07.09.1987

„Er ist einer von uns“

Sportarzt Armin Klümper - der Guru der Top-Athleten *
Nun sei der "Abschmierdienst" für die Gelenke der Athleten vorüber, kommentiert der Fernsehsprecher. Die Kamera schwenkt auf den Boden der Turnhalle, der mit leeren Medikamentenschachteln, Ampullen und Einwegspritzen übersät ist. Ein Mann, Anfang Fünfzig, mit Spitzbart und weit nach vorn auf die Nase gerutschter Brille kriecht auf den Knien umher, stopft alles wahllos in einen Plastikbeutel: Professor Armin Klümper, Leibarzt von rund 70 Prozent aller westdeutschen Topathleten. Die Klümper-typische Szene (beim Hochsprung-Meeting in Eberstadt) war Bestandteil eines ZDF"Sport-Spiegels" vor zwei Jahren.
Als "so ''ne Art Wunderdoktor" und "Trickser" bezeichnet Hochsprung-Olympia-Sieger Dietmar Mögenburg den Arzt. Klümpers Image als Guru der deutschen Sportmedizin wuchs bei den Athleten stetig, der Knittelvers "... und läufst du wie ein Stümper, dann mußt du mal zum Klümper" ist mindestens zehn Jahre alt. Immer wieder machten Weltmeister, Weltrekordler und Olympiasieger wie Eberhard Gienger (Turnen). Rolf Milser (Gewichtheben) oder Eva Wilms (Kugelstoßen) für Rekorde und Medaillen "unseren Doc" verantwortlich. Selbst der sonst rational handelnde Fußball-Profi Paul Breitner dankte Klümper per Autogrammkarte, weil der ihm "Zuversicht und Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit gegeben" habe.
Die Bilder von Hunderten derart zufriedener Patienten hängen in Klümpers Freiburger "Sporttraumatologischer Spezialambulanz". Wann immer gerissene Sehnen, ruinierte Bandscheiben oder verschlissene Gelenke sie auf dem Weg zum Sieg stoppten, hat "Doc" ihrem Wunsch nach Fortsetzung der Karriere um jeden Preis entsprochen.
Klümper identifiziert sich völlig mit den Sportlern, duzt sie, hört ihnen stundenlang zu. Und weil er im Laufe der Jahre Trainingsmethoden fast aller Sportarten kennengelernt hat, gibt er nach der Spritze gleich konkrete Trainingsanweisungen. "Er ist einer von uns", sagte Hammerwerfer Karl-Hans Riehm, die Läuferin Gaby Bußmann glaubte sogar: "Er läuft, wirft und springt mit uns."
Die Athleten, allesamt Hochsensible, die eifersüchtig darüber wachen, daß ein anderer nicht mehr Zuwendung als sie erhält, bekommen von Klümper stets das Gefühl, sein wichtigster Patient zu sein - das reicht schon für diese ganz und gar irrationale Bindung.
Kaum einer fragt, was der Professor injiziert, wie er die sogenannten Klümper-Cocktails, seine Mixtur aus Aminozucker, Pflanzenextrakten und Frischzellen, zusammenrührt. Der Schalker Fußballprofi Wolfgang Patzke ließ sich - obwohl ihm, wie er hinterher bekannte, vor jeder Spritze "zum Kotzen übel war" - in 20 Tagen siebzigmal die Nadel in den Rücken stechen.
Die Aura des Wunderheilers nutzte der Radiologe Klümper, der sich selbst als Osteologe (Knochenspezialist) bezeichnet, konsequent aus. Als es ihm im Institut für Sportmedizin der Universität Freiburg zu eng wurde, brachte er die angebliche Millionen-Offerte eines kuweitischen Scheichs ins Gespräch - und bekam für rund acht Millionen Mark sein eigenes Institut hingebaut. Wann immer der Guru kritisiert oder nicht bevorzugt behandelt wurde, reiste er von großen Wettkämpfen sofort ab oder fuhr gar nicht erst hin. Stets provozierte er damit, daß die Sportler für ihn kämpften. Das blieb auch so, als 1984 der Radrennfahrer Gerhard Strittmatter bei den Olympischen Spielen in Los Angeles wegen Dopingverdachts nicht starten durfte, weil Klümper ihm vorher wegen einer Verletzung als Doping verbotene Anabolika gespritzt hatte.
Als sich im November 1984 in einem Ermittlungsverfahren gegen Klümper wegen Verdachtes des "Betrugs zum Nachteil von Krankenkassen" durch Rezeptmanipulationen die Verdachtsmomente konkretisierten, wollten die Athleten sogar auf die Straße gehen. Zu einer Sympathie-Kundgebung in Freiburg (die aus Rücksicht auf das schwebende Verfahren dann doch ausfiel) sagten rund 1000 Sportler zu, darunter die komplette Handball-Nationalmannschaft und Fußballprofis aus München, Stuttgart, Köln. Eine Ehrenerklärung hatten sie bereits abgegeben. 1986 erhob die Staatsanwaltschaft Freiburg in dieser Sache Anklage vor dem Landgericht, über ihre Zulassung ist immer noch nicht entschieden.
Bei einem Klümper-Clinch mit dem Finanzamt übten westdeutsche Spitzensportler gleich tätige Hilfe. Nach einer Selbstanzeige wegen nicht angegebener Nebeneinnahmen belastete das Finanzamt den Doktor mit einer - angeblich millionenschweren - Steuerschuld. Da ging Reckweltmeister Gienger mit dem Klingelbeutel zu den Kollegen. 250000 Mark kamen zusammen, auch die Fußballer Karl-Heinz Rummenigge, Paul Breitner sowie Dieter und Uli Hoeneß hatten - jeder fünfstellig - zu einem "Darlehen" beigesteuert, Geld, so Hoeneß, "von dem ich weiß, daß ich davon nie wieder einen Pfennig sehe".
Wie Hoeneß sein Geld, so haben Klümpers Kollegen an der Universität Freiburg die Aussicht auf wissenschaftlichen Ertrag aus dem aufwendigen Institut abgeschrieben. Er sei der "Köhnlechner des Klinikums", spottete Friedrich-Wilhelm Siburg, Kanzler der Uni Freiburg, über seinen bekanntesten Doktor. Für den Geschäftsführer der Bezirksärztekammer Freiburg, Walter Zimmermann, ist der Mann weitaus gefährlicher: "Ein Guru, ein Scharlatan".
Herzspezialist Professor Hansjörg Just von der Freiburger medizinischen Fakultät wünscht sich dringend Aussagen über "Wert oder Unwert der von Klümper praktizierten Verfahren". Ein Weilchen, meint er, müsse man den Außenseiter wohl noch gewähren lassen, "bevor man sagt, das ist wirklich Unsinn". _(Am 20. September 1985. )
Am 20. September 1985.

DER SPIEGEL 37/1987
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