23.03.1987

BÜCHERBösartiger Himmel

In ihrem neuen Prosawerk „Störfall. Nachrichten eines Tages“ reflektiert die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf den Schock von Tschernobyl. *
Es war, endlich, ein sonniger Frühlingstag nach einem langen, zu langen Winter. "Man hat sehen können", so erinnert sich die Autorin, "dies würde einer der schönsten Tage des Jahres."
Es wurde einer der schlimmsten, die Schönheit war vergiftet. Daß an diesem Tag die Kirschblüten und "das Grün explodiert" seien, will der Autorin nicht mehr über die Lippen. Ebenso ergeht es ihr mit dem "strahlenden Himmel": "Das kann man nun auch nicht mehr denken." Nun heißt es: "Der bösartige Himmel". Und das Goethe-Zitat "Wie herrlich leuchtet mir die Natur!" ist nur noch grimmige Ironie.
Der Tag, von dem da geschrieben wird, liegt fast ein Jahr zurück. Es ist jener April-Tag 1986, an dem die Nachricht vom Super-GAU in Tschernobyl kam. Die Autorin, die sich an ihn erinnert, ist Christa Wolf, 58, bedeutendste lebende Schriftstellerin der DDR
("Kindheitsmuster", "Kassandra"). Unter dem Titel "Störfall" sind ihre Tschernobyl-Reflexionen jetzt im Ost-Berliner Aufbau-Verlag erschienen, kommen sie in diesen Tagen auch in der Bundesrepublik heraus - eine Störung nicht nur doch vor allem für den offiziellen Kernkraft-Optimismus der DDR. _(Christa Wolf: "Störfall. Nachrichten ) _(eines Tages". Luchterhand Verlag, ) _(Darmstadt; 120 Seiten; 9,80 Mark. )
Das Buch will nicht direkt autobiographisch verstanden werden. "Keine der Figuren dieses Textes", setzt Christa Wolf ihm voran, "ist mit einer lebenden Person identisch. Sie sind alle von mir erfunden." Der Text verbindet die Aufzeichnungen der Ich-Erzähierin über den Tschernobyl-Tag, den sie in einem mecklenburgischen Dorf erlebt, mit Gedanken an ihren Bruder, der sich am selben Tag in einer entfernten Stadt einer Hirntumor-Operation unterziehen muß.
Von tagebuchartigen Notizen über das alltägliche Leben unter der Fallout-Drohung ("Die paar Löwenzahnblätter, die ich aus Gewohnheit im Vorbeigehen abgepflückt habe, um sie ... zum Mittag als Salat zu essen, habe ich dann doch lieber weggeworfen") kommt die Erzählerin zu grundsätzlichen Anmerkungen über die bedrohte, die versehrte Natur. Bitter bedenkt sie den "Vorteil heutzutage, älter zu sein".
Vom Gedanken-Gespräch mit dem kranken Bruder gelangt sie zu Betrachtungen über die Struktur des Gehirns, die Ursachen der Aggression und die inneren, zerstörerischen Antriebe von Atomwissenschaftlern und Atomtechnikern, vielleicht von Wissenschaftlern und Technikern überhaupt: "Die lernen doch nichts, hat meine jüngere Tochter gesagt. Die sind doch alle krank."
Im Fernsehen (es ist wohl in erster Linie das westdeutsche) sieht Christa Wolfs literarisches Ich "zum ersten Mal den Umriß des verunglückten Reaktors ... ein Schema, das sich uns mit der Zeit ebenso einprägen müßte wie das Symbol des Atompilzes".
Sarkastisch verfolgt sie den Streit der Beschwichtiger und Warner, beobachtet sie die TV-Auftritte korrekt gekleideter Herren, deren "ganzes amtlich beglaubigtes Dasitzen eine beruhigende Wirkung ausgestrahlt" habe - "ganz im Gegensatz zu den paar jüngeren, bärtigen Pulloverträgern, die durch ihr aufgeregtes Reden und heftiges Gestikulieren den Verdacht erweckten, sie hätten die Mikrophone widerrechtlich erobert".
Gequält registriert sie die sowjetischen Bilder von den ersten Tschernobyl-Opfern: "Ich habe versucht, mich dagegen zu wappnen, daß auf dem Fernsehschirm die Gesichter von Menschen auftauchen könnten - sie sind aufgetaucht -, die sich bemühen würden, ein Lächeln zustande zu bringen. Deren Haare ausgefallen sein würden. Deren Ärzte das Wort ''tapfer'' verwenden würden."
Viele Worte werden der Schriftstellerin durch die Katastrophe von Tschernobyl, die zunächst nicht Katastrophe heißen darf, suspekt oder verleidet: "Eine unsichtbare Wolke von ganz anderer Substanz ... hat die weiße Wolke der Poesie ins Archiv gestoßen." Der "Wort-Ekel", der sie erfaßt, schlägt in "Selbst-Ekel" um. Ihr literarisches Metier wird ihr fragwürdig: "Ist es das wert?" Auf der Suche nach den Ursprüngen feindlicher Entzweiung findet Christa Wolf das "Doppelgesicht der Sprache": "Der Anderssprechende war der Fremde, war kein Mensch, unterlag nicht dem Tötungstabu. Diese Überlegung kommt ungelegen. Sprache, die Identität schafft, zugleich aber entscheidend dazu beiträgt, die Tötungshemmung gegen den anderssprechenden Artgenossen abzubauen."
So ungelegen, wie diese Erkenntnis der Sprachwerkerin, der Schriftstellerin kommt, so ungelegen müssen andere ihrer "Störfall"-Gedanken dem herrschenden Geist ihres Staates kommen - nicht nur jene über "unsere eigenen Abgrenzungs-Zeremonien und -Bauwerke", die sie den Riten und Kultstätten "primitiver" Steinzeitmenschen gleichstellt, ein bemerkenswertes Urteil über den "antifaschistischen Schutzwall".
Unter dem Tschernobyl-Schock und eingedenk der atomaren Hochrüstung formuliert Christa Wolf eine Theorie der menschlichen Aggressivität und Destruktivität, die kaum mehr etwas mit Marxismus zu tun hat und wenig von sozialistischem Zukunftsvertrauen spüren läßt:
"An irgendeiner Stelle (der Evolution), oder an vielen Stellen, haben wir jene Wildheit, Unvernunft, Tierischkeit in die Kultur hineinnehmen müssen, die doch gerade geschaffen wurde, das Ungezähmte zu bändigen. Die Echse in uns schlägt mit dem Schwanz. Das wilde Tier in uns brüllt. Verzerrten Gesichts stürzen wir uns auf den Bruder und bringen ihn um. Dann möchten wir uns das Gehirn aus dem Kopf reißen und den wilden Punkt suchen, um ihn auszubrennen. Amok laufen, weil unser Gehirn durchbrennt."
Die Autorin, die auch bei sich selbst den "blinden Fleck" ihrer "eigenen Verantwortlichkeit" sucht und dabei eine ungesunde Lust auf "böse Nachrichten" entdeckt, eine "finstere Schadenfreude gegen uns selbst gerichtet", diese Pessimistin mitten im real existierenden Sozialismus stellt mit der "sogenannten friedlichen Nutzung der Kernenergie" die "Utopie" des technischen Fortschritts in Frage. Und, mehr als das auch die politische, die revolutionäre der sie angehangen hat:
"Habe ich gesagt", so fragt sie sich, "daß sie (die Kernspalter) Monster waren? Treiben die Utopien unserer Zeit notwendig Monster heraus? Waren wir Monster, als wir um einer Utopie willen - Gerechtigkeit, Gleichheit, Menschlichkeit für alle -, die wir nicht aufschieben wollten, diejenigen bekämpften, in deren Interesse diese Utopie nicht lag (nicht liegt), und, mit unseren eigenen Zweifeln, diejenigen, die zu bezweifeln wagten, daß der Zweck die Mittel heiligt?"
Es sind nicht zuletzt solche Fragen, solche Zweifel, die das neue Buch der DDR-Nationalpreisträgerin vollends zu einem notwendigen, wünschenswerten Störfall machen. In der DDR ist Christa Wolfs Tschernobyl-Buch bereits ein Bestseller geworden - wie gleichzeitig Gorbatschows "Demokratie"-Rede vor dem Zentralkomitee der KPdSU.
Christa Wolf: "Störfall. Nachrichten eines Tages". Luchterhand Verlag, Darmstadt; 120 Seiten; 9,80 Mark.

DER SPIEGEL 13/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 13/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BÜCHER:
Bösartiger Himmel

Video 00:51

Mars-Animation Gibt es in dieser Schlucht Spuren von Leben?

  • Video "Mars-Animation: Gibt es in dieser Schlucht Spuren von Leben?" Video 00:51
    Mars-Animation: Gibt es in dieser Schlucht Spuren von Leben?
  • Video "Webvideos der Woche: Ruuums!!" Video 03:45
    Webvideos der Woche: Ruuums!!
  • Video "Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten" Video 01:23
    Ihr Kinderlein, jauchzet! Eigenbau-Achterbahn im Garten
  • Video "Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte" Video 00:43
    Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte
  • Video "Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen" Video 02:15
    Neuer Spider-Man-Trailer: Jetzt hat er auch noch Flügelchen
  • Video "Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer" Video 00:54
    Überwachungsvideo aus Berliner U-Bahn: Polizei sucht Angreifer
  • Video "Freiburgs Trainer über Fremdenhass: Man muss große Angst haben" Video 01:38
    Freiburgs Trainer über Fremdenhass: "Man muss große Angst haben"
  • Video "Virales Video aus Österreich: Was machen die da?" Video 00:57
    Virales Video aus Österreich: Was machen die da?
  • Video "Filmstarts der Woche: Hi, ich bin Frank Zappa" Video 05:00
    Filmstarts der Woche: "Hi, ich bin Frank Zappa"
  • Video "Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel" Video 00:43
    Tierrettung: Eine Flasche für die Teufel
  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe" Video 00:58
    Basketball-Kunststück: Korb aus 178 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit