29.12.1986

PRESSEAus dem Schatten

Die Burda-Brüder, gemeinsame Erben des Offenburger Zeitschriftenimperiums, gehen auseinander. *
Wenn es sein mußte, hockte Senator Franz Burda, der Gründer der "Bunten", noch als betagter Multiverleger bis in die Nächte am Leuchtpult in seinem Offenburger Verlagshaus und kümmerte sich darum, daß wichtiges Photomaterial auf schnellstem Wege per Luftfracht aus dem Ausland herbeigeschafft wurde.
Als Burdas Senior Ende September starb, gab es bei der "Bunten" einen Burda-Junior, der sich dort ebenfalls um Wichtiges und um Details kümmerte. Auf den Burda-Freund und -Kollegen Axel Springer machte es großen Eindruck, als ihm Dr. Hubert Burda, der jüngste der drei Senatoren-Söhne, einmal in allen Einzelheiten den minutenschnellen Weg eines Illustriertenphotos von der Aufnahme in New York über eine Telefaxanlage bis in die neue Münchner "Bunte"-Redaktion schilderte. "Da sieht man", äußerte Springer später zu Vertrauten, "die verlegerische Begabung." Bei Huberts älteren Brüdern Franz und Frieder sah man sie weniger; die blickten beim Vortrag des Jüngsten in Springers Gut Schierensee auf den Fußboden. Die Anekdote bekommt
jetzt Gewicht: Kurz vor dem Jahreswechsel sind die Burda-Brüder übereingekommen, ihre unterschiedlichen Begabungen und Interessen fortan getrennt zu verfolgen. Das Medien-Haus Burda wird geteilt.
Die beiden Älteren gründen eine neue gemeinsame Holding, die die ertragreichen Beteiligungen an Papierfabriken, amerikanischen Druckereien und am Axel Springer Verlag mit seinen vielen Zeitungen ("Bild", "Welt") und Zeitschriften ("Hörzu") übernimmt. Den Part des aktiven Verlegers und Unternehmers in Offenburg und München wird Hubert Burda allein spielen.
Der 46jährige, hieß es in einer Verlagsmitteilung vom Montag letzter Woche, werde "künftig als alleiniger geschäftsführender Gesellschafter die Burda GmbH" dirigieren - einen Unternehmenszweig also, der dem Senator wichtig war: die zehn Zeitschriften, von denen der Gründervater viele selbst erfunden hat, neben der "Bunten" etwa die "Freizeit Revue" und "Pan", sowie die Druckstätten in Offenburg und Darmstadt. In ihnen hatte der Altverleger wiederum die winzige Offenburger Hinterhofdruckerei seines Vaters fortgeführt.
Hubert Burda ist jetzt so alt wie sein Vater zu jener Zeit, da der Drucker und promovierte Volkswirt mit dem Konzernaufbau begann. Fragt sich, ob der früher oft sprunghafte Sohn mit dem "brennenden Ehrgeiz, sich zu beweisen"; wie es der frühere Burda-Mitarbeiter Andreas Odenwald formulierte, aus dem "Schatten des übermächtigen Senators" heraustreten kann - nun, da er sich von der Partnerschaft und Bevormundung der Brüder frei gemacht hat.
Im Konzern blieb nicht verborgen, wenn der poltrige Franz, 54, der Druckereichef, im heimischen Offenburg gelegentlich über Huberts Aktivitäten im Münchner Verlagshaus herzog - was der Kleine denn "da schon wieder angestellt" habe. Finanzchef Frieder, 50, machte sich, um den agilen Bruder zu bremsen, bisweilen einen Spaß daraus. "den Hubert besoffen zu rechnen".
Hinter dem brüderlichen Hickhack verbargen sich Zielkonflikte um geschäftliche Prioritäten. Drucker Franz war vor allem an maximalen Auflagen interessiert, Finanzchef Frieder an einem guten Anzeigengeschäft, Verleger Hubert an gehobener Zeitschriftenqualität. Alles zusammen ist schwerlich erreichbar, die "Bunte" beispielsweise verlor Anzeigen und Auflage zugleich.
Immerhin hatte Hubert Burda begriffen, daß sich, gegen die Konkurrenz von immer mehr Fernsehprogrammen, im Pressebereich nur sogenannte A-Medien behaupten können, Blätter also von eigenständigem Profil für ein speziell interessiertes Lesepublikum.
Medien der B-Qualität dagegen, Zweitzeitungen oder Unterhaltungsblätter ohne klare Kontur und Substanz, werden sich gegen den elektronischen Tingeltangel immer weniger halten können. Etliche Burda-Blätter, voran die "Bunte", sind in Gefahr, in die B-Klasse abzurutschen. Auf notwendige Investitionen konnte sich das Triumvirat der unterschiedlichen Brüder nicht einigen. Die beiden Älteren scheuten das Risiko mehr als der Jüngere.
Künftig hat Hubert, der sogar den erfahrenen Peter Boenisch als Redaktionsdirektor zu gemächlich fand und schnell wieder gehenließ (SPIEGEL 50/1986), allein das Sagen. Schon werden der neue Alleininhaber und sein guter Bekannter Günter Prinz, stellvertretender Vorstandschef beim Springer-Verlag, in Verbindung gebracht mit Plänen für ein neues Nachrichtenmagazin. Prinz prophezeite vorletztes Wochenende in einem Fernsehreport des Bayerischen Rundfunks über den SPIEGEL, daß "eines Tages ein zweites Nachrichtenmagazin erscheinen" werde - Herausgeber müßten "gar nicht unbedingt wir sein, das kann irgendein anderes großes Zeitungshaus sein".
Franz und Frieder Burda werden sich indessen zusammentun und ihre Interessen getrennt vom Stammhaus verwalten: einen 50-Prozent-Anteil am US-Druckkonzern Meredith/Burda (Umsatz: rund 800 Millionen Mark), 40 Prozent bei den MD-Papierfabriken (Umsatz: eine Milliarde Mark), eine Reihe anderer Firmen und Beteiligungen sowie den Minderheitsanteil am Axel Springer Verlag.
Bei Springer gibt es für die beiden Burda-Brüder, losgelöst vom Pressereich der Burdas, nun keine Kartellschranken mehr. Ihr Anteil beträgt "zur Zeit 24,9 Prozent", wie es in der Burda-Mitteilung vielsagend hieß. Bernhard Servatius, Springers Testamentsvollstrecker, versichert zwar, daß der Aktienanteil der Familie Springer (26,1 Prozent) nicht verringert werden solle. Aber an der Börse können Franz und Frieder Burda Springer-Aktien hinzukaufen.
So könnte nun doch noch wahr werden, was sich Axel Springer vor seinem Tod im Herbst letzten Jahres vergeblich wünschte: daß sein Pressekonzern in die Hände einer Verlegerfamilie von "solider Bodenständigkeit" übergeht. Nur käme es anders, als er es sich gedacht hatte. Nicht der Burda mit der Verlegerbegabung tritt bei Springer an, sondern dessen Brüder, die mit ihrem Augenmerk auf dem Fußboden blieben.
Verleger Hubert Burda wird seinen Sitz im Springer-Aufsichtsrat aufgeben und den Platz neben Frieder für Franz frei machen.

DER SPIEGEL 1/1987
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