03.08.1987

„Die ganze Häßlichkeit der Welt bin ich“

Hermann Peter Piwitt über Rolf Dieter Brinkmanns Nachlaßband „Erkundungen“ Piwitt, 52, lebt als Schriftsteller ("Der Granatapfel") und Publizist in Hamburg. *
Rolf Dieter Brinkmann, dessen literarischer Nachlaß nun, zwölf Jahre nach seinem Unfalltod, vorliegt, war kein Erzähler, kein Erfinder, kein Fabulierer, sondern ein Gucker.
Erzählen heißt, sich aus Menschen und Dingen etwas machen. Brinkmann dagegen ist vor allem ein fanatischer Registrator versessen darauf, daß ihm von der "Flickermaschine" Wirklichkeit kein Flickern entgeht. Das Alltäglichste, das Allergewöhnlichste, für das wir längst kein Auge und Ohr mehr haben, geschweige denn, daß wir es uns noch träumen ließen, notiert er so süchtig wie die Irritation, in die es ihn versetzt.
Ich-Besessenheit und Besessenheit auf den flackernden Widerschein der Dinge treiben ihn an - und legen sich nicht selten gegenseitig lahm. Ein Kind des Kinos, will Brinkmann den Film aus Worten. Aber die Eindrücke nach irgendeiner Räson zu ordnen, ist seine _ Stärke nicht: "Wie mühsam das Ordnen!" Und schon gar nicht da, wo ihm seine Stärken - Stille, ruhiges intensives Schauen, halluzinogene Disziplin - abhanden kommen: Wie in seinem jetzt erschienenen Nachlaßband "Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand: Reise/Zeit/Magazin", der im wesentlichen 1971, also noch vor Brinkmanns Italienaufenthalt, entstand.
Ehe es allerdings gelang, ihm 1972 (gegen eine maulende Jury) einen Platz in der Deutschen Akademie in Rom zu verschaffen, war Rolf Dieter Brinkmann, nach der Euphorie der späten 60er Jahre, vom Lieblingskind der Literaturszene zum underdog geworden, und entsprechend schrecklich war seine Verfassung. Gründe dafür dämmern ihm erst gegen Schluß seiner Aufzeichnungen.
Aus einem Dorf im Hunsrück, wohin er sich mitten im Winter geflüchtet hat, schreibt er an seine Frau: "Vergiß auch nicht, daß die ganze Rebellion mit Pop, Untergrund, den Leuten dort, den Linken usw. usw. vorbei ist für mich . .. Da ist eine Menge Verwirrung bei mir auch passiert, und die geht jetzt weg."
Bis hin zu dieser Einsicht ist es freilich ein langer und qualvoller Weg. Ein Kreuzweg für den Autor. Und für den Leser, der sich durchkämpfen muß durch einen Alptraum von Buch, das gedruckt ist so, wie Brinkmann es zum Druck hinterließ: als Manuskript-Montage. Tagebuchnotizen, Bruchstücke von Dialogen und Geschichten, Briefe, Ideenmüll, Zeitungsausschnitte, selbstgemachte Photos, alles planchaotisch durch- und zum Teil übereinander. Und das Ganze gedacht als Arbeitsbuch für einen neuen Roman.
Aber Roman? "Scheiß auf den Roman!" befindet er gegen Schluß. Und Recht hat er gehabt. Denn diese Dokumentation von Passion und Desaster bietet, so sehr Brinkmann auf die Totale aus ist, zwar eine Menge Meinung und noch mehr Haß, aber (zumindest bis über die Mitte des Buches hinaus) zuwenig Welt, als daß sie einen Roman plausibel hätte fettmachen können.
Kaputte Lokale, Flipperdielen, Begegnungen mit Kiffern und Prostituierten, "Züge durch die nasse, klebrige, verrußte Kölner Altstadt", verpfuschte Partys: Leben als ununterbrochener, wenn auch weiß Gott nicht eben beneidenswerter Feierabend, Subkultur als verschissene Voliere des Bürgerlichen, nicht als dessen kaltblütiger Widerspruch: Damit hat es sich fast schon.
Welt? "Da bricht die ganze Häßlichkeit der Welt aus ihnen, und das bin ich." Der Satz ist schon ein Schlüssel zum Ganzen. Worüber Brinkmann auch vor Haß außer sich gerät, er steckt selbst mit drin. Gewalt stößt ihn ab - und fasziniert ihn. Zu "Nutten" muß er die "pervertierte Armut" seines "lumpigen", "bettelnden" Körpers schleppen.
Tief sitzt sein Ekel vor den Spuren USamerikanischer Kolonialisierung im Land. Aber er selbst ist ein Paradebeispiel dafür, im schlechten - und mehr noch im guten Sinn: Mit Elvis und Rockmusik rettete er sich aus einer würgenden Kindheit weg von den "Kalten Bauern Nordwestdeutschlands", wie es im Titel eines seiner schönsten Gedichte heißt. Und eignete sich und uns Ende der 60er Jahre die "neuen Amerikaner" an im Moment ihrer kreativsten Verwilderung.
Ganz im Gegensatz zur bundesdeutschen Wirklichkeit aus Kurzrasen, Waschbeton und Wolkenstores, wo Meister Proper als Blockwart arbeitet und der Weichspüler die Gewissen aufwühlt, ganz im Gegensatz also zum unmißverständlichen Augenschein nun in der Tat ekelerregender deutscher Sauberkeit und Ordentlichkeit erlebt Brinkmann nur "zerfallende Wohnungen, aus denen der üble Gestank überquellender Abfalltüten und Spermaflecken kommt" "Kondome mit ranzigem (?) Sperma" "Unkraut", das Land als "Müllkippe".
Tatsächlich ist dies auch eine Landschaft der Seele, nämlich der eigenen. Brinkmann kommt nicht klar mit den Narben früherer Verletzungen, Wunden, die nach dem Hoffnungstaumel Ende der 60er wieder aufbrechen. Da war man's schon fast gewesen, der "neue Mensch". Und nun: Wiedereingeholt von der "Welt als dem alten verfallenen Toilettenraum onanierender Jungen". Und: "Die Gegenwart mit Gestern verwüstet".
Jenem Gestern auf dem flachen Land im Oldenburgischen, das er in ebenso präzisen wie schrecklichen Erinnerungsnotaten immer wieder beschwört. Wenn er auch, wie es sich für einen Dichter gehört, zwar sonst nicht bei Troste ist: Hier ist Brinkmann ganz bei Sinnen.
Wo immer aber der Haß auf "bloß alles" (Beckett) ihn treibt, macht der ihn blind. So wahr, mit Gottfried Benn, Haß ein schlechtes Stilprinzip ist. Und so hält er sich denn mit den immer gleichen nichtssagenden, weil bloß abqualifizierenden Adjektiven - häßlich, billig, zerfallend, verstümmelt - Menschen und Dinge nicht selten einfach vom Halse, statt sie zu sich kommen zu lassen noch in ihrer Unsäglichkeit. Oder er bombardiert sie nach dem Vorbild von
Burroughs' "Naked Lunch" mit phantasmagorischem Leergut, bis sie gänzlich darunter verschwinden.
Dabei tut die Droge ein übriges. Überhaupt Pot, Kiff, Shit: "Am Ende der Langspielplatte kommt das Empfinden wie eine Zigarette, die mit einem leisen Zischen in der Pißrinne verlöscht."
Solche Sätze gelingen in der Regel nur im Rausch. Es gibt mehr als einen davon, es gibt Sequenzen, viele Seiten, geniale Schübe, wo die Droge alles hergibt, was in ihr steckt. Aber es ist kein Verlaß auf sie, und viel öfter verursacht sie nur aufgeregtes Ausdrucksversagen. Und da ist dann welkes Kastanienlaub natürlich "rostbraun" Laute sind "kehlig", Nebel "dampft" manchmal "raucht" er zur Abwechslung auch.
Womit wir mittendrin wären in der Kalamität des Guckers Brinkmann: Nur auf Fakten möchte er reagieren, nicht auf Wörter und deren Sinnzusammenhänge, auf die wir allemal dressiert sind. Und bleibt doch angewiesen auf Wörter, zu denen auch die Fakten immer schon fix und fertig gemacht sind.
Schreibt einer, um nicht verrückt zu werden, also um sein Leben, einfach auf, was er erlebt, hört und sieht und was ihm dabei durch den Kopf geht, so kann er ein Goethe sein, es käme kaum nur Gutes dabei heraus. Oder ein Brinkmann. Aber das Buch heißt "Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls...". Und zum Erkunden gehört nun mal das In-die-Irre-Gehn. Es sind von über 400, gut 250 Seiten der Irre, bis sich Brinkmann mehr und mehr an sein Ziel heranschreibt.
Noch einmal der Blick zurück auf die Geisterbahn, die er hinter sich hat: "Ich
reagiere zuviel und zu rasch und zu unkonzentriert."
Dann setzt ein Kräftesammeln ein; der Hunger nach "Stille, Intensität, Differenzierungen" findet endlich Nahrung. Und der Augenschein der Ersten Natur entkrampft ihm den Blick nun auch wieder für die zweite, die wir uns angerichtet haben.
Ja, und dann rauschen sie auf, jene rund 40 Seiten des Schlusses, bei denen es einen immer wieder schüttelt vor Aufregung und Glück. Der "5. Mai 73, Köln" ist "ein flacher Alltag, so ein Alltag im All", und Brinkmann wie ein Externer, ein Außerirdischer darin, den es zu uns verschlagen hat: ". . . man wirft ein Geldstück irgendwie in den Schlitz und schon fängt was an, das sich dreht, da springt ein belegtes Brötchen aus einem Glaskasten, da schaukelt ein Salatkopf aus der Einkaufstasche, da schleppt was mit Plastiktüten rum, und hier, was ist das? Das, ach, das ist nur ein blöder Tag, der verschwindet."
Souveränes Auge, berauscht und detailgenau. Souveräner Drogentrab. Souveränes Entsetzen über das entsetzlich Normale, die blanke Fremde, dieses Land, das wir inzwischen Nacht für Nacht im "Pestlicht des Fernsehens" mit Hymne und Flagge, so als gäbe es Traulicheres gar nicht, verabschieden. Und da hätten wir es dann doch noch, das präzisierte Gefühl für einen Aufstand; der allerdings blieb ein künstlerischer und fand schließlich in Brinkmanns letzten Gedichten statt. Kein Grund, den Kopf deshalb hängen zu lassen. Große Verse sind wie Zeitbomben. Es kann dauern; aber sie zünden.
Brinkmanns "Erkundungen" nicht zu lesen, heißt unvertraut bleiben mit dem ungeheuren, aber fast immer geheimgehaltenen Schlamassel, dem sich große Kunst in der Regel verdankt; heißt, nicht erfahren, was es bedeutet, damals wie heute, radikal gegen den Zeitgeist leben und schreiben auf das Risiko materieller Not und künstlerischer Kaltstellung hin.
Was dafür in Kauf zu nehmen ist, steht in der "Reise ans Ende der Nacht" des von Brinkmann verehrten Celine: "Die Not ist riesengroß, sie wischt den Schmutz der Welt mit deinem Gesicht wie mit einem Lappen auf. Und da bleibt immer etwas zurück."
Das gilt auch für Brinkmanns "Erkundungen...". Es ist seine "Reise...", das Buch eines Herumirrenden; und ein irres dazu. Wenn auch ganz und gar nicht nach dem Bild jener irren, bekifften Type Brinkmann, die als Legende in der Szene herumgeistert. Aus ihr rief ihm, nach seinem Tod mit 35 Jahren, seinerzeit im Baumholder-Deutsch ein Kollege nach: "Er war too much für Euch, Leute."
Nicht schwer sich vorzustellen, was Brinkmann darauf geantwortet hätte: Muff.
Von Hermann Peter Piwitt

DER SPIEGEL 32/1987
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