11.05.1987

„Es lebe die neurotische Selbstschädigung“

Der österreichische Psychiater Erwin Ringel über Waldheim und die Österreicher Professor Dr. Erwin Ringel, 66, Autor des Buches „Die österreichische Seele“, ist Direktor des Instituts für medizinische Psychologie an der Universität Wien. *
Das ist die Tragödie Waldheims: Ein Mensch wird, soweit man es jetzt beurteilen kann, zu Unrecht beschuldigt, ein Kriegsverbrecher zu sein. Aber in der Reaktion auf den Angriff gibt sich der Angegriffene schlimme Blößen.
Wieso kann er sich an nichts erinnern? Wieso muß er seine Äußerungen stets korrigieren? Wie kann er sagen, er habe damals nur seine Pflicht getan?
Hat er die seither vergangenen 40 Jahre nicht dazu benützt, um wenigstens jetzt zu erkennen, daß es damals eigentlich Pflicht gewesen wäre, seine Pflicht nicht zu erfüllen?
Wie ist eine Formulierung wie "Der Begriff Trauerarbeit ist mir unbekannt" möglich? Nie etwas von Mitscherlichs "Unfähigkeit zu trauern" gehört?
Fragen über Fragen, die keine genügende Antwort erhalten, alles bleibt in einem merkwürdig undurchdringlichen Zwielicht. Ich bin überzeugt: Waldheim begreift bis heute nicht, was ihm von vielen Menschen im In- und Ausland vorgeworfen wird.
Schon im Wahlkampf wurde die Tragödie Waldheims zur Tragödie der Österreicher. Sie hatten viele Gründe, ihn zum Bundespräsidenten zu wählen. Das erste Motiv war durchaus ehrenhaft: Man muß dem Verleumdeten beistehen, eine Haltung, die in Österreich eine gewisse Tradition hat.
Die anderen Motive waren problematischer: Ausländerhaß kam da hoch. Und hieß es zunächst: "Wählt Waldheim, denn die Welt vertraut ihm", so wirkte dann die entgegengesetzte Parole solidarisierend: Mit Waldheim gegen die Welt.
Auch der alte "christliche" und rassistische Antisemitismus erwachte wieder, er war ja nie tot gewesen, hat sich nur geduckt und auf seine Stunde gewartet, wieder salonfähig zu werden. Diese Stunde ist jetzt da.
Denn es war ja der böse Jüdische Weltkongreß, von dem die Verleumdung ausging. Die Partei, die Waldheim in die Hofburg brachte, goß noch Öl in das antisemitische Feuer und machte damit die Herren Bronfman und Singer zu unfreiwilligen Wahlhelfern ihres Kandidaten.
Da ist aber ein noch schlimmerer Punkt: Durch sein schlechtes Erinnerungsvermögen und das Ableugnen Jeder Schuld wurde Waldheim die ideale Identifikationsfigur nur allzu vieler Österreicher. Deren Vergangenheitsbewältigung heißt seit langem Verleumdung und Vergessen der eigenen Beteiligung. Sie wollen Opfer gewesen sein, keinesfalls Täter, und also ist Waldheim unser Mann.
Das Zusammentreffen all dieser Motive ließ einen so vehementen, orkanartigen, irrationalen Sog - es lebe die neurotische Selbstschädigung - in Richtung Waldheim entstehen, daß es kein Halten gab. Freud hätte von einer Überdeterminierung gesprochen. Wahrscheinlich hätte auch Kreisky, ja nicht mal der liebe Gott als Gegenkandidat reüssiert.
Nun verwandelt sich die psychische Tragödie Waldheims und der Österreicher in die politische Tragödie des ganzen Landes. Denn das Land hat die bisherigen Methoden Waldheims zur Konfliktbewältigung zu seinen eigenen gemacht.
Flink werden die Wahrheitssucher zu Nestbeschmutzern degradiert. Jetzt werden Ausstellungen inszeniert, die nachweisen sollen, daß Österreichs geistige Elite zwischen 1900 und 1938 größtenteils Juden waren. Etwas Sinnloseres habe ich in meinem Leben nicht gesehen: Denn dies war der Welt durchaus bekannt.
Die entscheidende Frage "Wie sind denn wir hier mit diesen Menschen umgegangen?" wird nicht gestellt. Antwort. Wir haben sie verjagt, ermordet und die wenigen Überlebenden nur ungern wiederaufgenommen.
Dafür veranstalten wir als Auftragswerk eine Meinungsumfrage über Antisemitismus, die natürlich zu dem gewünschten Ergebnis kommt, daß nur sieben Prozent der Österreicher Antisemiten seien.
Dazu hat mein Freund Fritz Muliar zu Recht gesagt: "Wie komisch, daß ich überall auf diese sieben Prozent stoße, bitte, die übrigen 93 Prozent sollen sich endlich bei mir melden!"
Nun haben wir den Bankrott unserer Art Konfliktbewältigung und einen Präsidenten, der nicht in die USA reisen darf, in ein Land, dem wir unendlich viel verdanken. Die Primitiv-Rechnung, daß, weil wir selbst Großmeister im Vergessen sind, die anderen auch vergessen würden, ist nicht aufgegangen.
Muß die Tragödie ewig dauern? Kanzler Vranitzky nimmt in dieser schweren Situation eine vorbildliche Haltung ein, die ihm gewiß nicht leicht fallt: Er steht zu dem gewählten Staatsoberhaupt und rettet damit das Funktionieren der Demokratie.
Waldheim ist jedoch nicht nur ein politisches, sondern ebenso ein menschlich-psychologisches Problem für uns und natürlich auch für sich selbst. Es wäre verhängnisvoll, wenn er nicht in letzter Minute begreifen würde, daß ihm eine überaus wichtige Aufgabe zufällt: für sich und damit wieder stellvertretend für uns alle die Schuld einzugestehen für das, was wir in den düsteren Jahren getan, und vor allem, was wir unterlassen haben, nämlich den Verfolgten Beistand zu leisten. Waldheim hat zu vollziehen, was Richard von Weizsäcker für sich und die Deutschen in unvergleichlicher Weise vollzogen hat.
In schwerer Not müssen wir Österreicher alle zur Erkenntnis kommen: Kein Trick, keine Taktik kann uns helfen. Die Welt vermag zwischen Echtem und Gespieltem sehr wohl zu unterscheiden. Nur das Echte wird uns vor der Welt, aber auch vor uns selbst, bestehen lassen.
Von Erwin Ringel

DER SPIEGEL 20/1987
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