26.01.1987

Dollar auf der Achterbahn

Mit seiner Währung dirigiert Amerika die Wirtschaft der Welt (II) *
Benjamin Franklin einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, war es, der neben vielen anderen Errungenschaften die Weisheit "Zeit ist Geld" erfand. Der Schriftsteller Washington Irving entdeckte schon vor anderthalb Jahrhunderten den "allmächtigen Dollar". Zur gleichen Zeit berichtete der Bildungsreisende Alexis de Tocqueville aus Amerika: "Ich kenne kein Land, in dem die Liebe zum Geld eine derart verehrende Leidenschaft wäre."
"Der Dollar", stellte der Ökonom Benjamin Javits nach dem Zweiten Weltkrieg stolz, fast ehrfürchtig fest, "wurde ein anderes, fast geheiligtes Wort für Geld in jeder Sprache."
Mit der amerikanischen Währung verbindet die Menschheit in der Tat alle möglichen Gefühle und Begriffe, des Dollar Fluch oder Segen, sein Höhenflug oder Sturz kann kaum einen Erdenbürger kaltlassen.
Der Dollar bestimmt die Geschicke der Welt, ob Staaten nun Nutznießer einer Dollar-Hilfe oder Opfer des Dollar-Imperialismus sind, oder auch beides zugleich. In den letzten zwei Jahrhunderten machte der Dollar eine obskure Pilgerväter-Kolonie zur ersten Weltmacht. Kein Staat, kein Volk in der Geschichte verknüpfte sein Schicksal je so direkt und so eng mit seinem Geld wie Amerika.
Schon bei der amerikanischen Revolution ging es weniger um so hehre Werte wie Freiheit und Unabhängigkeit, die von den Rebellen beschworen wurden, als um Mammon: Das britische Mutterland hatte die Kolonisten in der Neuen Welt mit Steuern und Zöllen vergrätzt und deren eigenes Geld verboten. Vor allem "gegen die Geld-Tyrannei der Bank von England" ging es beim Aufstand der nordamerikanischen Kolonien.
Als die dann unabhängig waren, führten die Vereinigten Staaten genauso Kriege wie jedes andere Land, um größer und mächtiger zu werden, insgesamt etwa 150. Aber so wie die Habsburger ihre Raubkriege durch Heiraten ergänzten, um das Reich zu mehren, setzten die Yankees neben Waffen von Anfang an zielstrebig ihr Geld ein, um ihr Territorium auszudehnen.
Schon die Keimzelle des künftigen Dollar-Imperiums war durch Kauf erworben worden: 1626 hatten die Holländer den Indianern die Insel Manhattan für Waren im Wert von 24 Dollar abgeschachert: Das waren gerade 30 Cent für einen Quadratkilometer des künftigen Zentrums von New York.
Die Neuengland-Kolonien nahmen Indianerstämmen für ein paar Fässer voller Fusel ganze Provinzen ab. Die Delawaren beispielsweise räumten 800000 Hektar ihres Stammesgebietes für ganze tausend Dollar.
1803 verdoppelte die junge Union ihr Staatsgebiet mit einem Schlag, indem sie Napoleon das sogenannte Louisiana-Territorium für 15 Millionen Dollar abkaufte. Diesen wohl größten und profitabelsten Landhandel der Geschichte fädelte Amerikas Botschafter in London, James Monroe ein - Erfinder der nach ihm benannten Doktrin "Amerika den
Amerikanern". Der Diplomat schaffte es, daß dieses Geschäft von Napoleons Erzfeind finanziert wurde: Er borgte das Geld von Londoner Banken.
Den Spaniern kauften die USA nach langen Händeln Florida samt angrenzenden Gebieten für etwas über sechs Millionen Dollar ab. Von Mexiko im Krieg von 1846 bis 1848 geraubte Gebiete sicherten sich die Vereinigten Staaten im Vertrag von Guadalupe Hidalgo, der ihnen den ganzen heutigen Südwesten der USA zuteilte, gegen Zahlung von 18 Millionen Dollar.
Sie erwarben von den immer weiter zurückgedrängten Indianern deren Land für durchschnittlich einen Cent pro
Hektar. Den russischen Zaren kauften sie nach zähem Feilschen 1867 "Russisch-Amerika" ab - 1,5 Millionen Quadratkilometer Alaska für ganze 7,2 Millionen Dollar, was vielen Kritikern damals als mieser Handel erschien, da sie meinten, die Eiswüste "Walrussia" oder "Frigidia", wie sie es nannten, sei keinen Cent wert.
Bald danach holten die Amerikaner für weit mehr als eine Milliarde Dollar Gold aus der Neuerwerbung. Genau 102 Jahre nach dem Kauf zahlten Öl-Multis bis zu 7000 Dollar für den Quadratkilometer, um Bohrrechte im Norden Alaskas zu erhalten.
Nicht immer waren die Zukäufe der USA ganz so preiswert: 1916 überwies Washington 25 Millionen Dollar für ein paar kleine Karibik-Inseln. Es kaufte Kopenhagen die fast zwei Jahrhunderte lang dänisch kolonisierten Virgin Islands ab, weil es, mitten im Ersten Weltkrieg, fürchtete, daß die strategisch wichtigen Eilande, nahe der Südküste und am Seeweg zum Panama-Kanal gelegen, dem deutschen Kaiser in die Hände fallen könnten.
Aber auch was damals nur Kriegsnotwendigkeit schien, trägt reichlich Zinsen: St. Thomas und St. Croix entwickelten sich zu prächtigen Freihandels- und Ferienparadiesen.
So raffte der Dollar ein Riesenreich zusammen. Das Phantastische daran war, daß es diesen fabelhaften Dollar zur Blütezeit der Landkäufe de facto kaum gab. Denn das Währungswesen der Vereinigten Staaten war im 19. Jahrhundert,
wie einer seiner großen Nutznießer, Andrew Carnegie, urteilte, "das bei weitem schlechteste der Welt", der Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith fand es gar das "konfuseste der Finanzgeschichte".
Zu einer Zeit, da die USA durch eine Vervielfachung ihres Territoriums und den Zustrom von 40 Millionen Einwanderern aus Europa und Asien zur Weltmacht wurden, herrschte im Lande ein Finanz- und Währungschaos ohnegleichen. Das Entwicklungsland Amerika war Dauerschuldner der europäischen Industriestaaten, wurde alle paar Jahre von Bank- und Börsenkrächen erschüttert, konnte oft nicht mal mehr die Zinsen seiner Schulden bezahlen und führte nicht nur den Terminus Inflation ein, sondern machte damals schon die Geldentwertung auch zum oft genutzten Mittel der Innen- wie Außenpolitik.
Die USA waren als Dauerschuldner Europas das Brasilien des 19. Jahrhunderts, ihre vielgerühmte Dollarwährung bestand in der für die Bevölkerung bitteren kapitalistischen Realität zeitweise aus Tausenden mehr oder minder bunt bedruckten Scheinen größtenteils obskurer Herkunft, die zuweilen nicht ihr meist mieses Papier wert waren und deshalb "shinplasters", "Schienbeinpflaster", hießen, denn als solche wurden sie zuweilen tatsächlich verwendet.
Von diesen Noten gab es noch mal zahllose Fälschungen - eine unüberschaubare Geldflut, die entstanden war aus einer in Amerika von Anfang an chronischen Knappheit an Geld in Form von Münzen und Noten.
Gold- oder Silbermünzen, die englische Siedler in die neuen Kolonien an der Ostküste Amerikas mitbrachten, waren schnell verbraucht, sie flossen zurück ins Mutterland, von dem die Kolonisten alles Lebensnotwendige kauften. Eigene Edelmetallvorräte wurden noch nicht genutzt.
Für den Handel mit den Indianern übernahmen die Siedler deren Kleingeld für den Tauschhandel: "Wampums", Ketten aus durchbohrten Muscheln. 1641 machte die Kolonie Massachusetts Wampums zur offiziellen Währung: Acht Muscheln waren einen Penny wert. Doch schon das Muschelgeld wurde gefälscht. Eine schwarze Muschel galt doppelt soviel wie eine weiße. Da es relativ leicht war, sie zu färben, gerieten schwarze Wampums in Verruf. Die Indianer nahmen sie nicht mehr im Tausch gegen Biberpelze, die jahrzehntelang eine Art höherer Währungseinheit in den Kolonien waren.
Viel stabiler und länger in Gebrauch, nämlich zwei Jahrhunderte lang, war eine andere Naturalwährung - Tabak. In Virginia, wo der Welt bester Tabak gedieh, machte die Generalversammlung der Kolonie 1642 die schon Jahrzehnte genützte Tabakwährung mit dem allerersten Gesetz, das sie beschloß, zum amtlichen Zahlungsmittel.
Schulden von Farmern wurden in Pfunden von Tabakblättern notiert. Die Generalversammlung untersagte sogar ausdrücklich Verträge, die Bezahlung in Gold oder Silber verlangten.
Ab 1727 waren Tabakzertifikate die offizielle Währung Virginias - ausgegeben
von Warenhäusern, die Menge und Qualität des angelieferten Rohtabaks bestätigten. Die erste Wahl wurde mit drei Shilling bewertet, die zweite mit 18 Pence. Auf die Fälschung von solchen Tabak-Noten stand die Todesstrafe.
Für Tabak in natur oder Zertifikaten konnte man nicht nur andere Naturalien sowie Haus und Hof erwerben. 1621 zahlten Virginia-Siedler mit Tabak für 152 "junge und unverdorbene Jungfrauen", die als potentielle Bräute frisch aus England gekommen waren. Sie waren den Käufern immerhin 150 Pfund Tabak pro Kopf wert. Später verkam die Tabakwährung durch Überproduktion, zeitweise war ein Pfund nur einen Penny wert.
Sklaven wurden mit Rum bezahlt, aber auch Whiskey war in einigen Siedlerkolonien Währung. Die Warnung davor, sein Vermögen zu versaufen, konnte somit damals durchaus wörtlich gemeint sein.
In South Carolina gab es zeitweise eine Reis-Währung. Massachusetts nahm Steuerzahlungen in Form von Erbsen an. In abgelegenen Gebieten galt Getreide oder Vieh als Geld. Der immer drückende Mangel an Barem in Form traditioneller Gold- oder Silbermünzen machte die nordamerikanischen Kolonisten zu erfinderischen Meistern auf dem Gebiet des Papiergelds.
Das erste Papiergeld "nicht nur in Amerika, sondern im ganzen britischen Empire, wenn nicht in der christlichen Welt", so Ernest Bogart in seiner "Economic History of the American People", gab die Massachusetts Bay Colony 1690 heraus. Sie bezahlte damit Soldaten für einen Feldzug gegen das französische Quebec. Die Beute aus dem Fall des Quebecer Forts war als Deckung für die Scheine gedacht - bloß, das Fort fiel nicht, womit die Scheine wertlos waren.
In Quebec selbst war damals bereits seltsames Geld in Umlauf - Spielkarten oder Teile davon. Zu diesem Notbehelf hatte der französische Gouverneur in Kanada gegriffen, als das Geld aus Paris ausblieb. Da er weder Papier noch Druckerpresse besaß, beschlagnahmte er alle Spielkarten im Land, signierte sie persönlich und bestimmte den Wert der verschiedenen Karten. Ein halbes Jahrhundert lang blieb das Zockergerät legale Währung in Kanada und wurde vom französischen König tatsächlich in Edelmetall eingelöst.
Papierenes Geld aller Art wurde populär in den Kolonien. Je mehr Papiergeld, so die allgemeine Meinung, um so wohlhabender würden die Menschen werden, und so wetteiferten bald vielfältige Noten, sogenannte "Colonial bills", zwischen New Hampshire und South Carolina mit- und gegeneinander.
Benjamin Franklin, Universalgenie der Kolonie und künftigen Republik, schrieb ein Traktat darüber - "Eine bescheidene Untersuchung der Natur und Notwendigkeit des Papiergeldes". Seine Zeitung "Pennsylvania Gazette" erschien des öfteren nicht, weil der Herausgeber die Druckerpresse für die Herstellung von Papiergeld brauchte.
Die Regierung in London versuchte vergebens, Ordnung in die koloniale Papiergeldwirtschaft zu bringen. Ihre Verbote wurden ignoriert, verordnete Steuern und Zölle nicht bezahlt, bis es darüber zum Aufstand und Unabhängigkeitskrieg kam. Den finanzierten die Rebellen wiederum mit Papiergeld - sogenannten "Continental bills", die 1775 vom Kontinentalkongreß herausgegeben wurden. Gedeckt waren die handgeschriebenen Papiernoten durch Hilfsgelder von Franzosen, Spaniern und Holländern.
Dennoch verloren die in immer schnellerem Rhythmus gedruckten Kolonialpapiere so rasch an Wert, daß "so viel wert wie ein Continental" - nämlich gar nichts - zum geflügelten Wort wurde. George Washington selbst beklagte, daß ein Pferdewagen voller Geld nötig sei, um einen Wagen voller Waren zu kaufen. Insgesamt waren solche Scheine für 241 Millionen Dollar ausgegeben worden, und die Einzelstaaten der 1776 gegründeten Union druckten nochmals 209 Millionen.
Diese 450 Millionen - nicht gerechnet Fälschungen, die von den Briten in Umlauf gebracht wurden - entsprachen nominal etwa dem gesamten Volksvermögen der 13 nordamerikanischen Kolonien, überstiegen die Wirtschaftsleistung von drei Jahren in Friedenszeitenwaren also uneinlösbar. Geschäftsleute nahmen trotz der Drohung, dies sei Hochverrat, die wertlosen Papierscheine nicht mehr an, Soldaten mochten dafür nicht mehr kämpfen und desertierten in Massen.
Zwar erklärte der Kontinentalkongreß 1779 selbst: "Eine bankrotte, wortbrüchige Republik würde sich unter achtungswerten Nationen wie eine gemeine Dirne unter keuschen und achtbaren Matronen ausnehmen", doch der Bankrott war nicht aufzuhalten. 1780 wurde der Dollar 40 zu eins abgewertet, die neuen Staatsschuldscheine im Wert von 10,5 Millionen wurden durch Silberlieferungen aus Frankreich gedeckt.
Frankreich schickte nicht nur Geld, sondern auch Truppen unter dem Marquis de Lafayette, der, ebenso wie der preußische General von Steuben, sein eigenes Vermögen für den amerikanischen Unabhängigkeitskampf opferte. Dank dieses Beistands wurde der Krieg 1783 siegreich beendet.
Im Juli 1785 verkündete der Kontinentalkongreß schließlich, daß die Währungseinheit der Vereinigten Staaten der Dollar sein sollte - den es freilich erst nur als Namen gab. Der stammte vom Taler, genauer vom "Joachimsthaler", den Graf Schlick Anfang des 16. Jahrhunderts in Böhmen aus je einer Unze Silber prägen ließ. Diese Münzen aus dem Engebirge fanden wegen ihrer Handlichkeit und ihres stets gleichbleibenden Silberwertes weite Verbreitung. Spanien ließ aus seinen überseeischen Silbervorkommen entsprechende "Dolares" prägen, die in der Neuen Welt allgemein anerkanntes Zahlungsmittel waren und über den Tabak-, Sklaven- und Rumhandel auch in Nordamerika in Umlauf kamen - nebst zahlreichen anderen französischen, britischen, deutschen, holländischen, skandinavischen _(Rechts: US-Botschafter Monroe. )
Münzen aus Kupfer und Edelmetallen.
Der Mann, der dem neuen Staat sein eigenes Währungssystem bescherte, war Alexander Hamilton, ein Universalgenie schottisch-französischer Herkunft, der mit 20 Jahren Adjutant des Kriegsherrn und ersten Präsidenten der Union, George Washington, wurde. Als Finanzminister schuf er einen einheitlichen Zolltarif. Diese Zölle, die in Gold oder Silber zu zahlen waren, blieben bis zur Einführung der Einkommensteuer 1913 die bedeutendsten Einnahmen des Bundes.
Hamilton, der die Bank von New York mitbegründete, unterstützte George Washington in dessen Bestreben, statt Boston oder New York eine neuzugründende Siedlung am Potomac zur Hauptstadt der Union zu machen - und machte den Präsidenten damit reich, denn der besaß im künftigen "District of Columbia" 24000 Hektar Land.
Dafür half der Präsident Hamilton bei dessen Bestreben, eine "First Bank of the United States" zu gründen, die als Art Nationalbank das alleinige Recht zur Banknotenausgabe erhielt.
1792 folgte der Coinage-Act - die US-Münze, das erste öffentliche Gebäude des neuen Staates, entstand in Philadelphia. Sie prägte den US-Dollar mit dem gleichen Silbergehalt wie der spanische "Dolar". Während der Spanierdollar aber in Achtel geteilt wurde, war der US-Dollar die erste Währung mit Dezimalsystem.
Größte Münzeinheit sollte ein 20-Dollar-Goldstück sein, kleinste ein halber Cent aus Kupfer. 1794 kamen die ersten Prägungen auf den Markt, für die George Washington Teile seines Tafelsilbers spendiert hatte, da die Staaten noch keine Edelmetallvorkommen ausbeuteten.
Dennoch gab es damals noch keine Münze mit dem Kopf des Präsidenten - das hätte die Amerikaner zu sehr ans Britengeld erinnert, das den Kopf des Königs zeigte. Statt dessen wurden "Gold Eagles" geprägt- mit stilisierten Adlern oder "Liberties" mit dem Kopf der Freiheitsgöttin. Die Prägeanstalt war für die aufblühende Wirtschaft des Landes zu klein, auch als immer neue Filialen gegründet wurden, konnte sie die Nachfrage nie befriedigen. Ausländische Gold- und Silberstücke blieben bis 1857 als gesetzlich anerkannte Zahlungsmittel im Umlauf.
Währungsschöpfer Hamilton konnte die Früchte seines Tuns nicht lange genießen: 1804 starb er in einem Duell mit seinem ärgsten finanzpolitischen Widersacher, dem Mitbegründer der "Manhattan-Company", Aaron Burr. Die Pistolen des Zweikampfs der Banker sind bis heute in der Chase Manhattan Bank zu sehen.
In die Neue Welt der unbegrenzten Möglichkeiten strömten in der größten Völkerwanderung aller Zeiten seit der Jahrhundertwende Abermillionen von Einwanderern. Auf ihrem Weg nach Westen brauchten sie Geld, das es nicht gab. Denn amerikanische Goldmünzen verschwanden vom Markt so rasch, wie sie geprägt wurden: Die USA hatten einen Silber-Gold-Standard von 15 zu 1 festgelegt, während in der übrigen Welt
Gold 15 1/2 bis 16mal soviel wert war wie Silber. Die US-Eagles konnten daher außer Landes profitabel in Silber getauscht werden und kamen so erst gar nicht in Umlauf. Aber auch die Silberdollar verschwanden ins Ausland: Sie waren schöner als die spanischen Dolares und Reales und nicht so abgewetzt oder aus Gewinnsucht stückweise abgekratzt wie die.
Dem Mangel an Zahlungsmitteln half wieder einmal Papiergeld ab - mit katastrophalen Folgen. Präsident Andrew Jackson (1829 bis 1837), erklärter Feind jeder ökonomischen Zentralgewalt weigerte sich, die Konzession der "First Bank" zu erneuern. Er wollte "lieber in der arabischen Wildnis Asyl suchen, als erneut ein Nationalbank-Monster zu erlauben". Wo eine ordnende Hand des Staates fehlte, wucherte ein Chaos von Banken und Noten, das "einmalig in der Geldgeschichte" war ("American Banking"). Praktisch konnte jedermann Banken gründen und Geld drucken. So schossen, je weiter weg vom einigermaßen geordneten Finanzmarkt der Neuengland-Staaten, um so dubiosere Geldinstitute aus dem Boden.
Farmer, Schmiede, Ladeninhaber, Barbiere aber auch professionelle Schwindler eröffneten in fernen Einöden Geldinstitute, "wildcat banks" genannt weil es da, wo sie residierten, oft nichts als Wildkatzen gab. Das Allerletzte waren "saddle-bag banks" - streunende Geldinstitute in der Satteltasche irgendwelcher Tramps.
Alle gaben sie Banknoten heraus, auf denen großspurig mit eigenhändiger Unterschrift des Inhabers versprochen wurde, sie bei Vorlage in "spezie", also Gold oder Silber einzutauschen.
Da waren dann 25-Cent-Scheine von "The Store at Alleghany Furnace, Dry Goods and Groceries" im Umlauf, oder Fünf-Dollar-Noten der "Monogahela Valley Bank". Bei Vorlage in ihrem Büro versprach die "Brückengesellschaft von Augusta" 1816 auf einer entsprechend pompösen Banknote gar 100 Dollar in Edelmetall zu bezahlen. Ein deutscher Brauer, G. Lindemüller, ließ in New York Cent-Münzen mit seinem Konterfei prägen, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Zeitweise galten auch Briefmarken als gesetzliches Zahlungsmittel.
Die Zwei-Dollar-Noten einer Marine-Feuerversicherung in Chicago oder der 6 1/4 Cent-Schein einer "Mechanics & Loan Co." in Philadelphia waren mit einiger Sicherheit bessere Papiere als jene Scheine, mit denen einem New Yorker Finanzmann folgendes passierte:
Er hatte Forderungen an einen Mann namens Slocum, der ihm dafür eine Schuldverschreibung über 1000 Dollar gab. Anderntags informierte ihn ein Besucher, daß Slocum bankrott und der Tausender-Schein somit nichts wert sei. Er sammle aber Material gegen den betrügerischen Slocum und sei daher bereit, fünf Prozent des Wertes für das Papier zu bezahlen. Man einigte sich schließlich auf zehn Prozent, die der Mann in druckfrischen Dollar-Scheinen der "Bentonville Bank, Illinois" hinblätterte.
In New York wollte niemand dieses Papiergeld aus dem Mittelwesten annehmen, also schickte der neue Eigner sie an einen Kontaktmann in Chicago, von dem er nach einigen Wochen Antwort erhielt: _____" Bestätige den Erhalt eines Paketes von Noten der " _____" Bentonville Bank im Wert von einhundert Dollar. " _____" Vorgestern besuchte ich Bentonville, ein winziges Dorf in " _____" der Prärie, zehn Meilen abseits der Bahnlinie bestehend " _____" aus drei Häusern und Gemischtwarenhandel. " _____" Im Hinterhaus des Händlers war die Bank, die jedoch " _____" ihre Geschäfte eingestellt hat; der Präsident und der " _____" Kassierer sollen nach Chicago gegangen sein. Ich fand " _____" keinen Safe und keine anderen Hinweise auf irgendwelches " _____" Geld oder andere Si cherheiten, vermute daher, daß sich " _____" die, falls je etwas vorhanden war, in den Ta schen des " _____" Präsidenten und seines Kas sierers befinden. " _____" Die Banknoten haben auf unserem Markt nur einen " _____" Nominalwert von zwei bis fünf Prozent. Falls Sie sie " _____" verkaufen wollen, können wir Ihnen heute nicht mehr als " _____" zwei Prozent bezahlen. Die Kosten mei nes Besuchs in " _____" Bentonville belaufen sich auf 15 Dollar, mit denen ich " _____" Sie belaste. "
Diese Geschichte, in der ohne eigenes Zutun aus einer Forderung von tausend
Dollar eine Schuld von 13 Dollar wurde, ist kein Einzelfall, eher ein alltägliches Geschehen im amerikanischen Geldwesen des 19. Jahrhunderts.
"Unser Bankwesen ist die Hauptursache des sozialen Elends Amerikas", befand der Ökonom William Gouge. "Free Banking", das "freie Bankenwesen", geriet, so eine Redensart, zu "free swindling", zur Freiheit des Betrügens.
Zur schlimmsten Zeit der Wildkatzen-Banken gab es, so rechnet John Kenneth Galbraith in seinem Buch "Money" vor, in den Staaten über 16OO verschiedene sogenannte Banken die insgesamt über 7000 verschiedene Banknoten herausgaben, die meist nur am Druckort einen Wert hatten und anderswo, falls überhaupt, mit einem Abschlag gehandelt wurden, der mit der Entfernung wuchs.
Ein französischer Reisender, der aus Kuba kam, schilderte 1815, wie so auf dem Weg von Savannah nach Boston 8000 Dollar in Gold verschwanden, ohne daß er unter die Räuber gefallen wäre.
Aus Sicherheitsgründen deponierte er sein Gold bei der Ankunft in einer Bank von Savannah. Als er es abheben wollte erklärte die Bank, sie zahle prinzipiell keine spezie aus, nur Papiergeld. Er nahm die Scheine und begann seine Reise nach Norden.
"Jeden Schritt, den er vorankam, wurde sein Geld weniger wert", heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, "in jedem Ort der Kurs schlechter. Er setzte seine Reise nach Boston fort in der Gewißheit, daß er dort als Bettler ankommen würde."
Ein Brite, der für eine Auswanderergruppe einen Ort zur Ansiedlung ausfindig machen sollte, mußte auf dem Weg nach Westen Abschläge bis zu 40 Prozent für seine Ostküstendollars hinnehmen. Ein Händler, bei dem er ein Paar Handschuhe kaufte, schnitt seine Dollarnote einer Baltimore-Bank in zwei Hälften, weil er kein Wechselgeld hatte.
Gold- und Silbermünzen, besonders spanische, zirkulierten überall in Halb-Viertel- oder Achtelsegmenten. Die Stücke wurden bereitwillig angenommen, stellten sie doch, im Gegensatz zu dem Wust bedruckten Papiers, einen noch erkennbaren Wert dar.
Überregionale Geschäfte waren angesichts solch chaotischer Geldwirtschaft mit einem unkalkulierbaren Risiko belastet. Arbeiter erhielten ihren Lohn oft in Geldscheinen des eigenen Unternehmens, die wiederum nur in dessen Läden eingelöst werden konnten, und wurden so doppelt ausgebeutet. In die unübersehbare Flut zweifelhafter Banknoten mischten sich noch bis zu tausend Fälschungen, die in diesem Chaos naturgemäß besonders leicht und wenig risikoreich waren.
Wer sollte entscheiden, ob das Originalgeld einer Bank in Massachusetts, die bei einer tatsächlich vorhandenen Gold- und Silberdeckung von 86,48 Dollar papierene Banknoten im Wert von 500000 Dollar in Umlauf brachte, oder das Papier eines Geldinstituts mit Sitz weit hinten im Indianerterritorium, wo niemand es erreichen konnte, mehr wert war als die geschickte Fälschung einer angesehenen Bank in Boston?
"Tief im Wald, mitten im Sumpf, eine einsame Handelsstation, das waren ideale Bankplätze, weil keiner wußte, wo er das Papier einlösen sollte", schreibt Galbraith in "Money".
Es gab Institute, wie eine "Bank of Morocco" in der Blockhütte eines Hufschmieds in Indiana, die, falls ihnen tatsächlich eine ihrer Noten vor Ort präsentiert wurde, diese auch gegen spezie einlösten - aber nur unter der Bedingung, daß der Glückliche weder die Transaktion noch den Sitz der Firma weiterverriet. Andere Wildkatzenbanken in der weiten Wildnis beschäftigten Revolvermänner, die lästige Kunden vertrieben oder notfalls abknallten, falls die ernsthaft versuchten, Papier zu Silber zu machen.
So kann es kaum verwundern, wenn schon um 1820 festgestellt wurde, daß in den Staaten "mindestens 10000 Menschen ihren Lebensunterhalt auf Kosten der ehrenhaften Bürger der USA mit
dem Fälschen von Banknoten verdienen". Der 1823 in Alabama zum Tod verurteilte Fälscher Thomas Davis gestand vor seiner Hinrichtung, in 38 Jahren Dollars im Gesamtwert von 600000 bis zu einer Million gefälscht zu haben.
Gegen diese Flut von minderwertigen und falschen Geldscheinen, für die das Volk allerlei Spottnamen hatte - etwa "rote Katze", "gelber Hund". "Stummelschwanz" oder "kranker Indianer" - kämpfte ein eigener Geschäftszweig an, die sogenannten Bankkontenreporter und Fälschungsentdecker.
Schon 1806 erschien ein zwölfseitiger Anzeiger "The Only Sure Guide to Bank Bills" mit einer Auflistung sicheren Geldes und einer Beschreibung gefälschter Noten. 1819 gab es in New York bereits einen zweimal wöchentlich aktualisierten "Bank Note Exchange"-Report. Ein Ohio-"Register" klassifizierte zu dieser Zeit die Banken und Staaten und ihr Geld wie folgt: Sieben gut, fünf anständig, vier miserabel, vier betrügerisch.
Der New Yorker "Thomsons Bank Note Reporter" vom 3. September 1847 konstatierte simpel: Die Noten aller hier nicht genannten Banken taugen nichts.
Insgesamt erschienen Mitte des 19. Jahrhunderts über 150 solcher periodischen Banknoten-Reports, in denen gute und schlechte Scheine, deren Abschläge in verschiedenen Regionen sowie Fälschungen genannt wurden. In Cincinnati gab es einen solchen Banken-Führer in deutscher Sprache.
Aber es gab nicht nur falsche Noten, auch falsche Reports erschienen immer öfter: ein Labyrinth, in dem sich selbst die erfahrensten Finanzjongleure verliefen - wahrhaft ein Land unbegrenzter Möglichkeiten für Gauner aller Art.
Neun Bundesstaaten suchten dem Chaos zu wehren, indem sie Banken kurzerhand verboten.
Trotz alledem aber war die Entwicklung der Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert der gewaltigste wirtschaftliche Fortschritt in der ganzen Menschheitsgeschichte. Finanziert wurde er, allen Gebrechen amerikanischer Geldwirtschaft zum Trotz, aus dem Ausland überwiegend aus Europa.
Besonders die Briten investierten unverdrossen in ihrer abtrünnigen Kolonie. Sie zeichneten bereits kurz nach dem Unabhängigkeitskrieg die Hälfte der zehn Millionen Dollar Kapital für Hamiltons "First Bank" und strichen daraus schöne Dividenden ein. London brachte auch die Hälfte einer Sieben-Millionen-Anleihe des Staates New York für den Bau des Erie-Kanals von 1817 bis 1825 auf, der die Transportkosten des Getreides aus dem Gebiet der Großen Seen um neun Zehntel verringerte und entsprechend Gewinn abwarf.
Die Blütezeit europäischer Spekulation in den Staaten war jedoch die Ära des Eisenbahnbaues. Im Gegensatz zum alten Europa bauten in Amerika allein Privatleute die Bahnen. Sie erhielten dafür vom Staat Land beiderseits der geplanten Trasse geschenkt. Damit lockten sie Investoren an, denn sie selbst brauchten laut Gesetz nur tausend Dollar Kapital pro geplanter Meile Strecke aufzubringen.
Es ging dabei um Größen und Summen, wie sie die Wirtschaftsgeschichte bis dahin noch nie gekannt hatte.
In den dreieinhalb Jahrzehnten zwischen 1840 bis 1875 schenkte die US-Regierung den Eisenbahngesellschaften über 630000 Quadratkilometer Bundesboden - mehr als zweieinhalbmal die Fläche der Bundesrepublik Deutschland.
Darauf bauten die Eisenbahnbarone Hunderttausende Kilometer Schienenstränge mit fremdem Geld. Ihre Anleihen waren in Europa nicht nur wegen ihres exorbitanten nominellen Ertrages hochbegehrt - sie brachten bis zu zehn Prozent Zinsen, das Dreifache dessen, was damals in England oder Deutschland zu erzielen war. Auch die europäische Eisen- und Stahlindustrie, die Riesenaufträge für Schienen und rollendes Material verbuchte, riß sich um die Bahn-Obligationen.
Mit schöner Regelmäßigkeit gingen dann die Bahngesellschaften mangels Eigenkapitals in Konkurs. Zwischen 1873 und 1883 stellten 291 Eisenbahngesellschaften in den USA ihre Zahlungen ein. 1476 Millionen Dollar waren verspielt, zum Großteil europäisches Kapital. Die Gründer der fallierten Companies hatten meist rechtzeitig abgeschöpft. Nachfolger kauften das bereits verbaute Material - 40000 km Schienenstränge, Tausende Loks und Waggons - zu Spottpreisen auf, bauten weiter und machten Riesenschnitte. So wurden die Vanderbilts, Harrimans und Goulds zu Milliardären, kamen die Staaten zum größten Bahnnetz der Welt.
Leer gingen allein die europäischen Investoren aus. Ungezählte britische Landadelige, preußische Junker, k.u.k. Barone verloren an amerikanischen Eisenbahnkrächen ihr Vermögen - und fanden dennoch immer wieder unverdrossene Nachfolger, denen, wie sich die Bilder gleichen, Europa nach den Bürgeraufständen von 1848 zu unsicher schien, die sich allen Erfahrungen zum Trotz von den verheißenen Supererträgen immer von neuem blenden ließen.
Es war das Goldene Zeitalter der Spekulanten. Etwa alle sieben Jahre kam es in den Staaten zu riesigen Bankenkrächen, die zweimal zum Staatsbankrott führten; die Londoner City und die Pariser Rothschilds ("Die USA können keinen Dollar, keinen einzigen Dollar mehr borgen") erklärten jeweils einmal die USA für kreditunwürdig. Bei einem Eisenbahnkrach 1893 rutschte ein Viertel aller Bahngesellschaften der USA in die Pleite, doch stetig floß der Nachschub in Strömen über den Atlantik.
"Nichts, aber auch nichts im 19. Jahrhundert ist so bemerkenswert wie die Art in der Menschen das letzte
Eisenbahndebakel vergaßen und ihr Geld ins nächste steckten", wunderte sich der Ökonom Galbraith.
Der österreichische Autor Anton Zischka beziffert in seinem Buch "Der Dollar" die Verluste ausländischer Anleger in den US-Wirtschaftskrisen von 1837, 1857, 1873 und 1893 auf über zehn Milliarden Dollar- nach heutigem Wert etwa 200 Milliarden. _(Anton Zischka: "Der Dollar. Glanz und ) _(Elend einer Währung". Wirtschaftsverlag ) _(Langen-Müller/ Herbig. München; 368 ) _(Seiten; 34 Mark. )
Nicht nur Anleger und Spekulanten verloren ihr Geld. Pleiten der Northern Pacific brachten Bankhäusern in London den Ruin, ließen aber auch beispielsweise Eisen-Preise an der Ruhr auf ein Drittel fallen. Die Aktienkurse der "Dortmunder Union" fielen damals von 171 auf 4 - ein Verlust von 1670 Mark pro Anteil.
Die Europäer steckten ihr Geld nicht nur in den Aufbau der USA, sie finanzierten auch den schlimmsten Krieg der US-Geschichte - und verloren dabei wieder Milliarden.
Der Sezessionskrieg von 1861 bis 1865 war kein Bürgerkrieg um Menschenrechte zwischen liberalen Menschenrechtlern im Norden und reaktionären Sklaventreibern im Süden, wie einschlägige Geschichtswerke ihn gern darstellen.
Es ging, wie beim Unabhängigkeitskrieg, um Geld und wirtschaftliche Macht: Der industrialisierte Norden mit seinen 22 Millionen Einwohnern drückte dem agrarischen Süden mit 9 Millionen Menschen, davon mehr als ein Drittel Sklaven, seinen Willen auf. Der Süden zahlte zwei Drittel aller Zölle, der Haupteinnahme des Bundes, der Norden bestimmte über ihre Verwendung.
Der mit grausamer Erbitterung geführte Bruderkrieg kostete über 600000 Amerikaner das Leben - doppelt so viele wie im ganzen Zweiten Weltkrieg- und verwüstete weite Teile des Südens.
Paradoxerweise brachte der Krieg aber zwangsläufig einige Ordnung in das Währungs-Unwesen der USA.
In der Union der Nordstaaten wurde der Krieg zum Vater einer nationalen Währung, die damals den bis heute gebräuchlichen Aufdruck "In God we trust" - Wir vertrauen auf Gott - erhielt. Der Staat brauchte Geld für den Krieg, ungeheure Summen Geldes: Im Fiskaljahr 1860/61 hatte die US-Regierung insgesamt 67 Millionen Dollar ausgegeben die durch die Zolleinnahmen mehr als gedeckt waren. Schon im nächsten - dem ersten Kriegsjahr - verbrauchte die
Unions-Regierung 475 Millionen, 1865 die ungeheure Summe von 1,3 Milliarden Dollar - bei Einnahmen, die dank einer neueingeführten Einkommensteuer (die 1872 wieder abgeschafft wurde) bei etwas über 300 Millionen lagen.
Das gigantische Defizit wurde durch Staatsanleihen gedeckt sowie durch die Ausgabe von staatlich autorisierten Banknoten, wegen der grünen Tinte, mit der sie gedruckt wurden, "greenbacks" genannt. Aufgelegt wurden sie von neuen Nationalbanken. Auf lokale Banknoten wurde eine Steuer von zehn Prozent pro Jahr erhoben, was sie bald von der Bildfläche verschwinden ließ.
Insgesamt 450 Millionen Dollar in Greenbacks wurden gedruckt. Die neue Währung galt für alles außer für die Bezahlung von Zöllen - die mußten in Gold oder Silber erlegt werden. Diese spezie brauchte die Regierung, um Zinsen für ihre Kriegs- und Staatsanleihen in Hartgeld zu bezahlen. Denn die stammten zum Teil aus dem Ausland.
Der Schatzkanzler der Union, Salmon Portland Chase, schickte den Senator Robert James Walker nach Europa, um Kredite für den Norden aufzutreiben. Walker, der einige Jahre später auch den Alaska-Ankauf von Rußland einleitete, hatte Erfolg: Er sammelte bei deutschen Banken 310, bei niederländischen Finanziers
noch mal 32 Millionen Dollar in Gold für seine Regierung.
Damit deckten die Nordstaaten ihre Anleihen so weit ab, daß ihr Dollar trotz der Milliarden, die der Krieg verschlang, bei seinem Ende immerhin noch 43 Cent wert war und selbst die Soldaten des Feindes am liebsten für Greenback-Sold kämpften.
Denn der Konföderierten-Dollar war zur gleichen Zeit nur noch einen Cent wert, nach dem verlorenen Krieg gar nichts mehr. "Vor dem Krieg", klagte ein Chronist, "ging man mit dem Geld in der Tasche zum Markt und brachte das Gekaufte im Korb nach Hause. Jetzt geht man mit einem Korb von Geld los und bringt das dafür Erworbene in der Hosentasche heim."
So erhielten nicht nur jene Südstaaten-Bürger keinen Pfennig mehr etwa für einen 500-Dollar-Schein, auf dem "The Confederate States" 1862 großspurig versprachen, daß sie ihn "zwei Jahre nach der Ratifizierung eines Friedensvertrages zwischen den Konföderierten Staaten und den Vereinigten Staaten" in Gold einlösen würden.
Auch jene Europäer, die aufs falsche Pferd gesetzt hatten - die Franzosen unter Napoleon III., die Mexiko besetzt und damit die USA vergrätzt hatten, sowie die Briten, Hauptabnehmer der Südstaaten-Baumwolle -, verloren ihr in die Sache des Südens investiertes Geld, insgesamt zwei Milliarden Dollar.
Während des Krieges war ein Teil der Staaten aufgeblüht, der von Tod und Verwüstung nicht betroffen war - die Landstriche am Pazifik.
In Kalifornien war 1848 mit einem Nuggetfund am American-River auf dem Land des Schweizers Johann August Sutter, das dieser der dort seit langem etablierten Russischen-Amerika Kompanie abgekauft hatte, ein riesiger Goldrausch ausgebrochen.
Kalifornien, damals eine Einöde, die von knapp 40000 Menschen besiedelt war, wurde zum Tollhaus der Welt. Überallher strömten Abenteurer in das neue Dorado. Im Hafen von San Francisco lagen zeitweise 500 verlassene Schiffe, da nicht nur die Passagiere, sondern auch die Mannschaften, vom Goldfieber geschüttelt, an die Flüsse und in die Berge eilten.
Manche fanden Nuggets von bis zu zwölf Kilo Gewicht, mehr aber einen gewaltsamen Tod. In den ersten sechs Jahren des Goldrausches wurden über 4000 Morde gezählt. Eine Kartoffel kostete einen, eine Schaufel hundert Dollar. 1853 lieferten die kalifornischen Felder Gold für 68 Millionen Dollar, bis 1870 insgesamt über eine Milliarde. Mehr als die Hälfte davon wurde nach Europa exportiert.
Im Goldstaat war das Papiergeld des Ostens nicht gefragt. Eine neugegründete Münze in San Francisco prägte eigene Goldmünzen. Privatleute brachten sogar 50-Dollar-Münzen auf den Markt. 1855 verbot der Staat Kalifornien jegliches Papiergeld per Gesetz.
Die USA erlebten einen beispielhaften Goldboom. Der kam aber nicht nur aus den Minen in den Bergen Kaliforniens. Seit die USA nach dem Krieg gegen Mexiko im Vertrag von Guadalupe Hidalgo das Gebiet von Texas und die Pazifikküste nördlich des Rio Grande an sich gerissen hatten - fast 2 Millionen Quadratkilometer Land, für die es 18 Millionen Dollar Abstand bezahlte -, war Amerika auch eine pazifische Macht.
Washington nützte diese neue Stellung in rüdester imperialistischer Manier. Präsident Millard Fillmore schickte 1852, wie bis heute üblich, ohne den Kongreß zu befragen, vier Kriegsschiffe nach Japan, dessen "Abschließung von allem Verkehr mit der übrigen Welt" für ihn ein "Gewaltakt mittelalterlicher Tyrannen" war, "der von zivilisierten Nationen nicht hingenommen werden kann".
Also öffneten die zivilisierten Amerikaner gewaltsam die Häfen der tyrannischen Japaner und ließen sich per Vertrag das Recht zusichern, "Gold- und Silbergeld auszutauschen sowie Handel mit Waren zu treiben" - von japanischen Steuern befreit, japanischer Gerichtsbarkeit entzogen.
Es war wohl einer der lukrativsten Beuteverträge der Geschichte, denn laut _(Zusammentreffen der transatlantischen ) _(Trassen in Utah. )
Handels- und Freundschaftsvertrag von 1858 wurden "die japanischen und amerikanischen Zahlungsmittel Gewicht gegen Gewicht ausgetauscht". Diese scheinbar logische Klausel hatte bloß für die Japaner einen katastrophalen Haken: Im Reiche des Tenno hatte Gold nur den dreifachen Wert des Silbers, in Amerika war das Verhältnis, wie auch fast sonst überall auf der Welt, eins zu 16.
Beim Eintausch von amerikanischen Silber- in japanische Goldmünzen machten die Wechsler aus den USA demnach über 500 Prozent Gewinn und plünderten so Japan gnadenlos aus.
Der jähe Goldzufluß aber verhärtete in Amerika den jahrzehntealten Streit zwischen den Verfechtern eines Silber- und denen eines Goldstandards des Dollars. Offiziell stützte sich der Dollar seit seiner Schaffung auf den Bi-Metallismus. Er entsprach 24 3/4 Gran Feingold oder 371 1/4 Gran Feinsilber, ein Wertverhältnis, das 1792 mit eins zu 15 festgesetzt worden war, im Lauf der Jahre etappenweise dem Weltstandard von eins zu 16 angepaßt wurde.
Populistische Politiker, unterstützt von Farmern und Arbeitern, hatten von jeher gegen den De-facto-Goldstandard angekämpft, der ihrer Meinung nach nur die Reichen, vor allem die Kapitalisten an der Ostküste, begünstigte. In der Tat kam kaum je ein gewöhnlicher Bürger in den Besitz einer Goldmünze, obwohl 62 Millionen davon in Umlauf waren. Denn die kleinste Münze war der "Quarter Eagle" im Wert von 2,50 Dollar - aber der Tageslohn eines Vorarbeiters betrug einen Dollar. Die Silber-Anhänger kämpften für "mehr Geld", fanden sich nach dem Bürgerkrieg sogar zu einer "Greenback-Party" zusammen. Als nach dem kalifornischen Goldrausch in der Sierra Nevada das reichste Silbervorkommen aller Zeiten entdeckt wurde, verlangten die "Silverites" freie Silberprägung, was unweigerlich zu galoppierender Inflation geführt hätte. Also untersagte die Regierung den Silberannahme-Zwang per Gesetz, zeitweise wurden überhaupt keine Silbermünzen mehr geprägt. Der Dollar wurde eine reine Goldwährung.
Doch der Streit zwischen den Anhängern "billigen" und denen "teuren" Geldes tobte weiter. Wenige Jahre später setzten sich die Silberisten (der Propagandist Bryan: "Ihr sollt die Menschheit nicht an ein Kreuz von Gold schlagen") wieder durch und zwangen das Schatzamt, jährlich über 50 Millionen Unzen Silber anzukaufen und in Dollars auszuprägen - Münzen, deren Metallwert dann freilich gegenüber ihrem Nennwert bis auf die Hälfte schrumpfte und 1893 eine Gold-Silber-Krise auslöste, die 15000 Konkurse nach sich zog. Nicht weniger als 642 US-Banken stellten damals ihre Zahlungen ein.
1900 führte die US-Regierung "endgültig" den Goldstandard ein. Er galt mit einer Unterbrechung während der Weltwirtschaftskrise bis 1971, als Präsident Nixon die Einlösepflicht des Dollars in Edelmetall mangels Goldes außer Kraft setzte.
Um die Jahrhundertwende hatten die USA aber bereits, überreich an Rohstoffen und dank der Arbeitskraft von 40 Millionen emsigen Einwanderern, ein ökonomisches Potential erreicht, das sie zum entscheidenden Faktor der Weltwirtschaft und Weltpolitik machte. Die ganze Macht der Neuen Welt zeigte sich erstmals schlagend im Ersten Weltkrieg - damals, als die Alte Welt unterging.
Amerika lieferte, bis es selbst in den Krieg eintrat, Waffen und andere Güter für sieben Milliarden Dollar an England und Frankreich. Obwohl es damit fast alles Gold Europas an sich zog, mußte die Hälfte dieser Lieferungen auf Pump gewährt werden.
Dennoch kam es Ende 1916 zu einer "Friedenspanik an der Börse'' ("Chicago Daily Tribune"). Die Entente konnte nicht länger bezahlen, Gold konnte wegen der U-Boot-Gefahr nicht mehr über den Atlantik verschifft werden.
Im März 1917 beschwor Walter H. Page, US-Botschafter in London, seine Regierung in einer Depesche: "Unser Eintritt in den Krieg ist die einzige Möglichkeit, unsere bedeutende Handelsposition zu erhalten und eine Finanzpanik abzuwehren."
Am 6. April erklärten die USA dem deutschen Kaiserreich den Krieg. "Die Hauptursache des Eintritts der USA in den Ersten Weltkrieg", so stellte später ein Senatsausschuß lapidar fest, "waren die enormen Schulden der Alliierten an amerikanische Banken und Lieferanten die durch einen Sieg der Mittelmächte verloren gewesen wären."
Ähnlich war die Situation im Zweiten Weltkrieg, aus dem die USA als unbestritten erste Weltmacht, ihr Dollar als die Weltwährung hervorging. Auch der Koreakrieg diente als belebende Konjunkturspritze."Friedenspanik" brach in Wall Street nicht mehr aus. Auch ohne Krieg läßt sich, wie Präsident Reagan drastisch beweist, hinreichend kostspielig rüsten.
Dem Kapital bekommt''s. Der Erste Weltkrieg machte in den Vereinigten Staaten 21000 neue Millionäre. 1986 überschritt ihre Zahl erstmals eine Million.
Im nächsten Heft
Als ein Dollar 1,4 Billionen Mark wert war - Das Britenpfund dankt als Leitwährung ab - Der große Krach von 1929 - Vier Fünftel der Weltgoldvorräte in Fort Knox - Das Bretton-Woods-Abkommen und sein Ende
[Grafiktext]
WELTMACHT, ZUSAMMENGEKAUFT Von den USA seit 1803 erworbene Gebiete ALASKA 1867 von Rußland für 7,2 Millionen Dollar gekauft LOUISIANA-Territorium 1803 für 15 Millionen Dollar Frankreich gekauft Gebiete der 13 Gründerstaaten FLORIDA 1845 für rund 6 Millionen Dollar von Spanien gekauft 1848 von MEXIKO geraubte Gebiete, später für 18 Millionen Dollar gekauft VIRGIN ISLANDS 1916 von Dänemark für 25 Millionen Dollar gekauft
[GrafiktextEnde]
Rechts: US-Botschafter Monroe. Anton Zischka: "Der Dollar. Glanz und Elend einer Währung". Wirtschaftsverlag Langen-Müller/ Herbig. München; 368 Seiten; 34 Mark. Zusammentreffen der transatlantischen Trassen in Utah.

DER SPIEGEL 5/1987
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