DER SPIEGEL



Kunst: Hammer und Spiegel

"Was ist Kunst?" Mancher wüßte es gern, doch eine bündige Antwort bleibt aus. Mit statt dessen 1083 - zitierten - Antworten umkreist ein DuMont-Taschenbuch (232 Seiten; 16,80 Mark) das zum Titel erhobene Definitionsproblem, das der Herausgeber Andreas Mäckler "ungelöster denn je" findet. Dichter- und Denkerworte aus zweieinhalb Jahrtausenden, einander ergänzend aber auch schrill widersprechend, bieten eine lehrreichamüsante Lektüre. Kunst, erfährt man, sei das "Ideal des Handwerks" (Lissitzky) und doch auch "Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein" (Adorno), "mitgeteilte Lust" (Nietzsche), "harmlos und wohltätig" (Freud), die "Vollendung der Natur" (Ovid), "eine besondere Form der Verkündigung einer Wahrheit" (Oberverwaltungsgericht Münster), außerdem "ein Spiegel, der ,vorausgeht' wie eine Uhr" (Kafka) - nein, "nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet" (Marx). So scheinen die Kunst-Definitoren bisweilen in heftige Streitgespräche zu geraten. "Die Kunst ist überflüssig", dekretiert der französische Sprüchemacher Ben Vautier. "Ganz bestimmt!", versetzt der polnische Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec, "ich weiß sogar für wen."


DER SPIEGEL 32/1987
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