07.09.1987

Rust: „Ein Hieb für die russische Seele“

Vier Jahre Strafarbeit im Lager - das Oberste Gericht in Moskau tat sich schwer mit den Motiven des jugendlichen Kreml-Überfliegers Mathias Rust, der tiefe Reue zeigte und sich zum Friedensapostel stilisieren wollte. Die Sowjets schwankten zwischen Großmut und dem Bedürfnis nach exemplarischer Bestrafung. *
Die Russen haben einen Sinn und allemal ein Herz für Sonderlinge in Schwierigkeiten: "Sieht er gesund aus?" erkundigte sich barmend ein altes Mütterchen vor dem Gebäude des Obersten Gerichts, "bekommt er genug zu essen, und wird die Strafe gnädig sein wegen seiner Jugend?" Sie sorgte sich wie um das Schicksal des eigenen Sohns, ihre Fragen galten aber dem 19jährigen Deutschen Mathias Rust.
Der Wirbel um dessen spektakulären Alleinflug mit einer einmotorigen "Cessna 172" am 28. Mai, dem Ehrentag des sowjetischen Grenzsoldaten, von Helsinki bis vors Spasski-Tor des Kreml ließ die Luftverteidigung der Sowjetmacht für einen Moment als Potemkinschen Fassaden-Bluff erscheinen, blies einen Verteidigungsminister, den Luftabwehr-Chef und vermutlich zahlreiche andere verantwortliche Militärs von ihren Posten und wehte den flugsüchtigen Datatypisten aus Wedel bei Hamburg für drei Monate in eine fremde Welt: ins noch aus Zaren-Zeiten stammende Gemäuer der KGB-Untersuchungshaftanstalt Lefortowo im Osten Moskaus.
Drei Paragraphen hatte die Anklage, vertreten vom stellvertretenden Generalstaatsanwalt Wladimir Andrejew, gegen Rust vorgebracht: *___"gesetzwidrige Einreise" (Artikel 81 StGB der ____Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik): ein bis ____drei Jahre Freiheitsentzug; *___"Verletzung internationaler Flugverkehrsvorschriften" ____(Artikel 84 StGB der Russischen Sozialistischen ____Föderativen Sowjetrepublik): bis zu zehn Jahren Haft ____oder 1000 Rubel Geldstrafe, möglicherweise Einziehung ____des Flugzeuges; und *___"böswilliger Hooliganismus" _(Hooliganismus: laut sowjetischem Recht ) _("vorsätzliche Handlungen, die die ) _(öffentliche Ordnung grob verletzen und ) _(eine offensichtliche Mißachtung der ) _(Gesellschaft zum Ausdruck bringen". )
(Artikel 206 StGB der RSFSR): ein bis fünf Jahre Gefängnis.
Etwas so Schreckliches wie ein Hooligan wollte Rust aber nicht gewesen sein. Allein in diesem Punkt widerrief er sein Schuldbekenntnis: Er verfüge über "gute Erfahrungen in Kurzlandungen", die Gefahr "einer Beschädigung von Infrastruktur und Mensch" sei aus seiner damaligen Sicht gering gewesen.
So etwas wie Lenin-Mausoleum und Roter Platz gebe es schließlich nicht in seiner Heimat, deshalb habe er nicht ahnen können, daß seine gewagten Flieger-Kapriolen über dem Tempelbezirk der Sowjetmacht "der russischen Seele einen Hieb versetzen" würden. Sonst, sagte Rust, "hätte ich davon abgesehen".
Heute bedaure er seine Tat und entschuldige sich dafür. Diese Einsicht kam spürbar emotionslos, eingelernt daher, so daß ein sowjetischer Prozeß-Beobachter argwöhnte, der Junge sei das Bilderbuch-Beispiel eines kopfgesteuerten Fritzen, der seine Haut retten wolle - solche habe man nach dem letzten Krieg zu Tausenden kennengelernt.
Die Sowjets jedenfalls hat der Wedeler in Verlegenheit gebracht. Innen- und außenpolitische Opportunitäten waren nur schwer in Einklang zu bringen. Manche Genossen hätten den Piloten aus diplomatischen Erwägungen am liebsten schon Richard von Weizsäcker bei dessen Besuch vor zwei Monaten als Abschiedsgeschenk mitgegeben; andere wünschten ein drastisches Exempel, zur Besänftigung der blamierten Militärs.
Richter Robert Tichomirnow, 59, und seine beiden Laien-Beisitzer - die Ingenieurin Juta Kletenberg aus dem estnischen Tallinn und Meister Wassilij Kusnezow aus der Moskauer SIL-Autofabrik - blieben weit unter dem drastischen Strafantrag der Staatsanwaltschaft, die acht Jahre Haft zu verschärften Arbeitslager-Bedingungen gefordert hatte.
Lediglich vier Jahre soll Rust nun zur Strafarbeit ins Lager, und auch nur in eins mit mildem, dem "allgemeinen Regime". Konkret heißt das: Rust wird mit mehreren Häftlingen in einer Baracke leben und mit einer Kolonne jeden Morgen zur Arbeit ziehen. Für sieben Rubel im Monat darf er am Lagerkiosk zusätzliche Nahrungsmittel und Zigaretten kaufen. Die Häftlinge haben das Recht, so oft Briefe zu schreiben, wie sie wollen, und zwei im Monat zu empfangen; im Jahr sind insgesamt fünf Besuche - drei kurze, zwei lange - erlaubt.
Führt sich Rust gut und zeigt er eine "ehrenhafte Beziehung zur Arbeit" (Gesetzestext), wird er nach der Hälfte der Zeit im Lager gar für elf Rubel am Kiosk Waren kaufen.
Unklar war am Freitagabend voriger Woche noch, wo Rust seine Strafe verbüßen muß. Nahe bei Moskau würde das sein, ließ ein Funktionär verlauten.
Tatsächlich schicken die Genossen verurteilte Ausländer in der Regel nicht allzuweit weg. Ein Lager für fremde Häftlinge steht in Baraschewo 550 Kilometer südöstlich der Hauptstadt. Dort sitzen nach Auskunft von Entlassenen in der Mehrheit Araber (wegen Devisenspekulation) und Chinesen (wegen illegalen Grenzübertritts).
Auch zwei Deutsche kennen dieses Lager bereits: Möbelpacker, die beim Schmuggel von Ikonen erwischt worden waren. Ein Österreicher mußte dort arbeiten, weil er Gold und Pelze illegal über die Grenze schaffen wollte.
Die Häftlinge müssen dort Fensterrahmen zimmern - im Akkord. Nur wer die Norm übererfülle, berichtet ein Entlassener, verdiene Geld für Einkäufe. Allerdings fehle es zuweilen an Holz, was zur Untätigkeit verdamme.
Unklar ist auch, wie lange Rust im Lager bleiben muß. Wenn Ruhe eingekehrt sei um den Fall, so ein Genosse, könne eine Abschiebung in die Bundesrepublik erfolgen.
Einen derart fairen Urteilsspruch hatte nicht einmal Verteidiger Wsewolod Jakowlew erwartet, der in seinem klugen und eindringlichen Plädoyer vor allem die Jugend, den Idealismus und die Reue seines Mandanten herausgestrichen hatte: Seine optimistischste Schätzung lag bei fünf Jahren.
So glimpflich sie den deutschen Jungmann davonkommen ließen, der mit seiner Sportmaschine frech dorthin vorgedrungen war, wohin Hitlers Luftwaffe während des Kriegs niemals gelangte - seine Friedenstiraden mochten ihm die Richter denn doch nicht ganz abnehmen. Rust habe "mit besonderer Dreistigkeit die öffentliche Ordnung aufs gröbste verletzt"; da könne es mit seinen humanistischen Motiven so weit nicht her sein.
Auch die schriftliche Aussage des westdeutschen Augenzeugen Günter Reichel, der mit Rust nach der Landung auf dem Roten Platz gesprochen und von ihm gehört hatte, er habe den Flug "zum Spaß" unternommen, veranlaßte das Gericht zu der Einschätzung, der Angeklagte habe sich "vor allem von Abenteuerlust leiten lassen".
Strafantrag, Urteil und Urteilsbegründung verraten, wie sehr sich Richter und Staatsanwaltschaft schwer getan haben mit diesem Angeklagten, der im adretten Outfit eines strebsamen Banklehrlings mal altklug dozierte wie ein Luftfahrt-Sachverständiger ("Gute Schmierung eines Triebwerks ist Voraussetzung für makelloses Funktionieren") und mal den reinen Toren, Friedensfreund und guten Menschen abgab: "Ich war auf der Suche nach der Quelle des Friedens, und die befindet sich in Moskau."
Vor allem der gescheiterte Supermächte-Gipfel von Reykjavik, so Rust, habe ihn seinerzeit schwer bedrückt. Deshalb sei er erst nach Island geflogen, um den Ort der verpaßten Chance auf sich wirken zu lassen. Doch leider fand er das Tagungslokal nicht.
Kaum in Moskau niedergegangen, habe er sogleich "mit den Regierungsoberhäuptern dieser Nation sprechen", eine "Konversation mit der sowjetischen Regierung" beginnen wollen "über die zahlreichen Vorschläge, die ich vorbereitet hatte". Bereits im Alter von zehn Jahren seien ihm erste Ideen zur, idealen Gesellschaft" und zur "vollkommenen Demokratie" gekommen. Und da schwebe ihm jetzt eine neuartige Kombination von östlichem und westlichem System vor; ja, das Recht eines jeden auf Wohnraum sei vorgesehen, ja, und völlig friedlich solle es darin zugehen.
Doch Richter Tichomirnow, der sonst ganz väterlich mit seinem "Mathias" umging, kappte das Pathos des Angeklagten mit fast preußischer Trockenheit. Warum er seine Friedensvorschläge denn nicht mit der Post geschickt habe? Und durch welche anderen Aktivitäten in der westdeutschen Friedensbewegung er sonst schon aufgefallen sei?
In solchen Momenten schlug Rusts mühsam gezähmter Geltungsdrang durch. Fast von oben herab belehrte er den Vorsitzenden über die Vergeblichkeit
solchen Engagements: "Da holt man sich doch nur Beulen und Schrammen und wird naß, dadurch ändert sich doch nichts." Nachdenklich konstatierte Tichomirnow: "Das war also zu gefährlich."
Eine psychiatrische Begutachtung jedoch, die sich in diesem Fall vielleicht als hilfreich erwiesen hätte, verbot sich aus mancherlei Gründen:
Einmal befindet sich die sowjetische Psychiatrie, ihrer früheren Willfährigkeit bei politischen Dissidenten-Prozessen wegen, nicht gerade im Stande internationaler Reputierlichkeit. Und zum anderen, formulierte drastisch ein Moskauer Außenpolitiker, "kann uns doch nun wirklich nicht an einem hämischen Auslandsecho gelegen sein, Michail Gorbatschows vielfältige Friedensinitiativen lockten bestenfalls westliche Friedensclowns mit psychischen Defekten an".
So gesehen blieb der Moskauer Justiz kaum eine andere Wahl, als die Friedensflieger-Version wenigstens als Nebenmotiv für möglich zu halten, unabhängig von ihrer Wahrscheinlichkeit und der Frage, von wem, wann und wo sie wohl ersonnen wurde. Dieses Dilemma offenbarte überdeutlich die fast hilflose Frage von Staatsanwalt Andrejew an Mutter Monika Rust, wer und was ihr Sohn "denn nun wirklich ist": Spion, Friedensstifter, Held oder Verbrecher?
Andrejew bekam exakt den Bescheid, den er von dieser einzigen Zeugin der Verteidigung wohl kaum anders erwartet haben mochte: Mathias, sagte Monika Rust mit der Emphase einer Sektenpredigerin, sei "ein junger Mensch, der mit seinem Verstand der Menschheit Frieden und Freiheit bringen will".
Nur einmal, für einen Augenblick, reißen die lichten Wort-Wolken auf, mit denen Mutter Rust die drohende Strafe abwenden möchte: Daß Mathias "ein Querulant gewesen" sei, in der Schule etwa, könne "man eigentlich nicht sagen"; aber "ein kleiner Erwachsener, ja, das schon, das war er wohl immer".
Nach der Urteilsverkündung gestattete das Gericht eine viertelstündige Familienzusammenführung: Im Dauerblitzlicht der Photographen und eingerahmt von entgegengestreckten Mikrophonen saßen sie heiter händchenhaltend in der Anklagebank, Mathias lauschte begierig den letzten Neuigkeiten über seine Popularität daheim, der Vater schwieg und spielte mit der Kamera - und alles war so, als hätte der Bub gerade einen Kunstflug-Wettbewerb gewonnen.
Hooliganismus: laut sowjetischem Recht "vorsätzliche Handlungen, die die öffentliche Ordnung grob verletzen und eine offensichtliche Mißachtung der Gesellschaft zum Ausdruck bringen".

DER SPIEGEL 37/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 37/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Rust: „Ein Hieb für die russische Seele“

Video 00:51

Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger "Lass mich bitte rein"

  • Video "Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg" Video 00:57
    Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg
  • Video "Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina" Video 12:04
    Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina
  • Video "Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt" Video 00:51
    Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt
  • Video "Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander" Video 02:58
    Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander
  • Video "Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski" Video 01:08
    Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski
  • Video "Zwei Kopftuchträgerinnen: Dann sind alle Klischees zusammengebrochen" Video 04:14
    Zwei Kopftuchträgerinnen: "Dann sind alle Klischees zusammengebrochen"
  • Video "Schach-WM-Videoanalyse: Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern" Video 05:35
    Schach-WM-Videoanalyse: "Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern"
  • Video "Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein" Video 00:42
    Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein
  • Video "Videoblog Altes Hirn vs. neue Welt: Warum Langweile gut tut" Video 02:18
    Videoblog "Altes Hirn vs. neue Welt": Warum Langweile gut tut
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!
  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?" Video 07:34
    Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: Lass mich bitte rein" Video 00:51
    Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: "Lass mich bitte rein"