18.05.1987

PARAPSYCHOLOGIEStarkes Gefühl

Abrüstungsfieber in Moskau - ist Uri Geller daran schuld? *
Zehn Jahre war der schwarzhaarige Löffelbieger wie vom Erdboden verschluckt, schwirrten über sein Verbleiben wilde Gerüchte. Eines besagte, Uri Geller sei bei einer Hubschrauber-Explosion getötet worden. Ein anderes Mal hieß es, er halte sich, ein Howard Hughes der Spökenkiekerei, versteckt.
Nichts davon stimmte. In Wirklichkeit litt er an übermäßiger Eßsucht, Bulimie genannt, und verbog Autodächer anstatt Löffel. Uri war so dick geworden, daß er den Fahrersitz nur verlassen konnte, wenn er sich an den Dachkanten seiner Autos ins Freie hievte. Eine Diät, bestehend aus Papaya-Tee und Früchten, stellte das Bild vom ranken Uri Geller wieder her. An der Themse bei London bezog er eine weiße Villa und machte sich daran, vertrauensseligen Klienten _(US-Senator Pell, Genfer ) _(Abrüstungsunterhändler Woronzow, ) _(Kampelman. )
den Standort von Ölfeldern und Goldadern zu deuten.
Doch das, so zeigt sich jetzt, war nur ein diskreter Neuanfang. Dank der Vermittlung einer Kundin aus dem englischen Königshaus, der Frau des Prinzen Michael of Kent, betrat Geller wieder die Weltbühne: diesmal nicht als Hypnotiseur der Massen, sondern in der Rolle eines Inspirators, der mit Hilfe eines Bombardements friedvoller Gedanken den sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow bewogen haben will, das Verschrotten der Atomraketen in Europa vorzuschlagen.
Und das kam so: Die Prinzessin machte den Wundermann mit dem US-Senator Claiborne Pell bekannt, der einer Schaltstelle amerikanischer Außenpolitik vorsitzt, dem Senatsausschuß für Auswärtige Angelegenheiten. Pell, 68, war beeindruckt: "Geller ist ein interessanter Mann, seine Ideen stimulierten mich." Das ungleiche Duo hatte erörtert, ob sich Phänomene wie Telepathie, wenn schon nicht zum Verbiegen von Raketen, so doch wenigstens zum Transport versöhnlichen Gedankenguts verwenden ließen.
Von da an eskalierten die Ereignisse. Am 23. Januar stellte Pell den anregenden Gesprächspartner einem Bekannten vor: dem Chefdelegierten der USA bei den Abrüstungsgesprächen in Genf, Max Kampelman. Er besprach mit Geller das Schicksal der Sowjet-Juden, den Weltfrieden und, natürlich, das Thema Parapsychologie. "Unsere Hauptsorge war", rekapituliert Geller. "wie wir die Russen dazu bringen könnten, ihre Raketen in Europa auf Null zu bringen."
Dazu ergab sich am 27. Februar endlich die Chance. An einem Empfang der US-Delegation im Genfer Botschaftsgebäude, zu dem Geller als Gast geladen war, nahm auch der sowjetische Chefunterhändler Julij Woronzow teil. Woronzow wirkte auf Geller als empfängliches Medium: In der Hand des Russen krümmte sich ein Silberlöffel, von Geller manipuliert, weiter zusammen. Geller wertet dies als "seltenes Ereignis".
Dann kam der Löffel-Hanussen zur Hauptsache: "Ich konzentrierte mich darauf, Woronzow gedanklich zu vermitteln, die sowjetischen Raketen verschrotten zu wollen und die Zahl der Atomwaffen überhaupt zu reduzieren." Anschließend, bei Spaghetti al pesto in "Roberto''s Restaurant", saß Geller dem Russen gegenüber und füllte ihn weiter mit Friedensgedanken an.
Am Tag darauf gab es in Moskau eine Sensation. Gorbatschow erklärte die Bereitschaft der Sowjet-Union, in den kommenden fünf Jahren alle Mittelstreckenwaffen abzuschaffen, vorausgesetzt, die USA würden das gleiche tun. Geller hat das "starke Gefühl", daß diese Erklärung indirekt sein Werk gewesen sei: "Woronzow hat Gorbatschow noch in der Nacht angerufen, und wenn nicht in der Nacht, dann am nächsten Morgen."
Davon aber will Max Kampelman nichts wissen. Er bekundet, Geller nur als Stimmungskanone verpflichtet zu haben. "Vielleicht", sagt er, "macht er sich Illusionen."
Senator Pell scheint diese Ansicht nicht zu teilen. Anfang Mai hielt Geller im Kapitol zu Washington ein Referat zum Thema "Sowjetische Forschungen zu psychischen Phänomenen", das in der sogenannten Gruft stattfand, einer Art abhörsicherem Bunker. 40 Beamte des Geheimdienstes CIA, Senatsbedienstete und Pell waren die Zuhörer.
Pell war anschließend weder telephonisch noch telepathisch zu ereichen. Er fuhr nach Afrika, Rhinozerosse zu beobachten.
US-Senator Pell, Genfer Abrüstungsunterhändler Woronzow, Kampelman.

DER SPIEGEL 21/1987
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