27.04.1987

EISHOCKEYHerr Rücksicht

Weil der in Deutschland eingebürgerte Pole Miroslav Sikora nicht spielberechtigt war, wurden Xaver Unsinns Team bei der Weltmeisterschaft in Wien zwei Siege aberkannt. *
Finnlands Eishockey-Nationaltrainer Rauno Korpi war konsterniert. Zweimal hatte sein Team in der Vorbereitung auf die Eishockey-Weltmeisterschaft gegen Deutschland nicht gewonnen. Für die WM in Wien, so der Trainer, müsse man sich nun "wohl etwas Besonderes einfallen lassen".
Was Korpi einfiel, sorgte in Wien für einen Eklat. Zwar verloren die Finnen auf dem Eis erneut gegen die Deutschen - zwei Tage später war aus der Niederlage ein Sieg geworden. Korpis Taktik hatte funktioniert.
Die Finnen wiesen nach, daß Nationalstürmer Miroslav Sikora, 1977 aus Polen geflüchtet, seit 1986 deutscher Staatsbürger, gar nicht für die bundesdeutsche Auswahl spielberechtigt war. Sie präsentierten sechs Kopien von offiziellen Spielformularen der Junioren-Weltmeisterschaft 1976, nach denen Sikora damals für Polen stürmte. Laut Statuten des Weltverbandes durfte Sikora danach für keine andere Nation bei Weltmeisterschaften mehr antreten.
Den Verstoß gegen das Reglement ahndeten die Funktionäre mit der Aberkennung aller Punkte. Die Siege über Finnland und Kanada, zu denen Sikora einen Treffer beigesteuert hatte wurden zu O:5-Niederlagen deklariert.
Bundestrainer Xaver Unsinn sah darin ein "Kesseltreiben. Einigen Ländern paßt wohl nicht, daß wir hier so hervorragend gespielt haben". Im eigenen Verhalten entdeckte der Coach allenfalls "Unrecht ohne eigenes Verschulden".
Doch ganz so blauäugig rutschten die Deutschen nicht in das Malheur. Noch 1985 hatte Unsinn gesagt: "Nach dem Miro würde ich mir die Finger lecken, aber leider dürfen wir ihn bei Weltmeisterschaften nicht einsetzen."
Dennoch wurde Sikora zunächst deutscher Nationalspieler und dann auch für die WM nominiert. Die Deutschen setzten offenbar auf die Vergeßlichkeit des polnischen Verbandes, der tatsächlich erklärt hatte, er wisse nichts vom Einsatz des Stürmers bei einer Junioren-Weltmeisterschaft.
Die Spielgenehmigung für Sikora erteilte schließlich Jan-Ake Edvinsson, Generalsekretär des Eishockey-Weltverbandes IIHF. Der hatte in seinem Archiv angeblich auch keinerlei Unterlagen gefunden, die die Deutschen in Bedrängnis bringen konnten. Die pfiffigen Finnen hatte augenscheinlich niemand auf der Rechnung.
Am meisten wunderte sich, nach eigenem Bekunden, Sikora selber, daß er plötzlich für Deutschland spielen durfte. Er will Dr. Günther Sabetzki, 73, den deutschen Präsidenten des Weltverbandes, über seine WM-Teilnahme im polnischen Team informiert haben - was der bestreitet. Genau das Gegenteil, so Sabetzki, habe ihm der Spieler versichert.
Der Dissens könnte mit der besonderen Atmosphäre zu tun haben, in der die beiden Herren die Unterredung führten: Vor sechs Wochen, als in Köln bei reichlich Kölsch der Gewinn der Meisterschaft gefeiert wurde.
Jedenfalls erfuhr Sikora am nächsten Tag am Telephon von Helmut Bauer, dem Geschäftsführer des Deutschen Eishockey-Bundes: "Gratuliere, du bist Nationalspieler." Selbst da will Sikora noch eingewandt haben, seine Mitwirkung bei einer WM sei eigentlich nicht möglich.
Das deutsche Eishockey und sein Umgang mit Ausländern ist voller Merkwürdigkeiten. Ein harmloses Inserat hatte 1979 die Ausländerschwemme ausgelöst. Heinz Weisenbach, Trainer beim Mannheimer ERC, suchte damit in Nordamerika deutschstämmige Eishockeyspieler. Sieben heuerte er an, sie bekamen deutsche Pässe, Mannheim wurde Meister.
Bald handelte die ganze Bundesliga nach Weisenbachs Rezept, 1980 füllten schon 54 sogenannte Deutsch-Amerikaner die Teams auf. Es war billiger, diese Spieler in Übersee zu kaufen als eigenen Nachwuchs aufzubauen.
Die Discount-Spieler brachten Spielwitz, aber auch Brutalität (ein Foul des Kanadiers Meeke am Landshuter Schloder wurde vom Amtsgericht als gefährliche Körperverletzung mit 4000 Mark Geldstrafe abgeurteilt) und schließlich auch noch falsche Pässe mit.
Der Verband bat das Auswärtige Amt um Hilfe, schickte die Pässe von 54 verdächtigen Bundesliga-Spielern nach Bonn. Die Beamten erkannten den Schwindel, der Verband sperrte 19 Spieler.
Doch die Klubs, die offiziell nur zwei Ausländer beschäftigen dürfen, fanden bald einen neuen Trick. Die DEB-Statuten erlaubten bis vor einem Jahr, daß jeder Ausländer nach 18 Monaten Aufenthalt in der Bundesrepublik und ebenso langer Sperre für deutsche Vereine spielberechtigt war. Der Passus galt eigentlich für Ostblock-Flüchtlinge wie Sikora. Doch die Klubs lockten von überall her die Gastarbeiter an, fütterten sie anderthalb Jahre durch - und durften sie dann in unbegrenzter Zahl einsetzen. Folge: Von den 213 Spielern, die die zehn Bundesligaklubs in der vergangenen Saison gemeldet hatten, waren nur noch 64 in Deutschland geboren.
Auch sechs Cracks aus Xaver Unsinns WM-Team stammen nicht aus Deutschland, sondern wurden eingebürgert. Daß es wegen Sikora Probleme geben könnte, war dem Coach offenbar bewußt. Eindringlich hatte er Fachjournalisten gebeten, die Nominierung des Polen-Flüchtlings "nicht an die große Glocke zu hängen".
Rückendeckung hatten sich die Deutschen wohl von Sabetzki erhofft. Gegen ihn richtet sich jetzt vor allem die Kollektivwut. So befand Udo Kießling, der Kapitän: Sabetzki habe zwar einen deutschen Reisepaß, "aber ansonsten ist er der Herr Rücksicht". _(Beim WM-Spiel gegen Kanada am 21. April ) _(in Wien. )
Beim WM-Spiel gegen Kanada am 21. April in Wien.

DER SPIEGEL 18/1987
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