REGIERUNG
Viel Frust
Helmut Kohl will im Kanzleramt neue Gesichter sehen - an den Schreibtischen und am Herd. *
Um diesen Besucher kümmerte sich Helmut Kohl höchstpersönlich. Von dem Termin wußte nicht einmal Eduard Ackermann, sein engster Berater.
Fünfundzwanzig lange Minuten habe die mysteriöse Audienz im Bonner Kanzleramt gedauert, wußten später mißtrauische Angehörige des Personalrats zu verbreiten, jener Instanz, die auch auf die Wahrung der Beförderungsvorschriften achten soll.
Das Rätselraten begann: Wie konnte es geschehen, daß einer, der kein Prominenter, sondern Bewerber um eine niedere Planstelle war, solange das Ohr des Pfälzers blockiert? Der V.I.P., dem Kohl Zeit und Aufmerksamkeit widmete wie sonst allenfalls einer handverlesenen Schar von Vertrauten, war kein Kandidat fürs Küchenkabinett, wohl aber für den Küchenherd. Der Pfälzer sucht zur Zeit einen neuen Leibkoch - und diese Auswahl ist Kanzlersache, da probiert der Chef selber.
Der Bewerber, ein Bundeswehrsoldat hat die Chance, Martin Frühauf zu beerben. Auch ihn hatte Kohl vor vier Jahren höchstselbst verpflichtet, direkt vom Herd des Hardthöhen-Kasinos weg.
Frühauf, 25 Jahre jung, darf jetzt seinen kulinarischen Horizont erweitern. Schwenkbraten mit ordentlich Sauce drüber, Spaghetti al dente, dazu Tournedos und hinterher einen Schlag Süßes - Frühauf kann's längst, und bei Kohl hat's angeschlagen. Im Wiesbadener Gourmet-Tempel "Ente vom Lehel", bei Hans-Peter Wodarz, darf er sich von August an für feinere Schmecker fit machen.
Nach den Sommerferien - in dieser Reihenfolge will es Helmut Kohl - sollen aus der Küche neue Düfte und durch die politische Etage frischer Wind wehen.
Bis dahin will Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble einen neuen Versuch unternehmen, die Behörde aufzumöbeln - soweit Helmut Kohl das zuläßt. Das einst so mächtige Amt ist unter dem Regiment des mißtrauischen Pfälzers zu einem gespaltenen Apparat verkommen: Die kleine Schar der Günstlinge - voran Juliane Weber, Schäuble, Staatssekretär Friedhelm Ost und die Berater Ackermann, Horst Teltschik und Wolfgang Bergsdorf - malocht bis in die Nacht hinein, häufig belohnt durch ein sättigendes Mitternachtsmahl; der große Rest hockt seine Stunden ab, wenig Lust, viel Frust.
In der Bundestagsfraktion und in der CDU-Zentrale wird das Murren über Pannen und Fehlleistungen des Amtes lauter: Der Kanzler und sein Amtschef Schäuble sorgten, statt mit der öffentlichkeitswirksamen Behörde zu werben, zu häufig für neue Mißmanagement-Meldungen. Am deutlichsten beschwerte sich CDU-Generalsekretär Heiner Geißler. Er lastet der Kanzlercrew Versagen bei so brisanten Themen wie dem Streikparagraphen 116, Tschernobyl und der Null-Lösung an.
Vorerst ranghöchstes Opfer der Umorganisation wird im Juli der Leiter der Abteilung 3 ("Innere Angelegenheiten, Sozialpolitik und Planung") Professor Dr. Dr. Klaus König. Dem freundlichen Wissenschaftler ("Ich verschwinde unauffällig im Sommerloch") blieb die praktische Arbeit stets ein Buch mit sieben Siegeln, er übernahm die Repräsentanz des Amtes an den Buffets Bonner Gastgeber aus allen Landen. Nachfolger auf dem lukrativen B 9-Posten (Grundgehalt: 10312,87 Mark) wird Baldur Wagner, ein gelernter Sozialpolitiker.
Ärger gibt es mit Königs Stellvertreter, dem streitbaren früheren Personalratsvorsitzenden Klaus Seemann. Der Christdemokrat droht seit einiger Zeit eine Klage an, falls er übergangen werde. Seinen Urlaub versprach er gut zu nutzen: zur Vorbereitung der "Konkurrentenklage" und zur Arbeit an einem neuen Buch über das Kanzleramt (Arbeitstitel: "Die Professorenherrschaft"). Seemann hat bereits früher ein OEuvre ("Entzaubertes Bundeskanzleramt") über die damals noch rote Behörde gefertigt.
Ohne Schrammen ging's auch bei der Neuordnung von Ackermanns Abteilung 5 ("Gesellschaftliche und politische Analysen, Kommunikation") nicht ab. Hier motzte schon seit einiger Zeit der Ministerialdirigent Claus Lutz vor sich hin, weil über ihm die Sonne des Kanzlers nicht mehr leuchtet. Er war, hochangesehen, aus dem damals SPD-geführten Forschungsministerium ins Team von Oppositionsführer Kohl gewechselt. 1982 mochte er nicht ins Kanzleramt umziehen. Er fürchtete mit Kohls Lieblingshelfer, dem Außenpolitiker Teltschik, aneinanderzugeraten. Später ließ er sich von Ackermann doch als Redenschreiber anheuern. Das war sein Fehler.
Denn Kohl hatte längst auf einen anderen Ghostwriter gesetzt: Aus dem "Archiv für Christlich-Demokratische Politik" der Konrad-Adenauer-Stiftung, schon lange seine heimliche Denkwerkstatt, hatte er den Juristen Norbert Prill geholt. Der stieg zum Chefschreiber auf, Lutz war abgemeldet. Er durfte sich fortan mit Analysen die Zeit vertreiben - ohne Resonanz, wie es heißt.
Der neue Star Prill empfahl sich unterdessen für weitere Karrieresprünge. In der CDU-Programmzeitschrift "Sonde" schrieb er, Kohl sei der Politiker, der "nach einer Zeit verschwimmender Konturen . . . nach einer Zeit zunehmenden Zwielichts" die politische Wirklichkeit wieder im Sinne der "Staatsraison der Bundesrepublik" ordnet.
Unterstützt wird Prill jetzt laut Hausmitteilung vom vorigen Mittwoch durch Michael Mertes, den Sohn des 1985 verstorbenen CDU-Staatsministers im Auswärtigen Amt, Alois Mertes. Der junge Mann, der sich für Kohl etwas einfallen lassen soll, diente bislang Walter Wallmann.
Im Zuge des Revirements seiner Crew entfernt Routinier Ackermann - nach langem Zögern - einen der letzten Sozis aus dem politischen Tagesgeschäft. Horst-Jürgen Winkel seit 17 Jahren Pressereferent, erfolgreicher Organisator der Kanzlerfeste, soll nicht länger zugemutet werden, was er seit der Bonner Wende erledigen mußte: Besucherscharen durchs Amt zu führen.
Winkels Vorschlag wurde akzeptiert, die Geschichte des Amtes und seiner Kanzler zu dokumentieren. Er hat schon eine Vorlage gefunden: die "Bismarck-Regesten", von 1871-1890, erschienen 1892, Verfasser: ein Horst Kohl.
Auch in des Kanzlers eigenem Bereich gab es Veränderungen. Sein bisheriger Büroleiter Franz-Josef Bindert, ein freundlicher Politologe, der gegen die ihm formal unterstellte Kanzler-Vertraute Juliane Weber nicht ankam, darf künftig den Aids-Stab im Gesundheitsministerium leiten. An seine Stelle rückte Walter Neuer, der weißhaarige Herr, der stets hinter Kohl hermarschiert (Amtsjargon: "Boenisch-Verschnitt"). Der Kanzler hat ja ein gutes Gedächtnis. Mutter Neuer labte einst den kleinen Helmut in Ludwigshafen mit frischen Amerikanern und Bienenstich aus ihrer Bäckerei. Sohn Neuer besorgt bislang das Protokoll.
Das soll er auch weiter tun dürfen. Büroleiter wurde er nur, damit er befördert
werden kann. Die Tagesarbeit wird künftig Stephan Eisel erledigen, auch er mit Verbindungen zu Kohls pfälzischer Heimat: Er ist ein Neffe des verstorbenen CDU-Abgeordneten Werner Marx aus Dahn bei Pirmasens. Der bisherige zweite Mann im Kohl-Büro. Ulrich Gundelach, hatte das Nachsehen.
Ebenso wie Mertes soll auch Eisel helfen, das politische Frühwarnsystem des Amtes zu verbessern. Denn das Bonner Ondit, in Geißlers Adenauer-Haus werde gedacht und regiert, in Kohls Kanzleramt nur gepennt und kassiert, schmerzt Kohl, Schäuble und Co. denn doch.
An die Grenzen seiner Macht stieß bislang Amts-Chef Schäuble bei seinem schwierigsten Problem, dem Beharrungsvermögen seines Vorgängers, Staatssekretär Waldemar Schreckenberger. Der ist zwar inzwischen degradiert zum Koordinator für Geheimdienste und zuständig für Medien. Helmut Kohl aber hält nach wie vor die Hand über den einstigen Ludwigshafener Schulfreund, den er häufig zum Sündenbock für die Fehler anderer gestempelt sah. Ohne Wirkung blieb Schäubles nach der Bundestagswahl ausgestoßene Drohung: Wenn "Schrecki" nicht bis April aus dem Amt verschwinde, dann gehe er.
Schreckenberger selber weist jede Veränderungsabsicht weit von sich und läßt auch keine Schlußfolgerungen aus angeblichen Abwanderungsplänen seiner Chefsekretärin Doris Weber zu. Denn die ist als "Hausdame" fürs Kohl-Büro, unter Juliane Weber, im Gespräch.
DER SPIEGEL 25/1987
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