03.08.1987

Madonna, was ist passiert in bella Italia?

SPIEGEL-Report über die wirtschaftliche Renaissance in Europas einstigem Krisenland *
Er kam vor fast 700 Jahren mit Geschenken beladen und voll märchenhafter Erzählungen vom Hofe des Großen Khans in Peking heim nach Venedig: der große Marco Polo. Wie er machen sich italienische Fahrensleute demnächst wieder zu gewinnbringenden Abenteuern in den Fernen Osten auf.
Von Venedig, der glanzvollen Serenissima, aus wollen über 100 Handels- und Industriefirmen mit dem als schwimmendes Messezentrum gebauten Schiff "Futurinsieme" (Zukunft zusammen) zu einer Kreuzfahrt in die chinesischen Küstenstädte auslaufen.
Die Idee, auf den Spuren des venezianischen Weltreisenden mit Qualitätsprodukten "made in Italy" zu werben, war dem römischen Filmproduzenten Alfredo Bini gekommen, als er für die Dreharbeiten zu der Fernsehserie "Marco Polo" das Reich der Mitte durchreiste.
Die Expedition - nach Landesart theatralisch und pfiffig zugleich - ist ein Symbol für den Aufbruch und die wiedererwachte Unternehmungslust eines ganzen Volkes: das Wirtschaftswunder auf italienisch: "il miracolo".
Es hat die Italiener, bei ihren Nachbarn vor allem im germanischen Norden seit je als faul, leichtfertig und korrupt verschrien, kühn und selbstbewußt gemacht. Sie lichten die Anker und setzen ihre Segel, mit sicherem Gespür suchen sie neue Märkte wie zu den besten Zeiten in ihrer langen Geschichte als Handelsmacht.
Und sie exportieren nicht länger nur, was sich mit dem Namen Italiens stets und zuallererst verbindet: Design, Mode, Möbel, Leder, Textilien und natürlich Vino und Pasta: sondern neben Autos auch hochwertige Technologie wie Computer oder Weltraumtechnik.
"Wir haben eine Situation mit großen Schwierigkeiten hinter uns gebracht", feierte Anfang April Bettino Craxi, Ministerpräsident der vier stabilen Jahre 1983 bis 1987, die Helden des "miracolo" auf dem sozialistischen Parteikongreß in Rimini. Die Zahl der neugegründeten Firmen, so Craxi voll Stolz, sei größer als die Zahl der neugeborenen Babys.
Selbst skeptische Beobachter aus dem Ausland ließen sich von der Begeisterung mitreißen und entdeckten eine zweite "italienische Renaissance" ("Business Week").
Dabei hatte es noch vor sieben Jahren so ausgesehen, als würde die italienische Wirtschaft endgültig im Chaos versinken. Das Land hatte die höchste Inflationsrate, die meisten Streiks, eine der schlimmsten Arbeitslosenquoten in der Europäischen Gemeinschaft. Selbst angesehene alte Firmen wie der Autokonzern Fiat oder der Schreibmaschinen-Hersteller Olivetti schienen dem Ruin nahe.
Heute macht Fiat dem Volkswagen-Konzern den ersten Platz auf dem europäischen Markt streitig. Olivetti ist zu einem umtriebigen Multi aufgestiegen. Die Inflation sank von 20 auf etwa 4 Prozent. Die Streiks gingen von 193 Millionen auf 38 Millionen Stunden im Jahr zurück.
Die italienische Wirtschaft wird dieses Jahr um 2,3 Prozent wachsen, schneller als die der Bundesrepublik (1,5) und Frankreichs (1,25 Prozent). Ausgerechnet im klassischen Dolce-vita-Land reiften die fleißigsten Sparer der Welt heran, neben den Japanern und vor den Deutschen. Der französische Manager Alain Minc pries die italienische Vitalität - auch in der Schwarzarbeit - als "ein Modell für die Gesellschaft nach der Krise".
Wie einen Sieg im Europa-Cup der Fußballer feierte ganz Italien im Frühjahr "il sorpasso": Das Bruttosozialprodukt des Landes wird, jedenfalls nach einstweiliger Rechnung des römischen Statistik-Amtes, 1987 die Wirtschaftsleistung der Briten überrunden. Italien wäre demnach die fünftgrößte Industriemacht der westlichen Welt, hinter den USA, Japan, der Bundesrepublik und Frankreich.
Margaret Thatcher, Anwältin des freien Unternehmertums, Traumfrau jedes echten Kapitalisten, abgehängt von den disziplinlosen Spaghetti-Produzenten - Madonna, was ist passiert in bella Italia?
Hatten nicht hier die Roten Brigaden als einzige Terroristenbande Europas so etwas wie eine revolutionäre Basis in der Arbeiterschaft? Beherrscht nicht die Mafia im Süden und auf Sizilien immer noch ganze Wirtschaftszweige, vom Tourismusgeschäft bis zum Subventionsbetrug zu Lasten der EG-Kasse für Wein und Olivenöl? Und waren nicht die italienischen Kommunisten die stärksten im ganzen Westen?
Das sind sie immer noch, trotz des stetigen Rückgangs ihrer Stimmenzahl. Aber die Roten sind durch das Wunder der Wirtschaft, so scheint es, längst zum rechten Glauben bekehrt. Der kommunistische Versicherungsverein Unipol ging wie alle cleveren Kapitalisten an die Börse. Die Firma verlangte und bekam für ihre Vorzugsaktien das satte Aufgeld von 240 Prozent. Die KP-Zeitung "l''Unita" liefert den Genossen Lesern täglich die neuesten Kurse und legt auch schon mal vierseitige Industrie- und Finanzbeilagen bei. Man spekuliert als Kommunist von Welt jetzt nicht mehr auf den Untergang des Kapitalismus, sondern mit seinem unaufhaltsamen Aufstieg.
Die einst verschlafene Börse von Mailand war in den letzten zwei Jahren der heiße Tip für die Spekulanten aller Länder. Nirgendwo sonst konnte man Kursgewinne von 200 Prozent und
mehr einstreichen. Nach den Profis beteiligte sich auch das Proletariat am Gewinnspiel. Schätzungsweise vier Millionen Italiener partizipierten direkt oder über Anlagefonds am Boom der Aktien.
Die Anziehungskraft des Kapitals ist unwiderstehlich geworden in Italien. Die Mehrheit der italienischen Frauen, ermittelte die Zeitung "la Repubblica" Ende letzten Jahres in vollem Ernst, würde jedenfalls gern mal mit dem 66jährigen Fiat-Boß Giovanni ("Gianni") Agnelli ins Bett gehen.
Nicht minder attraktiv wirkt Italiens neuer Unternehmer-Star Raul Gardini, 54, Chef der Ferruzzi-Familie. Binnen drei Jahren stieg er vom nur wenigen Insidern des internationalen Getreide- und Zuckerhandels bekannten Kaufmann zum Boß des zweitgrößten privaten Firmenimperiums direkt nach Agnelli auf.
Die Ferruzzis, denen eine Million Hektar Land in drei Erdteilen gehören, sind nach Unilever und Nestle der Welt drittgrößter Verarbeiter von Ackerbau-Produkten. Rund 200000 Bauern produzieren weltweit unter Verträgen mit Gardinis Unternehmensgruppe. Seit vorigem Jahr ist der Clan auch Hauptaktionär des größten italienischen Chemiekonzerns, Montedison.
Im März kaufte Gardini von dem amerikanischen Nahrungsmittelkonzern CPC für 630 Millionen Dollar dessen europäische Töchter. Damit gehört auch die Hälfte des bisherigen Umsatzes der deutschen Maizena-Gruppe (1,4 Milliarden Mark) dem Italiener.
Neben Gardini, für das US-Magazin "Newsweek" einer der "Macher des Wunders", hat eine kleine Gruppe von Unternehmer-Kapitalisten das Mirakel wie eine große italienische Oper inszeniert - wenige Stars mit großem Auftritt im Rampenlicht und schwer entwirrbare Intrigen hinter den Kulissen.
"II Miracolo" hat folgende Besetzung: "l''avvocato" - der Fiat-Chef Agnelli; "il contadino" - der Landwirt Gardini; und "l''ingegnere" - der Ingenieur Carlo De Benedetti.
Sie beherrschen die drei größten Privatunternehmen Italiens - Fiat, Montedison und Olivetti. Jeder von ihnen hat um den ursprünglichen Kern seiner Unternehmen inzwischen ein kaum noch überschaubares Geflecht von Firmenbeteiligungen gelegt.
Die großen drei arbeiten in der Regel wohl abgestimmt miteinander, kaum jemals gegeneinander. De Benedetti half zum Beispiel letztes Jahr Gardini bei der Eroberung der Macht über Montedison. Agnelli, der Älteste des Trios, gab gnädig seinen Segen - gut, daß Montedison nun in den Händen einer "großen Familie" wie den Ferruzzis sei.
Gemeinsam ist den dreien auch das Repertoire an Winkelzügen, mit denen sie ihr jeweiliges Reich größer und immer größer machen. In kaum einem anderen Industrieland sind die führenden Unternehmen so personifiziert in der Gestalt des Firmeneigentümers.
Das Netzwerk der Italiener ist schon längst nicht mehr auf das eigene Land
beschränkt. Mehr als andere Nationen Europas scheinen die Italiener begabt, sich elegant in fremder Umwelt zu bewegen. Wie in den fünfziger und sechziger Jahren ihre Vorläufer - die sprachgewandten, anpassungsfähigen und geschäftstüchtigen Gastarbeiter, Pizzabäcker und Eisdielenbesitzer-, erobern nun die italienischen Unternehmer in großem Stil die Märkte der Europäischen Gemeinschaft.
Am besten versteht sich darauf Carlo De Benedetti, 52, der "Europäische Manager des Jahres" - mit diesem Titel ehrten ihn im Mai neun Wirtschaftsmagazine aus der EG.
Der Sohn eines kleinen Fabrikanten aus Turin, der 1943 wegen seiner jüdischen Abstammung mit der Familie vor der SS in die Schweiz noch, spricht außer seiner Muttersprache fließend Deutsch, Englisch und Französisch. Er agiert als echter Europäer mit den beiden einzigen Rohstoffen, die der alte Kontinent nach seiner Ansicht besitzt - "Hirn und Geld".
Von beidem hat er reichlich. In Deutschland übernahm De Benedetti letztes Jahr den Schreibmaschinen- und Computerhersteller Triumph-Adler. Der Volkswagen-Konzern war glücklich, seine verlustreiche Tochter endlich loszuwerden, und beteiligte sich mit einem weit höheren Betrag an Olivetti, als die Italiener für das Nürnberger Unternehmen zahlen mußten. Ob sich der Deal auch langfristig auszahlt, ist allerdings noch ungewiß.
In Frankreich kontrolliert der Italiener seit vergangenem Jahr den Autozubehörkonzern Valeo mit 28000 Mitarbeitern. Weitere Beteiligungen reichen vom Modehaus Yves Saint Laurent und dem Parfümhersteller Charles of the Ritz über das Verlagshaus Presses de la Cite und den Finanz-Informationsdienst Dafsa bis zur Tiefkühl-Fischfabrik Davigel.
Die französischen Aufkäufe ergänzen De Benedettis italienische Interessen, die längst über die Informatikbranche hinausgehen. Er kontrolliert inzwischen auch einen der größten Nahrungsmittelhersteller Italiens, Buitoni, ebenso wie das Verlagshaus Mondadori, mit Beteiligungen an dem Nachrichtenmagazin "L''Espresso" und der Tageszeitung "la Repubblica".
Im Mai kaufte er sich auch in die englische Medien-Szene ein. Nächstes Ziel ist Spanien. Dort gründet De Benedetti mit dem Banco Zaragozano eine gemeinsame Investmentfirma, die sich an wachstumsträchtigen spanischen Firmen beteiligen soll.
Italiens Topmanager wären allerdings kaum so erfolgreich, wenn sich nicht das Klima im Lande von Grund auf geändert hätte.
Die Mehrheit der Italiener hatte Ende der siebziger Jahre einfach genug vom permanenten Chaos ihrer Wirtschaft.
Das bekamen zunächst die Gewerkschaften zu spüren.
Noch 1976 war selbst der energische De Benedetti - damals gerade von Agnelli ins Fiat-Management geholt - gegen die Macht der klassenkämpferischen Funktionäre nicht angekommen.
Vier Jahre später war die Lage wie verwandelt. Wieder mal war Fiat seit fünf Wochen durch einen erbitterten Streik lahmgelegt, weil Agnelli die Belegschaft um ein Fünftel verringern wollte.
Doch am 14. Oktober 1980 marschierten 40000 Fiat-Beschäftigte, aber auch Ladenbesitzer und andere Bürger der Stadt vor dem Firmenhauptquartier in Turin auf. Sie protestierten nicht gegen den Fiat-Boß, sondern gegen die Gewerkschaften. Sie erlangten das Ende des Streiks, der das Leben der Auto-Stadt fast zum Erliegen gebracht hatte.
Die Gegendemonstration machte auf die Gewerkschaftsführer einen nachhaltigen Eindruck. Nicht nur bei Fiat ließen sie sich von nun an auf Verhandlungen über Rationalisierungen ein, auch wenn diese zunächst viele Arbeitsplätze kosteten.
De Benedetti, der nunmehr beim angeschlagenen Schreibmaschinenkonzern Olivetti eingestiegen war, konnte dort mit dem Einverständnis der kommunistischen Gewerkschaft 20000 Leute entlassen.
Der neue Chef zeigte den Kommunisten die roten Zahlen des Konzerns - so hatte bisher noch kein Unternehmer in Italien die Gewerkschafter in seine Bücher schauen lassen. Die Offenheit wirkte Wunder: "Was die Herren da gesehen haben, hat sie schockiert."
Die veränderte Einstellung der Gewerkschaften machte dem sozialistischen Regierungschef Bettino Craxi 1984 Mut, eines der brisantesten Themen der italienischen Wirtschaftspolitik anzupacken - die "scala mobile". Diese automatische Anpassung der Löhne an die Preissteigerungen, einst sakrosankte Errungenschaft der Gewerkschaften, hatte die Inflation zum Perpetuum mobile gemacht. In einer Volksabstimmung entschied sich die Mehrheit der Italiener 1985 dafür, die gesetzlich verordnete Lohn-Preis-Spirale erheblich zurückzudrehen.
Mit steigenden Gewinnen und weniger Personal konnten die Unternehmen in die Automatisierung ihrer Produktion investieren. Die Roboterstraßen von Fiat in Turin oder die auf einen Ausstoß von über einer halben Million Personalcomputern ausgelegte Fabrik von Olivetti in Ivrea haben heute internationalen Standard.
Die Schlamperei in der Verarbeitung, früher ein italienisches Markenzeichen, geht merklich zurück.
Es gibt da ein Mißverhältnis zwischen dem schlechten Image und der Wirklichkeit", sagt der deutsche IBM-Manager Lutz Grüttke voller Bewunderung für seine Kollegen im Süden. Die Fabrik des
amerikanischen Computer-Riesen in Vimercate bei Mailand konnte schon zweimal in den letzten drei Jahren den vom Europa-Chef Kaspar Cassani gestifteten Qualitätspokal nach Italien holen, gegen die Konkurrenz von 14 anderen europäischen IBM-Werken.
Die elektronischen Datenbanken über die italienische Wirtschaft gehören "mit zu den besten der Welt", meint Patrick Tanghe vom Bertelsmann-Informationsservice. Die italienische Handelskammer hält die Handelsregister-Daten aller Firmen des Landes in Sekunden über ihren Computer in Padua jedem Interessenten weltweit verfügbar. In Deutschland ist die Erstellung eines Registerauszugs auf Papier mit einem Halbtagesausflug aufs Amt verbunden.
"Sie sind leicht chaotisch, aber ungewöhnlich tüchtig", lobt ein Münchner Konstrukteur die Mailänder Ingenieure, bei denen er "schneller und billiger" als in Deutschland die Modelle für seine Entwicklungen bauen läßt.
Flexibilität ist die Stärke zahlloser kleinerer Unternehmen, die neben den großen Stars des Wirtschaftswunders in den letzten Jahren erfolgreich auf dem Weltmarkt agieren. Denn es sind ja nicht nur die paar Giganten, die den Aufschwung tragen. Darunter ist ein breiter Mittelstand herangewachsen, mit Tausenden von Mini-Firmen, die - oft als Zulieferer der Großkonzerne - das Wachstum energisch in Gang halten.
Die blühendsten Gegenden liegen nicht länger im Industriedreieck Mailand/Genua/Turin. Sie tragen vielmehr Namen wie Carpi, Prao, Pordenone, Modena; die meisten liegen in den Provinzen Trient und Reggio Emilia.
Ein typisches Beispiel dieser lokalen Industriekultur ist Prato, ein Textilstädtchen bei Florenz, wo 50000 Facharbeiter 50 Prozent der gesamten EG-Produktion von Kammgarnwolle herstellen - zumeist in Kleinbetrieben. Prato gehört mit einer Wachstumsquote von 30 Prozent zu den reichsten Städten Italiens.
Auch das toskanische Lucca verbirgt hinter seinen mittelalterlichen Mauern moderne Industrie. Perini Fabio zum Beispiel, ein Familienunternehmen, das Maschinen für die Verarbeitung von Altpapier herstellt, hat mit nur 240 Beschäftigten 50 Prozent des gesamten Weltmarktes seiner Branche erobert.
Selbst in Neapel, mit 350000 Arbeitslosen und der Verbrechergang Camorra eigentlich ein hoffnungsloser Fall, sind Erfolgsstorys möglich. Dort gedeiht seit einigen Jahren Informatica Campania, eine Firma für Software mit 200 Beschäftigten. Sie wird 1988 zum erstenmal in die USA exportieren.
Die Textilfirma Benetton aus Treviso, einst ein bescheidener Familienbetrieb, inzwischen mit 4000 Läden in 60 Ländern vertreten, legte den Grund für ihren Aufstieg mit Ideen, die sie schneller auf Modetrends reagieren ließ als die Konkurrenz. Zuschnitt und Näherei werden mit Computerprogrammen gesteuert, die auf Knopfdruck den letzten Schrei liefern.
Die Mode ist Italiens wichtigster Exportartikel. Keine andere Branche bringt dem Land ein so starkes Plus im Außenhandel - rund 29 Milliarden Mark. Armani, Missoni, Krizia oder Valentino verkaufen nicht bloß elegantes Design, sondern den Markenartikel Italien, das Symbol für lässig-leichte Lebensart.
Erstaunlicher noch: Auch die staatliche Wirtschaft hat den Aufschwung geschafft. Die Iri, der Welt größter Konzern in öffentlicher Hand, machte 1986 zum erstenmal seit Jahren keinen Verlust mehr. Iri-Präsident Romano Prodi schaffte es, verlustbringende Firmen wieder an Private loszuschlagen - so zuletzt den Autohersteller Alfa Romeo an Fiat. Die Fluggesellschaft Alitalia und das Telephon-Monopol SIP privatisierte Prodi zum Teil über die Börse. Das brachte ihm Geld in die Kasse, um die enormen Schulden der Iri abzubauen.
Den Erfolg des Staatskonzerns rechnet sich der frühere Regierungschef Bettino Craxi gern als persönlichen Sieg an, wie am liebsten eigentlich den ganzen Aufstieg. Die Renaissance hatte freilich schon vor Craxis Regierungsantritt 1983 eingesetzt. Im wesentlichen schaffte das Land seine Genesung ohne Zutun der Politiker. Denn es regiert sich im Grunde selbst.
"Psychologisch ist eine stabile Regierung sicherlich eine Hilfe, mehr aber auch nicht", sagt Olivetti-Chef De Benedetti.
Die persönliche Aversion von Fiat-Präsident Agnelli gegen Politiker ist bekannt. _(Am 14. Oktober 1980. )
Laut Agnelli ist das einzige, was Italiens Unternehmer gegen die lethargische und korrupte politische Führung tun könnten, "den Schaden, den sie anrichten, so klein wie möglich zu halten" - je weniger regiert werde, um so besser für das Land. Der Italiener ist nach Agnellis Meinung zum Unternehmer, nicht zum Bürokraten geboren.
Tatsächlich erwirtschaften Agnelli, De Benedetti und Gardini ihre phantastischen Firmengewinne in einem Staat, der von Produktivität und Leistungsgesetzen schier gar nichts versteht.
Privatunternehmer, die mit den italienischen Kommunen Geschäfte machen, kalkulieren durchschnittlich zehn Prozent des Auftragsvolumens für die berüchtigten "tangenti", Schmiergelder, ein. 800 Volksvertreter oder Staatsbedienstete wurden in den letzten Jahren wegen Bestechlichkeit verhaftet - eine Allparteienkoalition der Korruption: 284 von ihnen waren Sozialisten, 368 Christdemokraten und 179 Kommunisten.
20000 bis 40000 Funktionäre der öffentlichen Hand stecken nach einer Schätzung jährlich zwischen 11 und 16,5 Milliarden Mark an Schmiergeldern ein; meist allerdings fließen sie in die Parteikasse, seltener in die eigene Tasche.
Der Staat betrügt die inzwischen kräftig zahlenden italienischen Steuerbürger um viele Dienste, die in einer modernen Administration selbstverständlich sein sollten.
Während die Bundesrepublik für Infrastruktur pro Einwohner jährlich 700 Mark ausgibt, wendet Italien 180 Mark auf. Die Knauserigkeit spürt jeder Italiener und Italien-Reisende am eigenen Leib. Ob Gesundheitsdienst, Post, Schule, Eisenbahn - alles funktioniert nur schlecht und recht.
In italienischen Spitälern geht es häufig zu wie in mittelalterlichen Siechenhäusern: Ratten beißen die Patienten im Schlaf (Neapel im Juni 1986); tote Patienten werden nach einer Woche halb verwest im Badezimmer eines städtischen Krankenhauses aufgefunden (Genua, März 1987); ein Gehörgeschädigter soll für seine Ohrenoperation in sechs Jahren wiederkommen, Voranmeldung jetzt (Städtisches Krankenhaus Bergamo, März 1987).
Die Post arbeitet traditionell schlampig. Ein Verbraucherverband in Mailand überprüfte die Laufzeit einiger Briefe: Sie brauchten von Mailand nach Varese (56 Kilometer) sieben Tage, von Mailand nach Genua (135 Kilometer) acht Tage.
Bei der Bahn laufen die Dinge ein wenig besser, seit Einzelbereiche der Verwaltung unter privates Management kamen. Kürzlich stockte dennoch über eine ganze Woche der Zugverkehr, weil 60 wegen mangelnder Disziplin am Arbeitsplatz ausgesperrte Beamte eine Hundertschaft solidarischer Kollegen mobilisieren konnten.
Im römischen Finanzministerium fehlen nicht nur Stifte und Tinte, sondern manchmal sogar die Stühle für die Schreiber, die Exportlisten Tausender Firmen noch mit der Hand kopieren. Paola Rocca, Angestellte im Finanzministerium (Monatsgehalt: 1100 Mark), brachte sich Tisch und Stuhl von zu Hause mit, als sie vor vier Jahren in der Exportabteilung eine Stelle fand.
Bis neue Fernschreiber oder Telephonanschlüsse gelegt werden, vergehen in der Hauptstadt Rom drei Jahre. Jedes Büro, jeder Betrieb beschäftigt daher einen Vertrauensmann, der nur für diese Art Besorgungen unterwegs ist.
Die lästigen Auseinandersetzungen mit der Bürokratie in Rom nimmt Firmen und Betrieben mit wenig Zeit und Nerven neuerdings eine eigens dafür gegründete Agentur ab: Public Affairs, geleitet von Samaritana Rattazzi, 39. Ihr Büro, in weißem Velour gestylt, liegt an feiner Adresse, an der Piazza Navona im Herzen der Hauptstadt. Die Chefin stammt aus bestem Industrieadel: Ihre Mutter heißt Susanna Agnelli, der Fiat-Boß ist ihr Onkel.
Frau Rattazzi hat gerade eine Vereinbarung mit dem Piemontesischen Industrieverband getroffen, dem 70 Prozent der 4100 Firmen im Hinterland von Turin angeschlossen sind. Die Agentur, an der auch drei Steuerberater und Finanzexperten beteiligt sind, schleust für sie Anträge durch das Labyrinth der römischen _(Fest des Modeschöpfers Fendi im ) _(römischen Palazzo Venezia am 25. Oktober ) _(1985. )
Bürokratie. Pro Stunde verlangt Public Affairs 400 Mark Honorar.
"Successo" und "soldi", Erfolg und Geld, das sind die siamesischen Zwillinge, die das italienische Lebensgefühl total verändert haben. Der italienische Wohlstandsbürger gab im vergangenen Jahr zum erstenmal weniger fürs Essen als für Körperpflege, Reisen, Kultur aus. Nur im Süden blieben die Fleischzutaten zu den Spaghetti der Luxus des kleinen Mannes.
Die Konsumwelle rauscht durch Rom und die reiche Provinz. 200000 neue Autos werden in Italien pro Monat verkauft. Niemand braucht sich seiner materiellen Güter mehr zu genieren und sie zu verstecken. Wenn die Tochter eines Neureichen heiratet, werden schon mal an die 1000 Gäste in das dazu passende Schloß eingeladen.
Allerdings: Die zwischenmenschliche Solidarität, die im traditionellen Italien viele Versäumnisse und Mängel des Staates ausgleichen konnte, geht im scharfen Existenzkampf der Leistungsgesellschaft verloren. Auch der Charme des Müßiggangs, den Touristen so schätzen, verschwindet allmählich. Die Jagd nach Erfolg fördert das Draufgängertum auf Kosten der anderen.
Das ist die Folge einer neuen Zweiteilung der italienischen Gesellschaft: Nicht mehr nur wenige reiche Familien stehen der Masse der Minderbemittelten gegenüber, sondern eine wohlhabende Hälfte setzt sich von der zurückgebliebenen ab.
Vor allem aber: Wie schon seit ewigen Zeiten kam das Wunder nur bis Eboli. Im Süden ist die Arbeitslosigkeit mit 16,5 Prozent weit höher als im reichen Norden. Von den rund drei Millionen Arbeitslosen sind drei Viertel zwischen 14 und 29 Jahren alt - mitten im Wunder wächst eine Jugend ohne Zukunft heran.
Tatsächlich mischen sich in die Jubelmeldungen inzwischen auch weniger ruhmreiche Daten: Die Ungewißheit über die Regierungsbildung nach der Wahl hatte auf die Börsenkurse gedrückt; die Exporte gingen in den ersten Monaten dieses Jahres zurück.
Für Carlo De Benedetti kommen die kleinen Dämpfer nicht ungelegen: "Die Zeit des Wahnsinns ist vorbei, und ich bin froh darüber." Der Stolz auf den Aufschwung, soll das heißen, darf die Italiener vor schierer Begeisterung über sich selbst nicht in den alten Schlendrian zurücktreiben.
Benedettis eigene Firma ist ein gutes Beispiel für die neuen Schwierigkeiten. Der schwache Dollar hat Olivettis Ausfuhren nach Amerika empfindlich getroffen. Nur: Früher versuchte Olivetti erst gar nicht, in den USA Computer zu verkaufen. Jetzt aber spielt Italien in der ersten Liga der Industriestaaten mit.
[Grafiktext]
Viel Licht und wenig Schatten Wirtschaftsdaten aus Italien Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent Inflation Handelsbilanz Arbeitslose Streiks Bruttosozialprodukt (real) Durch Streiks verlorene Arbeitsstunden.
[GrafiktextEnde]
Am 14. Oktober 1980. Fest des Modeschöpfers Fendi im römischen Palazzo Venezia am 25. Oktober 1985.

DER SPIEGEL 32/1987
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