20.04.1987

Mit Rock gegen Streik

Zwangseinsatz estnischer Reservisten in Tschernobyl *
In der Nacht vom 6. auf den 7. Mai 1986 ergingen in Estland Einberufungen von 4000 Reservisten zu zweimonatigen Militärübungen. Eingezogen wurden vor allem Ärzte, Traktoristen, Lkw-Fahrer, Schweißer, Elektriker. Was mit ihnen geschah, berichtet Ants Kippar von der Stockholmer "Hilfszentrale für politische Häftlinge in Estland": Sie kamen alle nach Tschernobyl.
Die Ärzte, sagt Kippar, mußten reihenweise Schwangerschaftsabbrüche bei Frauen aus dem Umkreis von 30 Kilometern um den Katastrophenort vornehmen. Die Traktor- und Lkw-Fahrer hatten radioaktiv verseuchten Boden abzutransportieren - oft nur mit Schaufeln oder sogar den nackten Händen. Viele der Mobilisierten wurden beim Absprühen von Häuserwänden und Bäumen mit Wasser eingesetzt. Es gab keine Schutzkleidung, keine Duschen für die Säuberung nach der Strahlen-Arbeit.
Meßgeräte für Radioaktivität gab es, aber die Ergebnisse der Messungen wurden erst nach Feierabend hinter verschlossenen Türen ausgewertet und geheimgehalten. Ständige Auskunft: Radioaktivität normal.
Zwei Offiziere aus Jöhvi starben gleich nach ihrer Rückkehr aus Tschernobyl, auch ein Arbeiter aus Kiviöli und in Tartu ein Mann, der für seinen Einsatz ausgezeichnet worden war. Estlands Krankenhäuser füllten sich mit Strahlenopfern.
Ende Juni hieß es, die Einberufung werde auf sechs Monate verlängert. Nach einer spontanen Versammlung zogen etwa 300 Esten zur Einsatzleitung und verlangten eine Erklärung. Es kam zu Handgreiflichkeiten.
Bis in den Juli hinein verweigerten Tausende die Arbeit. Dann kam aus Estland der Militärkommissar Generalmajor Roomet Kiudmaa, der zur Aufmunterung die populäre Rockgruppe "Vitamiin" mitbrachte.
Über "explosive Stimmung", "Erhebung oder Streik" berichtete im August 1986 die estnische Partei-Jugendzeitung "Noorte Hääl". Am Manuskript des Autors Tonis Avikson hatte die Zensurbehörde 42 Änderungen verlangt. Avikson wurde ins ZK der KP Estlands zitiert. Da er mit den Änderungen nicht einverstanden war, drohte man ihm, ihn selbst nach Tschernobyl zu schicken. Der Journalist verfaßte eine vier Seiten lange Selbstkritik.
Zwölf der Streikenden wurden zum Tode verurteilt. Im Juli erhielt der Ingenieur Gunnar Hagelberg, Reserveleutnant bei den Fallschirmjägern seine Einberufung nach Tschernobyl, wo man ihm zehn Soldaten mit dem Befehl zuteilte, auf Arbeitsverweigerer zu schießen. Im August kehrte er strahlenkrank nach Estland zurück; er starb zwei Wochen später.
3000 Evakuierte aus der Tschernobyl-Region wurden in dem für Russen reservierten Talliner Neubau-Stadtteil Lasnamä einquartiert. Die Wohnungen waren bereits vergeben, manche Russen hatten sogar schon die Wohnungsschlüssel, die sie nun zurückgeben mußten.
Ihren Protesten begegnete ein russischer Beamter: "Macht euch keine Sorgen, in drei Jahren wird keiner von denen mehr am Leben sein."

DER SPIEGEL 17/1987
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