03.08.1987

Raumfahrt: Gegen diese Lobby kommt keiner an

Jahrzehntelang bediente sich die Atomindustrie am Bonner Forschungsetat: Jetzt ist die Raumfahrt dran. Die Regierung will dem Aufbruch ins All bis zur Jahrtausendwende rund 30 Milliarden Mark opfern. Doch wirtschaftlich macht das Abenteuer keinen Sinn. Neue Techniken ließen sich auf der Erde billiger fördern. *
Der Bonner Ministerialdirektor Wolfgang Finke war stets ein begeisterter Förderer der bemannten Raumfahrt. Doch der Weltraumabteilungsleiter des Forschungsministers Heinz Riesenhuber wußte auch um das Manko seines Hobbys: Rational läßt sich die Teilnahme an dem milliardenteuren Abenteuer letztlich nicht begründen.
Finke hatte deshalb stets einen Spruch parat, mit dem er seine hausinternen Gegner abblockte, die ihm mit technischen und finanziellen Bedenken kamen: "Man muß sich einfach entscheiden, ob man sich Hermelin umhängen will oder nicht."
Im Juni des vergangenen Jahres entließ Heinz Riesenhuber seinen Abteilungsleiter, weil der ihn zu heftig und zu öffentlich drängte, um jeden Preis beim Aufbruch ins All ganz vorn dabeizusein. Jetzt aber hängt der Minister sich doch den Hermelin um die schmalen Schultern. "Ja", bekannte Riesenhuber am Montagabend der vergangenen Woche in Bonn, "dies halte ich jetzt für die richtige Aufgabe." Nach zwei Jahren des Zögerns will der Minister sich im Kabinett dafür einsetzen, daß für den deutschen Aufbruch ins All bis zum Jahr 2000 möglichst viele Milliarden Mark bereitgestellt werden.
Noch eine Hürde muß er nehmen, dann kann es losgehen. Im Oktober müssen Helmut Kohl und seine Minister Riesenhubers Raumfahrtpläne genehmigen. Anschließend, im November, soll im Ministerrat der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) der Startschuß für den europäischen Aufbruch ins All unter führender Beteiligung der Deutschen fallen.
Widerstand im Kabinett ist nicht zu erwarten. Kohl hat dem französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand schon vor Monaten versprochen, es werde nichts mehr schiefgehen. Weltraumfan Hans-Dietrich Genscher schwärmt ohnehin seit langem von Mond- und Marskolonien. Der technikbesessene Franz Josef Strauß und seine CSU-Minister im Kabinett sind mit Sicherheit dabei. Schließlich gilt es, Milliarden-Zuschüsse aus Bonn in die süddeutschen Raumfahrtfirmen MBB und Dornier zu lenken.
Gegen diese geballte Lobby kommt keiner an. Bemannte Raumfahrt tut offenbar not, egal was sie kostet; gleichgültig, ob ihr möglicher Nutzen in einem halbwegs vernünftigen Verhältnis zu dem Aufwand steht.
Die Werbekampagne für die bemannte Raumfahrt läuft schon seit langem. In ganzseitigen Interviews und auf diversen Podiumsgesprächen preisen die Astronauten Reinhard Furrer und Ernst Messerschmid ihre Taten im All. Seit das Fernsehen die beiden als tapsige Michelin-Männchen während ihrer DI-Mission im Weltraumlabor den Bundesbürgern nahebrachte, verkörpern sie geballten Sachverstand.
Reimar Lüst, Generaldirektor der ESA, wirbt sowohl im Forschungsausschuß des Parlaments als auch vor ausgewähltem Publikum im Bonner Rheinhotel Dreesen für die große Sache. Seine Botschaft: Eine Nation, die keine Menschen ins All schicken, sie dort am Leben erhalten und schließlich zurückholen kann, muß als Industriestaat bald abdanken. Auch die allseits geachtete Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik hat unvermittelt ein Pro-Weltraum-Memorandum veröffentlicht. Albrecht Müller, Lobby-erfahrener Planungschef des Ex-Kanzlers Helmut Schmidt und jetzt SPD-Abgeordneter, ordnet die Aktivitäten zielsicher ein: "Da stehen Entscheidungen über Milliarden bevor."
In Wahrheit sind die Entscheidungen schon gefallen. Nur um den Preis eines handfesten Krachs mit den Amerikanern und eines Bruchs mit Paris wäre ein Verzicht noch möglich. Beides aber ist nicht vorgesehen. Überdies sind bereits 500 Millionen Mark für die Planungen draufgegangen.
Deshalb hat Riesenhuber, der lange den Sinn des teuren Abenteuers bezweifelt hat, seine Bedenken überwunden. Die Deutschen sollen sich, jetzt weiß er es genau, mit 22 Prozent an der Europa-Rakete Ariane-5 beteiligen und 38 Prozent der europäischen Weltraumstation Columbus bezahlen, die Bestandteil einer ständig bemannten US-Raumstation im Orbit sein wird. Außerdem soll Bonn 30 Prozent des Raumgleiters Hermes übernehmen den Ariane mit drei Euro-Astronauten irgendwann zur Raumstation bringen und wieder zurückholen soll. Voraussetzung ist nur, daß Finanzminister Gerhard Stoltenberg jede Menge Geld zusätzlich bewilligt.
Am Werbefeldzug für den endgültigen Einstieg in die bemannte Raumfahrt beteiligt sich von diesem Montag an auch Riesenhuber selbst. Vor schwarzrotgoldenem Fahnentuch präsentiert er den Fernsehkameras fünf neue Astronauten, drei Männer und zwei Frauen. Einer dieser Kandidaten hat die Chance, im dritten Quartal 1991 mit einem US-Shuttle zu einer zweiten deutschen Raummission ins All geschossen zu werden. Die Fernsehbilder von den Heldentaten im Weltraum sollen dann das deutsche Publikum geneigt stimmen, die Weltraumlasten weiterhin willig zu schultern.
Ariane, Columbus und Hermes werden gewaltig ins Geld gehen. Nach den neuesten Zahlen der ESA werden bis zum Jahr 2000 etwa 65 Milliarden Mark fällig - zu Preisen von 1986. Auf Bonn entfallen davon laut Riesenhuber rund 18 Milliarden Mark. Hinzu kommen noch einmal zehn Milliarden für nationale Weltraumanstrengungen. Das Engagement im Weltraum würde den forschungspolitischen Spielraum bis zum Jahr 2000 nahezu auf Null bringen. Wie früher die Atom-Vertreter, so wären _(Mit einem Modell des Weltraumlabors ) _(Spacelab. )
künftig die Raumfahrtlobbyisten die gefräßigen Hauptkostgänger des Forschungsministers.
Riesenhuber hat ausgerechnet, daß er Mitte der neunziger Jahre rund dreieinhalb Milliarden Mark seines Haushalts für die Raumfahrt ausgeben müßte. Jetzt beträgt sein gesamter Etat etwa 7,5 Milliarden. Ein stetiges Wachstum vorausgesetzt, ließe sich das vielleicht noch verkraften. Doch die ESA-Zahlen sind entgegen allen anderslautenden Beteuerungen nicht verläßlich.
Erst im Juni waren die bis dahin geltenden Kostenschätzungen um 40 bis 50 Prozent angehoben worden. Riesenhubers früherer französischer Kollege Hubert Curien stimmte den Bonner bereits Ende vorigen Jahres auf die Realitäten ein: Man müsse schlicht und einfach mit dem Zwei- bis Dreifachen rechnen.
Der Minister lügt sich zudem selbst in die Tasche, wenn er bei seiner Planung "als Rechengröße" eine Inflationsrate von nur 2,5 Prozent ansetzt. Die bisherigen Erfahrungen mit High-Tech-Projekten legen eher Preissteigerungen zwischen sieben und zwölf Prozent nahe. Der Bielefelder Wissenschafts-Soziologe Johannes Weyer kommt in seinen Rechenbeispielen zu dem Ergebnis, daß die Weltraumfahrt den gesamten Forschungsetat "auffressen" könnte (siehe Graphik).
Wie wenig Verlaß auf Kostenschätzungen und Kabinettsbeschlüsse der Regierung Kohl ist, läßt sich gerade an der Raumfahrt einprägsam vorführen. Bereits im Januar 1985 erklärte das Kabinett sich nämlich prinzipiell bereit, bei Ariane-5 und Columbus zu einem Preis von knapp 4,5 Milliarden Mark mitzumachen. Der Finanzminister ließ vorsichtshalber einen Passus in den Beschluß aufnehmen, wonach er keine zusätzliche Mark für ein weiteres Weltraumspielzeug herausrücken werde.
Die Lobby war zufrieden- sie wußte daß es anders läuft und der Kollege Sachzwang schon helfen werde.
So kam es. Zunächst erhöhten sich die Kosten für Ariane und Columbus schlicht um 40 bis 50 Prozent. Dann erschien, eigentlich unprogrammgemäß, aber für Fachleute von Anbeginn an klar, der Raumgleiter Hermes auf der Wunschliste.
Die Ariane-5 nämlich machte von vornherein nur dann Sinn, wenn es eine schwere Last wie etwa den dicken Hermes zu bewegen galt. Die gängigen Wetter- und Kommunikations-Satelliten hätte auch die zartere Ariane-4 ins All schaffen können. Ariane-5, die erheblich größere Lasten in den Weltraum tragen kann, war nur notwendig, wenn es auch den Hermes geben würde.
Jetzt nun, im zweiten Anlauf, haben die Weltraumplaner das Trio hübsch beisammen - egal mit welchen Papieren da Finanzminister Stoltenberg wedeln mag.
Das riesige Projekt kommt, einmal auf die Rampe gesetzt, quasi schicksalhaft auf den deutschen Steuerzahler zu. Die Entscheidung für die bemannte Weltraumfahrt beruht dem Grunde nach auf einer einzigen Behauptung, die von den verschiedenen Befürwortern des All-Abenteuers ständig wiederholt wird. Im Weltraummemorandum der Gesellschaft für Auswärtige Politik, das die maßgebenden Lobbyisten aus Ministerialbürokratie, Wissenschaft und Industrie gemeinsam verfaßt haben, heißt es: "Die politische Stellung eines Staates, sein Einfluß, sein Ansehen innerhalb der internationalen Gemeinschaft werden im ausgehenden 20. Jahrhundert wesentlich davon abhängen, ob er fähig und bereit ist, den Weltraum zu erschließen." Die Autoren fügen, ehrlicherweise, hinzu: "Diese fundamentale Aussage läßt sich nicht beweisen."
Daß die Milliarden für andere Zwecke rentabler angelegt wären, weiß selbst Genscher. Dessen Planungschef Konrad Seitz räumt ein: "Es ist evident, daß Investitionen in andere Hochtechnologien sich besser rechnen." Dennoch trommelt Genscher fast lauter als jeder andere im Land für den Mann auf dem Mars. Er hat vor allem außenpolitische Gründe für sein Engagement.
Dem Außenminister liegt daran, seine aktive Ostpolitik fortsetzen zu können. Amerikaner und besonders Franzosen beobachten die deutschen Annäherungen an Moskau mit Mißtrauen. Sollte Bonn nun auch noch seinen Beitrag für das Gemeinschaftsunternehmen im Weltraum verweigern, wäre für die Partner die Sache klar. Die Verbündeten würden auf nachlassendes Interesse der unzuverlässigen Deutschen an Europa und der Nato schließen, Genschers ohnehin knapper Spielraum nach Osten würde eingeengt.
Doch davon spricht der Außenminister nicht. In Reden wie etwa im März
auf dem Ersten Deutschen Wirtschaftskongreß in Köln beschwört er ausschließlich den ökonomischen, wissenschaftlichen und technischen Nutzen der geplanten Projekte: "Raumfahrt ist kein Luxus. Sie ist vielmehr eine Chance für die Lösung unserer Probleme auf der Erde: den Schutz der Umwelt, die Lösung von Energieproblemen, die Überwindung der Armut und ... die Stabilisierung des Friedens."
Von dem kleinen Sektor der Weltraumindustrie mit nur 5500 Beschäftigten, der fast völlig abhängig von Staatsaufträgen ist, soll alles Heil kommen. Die bemannte Raumfahrt werde, so Genscher, den technischen Fortschritt in weite Bereiche der Volkswirtschaft zwingen, "unentbehrliche Anstöße" für Mikroelektronik und Werkstofftechnik geben, "zwei Schlüsseltechnologien unseres Zeitalters". Gemeint ist die Hoffnung, für bemannte Weltraumfahrt entwickelte Techniken und Werkstoffe würden als "Spin off" in anderen zivilen Industrien rasch für einträgliche Neuerungen und Umsätze sorgen.
Doch das "Spin off"-Argument ist längst widerlegt. Selbst wenn es einen solchen Technik-Transfer von Militär- oder Weltraumentwicklungen in den zivilen Sektor in nennenswertem Umfange gäbe, wäre das kein Grund, Milliarden in Raumstationen zu stecken. Solche Abfallprodukte müßten ja auch zu ernten sein, wenn man, zum Beispiel, die gleiche Summe ausgäbe, um mit Hilfe modernster Technik das Mittelmeer zu säubern.
Viel wichtiger aber: Für die Ausstrahlung staatlich geförderter Großtechnik auf die private Wirtschaft gibt es keine Beweise. Professor Helmar Krupp vom Karlsruher Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung hat in einem Zeitraum von zehn Jahren versucht, 7000 High-Tech-Patente aus dem staatlich geförderten Bereich an zivile Interessenten zu verkaufen: "Das Ergebnis war fast gleich Null!"
Zu ähnlich deprimierenden Erkenntnissen kam auch eine vom Bonner Forschungsminister in Auftrag gegebene Studie über den "zivilen Nutzen militärisch motivierter Forschung" in der Welt. Die Weltraumforschung kann im Hinblick auf den "Spin off" weitgehend mit Militärforschung gleichgesetzt werden. Krupp: "Behauptungen über einen massiven Technologietransfer auf Feldern wie Schiffbau, Produktionsverfahren, Mikroelektronik und Computer-Hard- und -Software haben sich als ziemlich übertrieben erwiesen."
Alle wesentlichen Basiserfindungen wie Kernspaltung, integrierte Schaltkreise, Laser und Supraleitung sind im zivilen Sektor gemacht worden. Allerdings: Einmal erfunden, wurde der weltweite Erfolg mancher Produkte durch Militär- oder Weltraumindustrie erheblich beschleunigt. So wurde die Miniaturisierung der Computer-Chips ohne Rücksicht
auf die Kosten vorangetrieben. Derlei Erfolge aber, argumentieren Weltraumskeptiker, ließen sich durchaus mit Staatsgeldern für zivile, irdische Projekte erzielen - falls nicht immer den Phantasien der Militärs gefolgt werde.
Daß es mit dem "Spin off" nicht so einfach ist, diese Erfahrung machte auch Hanns Arnt Vogels, Leiter der Geschäftsführung von MBB. Nach seinem Amtsantritt vor über vier Jahren versprach der Manager, das in den Konzern-Abteilungen Waffen und Weltraum schlummernde technische Wissen für zivile Produkte zu nutzen und sein Unternehmen von öffentlichen Auftraggebern unabhängig zu machen. Daraus ist nicht viel geworden. Der Anteil der privaten Auftraggeber bei MBB ist eher noch geschrumpft.
Selbst die legendäre Teflon-Pfanne, die Genscher in jeder Weltraumrede als typisches "Spin off"-Produkt preist, stammt überhaupt nicht aus dem All. Der Werkstoff Teflon wurde bereits 1938 von der US-Firma Du Pont entwickelt.
Weltraumfan Genscher aber träumt schon von der Produktion einmalig reiner Kristalle im All, erzeugt unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit. "Galliumarsenid", sagt sein Berater Seitz, und seine Augen glitzern. Wenn dieser Stoff, notwendig zur Produktion modernster Chips, erst mal in höchster Reinheit im All erzeugt werde, dann seien alle Staaten, die knauserig die Teilnahme am Wettlauf ins All verweigert hätten, zur Zweitklassigkeit verdammt.
Mit dem Plan einer Produktion von reinem Galliumarsenid im schwerelosen Raum imponierte auch MBB-Manager Othmar Heise auf einem Symposium des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Er legte sogar schon beeindruckende Kosten-Nutzen-Rechnungen vor. Sein Pech: Ein sachkundiger Zuhörer, der Festkörper-Forscher Professor Hans-Joachim Queisser, machte die angestrebte Wirkung zunichte.
Das Problem bei der Zucht von Galliumarsenid-Kristallen, so Queisser, sei nicht die irdische Schwerkraft. Vielmehr störten bestimmte Turbulenzen die sich auf Erden weitgehend durch Magnetfelder neutralisieren ließen. Im Weltraum sei das erheblich schwieriger.
Die Industrie zeigt denn auch an den Möglichkeiten der bemannten Raumfahrt bemerkenswert wenig Interesse. Auf einem Seminar in Honnef begründete der Entwicklungschef der Vacuumschmelze GmbH in Hanau, Professor Hans Warlimont, die Zurückhaltung mit den zu hohen Kosten. Der Kilopreis für im Weltraum erzeugtes Material werde zwischen 30000 und 100000 Mark liegen. Was das eigentlich für Materialien seien, fragte Warlimont, die solche Kosten rechtfertigten. Für ihn sei es schwer zu verstehen, daß der Forschungsminister ausgerechnet die Materialforschung als eine Hauptbegründung für die bemannte Raumfahrt nenne.
In einem Memorandum beurteilte der beratende Ausschuß der Industriephysiker in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft die Möglichkeiten der bemannten Raumfahrt ähnlich. Die Kosten ließen sich mit den "realistisch abschätzbaren Chancen der Materialforschung im Weltraum als Hauptanwendung weder ganz noch teilweise rechtfertigen".
Für Genscher sind das kleinkrämerische Bedenken. Alles werde anders, prophezeite er in seiner Aufbruch-Rede in Köln, wenn dank einer Infrastruktur im Raum und häufiger Flüge der Preis pro Experiment nicht mehr zwei Millionen Dollar betrage, sondern die Transportkosten von heute 8000 Dollar pro Kilogramm Nutzlast drastisch gesenkt werden könnten.
Solche Hoffnungen machte auch die US-Weltraumbehörde Nasa ihren Kunden Anfang der 70er Jahre. Binnen eines Dezenniums, so die Verheißung, werde ein Kilo Nutzlast für gut 200 Dollar in den Orbit zu schaffen sein. Im Jahr 1987 gilt immer noch der 40fache Preis.
Unabhängig von den Kosten und vom möglichen Nutzen der Weltraumflüge ist überdies nicht klar, ob Astronauten oder eine ausgefeilte Fernbedienungs- und Robotertechnik besser geeignet sind im All zu arbeiten. Riesenhuber hat sich, ganz im Sinne von Strauß und Genscher, schon jetzt entschieden: Für ihn ist der Astronaut - vorerst - unersetzlich.
Die Experten seines Ministeriums aber streiten noch. Auf Vorschlag des Ministers erörterten Weltraumbeamte und Automatikexperten des Hauses das heikle Thema im Frühjahr in einer gemeinsamen Sitzung. Beide Seiten hatten sich mit externem Sachverstand gewappnet. Das Ergebnis war, aus der Sicht der Automatiker jedenfalls, für die Weltraumleute kläglich: "Die konnten die Experimente, die sie machen wollten, nicht so präzise beschreiben, daß eine sinnvolle Diskussion über eine Automatisierung möglich gewesen wäre."
Die Skepsis in Vermerken des Unterabteilungsleiters Uwe Thomas an Riesenhuber ist denn auch unüberhörbar. Er halte es für erforderlich, die Frage nach der Automatisierbarkeit noch gründlicher zu stellen", schrieb Thomas. Dabei berief er sich auf Aussagen des deutschen Automatisations-Papstes _(Bei der Firma Matra in Frankreich. )
Günter Spur von der Technischen Universität Berlin.
Der hält die Anwesenheit von Astronauten in Weltraumlabors eher für störend. Zum einen hätten einzelne Menschen auch nur einzelne Kenntnisse und seien für viele Experimente nicht zu gebrauchen. Zum anderen würden die natürlichen Absonderungen überflüssigen Schmutz verursachen. Es sei vernünftiger, die Aufgaben des Operateurs, die Instandhaltung von Satelliten und Geräten von einem "automatischen Instandsetzungs- und Logistiksystem durchführen zu lassen". Spur: "Manuelle Eingriffe in die automatische Aufgabenausführung und deren Überwachung können vom Boden aus durchgeführt werden."
Thomas riet deshalb seinem Minister: "Ich meine, wir müssen diesen Denkansatz genauer untersuchen, auch wenn damit Hermes und Columbus in Frage gestellt werden." Doch Riesenhuber hat anders beschlossen, obwohl seine Weltraumleute bislang kein Experiment genannt haben, vor dem die Automatiker kapituliert hätten.
Aus Amerika belebte inzwischen der Physiker James A. Van Allen den Streit um Menschen oder Maschinen im All. In einer lebhaften Polemik gegen die Träume von der Kolonisation des Alls schrieb Van Allen in der US-Zeitschrift "Scientific American", daß die Debatte so neu nicht sei.
In den 50er Jahren sei darum gerungen worden, ob Forschungsballons in großen Höhen mit Wissenschaftlern besetzt sein sollten oder ob Automaten ausreichten. In einer Diskussion habe ein Zuhörer den Automatenfreund Professor Edward Ney gefragt: "Gibt es irgend etwas, was ein Mann in einem Ballon-Korb tun kann, das ein Instrument nicht erledigen könnte?"
Neys Antwort: "Ja, das gibt es schon. Aber warum sollte irgend jemand das ausgerechnet in so einer Höhe tun wollen?"
[Grafiktext]
ZUKUNFT IN DEN STERNEN Die Bundesrepublik beteiligt sich verstärkt an internationalen Raumfahrtprojekten. Die Schwierigkeiten bei der Entwicklung neuer Technologien lassen die Kosten in der Regel weit höher schnellen als vorausgeplant (Beispiel: Schneller Brüter in Kalkar). Prognosen der Ausgaben des Bundesforschungsministeriums für Raumfahrt in Milliarden Mark: Prognose I: Kosten steigen nicht Prognose II: Kosten verdoppeln sich nur Prognose III:Kosten explodieren wie beim Schnellen Brüter in Kalkar Anteil beim Forschungsetat in Prozent Quelle: Johannes Weyer:"European Star Wars"
[GrafiktextEnde]
Mit einem Modell des Weltraumlabors Spacelab. Bei der Firma Matra in Frankreich.

DER SPIEGEL 32/1987
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