03.08.1987

WÜRMERKotz, würg

Meldungen über Würmer in Fischen haben den Westdeutschen das Meeresgetier madig gemacht. *
Mit Großaufnahmen ging es, in der ARD-Sendung "Monitor" am Dienstag vergangener Woche, dem Fisch unter die Haut: Wissenschaftler pulten aus frischen Nordseefängen winziges Getier - bis zu zwei Zentimeter lange, bindfadenähnliche Würmer. In deutschen Wohnstuben kam Ekel auf.
Mir drehte sich der Magen um", bekannte angewidert Heidrun Alexy, Büroangestellte im feinen Hamburger "Fischereihafen-Restaurant". Die "begeisterte Fischesserin" will erst mal von den Flossentieren die Finger lassen.
Unwohl wurde nach der Sendung und dem folgenden Presse-Echo auch Millionen von Westdeutschen, die sich bislang regelmäßig an Butt, Bouillabaisse oder Bismarck-Hering delektiert hatten: In Kantinen und Krankenhäusern wurden Küchenpläne geändert, Fachgeschäfte und Restaurants konnten kaum noch Meerestiere losschlagen.
Bis zu sechzig Prozent, klagte das Fischwirtschaftliche Marketing-Institut in Bremerhaven, sei der Fischumsatz zurückgegangen. "Für die Händler", so ein Institutssprecher, "ist die Würmer-Nachricht eine Katastrophe."
Binnen zwei Tagen zählte das Institut 238 Anrufe von Händlern, die von stornierten Bestellungen und drastischen Verkaufseinbußen berichteten. Hein Esser etwa, Inhaber der "Hamburger Fischstube" am Münchner Isartor, beklagt "schätzungsweise 25 Prozent Umsatzrückgang in den ersten Tagen".
"Unser Fischgeschäft", sagte Helga Lazarus vom Hamburger Fachgeschäft "Barmbeker Fischmarkt" am Tag nach der Sendung, "ist heute tot." Ihr Mann Heinz sieht auch in "naher Zukunft" viele Fische den Bach runtergehen.
Im Bremerhavener Zentralkrankenhaus Reinkenheide strich Küchenleiter Claus Ribbeck tausend Portionen frischen Seelachsfilets vom Speiseplan und ließ sie "erst mal tieffrieren". Ribbeck: "Ich wollte unseren Patienten Ekel ersparen." Der Wolfsburger VW-Konzern stoppte die Ausgabe von über 800 Eimern und 1500 Schalen mit Matjes und Rollmöpsen; die marinierten Heringe sollen erst dann auf den Kantinentisch "wenn die Lieferfirma eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vorlegt".
Ursache für Angst und Ekel sind sogenannte Nematoden (Rundwürmer) der Gattung Anisakis, die sich vornehmlich in inneren Organen der Seefische festsetzen. Werden gefangene Fische gelagert, wandern die noch agilen Würmer, quasi zum Selbstschutz, in die Muskulatur; so werden sie beim Ausnehmen des Fischs nicht mitentfernt und, womöglich lebend, verspeist.
Dann können sich die gemeinen Viecher, kotz, würg, im Magen oder Darm festsetzen. Bleibt der Parasit dort allzulange unentdeckt, kann er einen Darmverschluß oder rundliche Geschwülste verursachen. Der Wurmwirt Mensch bekommt zumeist heftige Schmerzen in der Blinddarmgegend; nicht selten wird er dann von ahnungslosen Ärzten von seinem Wurmfortsatz befreit - der Wurm aber bleibt.
Mehreren Patienten wurden bereits die Entzündungsherde mit zentimeterlangen Stücken des Darms herausgeschnitten. Bei Gewebeanalysen fanden Mediziner heraus, daß sich die Rundwürmer mit einem Bohrzahn am Kopf und einem Dorn am Hinterteil regelrecht verankert hatten.
Tatsache ist, daß im Fisch zunehmend der Wurm ist. Auf einer Expertentagung in Kanada wurde erst unlängst das Phänomen auf die, so Heino Möller, Parasitologe am Kieler Institut für Meereskunde, "sonst so erfreuliche Vermehrung der Meeressäuger" im Nordatlantik zurückgeführt.
Die im Magen von Robben und Seehunden lebenden Würmer, so die Theorie, gehen mit dem Kot ab, den beispielsweise Kleinkrebse fressen; von denen ernährt sich der Fisch - und der landet, die Kette ist geschlossen, auf dem Tisch.
Die Schock-Reaktion der Verbraucher allerdings hält Möller für "völlig übertrieben: Das Wurmproblem ist so alt wie der Fisch selbst". Faul sei es hingegen in "einigen wenigen fischverarbeitenden Betrieben", in denen nicht fachgerecht filetiert und mariniert werde.
Denn die Gefahren lassen sich vermeiden, wenn der Fisch nach dem Fang gleich sachgerecht verarbeitet wird: durch Ausnehmen der Innereien, Pökeln, Lagern im Garbad aus Salz und Essig. Wird Frischfisch tiefgefroren oder mindestens bei 65 Grad gekocht oder gebraten, sterben die Wurmlarven gleichfalls ab.
Für einen solchen Umgang mit Fisch aber fehlt es in den meisten Staaten der EG an verbindlichen Vorschriften. So gaben sich etwa die Niederländer vor einem Jahrzehnt eine Heringsschutzverordnung, nach der Fänge sogleich tiefgefroren werden müssen. Exportieren die Nordsee-Anrainer aber die Ware ins Nachbarland Westdeutschland, brauchen sie sich daran nicht zu halten.
Lediglich unverbindlich sind auch die "Richtwerte zur Herstellung von Fisch", die der Bundesverband der deutschen Fischindustrie im März dieses Jahres aus Sorge vor dem zunehmenden Wurmbefall vorlegte. Darin wird etwa empfohlen, den Würmern im Garbad den Garaus zu machen. Es sei allerdings möglich, räumt Verbandssprecher Folkert Marr ein, "daß einige Firmen aus Kostengründen _(Aus der "Monitor"-Sendung vom 28. Juli. )
den Fisch zu schnell aus dem Bad nehmen".
Die Gefahr hat nun auch Bonn erkannt. Gesundheitsministerin Rita Süssmuth verlangte am Freitag, beim Fang und bei der Verarbeitung von Fisch dem Wurm keine Chance zu lassen. Der Zoll wurde per Eil-Erlaß angewiesen, keinen lebenden Wurm mehr über deutsche Grenzen zu lassen.
Wie viele Deutsche bereits am Fischwurm erkrankten, ist unbekannt. Der Kieler Möller wurde innerhalb von vier Jahren nur zweimal von norddeutschen Medizinern zu Rate gezogen. Acht Fälle von "Anisakiasis" sammelte eine Doktorandin des Bonner Parasitologen Hanns Martin Seitz für ihre Dissertation.
Weit mehr Erfahrungen haben, aufgrund der landesüblichen Vorliebe für rohen Fisch, japanische Ärzte mit der ekligen Infektion. Die Ostasiaten lassen sich bei ersten Magenverstimmungen den Bauch spiegeln. Entdeckt der Arzt dabei Würmer, pult er sie mit einem Spezialgerät einzeln heraus.
Aus der "Monitor"-Sendung vom 28. Juli.

DER SPIEGEL 32/1987
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