Kunstfurzer und munteren Kuppler, die prügelnden Streithähne und die Sado-Masos sind allesamt Teil einer bizarren Inszenierung, mit der sich der Wiener Allround-Artist Andre Heller zurückmeldet auf der Bühne der Absonderlichkeiten. "Luna Luna" heißt sein neuestes Spektakel, das vom 3. Juni an die Hamburger Moorweide mehrere Wochen lang in ein "Territorium der Überraschungen" verwandeln soll.
Auf dem Freigelände mitten im Stadtzentrum zwischen Dammtorbahnhof und Alster plant Heller einen neuerlichen Anschlag auf alle gängigen Kulturkriterien und deren Gralshüter, die von ihm so verachteten "Ärmelschoner überkommenen Feuilletondenkens".
Unter dem Motto "Ein schönes, sinnliches Vergnügen" baut Heller einen Rummelplatz der Skurrilitäten und Sensationen. Auf insgesamt 17000 Quadratmetern sollen, rundum eingezäunt, bis zur Pfingstwoche Karussells und Schießbuden, Gruselkabinette und Geisterbahnen, Riesenrad und Schiffsschaukel errichtet werden (siehe Graphik Seite 241). Dutzende von Animateuren, zumeist Schauspieler wie das prügelnde Ehepaar, sollen Straßentheater machen und die Besucher an die einzelnen Attraktionen heranführen.
Ortsansässige Schausteller, die sich wegen "Luna Luna" um den Absatz von Bratwürsten und Fischbrötchen sorgen, leere Achterbahnen und Auto-Scooter befürchten, betrachten den neuen Kollegen aus Österreich mit verständlichem Argwohn. Andre Heller suchte das Mißverständnis aufzuklären: Nicht um Kommerz gehe es ihm, sondern um Kunst, "zur höheren Ehre der Phantasie". "Luna Luna", behauptet der Selbst- und Sensationsdarsteller Heller, sei "eine in der Geschichte der Kunst beispiellose Arbeit von über 30 der einflußreichsten lebenden Meister der Malerei, Plastik, Musik und Literatur".
Während Heller bei früheren Projekten ("Circus Roncalli", "Flic Flac", "Feuertheater") den Ruhm am liebsten allein einheimste und nur ungern Stars neben sich duldete, hat er dieses Mal eine illustre Mannschaft verpflichtet: *___Amerikas Pop-Art-Protagonist Roy Lichtenstein schuf für ____"Luna Luna" ein Glaslabyrinth mit Außenfassaden im ____typischen, geometrischen Lichtenstein-Look; *___der todkranke Salvador Dali steuerte einige weibliche ____Akte bei, die, auf riesige Spiegel gemalt, im ____"Dali-Dom" gezeigt werden; *___Hans Magnus Enzensberger hat Texte versprochen, die von ____einem Roboter verlesen werden sollen; *___der amerikanische Jazztrompeter Miles Davis komponierte ____mehrere Musikstücke; *___Frankreichs Art-deco-Denkmal Erte stattet die Schaubude ____"Mysterium Cagliostro" aus.
Die Idee, Kunst auf den Rummelplatz zu tragen, liege nahe, meint Heller. Schließlich sei ein Karussell eigentlich ohnehin bloß "eine drehbare Skulptur, eine Geisterbahn nichts anderes als ein Museum für Bilder und Reliefs".
Statt, wie bei Ausstellungen üblich, einfach Werke aus dem OEuvre der Künstler zusammenzutragen, verlangte Heller (bis auf wenige Ausnahmen) neue Arbeiten, die eigens für "Luna Luna" geschaffen wurden. Während einige Maler und Bildhauer anreisten, um selbst Hand anzulegen, schickten andere ihre Entwürfe nach Wien, wo ein Spezialistenteam aus Technikern und Theatermalern, Tischlern und Architekten die Arbeiten ausführte. Erst nachdem alle Änderungswünsche und Korrekturen berücksichtigt waren, autorisierten die Künstler ihre Beiträge.
Das Open-Air-Konzept mit Kunst auf der grünen Wiese, erkannte Hamburgs Kunsthallen-Direktor Werner Hofmann, könnte ein Knüller werden. "So sieht vielleicht das Museum der Zukunft aus", urteilt Hofmann über Hellers innovative Budenstadt, die den Qualitätsansprüchen von Kunstkennern ebenso gerecht werden kann wie den Unterhaltungswünschen der gewöhnlichen Leute.
So entwarf der New Yorker Kenny Scharf, Spezialist für schräge Motive und schrille Farben, ein knallbuntes Kettenkarussell,
auf dessen Spitze sich ein breit grinsendes, sechsäugiges Monster mit Knollennase dreht. Scharf malte in einer Wiener Werkhalle mehr als 100 Einzelbilder, die rundum am Karussell montiert werden. Sogar die schmalen Holzleisten für die obligatorischen Glühbirnen pinselte er penibel an. Und weil es ihm soviel Spaß machte, schuf Scharf gleichsam als Zugabe auch noch sechs jeweils gut zwei Meter hohe Comic-Skulpturen, die in schwarzen Schaukästen vor dem "Kettenflieger" postiert werden sollen.
Mindestens ebenso ausgefallen ist das futuristische Fahrgeschäft mit ausgeflippten Tierfiguren von Keith Haring, der jahrelang die New Yorker U-Bahn-Schächte mit Hilfe von Spraydosen in Graffiti-Galerien verwandelte, was ihm mehrere Festnahmen einbrachte. Seine typischen Strichmännchen malte er auf acht sogenannte "Erzählungswände" die rund um das Karussell aufgestellt werden sollen.
Für seine zeitaufwendigen "Luna Luna"-Arbeiten kassierte Haring rund 30000 Mark, eine Summe, die Sammler sonst für ein einziges seiner Bilder zu zahlen bereit sind. Auch Dali oder Lichtenstein deren Werke nicht selten zu sechssteiligen Summen gehandelt werden, akzeptierten für ihre Mitarbeit an dem Rummelplatz das gleiche Honorar wie Haring.
Daß sich die verhätschelten Superstars des internationalen Kunstmarktes, darunter auch der in Los Angeles lebende englische Maler David Hockney, der Schweizer Daniel Spoerri und Amerikas Underground-Aufsteiger Jean Michel Basquiat, mit so vergleichsweise geringen Gagen zufriedengeben, ist Hellerscher Überredungskunst zuzuschreiben.
"Keiner hat nein gesagt", resümiert "Luna Luna"-Initiator Heller das Ergebnis seiner monatelangen Akquisitionstour durch mehrere Länder: Mit Wiener Schmäh, mit Charme und Chuzpe beschwatzte er die Künstler, bis sie einwilligten, an einem "Rummelplatz, wie es ihn noch nie gab" mitzuwirken.
Der Mann ist ein genialer Impresario", findet der Schriftsteller Enzensberger; das Projekt kommt ihm "sehr amüsant" vor. Zumal in der Bundesrepublik "die ja nur Kulturreferenten hervorbringt", sei es dringend erforderlich, herkömmliche Kunst-Klischees endlich aufzubrechen. "Unterhaltung", so Enzensberger, "ist in Deutschland immer noch ein schreckliches Verbrechen für jeden ernsthaften Künstler."
An seine Rolle als Prügelknabe von Feuilletonisten hat sich Heller längst gewöhnen müssen, obwohl er schon seit zwanzig Jahren fest daran glaubt, "selber Künstler zu sein". Die "Welt" attestierte ihm "reine Stillosigkeit", die "FAZ" mäkelte, er mache "Anleihen bei jedem verfügbaren geistigen Kapital" und streiche "auch noch die Zinsen dafür
"Mein Triumph ist bereits die Tatsache meiner bloßen, ungebrochenen Existenz", tröstet sich der Fundi unter den Phantasten. Aber die Medien-Schelte schmerzt. "Figuren wie ich", klagt Heller, "haben im deutschen Sprachraum keine Tradition." Deshalb hätte er "Luna Luna" auch lieber in Paris, Tokio oder New York präsentiert, statt sich mit seiner Freiluftveranstaltung auf das Risiko eines nassen Hamburger Sommers und skeptisch unterkühlter Hanseaten einzulassen. Aber den Standort in Deutschlands feuchtem Norden bestimmten allein seine Geldgeber.
Zehn Jahre lang hatte Heller seine "Weltausstellung der Phantasie" vergebens angepriesen. Zwar fanden Kulturbeamte und Bürgermeister diverser Städte, darunter auch München, Gefallen an dem aberwitzigen Plan. Doch spätestens wenn der "poetische Anarchist" (Heller über Heller) seinen Bewunderern die Kosten vorrechnete zuckten die Interessenten zurück.
Alle Anstrengungen des Wiener Kunstunternehmers, die ambulante Budenstadt als Abschreibungsobjekt für Geldanleger zu vermarkten oder ein Großunternehmen (etwa die Kaffeeröster Tchibo) als Finanzier zu gewinnen schlugen fehl. Enttäuscht von der Ignoranz all dieser "Missionare des Alltäglichen" (Heller), machte sich der einstige Liedermacher und gescheiterte Schauspieler auf die Suche nach "möglichen Wundern" schlichterer Art.
In Berlin und Graz pflanzte er Blumenbilder mit Sinnsprüchen aus Blüten und Blattgrün ("Mißtraue der Idylle!") die am besten vom Hubschrauber aus zu bewundern sind. In seinem Haus im Wiener Vorort Hietzing schrieb er Gedichte und Kurzgeschichten ("Das zerrissene Märchen"). Aus dem Fernen Osten importierte der Gemischtwarenhändler für Kunst & Kommerz eine Akrobatenschau mit 60 Chinesen, die ihre "begnadeten Körper" (Show-Titel) wochenlang vor vollen Sälen zur Schau stellten.
Das war auch finanziell ein voller Erfolg", erinnert sich Tourneemanager Heller. Als die Show (für 750000 Mark Gage) auch noch ins Abendprogramm des Ersten Deutschen Fernsehens aufrückte, wurde er von Burdas "Bunter" obendrein noch mit einem "goldenen Bambi" bestraft.
Erst im Herbst 1985, gut elf Jahre nach der ersten Idee, kam Hellers Projekt
einer Wunder-Welt aus Jahrmarktsständen, Karussells und schrägen Typen endlich in Gang. Eine deutsche PR-Agentur meldete dem Wiener Impresario: Der Hamburger Bauer-Verlag ("Neue Revue", "Quick", "Playboy", "Auto Zeitung") sei überraschend bereit, "Luna Luna" zu realisieren.
Mißtrauisch reiste Heller an, um sein Expose abzugeben. "Warum sollten ausgerechnet diese Leute dafür Geld ausgeben?" fragte er sich und andere. Die Antwort fand er auch bei den Bauer-Managern nicht. Aber sie machten die Kasse auf: Rund zwölf Millionen Mark spendierte der Verlag für ein Projekt von dem bei Vertragsabschluß nicht einmal sicher war, ob auch nur ein einziger namhafter Künstler daran mitwirken würde.
Bauers Bedingungen: Die Premiere muß am Firmensitz in Hamburg stattfinden, und die Illustrierte "Neue Revue", ein Bilderblatt voller Busen, Küchentips und Kriminalgeschichten, wird zum offiziellen Sponsor befördert, dessen Logo auf alle Ankündigungen, Plakate und Eintrittskarten gedruckt werden muß.
Ob die großzügige Spende für Hellers Hirngespinste vom eigenwilligen Verleger Heinz Bauer, 47, stammt, der seine Termine jahrelang am liebsten im VW-Bus ansteuerte und an der Hamburger Universität Betriebswirtschaft studiert, oder ob die Verantwortlichen im Verlag tatsächlich daran glauben, durch ihr Mäzenatentum an Auflage zu gewinnen, blieb bislang unklar. "Wir waren spontan von der Idee fasziniert", erklärt Richard Mahkorn, Chefredakteur der "Neuen Revue". Darum habe man kurzerhand beschlossen: "Wir machen das."
Mit Bauers Millionen legte der Wiener Schausteller richtig los. Zunächst aktivierte er seine Kaffeehausfreunde in der Hauptstadt und einige weitere Österreicher. Friedensreich Hundertwasser malte ein Plakat; Christian Ludwig Attersee Erfinder so bedeutender Gebrauchsgegenstände wie des "Suppenschwammlöffels" und des "Hundebüstenhalters", erhielt den Auftrag, eine Schiffsschaukel zu verschönern; Arik Brauer konstruierte "ein kleines Skulpturenmärchen" das auf die Drehscheibe eines Karussells geschraubt wird.
Der Grazer Günter Brus, dessen "abstruse Ferkeleien" ("Bayernkurier") schon in den 60er Jahren Furore machten, erfand das sechseckige "Delyrium": Zu schwermütiger Orgelmusik von Hermann Nitsch werden in mehreren Schaukästen "Abenteuer aus der Welt der Bleistifte" erzählt. Einen "Verwandlungsraum" schuf der Maler, Bühnenbildner und Designer Hubert Aratym. Besucher seiner Bude können ihren Kopf - wie Heller für den SPIEGEL-Photographen - durch verschiedene Wandlöcher stecken, um sich sodann in einem gegenüberliegenden Spiegel mal als Bettler oder Harlekin, mal als König oder Mätresse zu bestaunen.
Österreichs boshaftester Karikaturist, Manfred Deix, verhalf den Kunstfurzern im "Palast der Winde" mit vulgären Cartoons zu einem passenden Rahmen. Und aus Salzburg meldete sich ein Freiwilliger, der selbst schon manchen Rummel veranstaltet _(In dem Schaubild "Der Bettler" von ) _(Huben Aratym. )
hat. "Nehmt von mir, was ihr wollt" gestattete Herbert von Karajan. "Luna Luna", befand der Maestro, sei eine ausgezeichnete Idee". Nun sollen Johann-Strauß-Kompositionen, intoniert von den Berliner Philharmonikern Hockneys zehn Meter hohen "Walzerbaum"-Pavillon beschallen.
So simpel wie seine Landsleute waren die anderen Künstler auf Hellers langer Wunschliste nicht zu rekrutieren, vor allem nicht in den USA. "Da kennt mich doch keiner", konstatierte "Österreichs Kulturconferencier" ("Die Zeit") in einem Anflug von Realitätssinn.
Nur auf Umwegen und oft in der Rolle des Bittstellers sei er schließlich vorgedrungen in die Ateliers der amerikanischen Künstler-Elite, erzählt Heller. "Attitüden wie ein Rock-Star" habe er beispielsweise bei Jean Michel Basquiat angetroffen, einem der wenigen Schwarzen, die in der von Geld und Glamour geprägten US-Kunstszene akzeptiert werden. Basquiat, dem einige Gemeinschaftsarbeiten mit Andy Warhol und dem aus Italien stammenden Wahl-New Yorker Francesco Clemente auch zum internationalen Durchbruch verhalfen, versprach dem alerten Wiener ("Mein Ballast an Bildung hat sich als nicht unnütz erwiesen") dann schließlich doch die Gestaltung eines Riesenrades.
Auch auf Audienzen bei Roy Lichtenstein und dem verschlossenen David Hockney mußte Heller artig warten. Als er endlich vorgelassen wurde, legte er den skeptischen Amerikanern Bildbände über seine Feuerwerksorgien in Lissabon und Berlin vor ("Das habe ich gemacht"), erzählte ein paar Geschichten aus dem Wienerwald und schwärmte von "Luna Luna".
Offenbar die richtige Taktik: "Da sind die richtig aufgetaut und haben sofort angefangen, mit mir zu spinnen", erinnert sich Heller. Ohne Umschweife habe er sogleich mitgeteilt, wie knapp er kalkulieren müßte, weil das Geld des Sponsors vom Bau der Rummelplatz-Attraktionen aufgezehrt würde. Aber gerade sein bescheidenes Gagen-Angebot habe den Amerikanern "mächtig imponiert". Die seien es nämlich gewohnt, daß ständig irgendwelche Reichen anrückten "und halt ohne Zögern zahlen, was verlangt wird".
Günstig kaufte Schausteller Heller in Amerika auch gleich noch die Jahrmarktsmusik ein. Neben Miles Davis engagierte er den Sänger Al Jarreau und den Komponisten Philip Glass ("Einstein on the Beach", "Koyaanisqatsi"). Alle drei komponieren neue Stücke für "Luna Luna" (die dann auch auf einer Schallplatte erscheinen sollen).
Die Zusagen prominenter US-Künstler machten es Heller fortan leichter sein Wunsch-Team zu komplettieren. Auch Andy Warhol wollte nun mitmachen - aber da meldeten andere US-Künstler Widerspruch an: Den Warhol der gegen genügend Bares auch Fleischhändlergattinnen und badische Verleger vorteilhaft porträtierte, "den wollten die nicht dabeihaben", so Heller.
In Paris verpflichtete der "Luna"-Produzent den surrealistischen Zeichner Roland Topor, in dessen "Toporama" die menschenfressenden Würmer auftreten, während im Schaukasten gegenüber eine von Elektromotoren in Szene gesetzte Zerstückelungszeremonie vorgeführt wird: Ein Mann duckt sich knieend unter ein halbkreisförmiges Messer, und mit jedem Fußtritt wird ihm ein Stück vom Rücken abgesäbelt.
Daniel Spoerri übernahm die Gestaltung der Bedürfnisanstalten: In seinen beiden klassizistischen "Kack-Kanzleien" schockt der Schweizer mit Wandfriesen aus Puppengeschirr und symbolischen "Säulen mit dampfender Scheiße", wie Heller ankündigt.
Aus London schickt Jim Whiting, "ein Dr. Mabuse der Kunst" (Heller), seine aufwendig konstruierten Roboter. Sie treten, von einem Zentralcomputer gesteuert, im "Maschinentheater" auf; mittels gezielter Preßluftstöße schlagen sie aufeinander ein, krümmen sich seltsam verzerrt am Boden oder krallen sich aneinander fest. Verschiedene Rechnerprogramme erlauben wechselnde Inszenierungen, jede "ein fürchterliches Fegefeuer mit Höllenlärm" (Heller).
Unter den deutschen Künstlern hielt der Wiener nur wenige für teilnahmeberechtigt. Der Düsseldorfer Jörg Immendorff bemalte eine "Glücksbude", Rebecca Horn stellt ihr angeblich äußerst sensibles "Liebesthermometer" vor, und der Neoexpressionist Georg Baselitz will einen Schattenraum ausstatten, für den Jazz-Pianist Keith Jarrett die Musik schreiben soll.
Als Hommage an den im Januar 1986 verstorbenen Joseph Beuys will Heller ein Manifest aufstellen lassen, das der Künstler bereits "im vorletzten Sommer autorisiert hat", wie Heller versichert. Auch das gewaltige Eingangstor von Sonia Delaunay habe die Pariser Malerin noch zu Lebzeiten für den Rummelplatz bestimmt.
Natürlich will auch der Meister selbst einige Stücke beisteuern. Neben dem "Hochzeitspavillon" und einer "Kopfdurch-die-Wand-Bude" läßt Heller eine blaurote "Traumstation" errichten, als Kaffeehaus für hundert Gäste. In der "Warhol-Erinnerungsbude" dürfen die Jahrmarktsbesucher - frei nach Warhols
Credo, jeder solle mal eine Viertelstunde lang berühmt sein - ihre "heimliche Prominentengeilheit befriedigen": Sie können sich neben lebensgroßen Bildern von Albert Einstein, Marilyn Monroe oder Marlene Dietrich ablichten lassen. Die Polaroid-Photos, verspricht Veranstalter Heller, "schauen total echt aus".
Weder im Kaffeehaus noch in dem vom Wiener Architekten Marco Ostertag nach Dali-Entwürfen gebauten Restaurant wird Alkohol ausgeschenkt. Eine Offerte des Fleischklops-Konzerns McDonald''s, sich in das Projekt einzukaufen, lehnte Heller ab: "Wir wollen doch kein Disneyland aufziehen."
Ganz wird er es nicht vermeiden können. Bei Tageskosten von rund 70000 Mark müssen monatlich mindestens 100000 Besucher je 20 Mark Eintritt zahlen (Kinder wochentags frei). Kommen weniger, dann muß der Bauer-Verlag zu den bisher schon spendierten Millionen bald noch weiter zuzahlen. Denn Heller trotzte seinem Sponsor die
Zusage ab, den Rummelbetrieb volle fünf Jahre lang zu garantieren.
Nach dem Start in Hamburg, wo der Kunstpark je nach Erfolg (und Wetterlage) bis zu drei Monate aufgebaut bleiben soll, sind als nächste Standorte (nach einem Wintergastspiel in Italien oder Spanien) München und Berlin vorgesehen. Anschließend möchte Heller nur noch im Ausland gastieren, in Frankreich und England, aber auch in Japan und in den USA.
Von 1992 an kann Heller über sämtliche Kunstwerke des "Luna Luna"-Parks frei verfügen. Sowohl Geldgeber Bauer als auch die Künstler mußten schriftlich einwilligen, dem Wiener das Copyright abzutreten.
"Ich könnte dann alles in Einzelteilen verkaufen", sinniert Andre Heller, aber das werde er "natürlich nicht tun". Am liebsten möchte er "Luna Luna" einem Museum oder einer Stadt schenken. Die erste Anfrage liegt bereits vor. Wiens Bürgermeister Helmut Zilk will den Rummelplatz nach Abschluß der Welt-Tournee für immer in der österreichischen Hauptstadt behalten.
[Grafiktext]
"EIN SCHÖNES SINNLICHES VERGNÜGEN" Andre Hellers Rummelplatz "Luna Luna" auf der Hamburger Moorweide
[GrafiktextEnde]
In dem Schaubild "Der Bettler" von Huben Aratym.

DER SPIEGEL 19/1987
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