11.05.1987

Der Schlächter von Lyon

Klaus Barbie und die französische Kollaboration (II)/ Von SPIEGEL-Autor Heinz Höhne *
Der Befehl war kurz und vieldeutig. Dem Empfänger ließ er kaum Zeit zum längeren Nachdenken, denn möglichst "sofort" sollte sich SS-Untersturmführer Klaus Barbie, 26, Hilfsreferent im Stab des SD-Abschnitts Dortmund, bei dem Inspekteur der Sicherheitspolizei und des SD in Düsseldorf melden.
Barbie fuhr an einem der letzten Apriltage des Jahres 1940 los, ohne zu ahnen, daß die Wende in seiner grauen Referenten-Karriere bevorstand, nach der es den Ehrgeizigen seit Monaten verlangte. Bald wußte er, worum es in Düsseldorf ging: um einen supergeheimen Auftrag "irgendwo im Westen".
Der Inspekteur Dr. Hans Nockemann, ein SS-Standartenführer aus dem Establishment der Gestapo, hatte von der Berliner Zentrale Order, ein Sonderkommando aus zuverlässigen Leuten zusammenzustellen. Ihr Auftrag: den in wenigen Tagen zum Überfall auf Westeuropa antretenden Armeen Adolf Hitlers dicht auf den Fersen zu bleiben und in den besetzten Gebieten die Interessen des Reichssicherheitshauptamtes der SS (RSHA) zu wahren.
Nockemanns Leute sollten sich der 18. Armee anschließen, die für den Vorstoß nach Holland vorgesehen war. Holland mit seiner schwachen Armee würde das erste Land sein, das sich den deutschen Invasoren ergab und damit Exerzierfeld von Himmlers Sendboten wurde.
Noch war das Sonderkommando nicht vollzählig, da brach am frühen Morgen des 10. Mai der Sturm der deutschen Invasion mit voller Wucht los. Nach fünf Tagen kapitulierte die niederländische Armee, auch die Belgier gaben rasch auf; schon rollte die deutsche Dampfwalze auf den französischbritischen Hauptgegner zu.
Ende Mai erhielt das inzwischen in Nordwestfrankreich unweit von Dünkirchen operierende Sonderkommando vom RSHA den Befehl nach Holland umzudrehen und dort polizeiliche Macht zu übernehmen.
Zug um Zug besetzten seine Männer wichtige Kommandoposten des Besatzungsapparats: Nockemann richtete sich in Den Haag als Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) ein, während Barbie mit seinem Chef, SS-Sturmbannführer Friedrich Wilkens, im Haus 99 in Amsterdams Euterpestraat eine Außendienststelle des BdS etablierte, bald die gefürchtetste Adresse im besetzten Holland.
Nun kam, was Barbie für seine große Stunde hielt. Da Wilkens anfangs nicht
über genügend Personal verfügte, um alle Referate seiner Dienststelle zu besetzen, machte sich Barbie an manchem leeren Schreibtisch nützlich. Wo immer ein Mann gebraucht wurde, ungewöhnliche Aufträge auszuführen oder schwierige Erkundungen zu unternehmen - der Untersturmführer Barbie war immer dienstbereit.
So spielte er eine maßgebliche Rolle bei der vom RSHA verordneten Bekämpfung der "überstaatlichen Mächte", vor allem der Freimaurerei, gegen die sich "ein nahezu lückenloser Gestapo-Terror entfalten konnte" (so der Zeitgeschichtler Helmut Neuberger). Besitz und Bankguthaben der Logen wurden beschlagnahmt, führende Freimaurer verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt.
Kaum ein anderer SD-Mann zeigte dabei einen so rüden Eifer wie Barbie, dessen Fangkommandos und Vernehmungsmethoden zum Schrecken niederländischer Freimaurer wurden. Überfälle auf Logenquartiere leitete er selber, bei der Verhaftung prominenter Freimaurer war er meist dabei, nicht selten mit einer Pistole in der Faust.
Je mehr die deutsche Besatzungsmacht ihren Beherrschungsapparat ausweitete, desto häufiger waren in der Euterpestraat die Infiltrations- und Manipulationskünste Barbies gefragt. Deren bedurfte Wilkens im Umgang mit niederländischen Behörden, Kollaborateuren und jüdischen Funktionären.
Das brachte Barbie bei Kollaborateuren rasch den Ruf ein, im SD der Mann zu sein, auf den es ankam, wenn man im deutsch besetzten Amsterdam Karriere machen wollte. Viele setzten auf Barbie. Zahlreiche Denunzianten, Karrieristen und Spekulanten hofierten den SS-Führer.
Bald aber mußte Barbie erkennen, daß er keineswegs die Amsterdamer Kollaborantenszene so im Griff hatte, wie er manchmal prahlte. Die Weerafdeling, eine Art SA der niederländischen NS-Bewegung, inszenierte eigenmächtig Überfälle auf jüdische Bürger, steckte deren Häuser in Brand und plünderte sie aus.
Als die Schwarzhemden-Rowdys im Februar 1941 wieder ins Judenviertel einfielen, schlugen jüdische Stoßtrupps und ein paar holländische Arbeiter zurück und gingen zum Gegenangriff über: Geschäfte, deren Inhaber als Faschisten galten, wurden zerstört, Autos in Brand gesetzt.
Gestapo und SD reagierten mit gewohnter Brutalität: Am 12. Februar riegelten Einheiten der deutschen Polizei das Judenviertel von der übrigen Stadt ab, während Greiferkommandos die Häuser nach Waffen und nach den Anführern der jüdischen Selbstschutzorganisation durchsuchten.
Verzweifelt setzten sich die jüdischen Widerständler zur Wehr, sechs von ihnen wurden dabei von den Deutschen
erschossen. Barbie, inzwischen SS-Obersturmführer (Oberleutnant), geriet nun auch in den Mechanismus deutscher Judenpolitik im besetzten Holland.
Hollands 140000 Juden, in wenigen großen Städten zusammengedrängt, sahen sich in einem immer härteren Griff der Besatzungsmacht. Es war allerdings noch nicht die mörderische Endphase deutscher Judenverfolgung, was sich hier formierte. Noch standen den holländischen Juden die Grenzen offen, sah die SS-Führung in der Zwangsauswanderung die eigentliche "Lösung der Judenfrage".
Eben erst hatte sich in Amsterdam unter dem Regierungsdirektor Ferdinand aus der Fünten eine Zentralstelle für jüdische Auswanderung niedergelassen, Ableger einer gleichnamigen Dienststelle des RSHA, die seit Jahren versuchte, mit einem kunstvollen System von Erpressung, Nötigung und Verlockung deutsche Juden zur Massenauswanderung zu bewegen.
Zu der Amsterdamer Zentralstelle stieß auch Barbie, der Auftrag hatte, dem ortsunkundigen Fünten die für eine forcierte Auswanderung nötigen Verbindungen zu schaffen: zum Judenrat, zu den gerade entstehenden Judenreferaten der niederländischen Polizei, zu zionistischen Jugendlagern.
Was der Zwangsorganisation für die jüdische Auswanderung noch fehlte, schuf Barbie mit. Neue Behörden wie das Bureau Inlichtingendienst der Amsterdamer Polizei und die Meldeämter der Rijksinspectie van de Bevolkingsregisters ermöglichten bald "eine beinahe lückenlose Erfassung des jüdischen Bevölkerungsteiles" (so der Zeitgeschichtler Gerhard Hirschfeld).
Noch ehe jedoch in Holland die Todesmaschinerie der "Endlösung" anlief, war Barbie aus Amsterdam verschwunden. Ein Befehl des Reichssicherheitshauptamtes hatte ihn im Dezember 1941 nach Berlin abberufen.
Im RSHA-Amt VI, der Zentrale des Auslandsnachrichtendienstes des SD, war man auf den vielseitigen und gelenkigen Obersturmführer aufmerksam geworden. Ein neuer Auftrag wartete auf ihn: Bekämpfung des wachsenden Widerstandes gegen die deutschen Besatzer in Westeuropa.
Die Leitung des Ausland-SD schickte ihn auf die Führerschule der Sicherheitspolizei in Berlin, wo Barbie die Tricks des schmutzigen Krieges lernte, der im Nazi-Jargon "Bandenbekämpfung" hieß. Er lernte, Widerstandsgruppen ("Banden") zum offenen Kampf zu stellen, deren Aktionen durch Verrat und Irreführung im Ansatz zu konterkarieren, den Willen "unkooperativer" Häftlinge zu brechen - mitleidlos, brutal, nur an Resultaten interessiert.
Lange beließ ihn jedoch die SD-Führung nicht auf der Schulbank. Noch im Februar 1942 mußte sich Barbie in Brüssel bei der Leitung der dortigen Sicherheitspolizei melden, die ihn jedoch schon ein paar Monate später an den SS-Standartenführer Helmut Knochen, den Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD Im besetzten Frankreich, weiterreichte.
Den irritierte nicht nur der zusehends stärkere Widerstand in seinem Herrschaftsgebiet, sondern auch und vor allem die Resistance in dem noch unbesetzten Frankreich des Marschalls Philippe Petain. Dort organisierte sich die bisher gefährlichste Fronde gegen die Deutschen.
In den Stäben des 100000-Mann-Heeres, das Hitler im Waffenstillstand von 1940 dem in Vichy residierenden Petain zugestanden hatte, arbeiteten Majore und Obristen, für die (im Gegensatz zu ihren kollaborationistischen Vorgesetzten) die Armee eine "Partei der Revanche" war. Alles, was einem neuen Waffengang gegen Deutschland diente, fand ihre Unterstützung - auch antipetainistische Widerstandsgruppen.
Das Zusammenspiel von Vichy-Armee, Resistance und Alliierten im unbesetzten, dem direkten deutschen Zugriff entzogenen Frankreich mußte Knochen beunruhigen. Vor allem die Verbindungen französischer Offiziere und Widerständler in die Schweiz interessierten ihn.
Das war nun Barbies Aufgabe: im Grenzgebiet zur Schweiz den konspirativen Personenverkehr zu beobachten und in der Schweiz, aber auch in den angrenzenden Gebieten Frankreichs zu ermitteln, wer da mit wem umging und verhandelte.
Dazu war der Posten ideal geeignet den Barbie im Juli 1942 übernahm. Knochen hatte ihm die Leitung des Außenkommandos der Sicherheitspolizei und des SD in der kleinen Stadt Gex nahe dem Genfersee übertragen, gelegen in einem Gebiet, in dem die Demarkationslinie zwischen dem besetzten und unbesetzten Frankreich mit der Schweizer Grenze zusammentraf.
Barbie baute das Netz von V-Männern und Zuträgern aus, das sein Vorgänger angelegt hatte, und gewann neue Quellen, die bis in das 15 Kilometer entfernte Genf und noch weiter ins Schweizer Hinterland reichten. Lautlos ließ er seine Spitzel verdächtige Grenzgänger verfolgen und alles erfassen, was auf Kontakte zu Dienststellen der Alliierten hindeutete.
Bald wußte Barbie, daß die meisten dem Außenkommando aufgefallenen Personen aus der Gegend um Lyon kamen. Er folgerte daraus, daß die Fäden deutschfeindlicher Aktivitäten in Lyon zusammenliefen.
Zu ähnlichen Schlußfolgerungen war auch ein blonder, gemütlich-harmlos wirkender Bayer gelangt, den Barbie bei
einem Besuch im nahen Dijon kennengelernt hatte. Der Oberleutnant Kurt Merk, 27, leitete in der dortigen Abwehrstelle das Referat III F/2, was bedeutete, daß er im militärischen Geheimdienst für Fragen der Gegenspionage zuständig war.
Auch Merk verfolgte Spuren, die nach Lyon führten. Von seinem V-Mann "Charles", dem pensionierten französischen Polizeikommissar Charles Merlen der enge Beziehungen zum Geheimdienst der anderen Seite unterhielt, hatte Merk gehört, daß Agenten der Vichy-Armee Einrichtungen und Einheiten der Wehrmacht verstärkt ausforschen sollten; die Aufträge dazu kämen stets von einer geheimen Zentrale in Lyon.
Merk und Barbie tauschten ihre Informationen aus, gemeinsam gingen sie auf die Jagd nach den Spionen Vichys - Beginn einer komplizierten Partnerschaft voll Kameraderie und gegenseitigem Mißtrauen, die später für Barbies Weiterleben im Untergrund Nachkriegsdeutschlands noch von Bedeutung sein sollte.
Anfangs kamen die beiden Spione-Jäger nicht recht voran, zumal ihnen das unbesetzte Frankreich verschlossen blieb. Erst von Ende September an standen ihnen die Grenzen der Freien Zone offen: Nach wochenlangem Drängen der Deutschen hatte die Regierung von Vichy eingewilligt, 280 Männer der Abwehr, Sicherheits- und Ordnungspolizei in Südfrankreich operieren zu lassen und sie dabei zu unterstützen - gegen die Geheimdienste der Alliierten.
"Donar", wie die Deutschen ihr Unternehmen nannten, fielen nicht nur zahlreiche Agenten und Funker der Alliierten zum Opfer. Die Deutschen nutzten auch die Chance, ihre "Gastgeber" zu bespitzeln und deren konspirative Verbindungen zu den Alliierten zu erkunden.
Noch ehe aber Barbie und Merk fündig werden konnten, schlugen die Alliierten los: Amerikanische und britische Truppen landeten am frühen Morgen des 8. November 1942 auf französischem Boden, allerdings nicht im Mutterland, wie die Konspirateure in der Vichy-Armee gehofft hatten, sondern in Frankreichs nordafrikanischem Kolonialreich.
Sofort antwortete Hitler mit dem Gegenschlag. Am 11. November ließ er die Wehrmacht ins unbesetzte Frankreich einrücken, Unternehmen "Anton" lief an.
Noch am gleichen Tag besetzten deutsche Truppen Lyon. SS-Sturmbannführer Rolf Mühler, der letzte Chef von Donar, stellte einige seiner schon in Südfrankreich operierenden Männer zu einem Einsatzkommando (EK) zusammen, mit dem er Ende November ein paar Zimmer im Hotel "Terminus" am Cours de Verdun bezog, fortan Sitz des "KdS Lyon". _(KdS = Abkürzung für Kommando der ) _(Sicherheitspolizei und des SD, die ) _(regionale Organisation des ) _(Reichssicherheitshauptamtes in den ) _(deutschbesetzten Gebieten. )
Ein paar Tage später kam der Rest der Mannschaft, unter ihnen auch Obersturmführer Barbie, der inzwischen dem Einsatzkommando zugeteilt worden war. Barbie übernahm die Abteilung VI ("Nachrichtendienst") in Mühlers Stab.
Kaum aber hatte sich das EK in Lyon etabliert, da schwärmte es schon zum ersten Einsatz aus. Jetzt bekam Vichy-Frankreich den ganzen Zorn der deutschen Herren zu spüren, die sich von ihren" Franzosen hintergangen fühlten. Hitler hatte am 27. November Petain gezwungen, die Armee aufzulösen und ihre Waffen abzuliefern- seither waren Polizisten und Geheimdienstler unterwegs, nach versteckten Waffen und flüchtigen Offizieren zu suchen.
Da tauchte plötzlich Merk in der Stadt auf, mit einer "guten Nachricht" für Barbie. Er wußte jetzt genau, wo die Lyoner Agentenzentrale war, die sie so lange beschäftigt hatte: im Haus 36 am Quai Saint-Vincent.
Tagelang beobachteten Merk und Barbie das unauffällige Bürohaus, das die Baumaterialienfirma "Technica" beherbergte, als deren Inhaber ein Monsieur Besson von der Gesellschaft "Brac de la Perriere et Besson" eingetragen war. Es gehörte nicht viel dazu, herauszubringen, daß Besson noch einen Nebenberuf hatte: Er war Hauptmann in der Armee.
Barbie und Merk mochten nicht mehr länger warten: In der Nacht vom 16. zum 17. Februar 1943 verhafteten Beamte der Gestapo und Männer der Geheimen Feldpolizei das Firmenpersonal.
Der Coup gegen die "Technica" trug nicht wenig dazu bei, Barbies Renommee _(Mit Außenminister von Ribbentrop in ) _(Hitlers Salonwagen auf dem Bahnhof von ) _(Montoire, 24. Oktober 1940. )
zu steigern. Ein Führungswechsel im KdS brachte ihn in eine andere Abteilung, die für die Gestapo zuständige IV. Klaus Barbie wurde, was er für die Nachwelt immer bleiben sollte: der Gestapochef von Lyon.
"Ich bin gekommen, um zu töten" soll Barbie gesagt haben, als er die Abteilung IV übernahm. Gemessen an solcher Großsprecherei war die Gestapo des KdS Lyon ein dürftiger Haufen: 30 Mann in der Stadt, 15 Mann in den benachbarten Departements, dazu ein paar französische Spitzel.
Klaus Barbie merkte bald, welch schwieriges Pflaster Lyon war. Die "große, düstere Stadt der Konspiration" (so Albert Camus) galt nicht umsonst als die Wiege des Widerstands: Die Flüchtlingsströme im Chaos der Niederlage von 1940 hatten die Bevölkerung der drittgrößten Stadt Frankreichs auf 800000 anschwellen lassen, unter ihnen erbitterte Patrioten, die sich mit der Schmach ihres Landes nicht abfinden mochten.
Kein Wunder, daß sich gerade in Lyon die Widerständler der ersten Stunde mobilisiert hatten. Damals waren drei Resistancegruppen entstanden: *___die nationalkonservative "Combat" um den Ex-Hauptmann ____Henri Frenay, *___die linkssozialistische "Liberation" um den ____pro-kommunistischen Journalisten Emmanuel d''Astier de ____La Vigerie und *___die liberal-demokratische "Franc-Tireur" um den ____Straßburger Flüchtling Jean-Pierre Levy.
Sowenig auch die ehrgeizigen, miteinander rivalisierenden Führer der drei Gruppen eine gemeinsame Linie finden konnten - ihre Organisationen geboten über ein kompliziertes Geflecht von geheimen Waffenlagern, schlagbereiten Aktionsgruppen und toten Briefkästen, das sich scheinbar jedem fremden Beobachter entzog.
Nach der Besetzung Südfrankreichs durch Hitlers Divisionen bauten Frenay, La Vigerie und Levy ihr Untergrundreich noch weiter aus. Immer mehr Helfer stießen zu ihnen: die Sendboten des Generals de Gaulle aus London, die Sabotagetrupps von Englands Special Operations Executive (SOE), die Spione von Amerikas Office of Strategic Services (OSS).
Und je mehr die Lyoner Resistance-Zentralen ihre Bewegungen ausdehnten, desto ratloser wurden Barbies Fahnder - kein Weg schien in das Dickicht des Widerstands zu führen.
Barbie wäre ob seiner Erfolglosigkeit in arge Verlegenheit geraten, hätte ihm nicht wieder Gegenspionage-Chef Merk geholfen. Der schickte ihm eines Tages seinen V-Mann "Boby", der dem hilflosen Gestapochef wenigstens ein paar Geheimnisse der Lyoner Resistance enträtselte.
Boby hieß in Wirklichkeit Robert Moog und war ein langer, blonder Elsässer, der 1942 für die SOE gearbeitet hatte. Später war er in den Dienst der deutschen Gegenspionage getreten. Barbie war von Moogs Wissen so beeindruckt, daß er Merk bat, ihm Boby zu überlassen.
Der demonstrierte denn auch sogleich, wie nützlich er für Barbie war. Moog wußte noch aus seiner Arbeit für den SOE, daß es in Lyon eine Wäscherei gab, die als Anlaufstelle für Kuriere der Resistance diente, geführt von der blonden,
attraktiven Edmee Deletraz, einer Konfidentin der Briten.
Die Blondine wurde verhaftet und erklärte sich bereit, für Barbie zu arbeiten. Gemeinsam mit Moog lief sie eine Resistance-Adresse nach der anderen an, um ihrem neuen Auftraggeber endlich einen Einstieg in die Lyoner Geheimwelt des Widerstands zu ermöglichen. Ein dritter Verräter half ihnen dabei: Jean Multon, Unterführer der Combat.
Ihn hatte der Marseiller Gestapo-Chef Ernst Dünker am 27. April bei einer Razzia aufgegriffen, der die Führung von "R 2", der örtlichen Organisation von Combat, zum Opfer gefallen war. Multon hatte keine Skrupel, die ganze Combat in Marseille an die Gestapo zu verraten.
Doch er begnügte sich nicht mit der Zerstörung der Marseiller Organisation. Jetzt wollte Multon auch noch Frenay und dessen engste Mitarbeiter fangen - Grund für Dünker, den nützlichen Idioten schleunigst nach Lyon zu schicken.
Was aber Multon, Moog und Edmee Deletraz nun ermittelten, mußte Barbie alarmieren: In allen Teilen Südfrankreichs setzten britische Bomber Sabotagetrupps und Waffen mit Munition ab, überall formierten sich neue Widerstandsgruppen, wobei die Lyoner Zentralen eine führende Rolle spielten.
Am ärgsten irritierte Barbie ein schemenhaft auf- und wieder untertauchender Mann, der sich "Max" nannte und ein Wunder zu vollbringen schien: die zerstrittenen Führer der Resistance zu einigen und in einem zentralen Führungsorgan zusammenzufassen.
Max mußte eine märchenhafte Überredungskunst besitzen, reiste er doch auf Befehl eines schwierigen Auftraggebers: Charles de Gaulle. Der General war in der Resistance nicht sehr populär; für Details der Widerstandsarbeit hatte er kaum Interesse, und politisch war er den meist linken "resistants" ohnehin suspekt.
Daß sie sich dennoch unter de Gaulles Lothringerkreuz einigen ließen, lag an Max'' fast schon legendärem Widerstands-Renommee. Max war Jean Moulin, ein linker Liberaler, einst Zögling des pro-kommunistischen Luftfahrtministers Pierre Cot und jüngster Präfekt Frankreichs, nach üblen Mißhandlungen durch deutsches Militär 1940 in den Untergrund gegangen und seither unermüdlich unterwegs, die Resistance zu stärken und zu einigen.
Zug um Zug schweißte er die Resistance zusammen, zunächst die in Südfrankreich. Dann überredete Max seine Partner dazu, alle kampffähigen Gruppen aus ihren Organisationen herauszuziehen und zu einer "Armee secrete" (AS) zu vereinigen - praktisch unter dem Oberbefehl de Gaulles. Der ernannte auch sofort einen seiner ehemaligen Vorgesetzten, den Panzergeneral Charles Delestraint, zum Befehlshaber der AS.
Als der unermüdliche Max nun aber auch noch die Widerstandsgruppen des Nordens und Südens, unter ihnen kommunistische Kräfte, in einer Dachorganisation vereinigen wollte, kam Streit unter den Partnern auf. Die Widerständler aus dem Süden sahen sich plötzlich in der Gefahr, vom Norden majorisiert zu werden.
Der konservative Frenay witterte sogar ein Komplott der Kommunisten und ihrer Mitläufer, zu denen er auch den ehemaligen Cot-Intimus Moulin zählte. Mit Hilfe von Max, so wähnte Frenay,
wollten die Kommunisten im "Conseil national de la Resistance" (CNR), der im Mai 1943 doch noch gegründeten Dachorganisation des Widerstands, die Macht an sich reißen und den künftigen Kurs eines freien Frankreich diktatorisch bestimmen.
Barbie aber sah, daß die Gefolgschaft der Resistance ständig zunahm. Wie ihr beikommen? Er kannte nur ein Mittel: die Resistance mit Konteragenten zu unterwandern, Schlüsselfiguren des Untergrunds umzudrehen und mit ihrer Hilfe den Widerstand zu zerschlagen.
Das war nicht ohne Aussicht auf Erfolg, denn Frankreichs Widerstand hatte manche Schwächen. Er krankte vor allem an einem konspirativen Dilettantismus, der die Resistance für geheimdienstliche Profis, und das waren die Beamten der Gestapo, zu einem beinahe idealen Ausbeutungsobjekt machte.
Da bedurfte Barbie keiner fachlichen Brillanz, um dem Gegner zuvorzukommen. Er mußte sich nur auf die Lauer legen und das übrige seinen Spitzeln überlassen - in der sicheren Erwartung, daß der Lyoner Resistance ein Fehler unterlaufen würde.
Barbie brauchte nicht lange zu warten. Ende Mai wurde eine Nachricht in das Haus 14 der Rue Bouteille in Lyon lanciert, das lange Zeit der Combat als Kurierstelle gedient hatte, inzwischen aber von der Gestapo ausgehoben worden war. Gleichwohl hatte es Multon übernommen, das Haus weiterhin zu beobachten.
Der V-Mann lief mit der Nachricht zu Barbie, gemeinsam lasen sie das Papier. Da stand: "Ein Treff dringend erforderlich, 9. Juni um 9 Uhr. Metrostation La Muette in Paris. ,Vidal'' und ,Didot'' haben jeweils von ihrer Seite Instruktionen erhalten. Gespräch erwünscht."
Es war der entscheidende Fehler, der die Lawine auslösen sollte, die die wichtigsten Führer der Resistance unter sich begrub. Alles hatte der Absender falsch gemacht: die Decknamen zweier maßgeblicher Männer des Widerstands genannt, einen toten Briefkasten benutzt, der längst "verbrannt" war.
Barbie wußte allerdings nur, daß "Vidal" einer der höchsten Funktionäre der Resistance war, der in letzter Zeit Lyon öfter besucht haben sollte. Tatsächlich war AS-Befehlshaber Delestraint alias Vidal im Mai in der Stadt gewesen.
Im Mittelpunkt seiner Arbeit stand der Aufbau einer Sabotage-Organisation, die am Tag der alliierten Invasion in der Normandie ("D-Day") schlagartig die wichtigsten Eisenbahnverbindungen hinter der deutschen Front zerstören sollte. Wer aber lieferte die Pläne, wer stellte die Saboteure? Frenay kannte dafür einen Experten: Rene Hardy Eisenbahningenieur und Leiter einer Sabotagegruppe der Combat.
"Didot" (so Hardys Deckname) machte bei einem Treff in Lyon auf Delestraint einen so guten Eindruck, daß ihm der General anbot, in seinen Stab einzutreten. Hardy aber wollte sich erst entscheiden, wenn er die ihm übertragene Arbeit abgeschlossen habe: einen detaillierten Sabotageplan für D-Day ("Plan Grün") zu entwerfen.
Er blieb von Lyon länger fort als mit Delestraint abgesprochen; die Ausarbeitung des 150-Seiten-Plans mit der Auflistung von über 1000 Bahnhöfen, Versammlungspunkten und Bahnübergängen nahm viel Zeit in Anspruch. Vidal reiste ab, nicht ohne in Lyon seinem Stabschef Henri Aubry zu hinterlassen, er möge Hardy zu einer Zusammenkunft am 9. Juni in Paris einladen.
Aubry aber hatte im Augenblick Dringlicheres im Kopf als die Pläne des Widerstands, denn seine in Marseille lebende Frau war erkrankt. Da er unbedingt zu ihr reisen wollte, überließ er es seiner Sekretärin, Madame Raisin, Hardy auf dem üblichen Weg zu benachrichtigen.
Sie war es, die den Brief in die Rue Bouteille brachte, obwohl ihr durchaus bekannt war, daß Haus 14 von der Gestapo kontrolliert wurde. Doch Madame nahm das nicht so ernst, und auch Aubry bestürzte es nicht, als er erfuhr, wo der Brief an Didot abgegeben worden war.
Barbie aber wußte jetzt genug, um zuzuschlagen. Multon und Moog erhielten die Order, sich die beiden Resistanceführer zu greifen. Sie nahmen den Nachtzug nach Paris, der am späten Abend des 7. Juni 1943 Lyon verließ. Der Zufall wollte es, daß noch ein anderer Mann im Zug saß: Hardy.
Ein Zufall war''s tatsächlich, denn Hardy hatte keineswegs die Absicht, zu der Aussprache mit Delestraint zu fahren, von der er nichts wußte; die Nachricht von Madame Raisin hatte ihn verfehlt, da er das Haus in der Rue Bouteille mied.
Hardy wird nicht schlecht erschrocken sein, als ihm im Gang des Schlafwagens plötzlich Multon gegenüberstand. Er _(Mit seinem Verteidiger (vorn) bei dem ) _(Prozeß in Paris 1947. )
kannte die verräterische Rolle, die Multon in Marseille gespielt hatte. Hardy witterte eine neue Schurkerei des ehemaligen Genossen.
Verzweifelt spielte er jede Möglichkeit durch, Multon zu entrinnen, doch der Barbie-Mann war schneller. Als der Zug in Chalon-sur-Saone hielt, rief Multon deutsche Polizisten herbei, die Hardy verhafteten. Sofort wurde Barbie verständigt, der es übernahm, den Häftling in Chalon abzuholen.
Dann schnappte in Paris die Falle zu. Die beiden Spitzel gaben sich dem am Ausgang der Metrostation La Muette stehenden Delestraint als Mitarbeiter Didots aus, die ihn zu ihrem Chef bringen sollten, worauf der General bat auch zwei seiner Offiziere mitzunehmen die bei der Station Pompe warteten. Ehe sie Verdacht schöpfen konnten, waren die drei Franzosen verhaftet und saßen in einem Vernehmungszimmer der Avenue Foch Nr. 72, dem Sitz des BdS.
SS-Sturmbannfuhrer Carl Boemelburg, der Gestapochef des BdS, maß dem geplatzten Vidal-Didot-Treff ungeheure Bedeutung bei. Seit Tagen beobachteten seine Spitzel eine hektische Unruhe in den Reihen der Resistance Nordwest- und Südwestfrankreichs, die Boemelburg mit einer angeblich noch in diesem Jahr bevorstehenden Landung amerikanisch-britischer Truppen zusammenbrachte.
Da mußte Boemelburg das projektierte Treffen des Chefs der Geheimarmee mit dem Sabotage-Chef Didot wie ein Voraussignal des bevorstehenden Aufstands der Resistance erscheinen. Die
Männer des BdS wurden nervös: Vidal war zwar gefangen, wo aber war Didot, wo blieb der geheimnisvolle Max, wo der Rest der AS-Führung?
Nun geriet Barbie unter den verschärften Erwartungsdruck seines Pariser Vorgesetzten, der vermutete, die meisten Führer der Resistance versteckten sich im Süden mit dessen noch lückenhaftem Gestaponetz. Barbie bemühte sich eifrig um Aufklärung, zunächst ohne Erfolg.
Dabei saß am 10. Juni 1943 bereits der Mann vor ihm, der die meisten Fragen Boemelburgs hätte beantworten können: Hardy. Doch Barbie erkannte nicht, welchen wichtigen Widerständler ihm Multon eingefangen hatte. Sechs Stunden lang redete Barbie auf Hardy ein, dann entließ er ihn wieder.
Warum diese überraschende Entlassung? Die Frage spaltet Hardys Freunde und ehemaligen Kampfgefährten seit 44 Jahren und läßt Frankreichs Vergangenheitsbewältiger über seinen Tod hinaus nicht zur Ruhe kommen. Allzu naheliegend ist der Verdacht, daß Barbie ihn gegen das Versprechen freigab, für die Gestapo zu spionieren, obwohl Hardy das immer bestritten hat und er auch in zwei Nachkriegsprozessen nicht überführt werden konnte.
Barbie könnte den wahren Sachverhalt aufhellen, wäre er nicht der Aufschneider, als der er sich in seinen Aussagen meist erweist. Er will sogleich Hardy als den gesuchten Didot identifiziert, ihm alle wichtigen Einzelheiten des Plans Grün entlockt und von ihm die wahre Identität von Max erfahren haben.
Alles Humbug, wie sich rasch ergibt: Hardy kannte Max nicht, den Plan Grün mit seinen tausenderlei verschlüsselten Details konnte er schwerlich aus dem Gedächtnis zitieren, und es wäre einem Todesurteil gleichgekommen, hätte Hardy zugegeben, Didot zu sein, der Mann, der für zahllose Sprengstoffanschläge gegen deutsche Bahntransporte verantwortlich war.
So wird an Barbies Darstellung wohl nur eines stimmen: daß er Hardy umdrehte. Ein Brief von Hardys Braut Lydie Bastien, der bei ihm gefunden worden war, inspirierte Barbie zu der Drohung, die Frau zu verhaften und einer "verschärften Vernehmung" zu unterziehen - vermutlich für Hardy Grund genug, sich Barbie zu unterwerfen.
Doch Hardy mußte vorsichtig agieren, wenn er sich nicht in Gefahr bringen wollte. Er wußte nur zu gut, daß sein Leben keinen Centime mehr wert sein würde, wenn ruchbar wurde, daß er sechs Stunden bei der Gestapo gewesen war.
Bald darauf verbreitete Hardy eine Geschichte, um den Genossen sein Verschwinden zu erklären: Angesichts des Verräters Multon habe er in Chalon den Pariser Nachtzug verlassen und sich ein paar Tage lang versteckt, um die Gestapo-Spitzel von sich abzuschütteln.
Die Mär wurde von Hardys Freunden bedenkenlos akzeptiert, zumal man jetzt andere Sorgen hatte: Die Verhaftung Delestraints und seiner beiden engsten Mitarbeiter hatte die AS in eine schwere Krise gestürzt. Auch die großen Widerstandsgruppen Südfrankreichs waren kopflos, da ihre Führer Frenay, La Vigerie und Levy von de Gaulle ins befreite Algier gerufen worden waren.
Das machte nun Moulin vollends zum singulären Führer des französischen Widerstandes. Max beeilte sich denn auch, seine Macht noch auszubauen: Er ernannte ihm politisch nahestehende Männer zu neuen Führern der Armee secrete, die ihr ein entschieden linkes Profil geben sollten.
Der CNR-Chef fühlte sich allerdings noch nicht stark genug, seine Kandidaten einfach per Order durchzusetzen. Er benötigte die Zustimmung der großen Widerstandsgruppen. Deshalb berief er eine Geheimtagung führender Widerständler im Raum Lyon ein und überließ es einem Freund, dem Professor Andre Lassagne, den Super-Treff zu organisieren.
Das kam auch Aubry zu Ohren, der in dem Personalschub von Max einen heimtückischen Anschlag auf die Combat und ihre militärischen Vorrechte im südfranzösischen Widerstand sah. Er war entschlossen, die Pläne von Max zu Fall zu bringen. Gleichwohl blickte Aubry der Auseinandersetzung mit Beklemmung entgegen- er befürchtete, daß Max bei dem Treff die Mehrheit der Widerstandsführer auf seiner Seite haben würde.
Da vertraute sich Aubry einem Freund an, den er bat, ihn zu der Geheimtagung
zu begleiten und ihn dort gegen Max zu unterstützen, auch wenn er gar nicht geladen sei - ein schlimmer Bruch der versprochenen Geheimhaltung. Der Freund stimmte begeistert zu. Es war Rene Hardy.
Barbie aber war über nahezu jeden Schritt der Widerständler informiert, die sich auf ihr Rendezvous vorbereiteten. Die ganze höhere Führung der Geheimarmee sollte da zusammenkommen, neben Max, Lassagne, Raymond Aubrac und dem künftigen Befehlshaber Schwartzfeld noch Aubry, Bruno Larat ein Oberst Lacaze und Max'' Militärberater Claude Serreulles.
Immer enger zog sich Barbies Beobachtungsnetz zusammen, wobei die konspirative Pfuscherei des Organisators Lassagne noch der Gestapo in die Hände spielte. Als Treffpunkt hatte sich der Professor eine Villa in dem kleinen Lyoner Vorort Caluire-et-Cuire auserwählt die seinem Schulfreund, dem Arzt Frederic Dugoujon, gehörte.
Die Villa kam einer Falle gleich. Sie besaß nur einen Eingang und keinerlei Notausgänge, die Vorbereitung eines Fluchtweges erlaubte die Anlage des Hauses nicht. Zudem vergaß Lassagne, Wachen im Umkreis des Hauses aufzustellen, die das Herannahen von Gegnern rechtzeitig hätten melden können.
Selbst bei dem Anmarsch zu dem Treff, der auf den 21. Juni 1943, 14 Uhr, festgelegt worden war, vergaßen die Verschwörer einfachste Konspirationsregeln. Serreulles wartete an einer falschen Haltestelle der Bahn und verfehlte den Treff, Max vertrödelte seine Zeit in der Umgebung der Stadt.
Die wieder auf die Seite der Resistance umgeschwenkte Edmee Deletraz machte noch einen Versuch, die Männer in Caluire zu warnen. Sie hastete zu einer Deckadresse der Resistance, wo sie einen Mann bestürmte, sofort Lassagne auszurichten, der Treff sei an die Gestapo verraten worden.
Doch die Warnung kam zu spät. Der in der Villa Dugoujon bereits eingetroffene Aubry hörte das Quietschen einer Gartenpforte und blickte durch das Fenster; er sah mehrere Männer auf die Eingangstür zurennen. Aubry schrie: "Da haben wir''s! Gestapo!"
Im nächsten Augenblick flog die Tür auf, ein paar fremde Männer stürzten mit ihren schußbereiten Maschinenpistolen ins Zimmer. Einer rief: "Hände hoch, deutsche Polizei!" Der grinsende Barbie trat langsam herein und baute sich vor Aubry auf. "Na, Thomas", sagte er, bewußt den Resistance-internen Decknamen Aubrys benutzend, "gestern bei der Morandbrücke hast du glücklicher
dreingeschaut, als ich meine Zeitung gelesen habe."
Barbies Anspielung mußte Aubry zutiefst treffen. Bei der Morandbrücke, einer der Rhonebrücken Lyons, war er mit Hardy zusammengekommen, um ihn in das Treffen einzuweihen. Hardy hatte auf einer Bank gesessen, neben einem blonden, untersetzten Mann, der sein Gesicht hinter einer ausgebreiteten Zeitung verbarg.
Aubry hatte keinen Zweifel mehr: Der Mann war Barbie gewesen! Jäh stieg in Aubry ein Verdacht gegen Hardy auf, der ohnehin von Barbie seltsam zuvorkommend behandelt wurde. Ihm wurden als einzigem der Verhafteten keine Handschellen angelegt.
Beim Einsteigen in eines der wartenden Autos schlug Hardy seinen Bewacher nieder, stürzte sich in ein Gebüsch und ließ sich einen Hang hinunterrollen. Barbies Leute schossen hinter ihm her, ohne freilich Hardy richtig zu treffen - reichlich verdächtig, bei der kurzen Entfernung.
Barbie ließ den Flüchtling nicht weiter verfolgen, ungeduldig drängte er die Männer zur Abfahrt. Der erfolgstrunkene Gestapochef hatte es eilig, seinen Oberen in Paris den geglückten "Riesenfang" zu melden.
Doch ein Problem blieb für Barbie: Wer war Max? Er wußte es nicht. Keiner der Häftlinge wollte den Grand Chef verraten, jeder ließ sich eher in den Kellern von Lyons alter Sanitätsschule, in die Barbie mit seiner Abteilung eingezogen war, viehisch quälen.
Schon bei der ersten Vernehmung im Eßzimmer der Villa Dugoujon hatte Barbie auf die Verhafteten eingeschlagen, weil sie keine Aussagen machen wollten. Bei jedem neuen Schlag brüllte er ihnen ins Gesicht: "Wer ist Max ?!"
Natürlich wollte sich Barbie später wieder einmal anders erinnern. Hardy habe, so erzählte er, Max sofort identifiziert: er habe sich in einem Schrank des Eßzimmers versteckt und ein Klopfzeichen gegeben, sobald die Stimme Moulins erklungen sei. Schade nur, daß es im Eßzimmer keinen mannsgroßen Schrank gab und Hardy den Max noch immer nicht kannte.
Zudem spricht manches dafür, daß Max bei der Zusammenkunft in Caluire gar nicht dabei war, da er unterwegs infolge einer Razzia der französischen Polizei aufgehalten wurde", wie später der RSHA-Chef Ernst Kaltenbrunner notierte. Er scheint erst auf dem Umweg über die französische Polizei in die Hände Barbies geraten zu sein.
Der ratlose Barbie aber hatte jeden seiner Häftlinge in Verdacht, der Widerstandschef zu sein- auf jeden fuhren seine Schläge nieder. Am Ende konzentrierte sich Barbie mit der ganzen Brutalität, für die er berüchtigt war, auf den schmächtigen Häftling, der sich als ein in Nizza lebender Dekorateur namens Jean Martel auswies. Barbie war sich sicher, daß er jetzt auf der richtigen Spur war. Am 23. Juni wußte er: Moulin alias Martel war Max.
Nun ließ Barbie seinem Opfer keine ruhige Minute mehr. Tag und Nacht prasselten seine Fragen und Schläge auf Moulin nieder, der aber nichts preisgab. Die Freunde registrierten erschrocken die Folgen: Dugoujon sah ihn nach einer Vernehmung mit einem Kopfverband in die Zelle schwanken Aubrac ihn nach einer anderen gehunfähig und von zwei Wärtern gestützt.
Der Häftling Christian Pineau, der Moulin rasieren sollte, fand ihn regungslos auf einer Bank liegen. Pineau: "Er hatte das Bewußtsein verloren, seine Augen lagen grabestief in den Höhlen. An einer Schläfe hatte er eine böse, bläulich angelaufene Wunde. Der Beamte sagte noch einmal: ,Rasier ihn!'' Ich konnte nicht begreifen, warum sie mit einem sterbenden Menschen eine derart makabre Sache veranstalteten."
Selbst Boemelburg war entsetzt, als ihm Barbie im Pariser Hauptquartier des BdS den röchelnden Moulin auf einer Trage präsentierte. So geartete "Vernehmungen" liebte man nicht einmal bei der Gestapo, für Sadisten wie Barbie hatte der alte Kripobeamte nichts übrig.
Doch als Boemelburg begriff, daß Moulin nicht zu retten war, inszenierte er einen Coup von unvergleichlichem Zynismus: Er ließ den Sterbenden in einen Militärzug nach Deutschland schmuggeln, in dem Moulin am 8. Juli 1943 seinen Verletzungen erlag.
Kein anderes Ereignis hat den Namen Barbie in die Herzen und Erinnerungen von Millionen Franzosen so eingebrannt wie die Tötung Jean Moulins, des Widerstands-Märtyrers, der 1964 im Pariser Pantheon beigesetzt wurde. Welche Verbrechen Barbie auch noch begehen mochte, wie düster seine Rolle bei der Judenverfolgung war - der Schatten des toten Moulin sollte ihn nie wieder verlassen.
Im nächsten Heft
Barbies Vernehmungsmethoden: "Orgien unsäglich scheußlicher Gemeinheiten" - Die Deportation der Kinder von Izieu - Blutrausch in Lyon _(1983 in Paris. )
KdS = Abkürzung für Kommando der Sicherheitspolizei und des SD, die regionale Organisation des Reichssicherheitshauptamtes in den deutschbesetzten Gebieten. Mit Außenminister von Ribbentrop in Hitlers Salonwagen auf dem Bahnhof von Montoire, 24. Oktober 1940. Mit seinem Verteidiger (vorn) bei dem Prozeß in Paris 1947. 1983 in Paris.
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 20/1987
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