18.05.1987

KNEIPENWie zu Hause

Zwei Bremer Professoren haben ergründet, was die Leute an die Theke treibt. *
Na denn, wie es im Hannoverschen heißt, wenn der Wirt das nächste Bier und den Korn dazu über die Theke schiebt, es darf getrost noch eine Runde eingeschenkt werden.
Denn wo Leute in der Kneipe hocken und mal wieder einen heben, da tun sie es nicht des Alkohols wegen, sondern um sich mal auszuquatschen: "Soziale Bedürfnisse nach Kontakt, zwischenmenschlicher Beziehung, Austausch" stellen geradezu "die Eintrittskarte" dar, wenn da jemand zur Tür hereinkommt.
Kneipen sind, so ist jetzt erwiesen, keine "Durchlaufstationen für den Bierkonsum". Noch besser: "Zwischen dem Konsum des Alkohols um seiner selbst willen und dem in der Kneipe genossenen Alkohol" besteht ein Unterschied "wie zwischen Nacht und Tag", und die nächste Runde, die einer sich auf den Bierdeckel notieren läßt, ist aus wissenschaftlicher Sicht nichts als das "Medium einer zweckfreien, sich in Gemeinschaftlichkeit und Gespräch erfüllenden Vergesellschaftung".
Derart beruhigende und tief auf den Grund des Glases reichende Definitionen stammen aus kompetenter Feder: Die Urheber sind "habituelle Kneipengänger mit langjähriger Erfahrung" und deutsche Professoren zugleich - Franz Dröge, 49, lehrt Kommunikationswissenschaft.
Thomas Krämer-Badoni, 42, gelegentlich Autor der alternativen "Tageszeitung", lehrt Stadtsoziologie, beide an der Universität Bremen.
In der Hansestadt haben sie, Feldstraße 77 in der östlichen Vorstadt, auch ihr Stammlokal, wo sie die "alkoholzentrierte Geselligkeit" vorzufinden pflegen, der sie ein ganzes Buch, jüngst erschienen, gewidmet haben. _(Franz Dröge, Thomas Krämer-Badoni: ) _("Die Kneipe. Zur Soziologie einer ) _(Kulturform". Suhrkamp Verlag; 393 ) _(Seiten; 20 Mark )
Es ist "bei aller Lebensfülle seines Gegenstandes", wie sie sagen, "eine sozialwissenschaftliche Untersuchung", die gleichwohl "auch etwas von dem Spaß vermittelt, den wir selber an und in den Kneipen gehabt haben".
Der Spaß beförderte offensichtlich die Erkenntnis, daß der Trunk, den einer sich genehmigt, "keineswegs identisch mit dem Alkoholismusproblem", sondern "Teil eines komplexen Verhaltens" ist, "zu dem auch das Rauchen und Reden, das Spielen und Politisieren gehört".
In den Kneipen, am ehesten in denen an der Ecke, die einst als "Salon der Armen" eine wichtige Rolle im Leben von Arbeitern spielten, wird, so die Professoren, "eine ganze Kultur gelebt", mit Verhaltensweisen, die nirgendwo sonst vorkommen. Durch sie "verwandelt sich die Kneipe von einem physikalischen Raum in einem sozialen Raum".
Charakteristisch schon, daß Trunkenheit, "üblicherweise" jedenfalls, "kein bevorzugtes Ziel von Kneipengängern" und "die sozial kontrollierte Ausnahme" ist - wer aus der Rolle fällt, gefährdet "die Stabilität der Gemeinschaftssituation und sieht sich leicht, so die Konsensregel, die ungeschrieben über den Theken hängt, plötzlich draußen vor, ausgeschieden, zumindest ignoriert.
Solche Kontrolle wirkt, das haben die Professoren auch an sich selbst beobachtet, "ausgesprochen prohibitiv", soll heißen: Gesoffen wird woanders mehr. Der Privattrinker, "ohne rituelles Netz" zwischen Theke und Stammtisch, "ist gefährdeter als der Kneipengänger", der alles andere als eine "alkoholische Problemlösung" im Sinn hat - "dafür hält das einsame Besäufnis her", daheim.
Zum Besäufnis kommt es schon wegen des "das Trinken verlangsamenden Kneipengesprächs" nur selten; und aus Reden besteht das Kneipenleben eben "vor allem": "Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, an dem soviel geredet wird" und überdies so überaus allgemeinverständlich, auch wenn "starke Sätze", wie sie beim Bier üblich sind, im Laufe des Abends häufig "immer undeutlicher artikuliert" werden und "bisweilen dann auch noch den Sinn verlieren".
Wohl als "Stück distanzierter Selbstreflexion" schreiben die Sozialwissenschaftler: "Wir haben jedenfalls auch Sozialwissenschaftler und andere Akademiker beobachtet, die in der Kneipe anders redeten als im Seminar."
Daß, wenn sie denn endlich gehen, die meisten doch noch einigermaßen bei Troste sind, liegt nicht zuletzt am kneipentypischen "Niveautrinken", einer zwar kontinuierlichen, aber unangestrengten Gangart, die Gläser simultan im selben Rhythmus zu leeren, um alsbald gemeinsam neu bestellen zu können. "Individuelle Differenzen im Trinktempo", so studierten die Professoren, "werden dabei meistens unterwegs so ausgeglichen, daß das Endresultat gleichzeitig erreicht wird."
Beim Endresultat ist allemal angelangt, wer im Kneipendunst sein "soziales Heim" erkennt, "dem Zuhause nicht unähnlich", aber durch das "Wohlbehagen des geselligen Verkehrs" doch "einen weiteren Rahmen öffnend", hin zu einem "Jenseits der Alltäglichkeit": Entlastet von üblicher Mühsal kommt es zu einem "sozialen Verkehr", der, weil jeder sein eigenes Stück Welt zur Tür hereinträgt, weit oberhalb sonstiger Freizeitbeschäftigung rangiert.
Da sich fast alle, die da sitzen, "aufeinander beziehen und aneinander orientieren", was die Autoren als "ausfaltbare Handlungssubjektivität" bezeichnen, unterscheidet sich die Kneipe "grundlegend" von Fußball, Kino und Theater, "erst recht" von Fernsehen oder Lesen; solchen Veranstaltungen, deren Prinzip, auch wo die Leute in Massen auftreten, "Vereinzelung" ist, steht sie "geradezu entgegen".
Als "eine auf Teilnahme, Kollektivität und Aktivität hin angelegte Institution", in der bloße Zuschauer nichts zu suchen haben, erscheint die Kneipe gar "als Garant eines gewissen Potentials individueller Resistenz gegen die ständige Umwälzung der Lebenszusammenhänge" und "die Unverschämtheit kommerziell-freizeitindustrieller und massenmedialer Ausbeutung der Privatsphäre", und sie schützt davor zuverlässiger "als die verschlossenen Wände des Wohnzimmers".
Freilich, nicht jeder nimmt die Chance wahr. Nur eine "absolute Minderheit", fünfzehn Prozent der Deutschen, wenn es hoch kommt, empfindet derartige "Sehnsucht nach einer öffentlichen und gemeinschaftlicheren Lebensorganisation", als sie irgendwo anders möglich ist, daß sie denn auch alle paar Abende in der Kneipe vorbeischaut. Es sind also, da die "sozialstrukturelle Bandbreite" gering ist, immer dieselben. Jedenfalls sieht sich an Theke und Stammtisch kaum jemand um, wenn die Tür aufgeht; man weiß auswendig, wer da kommt.
Obwohl Abend für Abend dasselbe los ist, nämlich so gut wie nichts, wie Fremde das Einerlei aus Getrinke und Gerede wohl empfinden, stellt das Kneipenleben für seine Teilnehmer "etwas Wichtiges und Faszinierendes" dar: Es macht ihnen den Alltag "abwechslungsreich und lebendig". Und wo keine Kneipe in der Nähe ist, da herrscht, empfinden die zwei Professoren, "kulturelle Einöde" und "soziale Wüste".
Da sie, sogar "vor allem anderen", zum kommunalen Leben gehört und, wo sie fehlt oder verschwindet, sich Fehlhaltungen verstärken, "die man als antisozial oder... apathisch bezeichnen kann", so die Untersuchung, ist das Autorenpaar auch zuversichtlich, daß die Kneipe den Wandel der Zeiten wohl unbeschadet überstehen wird.
Franz Dröge, Thomas Krämer-Badoni: "Die Kneipe. Zur Soziologie einer Kulturform". Suhrkamp Verlag; 393 Seiten; 20 Mark

DER SPIEGEL 21/1987
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