Als "Stern"-Photograph Klaus Meyer-Andersen am 29. Mai um 13.30 Uhr im Wohnzimmer der Familie des Kreml-Fliegers Rust in Wedel erschien, sah alles so aus, als wäre das Rennen gelaufen. 36 Journalisten auf Stühlen, Tischen und Fensterbänken, und der "Stern"-Reporter als Nummer 37.
Trotzdem hatten Meyer-Andersen und sein Kollege Thomas Osterkorn zwei Stunden später einen Exklusiv-Vertrag mit Karl-Heinz und Monika Rust in der Tasche. Ab 15.30 Uhr wurde niemand mehr eingelassen. "Quick"-Reporter Reinhold Moser blieb mit seinem 100000-Mark-Angebot draußen vor der Tür. "Wir haben uns totgelacht", sagt Meyer-Andersen, "von den anderen war keiner auf den Gedanken gekommen, die Leute einzukaufen." Die Berichterstatter waren tatsächlich nur zum Berichterstatten gekommen.
Manipulation der Pressefreiheit, Scheckbuch-Journalismus? Ach was, Michael Jürgs, der umtriebigste im Terzett der "Stern"-Chefredakteure, sagt, man dürfe auch nicht immer nur die großen Fische absahnen lassen. Auch kleine Leute sollten mal große Honorare verdienen.
Das Urteil von Moskau hat das Publikumsinteresse und die Preise in die Höhe getrieben. Ende letzter Woche lagen bei der New Yorker Medienagentur "Orbiter Technology", die im Auftrag der Sowjets die Fernsehrechte vermarktet, Offerten von beinahe achtzig Sendern aus aller Welt, darunter auch der ARD, vor. Auftragswert: mehrere Millionen Dollar.
In der Disziplin Fernsehen war die New Yorker "National Broadcasting Company" (NBC) im Wettlauf um die Story vom Rußlandflug, der "One man luftwaffe" (so der Londoner "Guardian"), vom Start weg in Führung gegangen. NBC-Korrespondent Sandy Gilmore hatte gleich am Morgen nach der Landung auf dem Roten Platz in Flugbüros, Hotels und Restaurants seine Visitenkarten verteilt, dazu eine schriftliche 10000-Dollar-Offerte für Filmaufnahmen von der Rust-Cessna. Am Samstagvormittag rief ein britischer Zahnarzt an, der die Landung mit seiner Video-Kamera gefilmt hatte.
Trotzdem ging der Reißer am Samstagabend zunächst einmal in der Bundesrepublik über die Bildschirme. Weil der Amateurfilm nicht in die Übertragungsanlage im Moskauer NBC-Studio paßte, wurde er über die Anlage von ARD-Korrespondent Lutz Lehmann nach Hamburg überspielt, dort auf US-Spur umkopiert und dann weiter nach New York gesendet. Dafür konnte sich der NDR eine eigene Kopie ziehen. Für
die nächste Runde schlossen NBC und "Stern" einen Kooperationsvertrag: NBC durfte das Rustsche Familienleben für das amerikanische Frühstücksfernsehen, der "Stern" im Austausch dafür den NBC-Film für seinen Blattaufmacher ausschlachten.
Doch die transatlantische Live-Show aus der guten Stube in Wedel war ein Fiasko. Eine Viertelstunde lang mußte Vater Rust den englischen Satz pauken: "We are very proud, but we are also a little bit scared." Zu deutsch: Wir sind sehr stolz, aber wir haben auch ein wenig Angst.
Aber als er dann auf Sendung ging, kam er doch wieder ins Stolpern. Mathias' Bruder Ingo, der leidlich Englisch spricht, mußte rettend einspringen.
Die "Stern"-Schutztruppe hielt derweil die Konkurrenz in Schach. Einen "Bild"-Zeitungsreporter, der sich, als Kabelschlepper von NBC verkleidet, eingeschlichen hatte, konnte Photograph Meyer-Andersen gerade noch rechtzeitig entfernen. Um weitere Wettbewerbsfährnisse auszuschließen, übernachtete er fortan auf der Couch im Rust-Wohnzimmer.
Über die Kosten läßt sich der "Stern" nicht aus. Michael Jürgs schwört, daß nur 15000 Mark plus Spesen geflossen seien. Über das, was vereinbart, aber noch nicht geflossen ist, sagt er nichts. Peter Hauptvogel, Vizechef der Münchner Illustrierten "Quick", weiß nur: "Der alte Rust hat uns selbst bei einer halben Million noch ausgelacht."
"Quick"-Mitarbeiter Armin Zipzer versuchte, den "Stern"-Vertrag zu knacken, indem er 800000 Mark offerierte - zuzüglich Prozeßkostenerstattung "für den Fall, daß der 'Stern' Ärger macht". Doch zu einem solchen Gebot, so sagt "Quick"-Chef Egon Freiheit, sei Zipzer nicht ermächtigt gewesen. Freiheit hatte ein anderes Vertragsmodell im Sinn: "20 Prozent für uns, 80 Prozent für Rust von allen Einnahmen weltweit. Das war doch großzügig." Nur, der "Stern"-Vertrag war offenbar attraktiver.
Der Konkurrenz von der "Bunten" aus dem Hause Burda dagegen war die Weltsensation zunächst nicht bunt genug gewesen. Chefredakteur Lothar Strobach beschied die stöhnende Redaktion kategorisch, Rust sei kein Thema.
In der Woche drauf holte die "Bunte" tüchtig auf. Chefreporter Thomas Schneider hatte in Wedel das Motiv ausgegraben: "Rusty", so berichtete er exklusiv, habe mit seinem Flug nach Moskau seiner Herzensdame, Tina König, imponieren wollen. Doch Erfolg hat Neider. Am 10. Juni sah sich die Burda-Rechtsabteilung veranlaßt, dem "Stern" fernschriftlich ihren Protest gegen den Versuch zu übermitteln, "durch Geldzahlungen zu erreichen, daß Fräulein König ihre Aussagen uns gegenüber widerruft".
Die Art, wie das Medienereignis des Jahres von den Boulevardblättern aufgearbeitet wurde mag den Lauf des Gerichtsverfahrens durchaus beeinflußt haben. Ex-Bundespressechef Peter Boenisch höhnte in "Bild am Sonntag" über die schlafmützigen Sowjets: "Nix Konspiration. Einzelleistung." Die Münchner "Abendzeitung" erläuterte das Versagen der sowjetischen Luftabwehr mit der Überschrift: "An Himmelfahrt sind die doch alle besoffen". Der "Stern" wollte wissen, Rust habe "vermutlich auch die Freilassung von Rudolf Heß zur Sprache bringen wollen".
"Bild" ließ namhafte Menschenrechtsexperten zu Wort kommen: Wim Thoelke, Steffi Graf, Beate Uhse, Heidi Kabel. Pop-Sirene Tina Turner brachte Volkes Stimme salopp auf den Punkt: "Come on, fellows, entspannt euch, laßt ihn gehen."
Auch "Stern"-Chefredakteur Klaus Liedtke baute tüchtig Unmutspotential auf, als er am 6. Juni auf einer "Stern"-Fete im Restaurant "Praga" an der Moskwa geladene Sowjetfunktionäre mit süffigen Anspielungen auf sowjetische Tolpatschigkeiten anmachte. Liedtke konnte froh sein, daß Mario Dederichs, sein Korrespondent in Moskau, so gute Kontakte hat. Zum ersten Besuch der Rust-Eltern am 16. Juni in Moskau wurde neben dem Wagen der Bonner Botschaft nur der blaue Volvo von Dederichs in den Hof des KGB-Gefängnisses gelassen. Die Journalisten-Meute mußte wie in Wedel auch in Moskau draußen bleiben.
Doch andere hatten noch bessere Kontakte. "Bild" brachte als erste Zeitung ein Haft-Photo von Rust, das offensichtlich von Beamten des Geheimdienstes KGB aufgenommen worden war. "Und dafür", so sagt "Bild"-Vizechefredakteur Peter Bartels, "haben wir null Mark bezahlt."
Die Verbindung zwischen KGB und dem publizistischen Rammbock des antikommunistischen Springer-Konzerns hat eine lange Tradition. Sie erklärt sich aus der Bereitschaft der "Bild"-Chefredaktion, nicht lange nach den Motiven der Lieferanten zu fragen, wenn nur die Ware etwas taugt. So hatte "Bild" im Juni 1985 Photos des schwer herzkranken Sowjet-Dissidenten Andrej Sacharow ins Blatt gebracht, mit denen das KGB beweisen wollte, wie menschlich es in der sowjetischen Verbannung zugeht.
Das Honorar aus dem Verkauf der Zweitrechte floß auf das Hamburger Konto des KGB-Konfidenten Victor Louis, jenes "Trapezkünstlers der Desinformation" (so der Pariser "L'Express"), der es im Nachrichtenhandel zu Porsche, silbergrauem Bentley (mit britischem Kennzeichen) und einer Luxusvilla in Peredelkino bei Moskau gebracht hat.
Der "Reisende in poluprawda" - zu deutsch- Halbwahrheit - wie er in Moskau zuweilen genannt wird, lieferte auch den Stoff für den einstweilen letzten Pressecoup in Sachen Rust. Für 100000 US-Dollar verschaffte er der "Bunten" Tonbandprotokolle von Rusts Vernehmung, dazu eine Serie von 57 Farbphotos, die Mathias im Verhör zeigten.
Vize-Chefredakteur Norbert Sakowski machte den Deal Ende August in Dorking bei London perfekt, wo sich Louis zur Nachbehandlung einer Leber-Transplantation aufhält. Die technische Abwicklung erledigte Louis-Sohn Anthony in Moskau, der den Vater vertritt, wenn er auf Reisen ist.
Die Rusts versuchten zwar, in einem von "Stern"-Anwalt Joachim Kersten entworfenen Schreiben die Veröffentlichung zu unterbinden. Aber die "Bunte"
war nicht mehr zu halten. In der Ausgabe von letzter Woche suggerierte Sakowski auf acht Seiten, er habe dem KGB-Vernehmungsoffizier über die Schulter geschaut. Die 100000 Dollar Honorar, sagt er, seien durch Weiterverkäufe "längst wieder drin".
Inzwischen kursieren unter Moskauer Korrespondenten weitere, nicht lizenzierte Rust-Photos, die offenbar aus KGB-Archiven stammen. "In Moskau", sagt Ken Schaffer, der Manager von "Orbiter Technology", "sind viele Intriganten am Werk."
Der "Stern", der eine mehrteilige Rust-Serie in der Schublade hatte, kleckerte mit einer Not-Geschichte hinterher - nicht ohne den Hinweis, daß die Familie Rust die "Bunte"-Veröffentlichung als Tiefschlag empfinde. Dabei hatte dem "Stern" die Louis-Offerte ebenfalls vorgelegen. Warum die Redaktion nicht zugriff, ist ungeklärt. Sakowski drehte das Messer in der Wunde noch einmal herum, indem er dem "Stern" per Telex die "Drittrechte" anbot. Jürgs will alles mit einem Leitartikel heimzahlen, Motto: "Die Pharisäer".
Die Konkurrenz behauptet, der "Stern" habe den Hit schlicht verschlafen. Chefredakteur Jürgs sagt: "Ich bin dagegen, mit solchen Leuten Geschäfte zu machen." Er räumt allerdings ein, daß Verlagsleitung und Kollegen diesen hehren Standpunkt nicht bedingungslos teilen. Denn der "Stern" hat selbst schon bei Nachrichtenhändler Louis eingekauft, zum Beispiel die vom KGB bereinigten Memoiren der Stalin-Tochter Swetlana.
Das Rennen ist noch nicht gelaufen. Der Münchner Presseagent Josef von Ferenczy bietet nach wie vor 1,2 Millionen für einen Exklusiv-Vertrag mit Rust. "Bild" hat die nächste Phase des Melodrams schon logistisch abgedeckt. KGB-Kontakter Bartels sagt: "Wir haben unsere Leute auch im Arbeitslager."
DER SPIEGEL 37/1987
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