23.02.1987

OZONGezinkte Karten

Die USA drängen auf ein weltweites Produktionsverbot für Gase, die den Ozonschild der Atmosphäre zerstören können. Doch die Umweltminister der EG legen sich quer. *
Die Drohung klang mächtig schal. Wenn es nicht noch in diesem Jahr zu einer Einigung komme, erklärte Ende vorletzter Woche Richard Benedick Unterstaatssekretär im US-Außenministerium, dann könne man ja auch einen Importstopp für die entsprechenden Waren verhängen. Neuer Vorstoß im transatlantischen Handelskrieg?
An Zölle und Importquoten ist dabei nicht gedacht. Benedick ist in Washington für internationale Umweltprobleme zuständig, sein Warnschuß galt den Umweltministern der EG-Staaten und Japans. Sie sollen, so fordert die US-Regierung, endlich einem "internationalen Abkommen zum Schutz der Ozonschicht" zustimmen, das in dieser Woche im Rahmen von Uno-Verhandlungen in Wien wieder zur Debatte steht. Auf dem Tisch liegt der Vorschlag der Amerikaner und der Skandinavier, möglichst bald, spätestens aber in zehn Jahren, aus der Produktion und Verwendung der sogenannten Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe auszusteigen. Sie stehen im Verdacht, die Ozonschicht in der oberen Atmosphäre zu zerstören, die das Leben auf der Erde vor gefährlicher UV-Strahlung aus dem Weltraum schützt.
Jahrzehntelang galten die "FCKWs" (Chemiker-Jargon) als eine der ungefährlichsten Produktgruppen der modernen Chemie. Sie brennen nicht, sind wasserunlöslich und kaum giftig. Als Kühlmedium in Klimaanlagen und Kühlschränken als Treibgas in Spraydosen, und zunehmend zur Herstellung von Schaumstoff-Produkten fanden sie massenhafte Verwendung.
Doch eben wegen der hohen Stabilität der gasförmigen Verbindungen droht von ihnen Gefahr: Einmal in die Umwelt entlassen, werden sie praktisch nicht abgebaut. So können sie bis in die Stratosphäre in 15 bis 50 Kilometer Höhe aufsteigen - und dort Unheil stiften. Unter dem Beschuß ungefilterter Sonnenstrahlung setzen sie Chlor-Atome frei, die ihrerseits das Stratosphären-Ozon, eine Verbindung von drei Sauerstoff-Atomen, aufbrechen können. Verhängnisvoll wirkt sich aus, daß die Ozonschädlinge sich nur äußerst langsam verbrauchen. Auf jedes Chlor-Atom kommen Tausende geknackter Ozonmoleküle. Der "Weltraumanzug" ("taz") des Raumschiffs Erde wird undicht.
Seit 1974 ist der unheilvolle Prozeß theoretisch bekannt. Doch nur die Regierungen der USA, Kanadas und Schwedens ließen wenigstens den Einsatz der gefährlichen Gase als Treibmittel in Spraydosen verbieten. Die EG-Staaten begnügten sich mit einer Zusicherung der Industrie, die Verwendung der unter dem Namen "Freon" vertriebenen Gase für Sprays um ein Drittel zurückzuschrauben.
Die Halbherzigkeit der Maßnahmen rächte sich. Denn was aus den Sprühdosen verbannt blieb, wurde um so mehr in Klimaanlagen und Kühlschränken, zum Aufschäumen von Kunststoffen sowie als Reinigungsmittel in der Elektronikindustrie verwandt. Schon 1984 lag die Weltjahresproduktion der drei Hauptprodukte Freon 11 und 12 sowie CFC 113 mit einer knappen Million Tonnen wieder über der Spitzenmarke von 1974.
Seitdem auch häufen sich die Anzeichen, daß der Ozonabbau in der Stratosphäre vielleicht schneller vorangeht, als ursprünglich angenommen. Aufgeschreckt reagierten Umweltverbände und -behörden, als englische Forscher vor zwei Jahren über der Antarktis ein "Ozonloch" entdeckten, das jeweils im antarktischen Frühling auftritt und mittlerweile so groß ist wie das Gebiet der Vereinigten Staaten (siehe Graphik).
Einen ähnlichen, nur weniger drastischen Effekt bemerkten die Ozon-Forscher inzwischen auch am Nordpol, und in anderen Breiten ist ein Trend zum Ozonabbau in der obersten Stratosphärenschicht erkennbar. Dort, in 40 Kilometer Höhe, wo bisher noch der größte "Teil der gefährlichen UV-Strahlung hängen bleibt, sind nach Auffassung der meisten Klimaforscher Ozonverluste von 30 bis 40 Prozent bis zum Beginn des nächsten Jahrtausends zu erwarten.
Was das bedeuten könnte, ließ die US-Umweltbehörde hochrechnen: 40 Millionen zusätzliche Hautkrebserkrankungen in den nächsten 88 Jahren allein in den USA, davon 800000 mit tödlichem Ausgang. Außerdem sei eine Verschärfung des "Treibhaus-Effektes" zu erwarten. Die schon durch die Anreicherung von Kohlendioxid in der Atmosphäre drohende Erwärmung der Erde (SPIEGEL-Titel 33/1986) werde durch den Ozonabbau wesentlich forciert.
Noch, so räumen alle Klimaforscher ein, könne niemand genau sagen, ob und in welchem Maße das Chlor aus den
Freon-Gasen an dem Prozeß beteiligt ist. "Aber wir können nicht warten", warnte der Nasa-Meteorologe Robert Watson vorletzte Woche noch einmal, "bis wir Gewißheit haben. Dann ist es zu spät."
Abwarten mochten jedoch am liebsten die europäischen FCKW-Hersteller, unter ihnen der Frankfurter Hoechst-Konzern und die Hannoversche Kali-Chemie, eine Tochter des belgischen Konzerns Solvay. Mehr als 60000 Tonnen der "Planetenkiller aus der Spraydose" (Greenpeace) bringen sie jährlich auf den Markt. Mit rund 380000 Tonnen im Jahr bringt es die gesamte EG-Chemiebranche auf fast 40 Prozent der Weltproduktion. Mehr als die Hälfte davon blasen die EG-Bürger noch immer aus Spraydosen in die Luft, allein die Westdeutschen verbrauchen jährlich über 600 Millionen der gasgetriebenen Zerstäuber.
Mindestens diese Menge, das beweist das Beispiel der USA, wäre sofort verzichtbar. Gleiches gilt für die rund 70000 Tonnen Freon-Gase, die bei der Herstellung von Schaumstoffen für ohnehin meist überflüssige Lebensmittelverpackungen verbraucht werden.
Einfache Sofortmaßnahmen, schrieben 35 prominente bundesdeutsche Klimaforscher in einem offenen Brief an die Bundesregierung, "ermöglichen eine Einschränkung der FCKW-Produktion um über 70 Prozent". Wegen der langen Lebensdauer der ozonschädlichen Gase errechneten Experten, müßten die Freon-Emissionen um mindestens 85 Prozent gesenkt werden, wenn langfristig wenigstens der jetzige Stand der Verseuchung der Atmosphäre mit den Chlorverbindungen gehalten werden soll.
Doch dazu sehen die Hersteller, wie ein Sprecher des Europäischen Chemieverbandes erklärte, "gegenwärtig keinen Anlaß". Bis zum Jahr 2060, so behaupten sie in einem Positionspapier, sei höchstens mit einer Ozonminderung von nur 1,5 Prozent zu rechnen - das rechtfertige nicht einmal das Einfrieren der Herstellungsmengen auf dem jetzigen Stand.
Der Chemie-Lobby folgten die Brüsseler Umweltbürokraten willig. Als sich auf Initiative der Uno-Umweltorganisation "Unep" Anfang Dezember Delegationen aus 40 Staaten im Genfer Palast der Nationen trafen, um über das Ozonproblem zu verhandeln, blockierten die EG-Vertreter jedes Übereinkommen.
"Rational", meint Beate Weber, sozialdemokratische Vorsitzende des Umweltausschusses im Europaparlament, sei das "gar nicht mehr nachzuvollziehen": Immer wenn ein Umweltproblem nicht national zu lösen sei, verhindere das EG-System internationale Lösungen. "Stocksauer" seien die amerikanischen Delegierten unter Leitung von Unterstaatssekretär Benedick aus Genf abgereist. Statt Produktionsminderungen für die (Ozon-Killer hatten die EG-Vertreter lediglich angeboten, die Herstellungskapazitäten nicht mehr auszuweiten.
Die sind aber ohnehin nicht ausgelastet und lassen noch erhebliches Wachstum zu - wie vom Europa-Chemieverband gewünscht. Die entsprechende Vorlage der EG-Kommission, so Umweltpolitikerin Weber, habe der Rat der Umweltminister eine Woche vorher ohne jede Diskussion abgesegnet. Minister Wallmann habe "nicht einmal den Mund aufgemacht". Beim Ozonproblem treibe er ein "Spiel mit gezinkten Karten".
Tatsächlich hatte sich das Wallmann-Ministerium noch im Dezember damit gebrüstet, die Regierung werde "alle erforderlichen Schritte unternehmen", um ein Abkommen zur Begrenzung der gefährlichen Emissionen zu unterstutzen. Doch der Minister konnte auf "eine massive Gegenposition" bei einigen EG-Partnern fest zählen. Europas Umweltminister treffen sich das nächste Mal im März. Vorher wird es keine neue EG-Position für die Unep-Verhandlungen geben.
Ohne Resonanz verhallte so die Drohung der US-Regierung, bald keine Waren mehr ins Land zu lassen, die mit FCKW-Gasen belastet sind. Und bei den Verhandlungen dieser Woche in Wien meinte ein Wallmann-Mitarbeiter, "wird wohl wieder nichts rauskommen".
Immerhin aber habe sich der Minister bei einem "informellen" Minister-Plausch vorletzten Freitag in Brüssel "mächtig aus dem Fenster gehängt", die EG-Delegation werde jetzt eine "flexiblere Verhandlungsatmosphäre" mitbringen. Der irdischen Atmosphäre wird das einstweilen wenig nutzen.
[Grafiktext]
Über dem Südpol - ein Loch in der Hülle Ozondichte im Antarktischen Frühling von 1979 bis 1985 (Meßergebnisse amerikanischer Beobachtungssatelliten) Afrika Australien Antarktis Südamerika 1979 1980 1981 1982 1983 1984 1985 Ozondichte: Quelle: Bild der Wissenschaft weniger als 200 Dobson-Einheiten weniger als 170 Dobson-Einheiten Die den Planeten in einer Höhe von 15 bis 50 Kilometer umgebende Ozon-Schicht schützt Pflanzen, Tiere und Menschen vor der gefährlichen ultravioletten Strahlung der Sonne. Ozon filtert genau jene Strahlen aus, die das Erbmaterial DNS in Zellen schädigen und so Krebs und Mutationen verursachen können. Seit 1979 ist für jeweils einige Wochen im antarktischen Frühling - zwischen August und November - die Ozon-Schicht über dem Südpol aus bisher ungeklärter Ursache merklich dünner geworden. Dabei wuchs die Größe des "Ozon-Lochs" von Jahr zu Jahr beträchtlich. 1985 hatte es bereits eine Größe erreicht, die der Gesamtfläche der Vereinigten Staaten entsprach. Die Schichtdicke des Ozonmantels wird in "Dobson-Einheiten" gemessen. Die normale Schichtdicke liegt bei 300 bis 400 Dobson-Einheiten. 1985 lag sie in einem großen Bereich unter 170 Dobson-Einheiten.
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 9/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

OZON:
Gezinkte Karten

  • Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Kurioser Torjubel: Torschütze stellt Anzeigetafel selbst um
  • Illegaler Schiffsfriedhof in Griechenland: Der Kampf mit den Wracks
  • Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell