23.02.1987

LEBENSMITTELGeben Pfötchen

Ein Buch enthüllt Unappetitliches aus deutschen Schlachthöfen. *
Bei der Geflügelfeinkost-Firma in Nordhorn hatte der Fleischkontrolleur Günter Ertel einiges zu beanstanden: "Unmengen von vereiterten Hähnchen", die zur Verarbeitung am Zerlegeband hingen. Einen Vorarbeiter sah Ertel Fleischteile, die er "wegen hühnereigroßer eitriger Entzündungen" beiseite getan hatte, wieder aus der Kiste holen: zur weiteren Verarbeitung.
Das war noch nicht alles. Geflügelhaut, eigentlich als Hundefutter gedacht, weil "schon schmierig, in Verwesung, dazu noch eine Unmenge eitriger Ablagerungen, Kloaken, Darmstücke mit und ohne Kot - 300 bis 500 Kilo", wurden abgeholt, so Ertels Beobachtung, damit Leberwurst daraus gemacht werde.
Solche Insider-Bekenntnisse sammelt ein in der nächsten Woche erscheinendes Buch, das die Leser daran zweifeln läßt, ob staatliche Kontrolle der Fleischverarbeitung einwandfreie Kost garantiere. _(Wolf-Michael Eimler und Nina ) _(Kleinschmidt: "Tierische Geschäfte - ) _(Barbarische Methoden im Fleisch- und ) _(Eierhandel". Droemer Knaur Verlag, ) _(München; 320 Seiten; 19,80 Mark. )
Die Autoren Wolf-Michael Eimler und Nina Kleinschmidt, seit fünf Jahren mit der Enthüllung von Mißständen in der Lebensmittelbranche voll beschäftigt, hielten sich nach Arbeiten über industrielle Massentierhaltung ("Und ewig stinken die Felder") und illegalen Medikamenteneinsatz bei der Mast ("Mißbrauch in der Schweinebucht") schon selbst für "abgebrüht". Der Einblick in die Tötungsfabriken für Nutztiere aber verlangte selbst ihnen noch einiges ab.
Schon der Normalbetrieb erscheint ihnen skandalös. Hans-Hermann Bethcke, bis vor einem Jahr Chef im Münchner Schlachthof, verriet den Autoren, "mindestens 30 Prozent aller Schweine" seien wegen ihres blassen, matschigen Fleisches "so minderwertig, daß wir sie auf die Freibank schicken müßten".
Die Einschätzung, wonach es sich bei Schnitzeln, Filets und Steaks häufig um "eßbaren Schrott", "billigen, nährstoffarmen, aufgeblasenen Pamps im besten Fall" handelt, teilt auch einer der von den Autoren aufgebotenen Branchenzeugen: Schlachtermeister Franz Luczak, ehedem Fleischbeschautierarzt am städtischen Schlachthof in Gelsenkirchen. Das Wort Fleisch dürfe eigentlich gar nicht benutzt werden, "höchstens Muskelnekrose oder Muskeldegeneration", meint Luczak. Das Zeug gehört nach seiner Meinung "in den Abfalleimer oder zum Abdecker".
Seit sechs Jahren streitet sich der Tierarzt mit der Stadt Gelsenkirchen vor Gericht: Er flog, weil er "die schlampigen Zustände bekämpft hat", sagt er, "wegen fachlicher Lücken", behauptet die Stadt.
Jetzt packt Luczak aus. Er offenbart den Autoren, daß Schweine mit "Atemnot, Chaos im Körper durch Streß", einer "Maulspreize" wie in Totenstarre, auf dem Schlachtband genauso behandelt werden wie gesundes Vieh: "Die geben Pfötchen, die Schweine, weil sie steif sind."
Ein Schweinemeister aus dem Münsterland gestand den Buchautoren, er sei in Gelsenkirchen "jedes noch so kranke Schwein losgeworden", sogar totes Vieh: "Das Schwein stirbt zweimal, aber wenigstens einmal ordnungsgemäß" - in der Tötebucht des Schlachthofes, nachdem es vorher schon verreckt war.
Fleischbeschau findet laut Luczak bei Tempo 220 statt: 220 tote Schweine in der Stunde zogen an seinen Augen vorbei, dreieinhalb pro Minute.
Er hatte ein eigenes "System" entwickelt, um das Akkordtempo der Schlächter zu schaffen: "gefühlsmäßig, geruchsmäßig und optisch". Wegen seiner "Pingeligkeit", die schon mal den Stopp des Bandes verlangte, bekam er Ärger mit den Fleischbeschauern; die sahen ihren Stücklohn in Gefahr. Hohes Tempo auch bei der Geflügelkontrolle: In der Grafschaft Bentheim an der niedersächsischholländischen Grenze begutachten zwei Kontrolleure 3600 Tiere pro Stunde, zwei Sekunden für jeden Hahn.
Luczaks Kollege Ertel mußte bei einer Firma die Herstellung von "Separatorenfleisch" mit ansehen. Inhalt: "Darmpakete mit vollem Darminhalt, Köpfe mit Federn, Füße". Das alles landet in Konserven mit der Aufschrift "Separatorenfleisch" oder, nun völlig unverdächtig "Geflügelfleisch".
Bei einer Firma in Wielen, die Hähnchen zerlegte, sah Ertel die Arbeiter beim Eintüten "bis zu den Knien in Hähnchen" stehen. Die warmen Tiere wurden, so ein Bericht, eineinhalb Meter hoch gestapelt, "so daß die unteren Hähnchen bereits anfingen zu stinken".
Fünf Jahre lang hat sich Ertel gegen den Dreck im Gewerbe aufgelehnt, bis er 1985, entnervt, seiner Kündigung zustimmte. Bei der Überprüfung der unglaublichen Erzählungen des Fleischbeschauers fanden Eimler und Kleinschmidt zwar niemanden, der seine Anschuldigungen bestritt.
Oberkreisdirektor Günter Terwey und Kreisveterinär Conrad Bachmann, für Ertels Entlassung verantwortlich, fanden dessen Arbeitseifer aber "zu extrem". Behörden-Veterinär Bachmann zeigte sogar Verständnis für die Schlampereien: "Die Betriebe stehen in den roten Zahlen. Wissen Sie, wie schwer die das haben?"
Nach alldem haben die Branchenkenner Eimler und Nina Kleinschmidt ein Urteil über bundesdeutsche Hygiene und die vorgeblich besten Lebensmittelgesetze der Welt gefaßt: Sie sehen "weiße Papiermützen" in den Fleischerläden, "Eiterabszesse, Geschwüre, minderwertiges Fleisch" in der Wurst.
Den Hausfrauen geben sie mit einem Zitat aus dem Mitteilungsblatt der Fleischbeschauer und Geflügelfleischkontrolleure Rat: Die Hände "während der Küchenarbeit möglichst oft mit warmem Wasser und Seife" waschen.
Wolf-Michael Eimler und Nina Kleinschmidt: "Tierische Geschäfte - Barbarische Methoden im Fleisch- und Eierhandel". Droemer Knaur Verlag, München; 320 Seiten; 19,80 Mark.

DER SPIEGEL 9/1987
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