08.06.1987

FAHNDUNGTypisches Schmatzen

Mit einer neuen Technik sollen anonyme Anrufer erkannt werden. Doch die Methode verstößt oft gegen geltendes Recht. *
Haben Sie das Geld?" fragte die Stimme beim sechsten Anruf und drohte: "Wenn ich irgendwo einen Polizisten oder sonst etwas sehe, ist unsere Aktion abgebrochen."
Der Kidnapper, der im August 1981 in Südbaden den Arzt Karl-Heinz Welsche entführt hatte, redete, wie ein Schweizer, mit kehligem "ch"-Laut. Auch ein Nachahmungstäter, der 500000 Mark Lösegeld verlangte, sprach am Telephon Hochalemannisch, die Stimmlage beider Erpresser, auf Band aufgezeichnet, war fast die gleiche - die Frequenz lag jeweils bei 126,5 Hertz.
Für Hermann Künzel, 37, Oberrat im Bundeskriminalamt (BKA), ist es ein "wissenschaftlich hochinteressanter Fall". Seit mehr als fünf Jahren berät der Wiesbadener Phonetik-Spezialist, Chef des Fachbereichs "Sprechererkennung und Tonbandauswertung", die Offenburger Kripo bei der Fahndung.
Welsche wurde neun Tage nach der Entführung in einem Kofferraum entdeckt - erschossen, die Spur von Welsches
Mörder verlor sich im Nichts: der Nachahmungstäter aber wurde gefaßt und bald von Künzel mit einem Stimmenvergleich überführt.
Der BKA-Beamte hat inzwischen die Stimmen von 50 weiteren Verdächtigen analysiert, immer noch erhält er neue Sprechproben. Für die Kripo in Offenburg ist er "unsere einzige Hoffnung".
Künzel gilt als fähigster Fachmann der Polizei, wenn das Tatwerkzeug Stimme zu definieren ist. Von Richtern und Ermittlern wird er mit Gutachter-Aufträgen überschüttet: "Täglich sieben neue Fälle gehen hier ein," ich schiebe schon 140 Rückstände vor mir her."
Der Stapel wird sich wohl noch höher türmen, wenn Mitte des Monats von Künzel das erste Standardwerk zur kriminalistischen Abhörtechnik erscheint". _(Hermann J. Künzel. "Sprecherkennung. ) _(Grundzüge forensischer ) _(Sprachbearbeitung". Kriminalistik ) _(Verlag, Heidelberg 1987; 180 Seiten; 148 ) _(Mark )
Im Geleitwort lobt BKA-Präsident Heinrich Boge die erste "wissenschaftlich hieb- und stichfeste Methode ... für den Stimmenvergleich", die in "über sechsjähriger forensischer Praxis" entwickelt worden sei.
Unfehlbar ist Künzels Methode zwar nicht. Doch die Beweiskraft von Sprachgutachten kann größer sein als der Wert herkömmlicher Spuren: Ein Blutfleck am Tatort etwa muß nicht unbedingt mit der Tat im Zusammenhang stehen, er kann früher oder später entstanden sein. Die auf Tonband registrierte Stimme eines Kindesentführers, Bombendrohers oder Fernsprech-Erpressers aber ist unmittelbar tatbezogen.
Der BKA-Phonetiker vergleicht in mehreren Etappen die Stimmen von Täter und Verdächtigen. Sie werden zunächst "mit dem geschulten Ohr des Wissenschaftlers" abgehört und in phonetische Schreibweise, wie im Fremdsprachen-Lexikon, übertragen. So lassen sich noch kleinste Partikel einzelner Silben genau dokumentieren.
Eigenarten eines Lautes werden dann mit dem Computer in Zahlen und Kurven umgesetzt: Oszillogramme beschreiben Flüstern und Heiserkeit, Akzent und Satzmelodie; typische Schmatzlaute oder Pfeiftöne beim Sprechen, abnorme Atmung oder die Frequenz eines Lispelns lassen sich in Meßwerten wie Hertz oder Dezibel darstellen.
Stets legt Phonetik-Experte Künzel seine Gutachten als Diagramme und Spektrogramme vor. Verläßliche Aussagen zumindest über Alter, Geschlecht und regionale Herkunft des Sprechers sind möglich. Der Wortschatz läßt Rückschlüsse auf den Beruf zu, und der Jargon erlaubt die Zuordnung zu bestimmten Gruppen wie "Landfahrer", "Skinheads" oder "Schüler". Verkehrslärm Glockengeläut, Vogelgezwitscher im Hintergrund schließlich geben Hinweise auf den Standort des Anrufers.
Doch solche Analysen sind oft nicht präzise genug. "Die Trittbrettfahrer und die vielen falschen Hinweise", klagt Künzel, "sind jedesmal ein großes Problem." Zudem arbeite "keines der modernen Verfahren völlig fehlerfrei". Anders als etwa die unverwechselbaren Papillarlinien eines Fingerabdrucks seien die Strukturen einer menschlichen Stimme stets "situationsbedingten Unwägbarkeiten unterworfen".
Als die BKA-Forscher Ende der siebziger Jahre ihre Experimente mit Erpresser-Stimmen begannen, wollten sie sich Erkenntnisse des US-Konzerns Texas Instruments zunutze machen: Zugang zu einem Rechenzentrum hatte dort nur, wer einem Computer vier Kodewörter vorsprach.
Doch dieses System der Sprechererkennung zeigte sich den Ansprüchen der Kriminalisten nicht gewachsen. Das Telephon begrenzt den Frequenzumfang einer Stimme, außerdem ist das Sprachsignal meistens stark gestört. Obendrein ist die Qualität der Tonbänder, die Polizeireviere dem BKA zur Analyse schicken, "meistens haarsträubend schlecht" (Künzel). Er hatte schon Bandmaterial zu entwirren, "das über den Pappkern einer Klorolle gewickelt war".
Würde das BKA alle Gutachter-Aufträge annehmen, wäre Künzels Fachbereich schnell blockiert: So werden der Polizei jährlich rund 1300 anonyme Bombendrohungen gemeldet. Tausende von Erpresser-Gesprächen, die in Kaufhäusern, Behörden und Unternehmen als Spinnerei abgetan werden, kommen noch hinzu.
Nur fünf Prozent dieser Delikte werden aufgeklärt. Auch "anonyme Telephon-Erotik" - Beleidigung, Nötigung und Bedrohung von Frauen - muß laut Künzel "als regelrechte Landplage bezeichnet werden".
Aufträge zur Stimmenanalyse würde das BKA in solchen Fällen am liebsten an private Tonstudios abtreten - oder an die Landeskriminalämter. Doch bisher zeigte nur Bayerns forscher CSU-Innenstaatssekretär Peter Gauweiler Interesse, Künzels Sprachlabor (Kosten: 500000 Mark) für die regionale Verbrechensaufklärung nachzubauen.
Den Ermittlern in den anderen Bundesländern, die weiter auf Wiesbadener Hilfe bauen, gibt Künzel in seinem Lehrbuch Tips für die Praxis. Was Gesetze und Rechtsprechung vorschreiben, wird dabei nicht so genau genommen.
Verdächtige, die sich unschuldig fühlen, sind zwar meist bereit, ihre Stimme aufzeichnen zu lassen. Andere aber wollen mit der Polizei nichts zu tun haben. BKA-Mann Künzel weiß dann fragwürdigen Rat: Die Beschuldigten sollen getäuscht werden.
Wenn etwa eine Frau Müller von einem Telephon-Spanner belästigt wird und in dem Anrufer "einen Mann aus ihrem Kegelklub vermutet", sollen die Kripo-Ermittler bei ihm die Aussprache von "Schlüsselwörtern provozieren" (Künzel) - etwa durch fingierte Telephonate von anonymen Polizisten oder hilfreichen Bekannten.
Diese Taktik wird nach Künzels Erfahrung "oft" und meistens "von Angehörigen der Polizei" angewandt, "sofern keine rechtlichen Bedenken entgegenstehen". Das tun sie aber - Regelrechte Telephon-Überwachung setzt zwingend eine richterliche Anordnung voraus. Und heimlich auf Band genommene Gespräche werden von Gerichten meist als _(Mit Computer, Tonbandgerät und ) _(Farbspektrograph an seinem Arbeitsplatz ) _(im BKA. )
rechtswidrig zustande gekommene Beweismittel abgelehnt.
Davon ist in Künzels BKA-Lehrbuch allerdings nicht die Rede. Dafür gibt der Autor den Ermittlern weitere Hinweise, wie sie auch ohne Telephon zu einer "verdeckten Aufzeichnung von Gesprächen" kommen können: am besten mit Miniatur-Tonbändern in Hi-Fi-Stereo-Technik. Damit Störgeräusche während einer solchen Aufnahme später besser ausgefiltert werden können, soll der Kriminalbeamte gleich zwei hochempfindliche Mikrophone "auf beiden Seiten des Oberkörpers und unter unterschiedlichen Kleidungsstücken" tragen.
Der BKA-Experte setzt sich mit solchen Empfehlungen über ein Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) hinweg. Künzel hatte 1985 die Stimme des RAF-Terroristen Rolf Clemens Wagner begutachtet, die Aufzeichnung war, ohne Wagners Wissen, beim Gespräch mit einem Gefängnisdirektor zustande gekommen - ein rechtswidriger Eingriff, so der BGH, "in das verfassungsrechtlich verbürgte Persönlichkeitsrecht am eigenen Wort".
"Ein Beschuldigter", so urteilten die Karlsruher Richter im April 1986, dürfe "nicht zu Tests, Tatrekonstruktionen, Schriftproben oder zur Schaffung ähnlicher, für die Erstattung eines Gutachtens notwendiger Anknüpfungstatsachen gezwungen werden"; für eine Sprechprobe gelte "nichts anderes".
Künzel vernichtete das Bandmaterial mit der Wagner-Stimme. Sein Buch aber, rechtfertigt sich der Phonetiker, sei nicht nur für Polizisten gedacht, sondern auch für Beamte, die nicht so sehr unter der Fuchtel des Gesetzes stehen: die Geheimdienstler.
Hermann J. Künzel. "Sprecherkennung. Grundzüge forensischer Sprachbearbeitung". Kriminalistik Verlag, Heidelberg 1987; 180 Seiten; 148 Mark Mit Computer, Tonbandgerät und Farbspektrograph an seinem Arbeitsplatz im BKA.

DER SPIEGEL 24/1987
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