10.08.1987

Verlorener Kampf um die Erinnerung

Von Spiess-Hohnholz, Mareike

SPIEGEL-Redakteurin Mareike Spiess-Hohnholz über die Memoiren der Leni Riefenstahl _____" Wirklich sind die Toten, die ihr vergessen habt. " _____" Hannah Arendt " _____" Wie es wirklich war. " _____" Die "Bunte" über die Memoiren der Leni Riefenstahl " *

Der Holocaust lag mehr als zehn Jahre zurück, als Adolf Hitlers Lieblingsregisseurin auf dem Flug nach Afrika von einem Herrn Hirsch aus Tel Aviv angesprochen wurde: "Verzeihen Sie, sind Sie nicht Leni Riefenstahl?"

Der Mann bewies Takt. Er wisse, sie habe "viel mitgemacht", er wolle sie "nicht quälen", aber zu gern hätte er von ihr gewußt, "wie Hitler wirklich war".

Um Leni Riefenstahls Herz, so erinnert sie sich, "legte sich eine Klammer", und sie "begann zu schluchzen".

Fähigkeit zu trauern oder Leidensfähigkeit in eigener Sache?

Wie in einer "Vorahnung" habe sie in ihrem ersten eigenen Film "Das blaue Licht" (1932), in dem sie Rede führte und die Hauptrolle spielte, ihr späteres Schicksal erzählt:

"Junta, das seltsame Mädchen in den Bergen, das in einer Traumwelt lebt, verfolgt und ausgestoßen wird geht, zugrunde, weil ihre Ideale - im Film sind es symbolisch die schimmernden Bergkristalle - zerstört werden."

Was da durchschimmert, sind die bitteren Zähren des Selbstmitleids. Aus dem "seltsamen" Mädchen ist eine sehr konkrete, keineswegs zerstört wirkende Alte geworden, die gebieterisch verlangt, daß geglaubt wird, was sie zu sagen hat: in ihren in dieser Woche erscheinenden, mit über 900 Seiten sehr erschopfenden Erinnerungen über ihr "schönes, schreckliches Leben". _(Leni Riefenstahl: "Memoiren". Albrecht ) _(Knaus Verlag, München; 912 Seiten; 49,80 ) _(Mark. )

Der Schönheit habe sie ihr (in diesem August 85 Jahre währendes) Leben geweiht, immer sei sie auf der Suche "nach dem Ungewöhnlichen, dem Wunderbaren, den Geheimnissen des Lebens" gewesen.

In den zwanziger Jahren fand sie das beim Ausdruckstanz der Bewegungsrevolutionärin Mary Wigman, dann als kraxelnde und skifahrende Schauspielerin in den Berg- und Gletscherepen ihrs Lehrmeisters Arnold Fanck, dessen "Heiliger Berg" mit der kurzberockten Leni auch Adolf Hitler verzückte ("Das Schönste, was ich jemals im Film gesehen habe").

Sie fand das Wunderbare im "Blauen Licht", alsdann im braunen Dunst der Nazis, deren Parteitage von 1933 und 1934 sie in "Sieg des Glaubens" und "Triumph des Willens" filmisch entrückte - 1935 bei den Soldaten, schmissig auf Zelluloid gebannt in "Tag der Freiheit! - Unsere Wehrmacht".

Und im Jahr darauf erklomm sie mit der Freude-durch-Kampf-Komposition über die Olympischen Spiele 1936 - "Fest der Völker" und "Fest der Schönheit" - den Gipfel ihres Ruhms als vielfach prämiierte "Filmgestalterin" (Riefenstahl).

"Tiefland", eine pathetische Filmsaga vom Sieg des Guten über das Böse nach der Oper von Eugene d''Albert, vollendete sie nach dem Zusammenbruch des Dutzendjährigen Reichs. Künstlerisch machte sie erst wieder von sich reden, als sie in den siebziger Jahren von der Film- zur Photokamera wechselte und ihre rastlose Schönheitssuche bei den damals noch nackten Nuba im Südsudan und dann unter Wasser, bei den schweigsamen Korallen, sättigte. Ihre Hochglanz-Photobände wurden Welterfolge.

Die Künstlerin hat stets die Geister geteilt und wird das wohl auch noch ein Weilchen weiter tun. Für den US-Regisseur George Lucas ist sie "auch heute noch die modernste Filmemacherin", für den deutschen Kritiker Ruprecht Skasa-Weiß die "kameraschwenkende Ekstatikerin des Reichsparteitags, des Führers Film-Amazone", für die amerikanische Kultur-Essayistin Susan Sontag eine Hohepriesterin der "Faszination der faschistischen Kunst".

Die Frage nach der politischen Verantwortung des Künstlers ist Leni Riefenstahl immer wieder gestellt worden. Aber: LR antwortet nicht.

Ihre Erinnerungen haben diesen Namen insofern verdient, als da eine Großmeisterin des Gedächtnisses Begegnung auf Begegnung, gebrochenen Fuß auf verrenkten Arm und Blasenkolik, Gefahr am Berg, im Eis, im heißen Sand memoriert. "Kämpfen" und "Ringen" sind ihr die geläufigsten Wörter. Ein Kampf ging ihr verloren: der um die Erinnerung an das eigene Zutun zum kollektiven Massenwahn.

Ganz zu Anfang ihrer endgültigen Rehabilitationsschrift macht sie unmißverständlich klar: "Schon immer hatte ich die Angewohnheit, mich nur mit dem zu befassen, was mich interessierte." Das war zeitlebens ihre Kunst, und Kunst sei nun mal das Gegenteil von Politik - so belehrte sie 1980 den Journalisten Hermann Schreiber in seiner TV-Sendung "Lebensläufe".

Es war gleich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, als in der schönen Helene Riefenstahl, damals 16, Tochter eines Installateurs zu Berlin, der "Wunsch, selbständig zu sein", immer stärker wurde: "Nur mein eigener Wille sollte entscheiden." _(Nach der Uraufführung des ) _(Riefenstahl-Films "Triumph des Willens"- ) _(in Berlin 1935. )

In gut zehn Jahren von der nicht sehr bekannten Tänzerin über die aufsehenerregende Schauspielerin zur ersten Regisseurin und Produzentin der frühen dreißiger Jahre, dann die Filmemacherin Nummer eins des Dritten Reichs, verehrt von Hitler und den Deutschen - Triumph eines Willens, der Generationen später einigen US-Feministinnen so viel Respekt abrang, daß sie die Riefenstahl zur Kultfigur erhoben, allem von ihr verfilmten Männlichkeitswahn zum Trotz.

Nur: Am Anfang des großen Durchbruchs in ihrer Karriere stand kein Wille, sondern eine Vision.

1932, im Berliner Sportpalast, hörte Leni Riefenstahl jenen Mann, dem sie so vieles in ihrem schönen, schrecklichen Leben verdankt, zum ersten Mal. Kaum hatte Adolf Hitler den Mund aufgetan zum "Volksgenossen, Volksgenossinnen", da war ihr, "als ob sich die Erdoberfläche vor mir ausbreitete - wie eine Halbkugel, die sich plötzlich in der Mitte spaltet und aus der ein ungeheurer Wasserstrahl herausgeschleudert wurde, so gewaltig, daß er den Himmel berührte und die Erde erschütterte". Die Visionärin war "wie gelähmt" und spürte: "Die Zuhörer waren diesem Mann verfallen."

Mit hochgradig ehrgeizigen, gnadenlos selbstverliebten Personen wie Leni Riefenstahl hatte Hitler, wie Alexander und Margarete Mitscherlich in ihrem Klassiker "Die Unfähigkeit zu trauern" darlegen, leichtes Spiel. Die "Verliebtheit in den Führer" stelle sich ein, wenn er zum "Ich-Ideal" erkoren wird, zu jenem seelischen Selbstbildnis, "das von den kühnsten Phantasien über eigene Bedeutung, Vollkommenheit und Überlegenheit, aber auch von den natürlichen Hoffnungen des menschlichen Lebens, wie und was man sein oder werden möchte, gezeichnet wird".

Eine "fixe Idee" führte ihr die Feder, sie wollte Hitler persönlich kennenlernen, schrieb also einen Brief und wurde prompt im friesischen Horumersiel, an den Gestaden der Nordsee, empfangen.

Man schritt allein am Wattenmeer entlang, und so kann niemand bezeugen, ob es denn wahr ist, daß die 30jährige, die angeblich "keine Ahnung hatte, was es hieß, ein Jude zu sein", Hitler seine "Rassen-Vorurteile" vorhielt. Das dem Mann, der ihr soeben angetragen hatte: "Wenn wir einmal an die Macht kommen, dann müssen Sie meine Filme machen."

Hitler in Horumersiel bei Tag schien ihr zunächst "ein ganz normaler Mensch". Der Sportpalast-Thrill kam erst im Dunkeln, wiederum am Meer, zurück: Er "sah mich lange an, legte langsam seine Arme um mich und zog mich an sich" ("erregt" natürlich). "Als er merkte, wie abwehrend ich war, ließ er mich sofort los", hob die Hände zum Himmel und sagte "beschwörend": "Ich darf keine Frau lieben, bis ich nicht mein Werk vollendet habe." Das war "Deutschland zu retten".

Wie er zu jener Zeit daran arbeitete mit seiner rasant anwachsenden Sturmabteilung, blieb dem "Augenmenschen" Riefenstahl notwendigerweise verborgen, denn sie reiste, für "SOS Eisberg", zu Dreharbeiten nach Grönland. "Ein Riesenballast von überflüssigen,

unproduktiven und niemals glücklich machenden Dingen" versank da "ins Meer" - Telephon, Radio, Post, Zeitungen.

Wieder in Berlin, trafen Hitlers Worte "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" die junge Frau "im Innersten". Bis dahin hatte sie "ganz egozentrisch" gelebt, nun wäre sie bereit gewesen, "Opfer für andere zu bringen". Das war die "Suggestion Hitlers", der sich so viele "nicht entziehen" konnten.

Nicht, daß Leni Riefenstahl das nicht versucht hätte, sie "wollte nicht in etwas hineingezogen werden, was meine Unabhängigkeit gefährden konnte".

Die war, will man ihr glauben, recht eigentlich nicht so bedroht. Als Hitler sie einmal in ihrer Wohnung besuchte, hatte sie ihre Kollwitz-Zeichnungen, ein Geschenk ihres jüdischen Verehrers Arnold Fanck, an den Wänden gelassen. Und auf ihrem Schreibtisch lag - wohl zufällig - aufgeschlagen "Mein Kampf" mit ihren Marginalien ("gut", "falsch") versehen. Hitler: "Sie sind eine scharfe Kritikerin, aber wir haben ja eine Künstlerin vor uns."

Und doch muß es von Anbeginn zwischen Adolf und Leni so etwas wie ein Gummiband gegeben haben. Mal zog sie dran, mal sank sie hin.

"Trotz der Faszination, die dieser Mann ausübte", versuchte sie, "seine Nähe möglichst zu meiden". Warum

bloß spazierte sie am 8. Dezember 1932, als die Zeitungen meldeten "Gregor Strasser verläßt Hitler" _(Der "linke" Nationalsozialist, von ) _(Hitler austaktiert, hatte resigniert. Er ) _(wurde am 30. Juni 1934 zusammen mit ) _(SA-Chef Röhm und über 80 Anhängern ) _(ermordet. )

und "Die NSDAP am Ende", ausgerechnet ins Foyer von Hitlers Quartier "Hotel Kaiserhof"? Dort wurde sie entdeckt und (" herzklopfend") zu ihm geführt, denn: "In so einer dramatischen Situation (Hitler: ,Nun kurz vor dem Ziel, dieser Verrat!'') brauchte er einen Menschen in seiner Nähe, dem er sich anvertrauen konnte", denkt Frau Riefenstahl.

Unbegreiflich ist für sie bis heute, daß ausgerechnet in dieser "Endphase des Ringens um die Macht" ein Mann seine ganze Kraft" aufbot, nur um sie um jeden Preis zu "gewinnen" - das war Josef Goebbels.

Dieser Ehrgeizling, der ihr gleich wie ein "leibhaftiger Mephisto" vorkam, der "auch Stalin dienen würde", tat bei diversen Gelegenheiten zwischen 1932 und 1935, wörtlich, dieses. Er
* kniete vor ihr nieder und umfaßte ihre Fußgelenke;
* lockte sie, noch dazu in ihrem eigenen Mercedes (ein
Geschenk Hitlers), mit einer Pistole bewaffnet in den
Grunewald, wo er ihr den Arm um die Taille legte;
* griff eines Tages nach ihrer Brust, stemmte sie gegen
die Wand und versuchte wie von Sinnen, die Augen weit
aufgerissen, sie zu küssen;
* schob, in der Berliner Oper, seine Hand unter ihr Kleid
und wollte den Oberschenkel hinauffahren.

Keine Frage, Leni Riefenstahl leistete stets Widerstand und wies dem wilden Doktor seinen Platz an: bei der eigenen Frau und den "süßen" Kindern.

Die Widerspenstige, oft verliebt, einmal verheiratet, entspricht in ihren Erinnerungen ganz dem von Klaus Theweleit in seinem Buch "Männerphantasien" entworfenen deutschnationalen Ideal von der "weißen", anständigen Frau.

Josef von Sternberg soll das bezeugen: Hie die "rote" Marlene, da die "weiße" Leni. Der Regisseur, dem die Riefenstahl 1930 in Berlin bei den Dreharbeiten zum "Blauen Engel" auf die Finger sah, mußte die Dietrich anherrschen ("Benimm dich nicht wie ein Schwein"), _(So steht es noch im Vorabdruck in der ) _("Bunten", im überarbeiteten Buch fehlen ) _(die letzten vier Wörter. )

weil sie sich, erzählt die Konkurrentin, bei ihrer berühmten Szene auf dem Faß so hinsetzte, "daß man ungehindert alles sehen konnte". Pfui. Sternberg zu Leni: "Du bist wunderbar - es gibt keine größeren Gegensätze als dich und Marlene."

Sternberg ist einer der Alibi-Juden der Riefenstahl, ein anderer ist Manfred George, später Chefredakteur des "Aufbau" in New York. George hat ihr brieflich Absolution erteilt - ein Dokument, das ihr später gute Dienste leistete - und Sternberg ließ die Vergangenheit, bei einem Treffen auf der Biennale in Venedig im Jahr 1959, gnädigerweise ruhen.

Nur Harry Sokal, Mitproduzent am Blauen Licht", tat das nach dem Krieg nicht. Er erinnert sich (in einem Leserbrief an den SPIEGEL), daß Leni Riefenstahl, als prominente jüdische Kritiker diesen Film wegen seiner verlogenen Romantik verrissen, einen Wutanfall bekam: Von diesen "Fremdlingen, die unsere Mentalität, unser Seelenleben nicht verstehen", wolle sie sich ihr Werk nicht zerstören lassen. "Sobald der Führer an die Macht kommt, werden diese Zeitgenossen nur noch für ihr eigenes Volk schreiben dürfen", soll sie zu Sokal gesagt haben. Leni Riefenstahl bestritt das, ebenfalls in einem Leserbrief an den SPIEGEL: "Sokal lügt."

Jedenfalls sind ihre Schilderungen aus der Zeit der beginnenden Judenverfolgungen seltsam knapp.

Denn als Hitler Reichskanzler wurde, war die Frau Riefenstahl gerade mal wieder in den Bergen, da hatte sie auch die Bücherverbrennungen, die ersten Boykotte gegen Juden, nicht mitkriegen können. Zurückgekehrt nach Berlin im Sommer 1933, war ihr jüdischer Freund George "in Prag", ein anderer schrieb "aus Moskau", die bewunderte Elisabeth Bergner, Max Reinhardt - Entdecker der Tänzerin Riefenstahl - hatten Berlin verlassen. Sokal war "weggegangen - verständlich, Sokal war Halbjude". Leni Riefenstahl "konnte das alles gar nicht verstehen": "Was für schreckliche Dinge mußten sich da ereignet haben!"

Die hinderten sie allerdings nicht daran, ausgerechnet die Hilfe von Julius Streicher - Speerspitze des NS-Judenhasses und Herausgeber des "Stürmer" - gegen einen Filmkollegen, den sie als "Juden" kennzeichnete, in Anspruch zu nehmen.

Mit Hitler wollte sie "keine Verbindung mehr haben". Doch schon nach dem ersten Anruf aus der Reichskanzlei den sie "am ganzen Körper zitternd" entgegennahm, eilte die Widerstrebende "dezent geschminkt" zum Führer.

Sie sollte, an Goebbels'' Seite, die "künstlerische Leitung des deutschen Filmschaffens" übernehmen, erklärte sich jedoch beim Gedanken an den Oberaufseher der NS-Kultur, ihren teuflischen Feind aus verschmähter Liebe dazu "nicht in der Lage". Also ließ sich der Führer für sein "Fräulein Riefenstahl" etwas anderes einfallen, einen Film über "meine Bewegung".

Das wurde der "Sieg des Glaubens", ein Film über den Reichsparteitag 1933 _(In dem Sternberg-Film "Der blaue Engel" ) _(1930. )

in Nürnberg, den sie gar nicht gedreht hätte, wenn Hitler nicht ermutigend "Kopf hoch, es wird alles gutgehen" gesagt hätte.

Goebbels und Beamte seines Propagandaministeriums ("Promi") machten der Kunstlerin das Leben angeblich so schwer, daß es ihr fast gelingt, als Opfer des Nazi-Regimes dazustehen. SA-Chef Röhm und dessen Leute, auf diesem Parteitag noch dicht am Führer, sollen ihr nach dem Leben getrachtet haben, weil man sie für Hitlers "Mätresse" gehalten habe. So darf es nicht verwundern, daß Leni Riefenstahl kein Wort des Mitleids hat für die Opfer der berüchtigten "Nacht der langen Messer", in der Hitler mit Röhm und Teilen der SA abrechnete. Gegen den nächsten Reichsparteitagsfilm 1934, den "Triumph des Willens", hatte sie schon wieder Vorbehalte. Aber - ein deutsches Los - sie konnte "Hitlers Widerstand nicht brechen".

Dank Hitlers persönlicher Schutzaufsicht, die Goebbels'' Quertreibereien nicht gar so schwer erträglich machten, entstand ein aufschlußreiches Monument der deutschen Filmgeschichte, ein "Dokumentarfilm", wie die Macherin beteuert, "ein legendärer NS-Propagandafilm", wie die "Film-Korrespondenz" 1978 meinte. Ein Werk jedenfalls von enormer, organisierter Breitenwirkung unter den Deutschen, die scharenweise in die Kinos abkommandiert wurden, um dort die Macht, das Wir-Gefühl der Herrenrasse und die Lust der Unterwerfung zu verspüren. Nie, so der Filmkritiker Michael Schwarze in der "FAZ", sei "die unabweisbare Verführungskunst der Nationalsozialisten kongenialer dargestellt worden".

Leni Riefenstahls Technik war es, aus Unmassen von den besten Kameraleuten Nazi-Deutschlands aufgenommenen Materials ihre Streifen im Studio zu schneiden und zusammenzukomponieren. Das dauerte Monate, bei den Olympiafilmen anderthalb Jahre, und hatte für spätere Zeiten einen unwägbaren, apologetischen Vorteil. Die "Sonderbevollmächtigte der Reichsleitung der NSDAP" schloß sich mit ihrer Arbeit "von der Außenwelt ganz ab".

Bei der Uraufführung von "Triumph des Willens" im März 1935 im Berliner Ufa-Palast am Zoo war sie denn auch so "kaputt", daß sie, als Hitler ihr inmitten nichtendenwollenden Beifalls" einen Fliederstrauß überreichte, "das Bewußtsein verlor".

Partiell erlangte sie es nie wieder. Hitlers Unrechtsstaat versteckte sich nicht mehr. Hunderttausende Intellektuelle, Künstler, Regimegegner hatten das Land verlassen oder waren in Konzentrationslagern verschwunden, von deren Existenz jeder, der lesen und hören konnte, wußte. Juden wurden am helllichten Tage deportiert.

Die Olympischen Spiele 1936 sollten der Welt einen freundlichen Faschismus präsentieren, und Leni Riefenstahl ließ die ganze Kraft und die Herrlichkeit auf 400000 Meter Zelluloid bannen. Ein Höhepunkt war der aus Flakscheinwerfern konstruierte "Lichtdom" des Hitler-Architekten Albert Speer. Goebbels versprach sich von den Filmen einen so hohen Propagandawert, daß er 2750000 Reichsmark Kredit gewährte.

Die Regisseurin genoß das "Olympiafieber", die Zuschauer genossen den Anblick der Filmamazone bei der Arbeit. "Was sich aber hinter diesem Trubel und Glanz an menschlichen Tragödien abspielte, ahnte ich damals noch nicht", flicht die Memoirenschreiberin beiläufig ein in die triumphalen Olympiafilm-Kapitel.

"Völlige Isolation" war abermals vonnöten für den Schnitt an diesem "Hymnus auf die Schönheit und den Kampf'' (Riefenstahl 1937). Ihre Mitarbeiter hielten "jede Ablenkung von mir fern, kein noch so wichtiger Telefonanruf wurde an mich weitergeleitet".

Freilich war noch ein wenig Zeit für ein paar Abstecher zum Führer und sonst in die Welt.

Auf Hitlers Befehl kam ein Phototermin mit dem Führer, Goebbels, Rosenstrauß und Tee im Garten von Leni Riefenstahls Villa in Berlin-Dahlem zustande. Der Außenwelt sollte bewiesen werden, daß es keine bad feelings gebe zwischen den beiden Propagandagenies - dies ist jedenfalls die Version der Riefenstahl,

der das Harmoniephoto im nachhinein peinlich war, legte sie doch großen Wert auf den Status einer Goebbels-Verfolgten.

In jenen Wochen der "völligen Isolation" war auch Spielraum für die Macherin von "Triumph des Willens", sich auf der Weltausstellung 1937 in Paris feiern zu lassen, wo sie für den Parteitagsfilm mit dem "Großen Preis" von Frankreich ausgezeichnet wurde. Es waren "die" Franzosen, die sie umarmten, küßten, ihr vor Begeisterung die Kleider zerrissen. Zum etwa fünfunddreißigsten Mal in ihrem Leben bis dato war sie "wie betäubt". Konnten die Franzosen Hitler hassen, wenn sie seinen Star so liebten?

Zeit blieb auch für einen Abstecher zum Berghof, wo die brünette Naive Hitler lauschte, als er zu ihr über die "dekadenten" Franzosen sprach und deren dringenden Bedarf nach einem "großen politischen Führer".

Da sie aber ja meist in ihrem Berliner Schneideraum abgekapselt "wie in einem Ei" lebte, mußte sie sich im selben Jahr bei der Eröffnung des "Hauses der Deutschen Kunst" in München, zu dem "fast alle Künstler von Rang und Namen gekommen" waren, gleichwohl wundern, daß die Werke "meiner" Künstler verschwunden waren. Sie hatte ja keine Ahnung, daß sie unterdes "entartet" waren.

Hitlers Einmarsch in Österreich im März 1938 mußte Leni Riefenstahl insofern zur Kenntnis nehmen, als sich "diese Ereignisse" auf den geplanten Premierentermin für ihren Olympiafilm "ungünstig auswirkten ". Ihre "Verzweiflung" war groß, gottlob fand sie gemeinsam mit dem Führer in Innsbruck, wo der sich gerade bejubeln ließ, ein spektakuläres neues Datum: Führers Geburtstag am 20. April. Ein schönes Geschenk für den politischen Hauptdarsteller in diesem "reinen Sportfilm" (Riefenstahl), der dem Internationalen Olympischen Komitee nach dem Krieg, als die deutschen Sportler noch von der Olympiade ausgeschlossen waren, noch immer so gut gefiel, daß es den Streifen 1948 in Lausanne unisono mit Gold prämierte.

Mit seiner Beurteilung des Olympiafilms ("ein Meisterwerk") war Hitler schon damals in großer Gesellschaft. Ihre Tournee durch Frankreich, Belgien, Skandinavien empfand die Regisseurin recht zeitgemäß als "Siegeszug". Bei der Vorführung des international vielfach ausgezeichneten Films sei geklatscht worden, "wenn Hitler erschien", was ihr bewies, daß ihm noch ein Jahr vor Kriegsausbruch in Europa "Sympathien entgegengebracht wurden".

Hätte sie geahnt, "wie groß damals die Kriegsgefahr schon war", wäre die zu Ruhm und Reichtum gelangte Regisseurin wohl kaum im November 1938 zu einer USA-Tournee aufgebrochen.

Bei der Überfahrt nach Amerika stand in den ausliegenden US-Zeitungen "viel dummes Zeug über Deutschland", fand Leni Riefenstahl. Der Tag ihrer Ankunft war der nach der Reichskristallnacht. Ahnungslos, wie sie war, mußte sie amerikanischen Reportern antworten "das ist nicht wahr", als die fragten, wie sie denn dazu stehe, daß Deutsche Jüdische Synagogen niederbrennen, Geschäfte zerstören und Juden töten.

Ungetrübt war ihr Gefühl auch noch im August 1939, als sie gerade einmal bei Hitlers Architekten Albert Speer dessen Modell für das Berlin der Zukunft bestaunte.

Ein unerwartet hereintretender Hitler verdarb die Stimmung mit einem Satz, den sich die Regisseurin "nie" erklären konnte: "Gott gebe, daß ich nicht zu einem Krieg gezwungen werde." Hitlers Kriegserklärung im September mußte ihr "unbegreiflich" bleiben, sie war überzeugt: Nur "schwerwiegende Gründe" konnten dem Führer diesen Entschluß "abgerungen" haben.

Leni Riefenstahl überlegte nun, wie sie sich "in einem Krieg nützlich machen" könnte. Für die begnadete Filmkünstlerin lag die Kriegsberichterstattung nahe.

Es gibt von ihr in dieser Funktion ein Photo, das später Anlaß von Prozessen werden sollte: die Propagandakompanistin mit schreckgeweiteten Augen, angeblich Zeugin eines Massakers an Polen in Konskie.

Ihre Version, der sich eine Berliner Entnazifizierungsspruchkammer aufgrund von Augenzeugenaussagen anschloß: Deutsche Soldaten hätten die Waffe auf sie gerichtet, nachdem sie sich lauthals beschwert habe, daß die Militärs polnische Zivilisten beim Ausheben von Gräbern mißhandelt hätten. Ein Massaker, das es tatsächlich an diesem Tag in _(Im Garten der Riefenstahl-Villa in ) _(Berlin-Dahlem 1937, Hitler (M.), ) _(Goebbels (2. v. r.). )

Konskie gab, habe sie nicht gesehen, nur Schüsse gehört.

Der radikalen Ästhetin sagte die Front nicht zu, und sie meldete sich ab. Die Vorsehung wird es gewesen sein, die sie auf ihrem Rückzug nach Berlin in Danzig eine Bruchlandung überstehen ließ und sie zum Mittagessen im Zoppoter "Kasino-Hotel" an die linke Seite des Führers katapultierte.

Der gab sich ungehalten, daß die Polen Warschau nicht räumten, erzählt Frau Riefenstahl, denn, so Hitler: "Solange noch Frauen und Kinder in der Stadt sind, will ich nicht, daß geschossen wird." Diese "Episode" erwähnt die Autorin als "Beitrag zum Verständnis seines schizophrenen Wesens" - das ja viele Hitler-Fans bis heute tröstet, da es ermöglicht, den bösen vom guten Führer säuberlich zu trennen.

In diesen ersten Kriegstagen nahm die Regisseurin die Arbeit an "Tiefland", das sie seit 1933 vernachlässigt hatte, wieder auf. Sie wollte einen Stoff, der "nichts mit Krieg und Politik" zu tun hatte. Schwer zu glauben bei der "Begeisterung", mit der die Kapitulation Hollands, Belgiens und Frankreichs die Deutschen erfüllte und die Leni Riefenstahl zu einem Telegramm an Hitler hinriß, dessen Text ihr bei der Erinnerungsarbeit entfallen ist:
" Mit unbeschreiblicher Freude, tiefbewegt und erfüllt "
" mit heißem Dank erleben wir mit Ihnen, mein Führer, Ihren "
" und Deutschlands größten Sieg, den Einzug deutscher "
" Truppen in Paris. Mehr als jede Vorstellungskraft "
" menschlicher Fantasie vollbringen Sie Taten, die "
" ohnegleichen in der Geschichte der Menschheit sind, wie "
" sollen wir Ihnen nur danken: Glückwünsche auszusprechen, "
" das ist viel zu wenig um Ihnen die Gefühle zu zeigen, die "
" mich bewegen. Ihre Leni Riefenstahl. "

Im Sommer 1940 waren die Pyrenäen als Ort für die Verfilmung der spanischen "Tiefland"-Saga der Regisseurin politisch zu heiß, die Wahl fiel auf das Karwendelgebirge. Frau Riefenstahl brauchte einen zahmen Wolf, mit dem konnte Bernhard Grzimek aushelfen. Sie brauchte aber auch Menschen fürs "spanische Kolorit", und dafür bediente sie sich 1941 im nahegelegenen Konzentrationslager ("KL") Maxglan bei Salzburg mit dessen Insassen: Zigeunern. Abgerechnet wurde dieses Engagement erst am 6. April 1943, da waren die Zigeuner bereits in Auschwitz.

"Verantwortungslose Journalisten" (Riefenstahl) seien daran schuld, daß sie wegen dieser Sache - bis 1987 - Klage führen mußte. Hysteriegeübt, waren ihre Auftritte vor Gericht stets begleitet von bühnenreifen Weinkrämpfen.

Zuletzt war das der Fall im Prozeß gegen die Filmemacherin Nina Gladitz die in ihrem Film "Zeit des Schweigens und der Dunkelheit" dem Schicksal der 68 Tiefland-Statisten nachgegangen ist.

Nach dem im März dieses Jahres ergangenen Urteil eines Freiburger Senats des Oberlandesgerichts Karlsruhe darf Nina Gladitz behaupten, Leni Riefenstahl habe die Zigeuner im Lager persönlich ausgesucht, zwangsverpflichtet und letztlich nicht entlohnt.

Aus dem Film entfernt werden muß hingegen diese Aussage des überlebenden Josef Reinhardt: "Ich erzählte Tante Leni, wie wir sie nennen durften, daß Maxglan aufgelöst wird und spätestens nach Beendigung der Dreharbeiten alle in Auschwitz vernichtet würden. Ich sagte ihr, was wir damals von Auschwitz wußten und daß von dort niemand mehr zurückkommen werde."

Als Entlastungszeuge für die Riefenstahl diente ausgerechnet Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß, aus dessen Autobiographie hervorgeht, daß erst von Mitte Juli 1942 an Zigeuner in Auschwitz planmäßig "vernichtet" worden seien, die Maxglaner Lagerinsassen hätten davon noch nichts wissen können. Den Tod ahnen zählt nicht.

Nina Gladitz will nun die Namen der ermordeten Zigeuner ihrem Film anhängen - eine Liste, "die für sich selbst spricht" ("Die Zeit").

Die "Tiefland"-Regisseurin, die in den Tagen jenes letzten Prozesses Anfang dieses Jahres ihre Memoirenarbeit abschloß, schreibt dort: "Die Zigeuner waren unsere Lieblinge", die Arbeit "mit uns sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen, erzählten sie". Nach dem Krieg will sie "fast alle" wiedergesehen haben.

Besonders am "Tiefland"-Drama wird deutlich, welch treffliches Fallbeispiel das Individuum Riefenstahl ist für die von den Mitscherlichs gestellte deutsche Kollektivdiagnose von der Unfähigkeit zu trauern. Statt sich zu erinnern, das Dazugelernte durchzuarbeiten, zu trauern, hat sie, wie Abermillionen Deutsche auch, verdrängt, verleugnet, panisch geschwiegen.

Dieser Ausweg, Traumen abzuwehren, brachte für den Seelenhaushalt unabweisbar "ökonomischen Gewinn", Mitleiden mit den Opfern ist dabei nicht drin: Margarete Mitscherlich nennt das in ihrer jüngsten Schrift ("Erinnerungsarbeit"), in der sie die bis heute fortwirkenden Verleugnungsmechanismen analysiert, eine "Abspaltung der Gefühlsbeteiligung" an den Verbrechen der NS-Zeit. Bei Leni Riefenstahl wurde dieser Krieg im Rückblick nicht von dem Mann geführt, den sie verehrte, er wurde, wie ein Naturereignis, "zu einem riesigen Steppenbrand, der sich über den ganzen Erdball verbreitet hatte".

Die Filmemacherin verspürte für den Rest des Krieges nur noch den Wunsch, ihr "Tiefland"-Epos fertigzustellen ("preußisches Pflichtgefühl"). Dem 1943 erklärten totalen Krieg und dem brennenden Deutschland entwich sie zeitweise zu Dreharbeiten in Francos Reich, wo sie inmitten von Stieren und Toreros den "Frieden" genoß in einem Spanien, das

sich ihr nach dem mörderischen Bürgerkrieg so prächtig "erholt" darbot.

Den Führer sah sie zum letzten Mal im März 1944 auf seinem Berghof. Obschon er die gleiche "magische Wirkung" auf sie ausübte, war die frühere Begeisterung etwas "abgekühlt", und sie hätte ihm gern ein paar unbequeme Fragen gestellt. Aber da der große Magier zu jener Zeit bekanntlich schon ganz der Kunst des Monologisierens verfallen war, blieb sie "stumm".

Auch die anfängliche Begeisterung für Hitlers Krieg schwand ihr dahin, nun war er "wahnsinnig" und "sinnlos". Wenngleich sie beteuert, von den NS-Greueln so gar nichts mitbekommen zu haben, schwante ihr, daß "Demütigungen und Schande" ihr weiteres Los sein würden.

Leidensbereitschaft nur für die eigene Person: In Süddeutschland wurde sie mehrfach von Amerikanern und Franzosen verhaftet und verhört, war zum ersten Mal in einer Zelle - "ein unerträgliches Gefühl". Ein US-Arzt stellte ihr die schockierende Frage, ob Hitler potent oder impotent gewesen sei, da war Leni Riefenstahl mit ihren "Nerven am Ende". Sie mußte KZ-Photos ansehen. Berge von Leichen und Skeletten. Sie "schlug die Hände vors Gesicht - es war zu grauenhaft", für die Ästhetin eine "unerträgliche seelische Folter". Kurzum: Die so Gepeinigte wollte "sterben" .

Nie wieder wie in dieser unmittelbaren Nachkriegszeit "lagen äußerste Brutalität und äußerste Wehleidigkeit so dicht beisammen", schreibt der Bestseller-Autor Ralph Giordano ("Die Bertinis") in einem jetzt im Hamburger Verlag Rasch und Röhring erscheinenden Sachbuch über "Die zweite Schuld" der Deutschen. Sie, "die ausgezogen waren, die Welt zu bestrafen, forderten nun, nach so vielem Gemetzel, Liebe".

Liebe ist Leni Riefenstahl in der zweiten Hälfte ihres Lebens, allen gegenteiligen Klagen zum Trotz, durchaus wieder zuteil geworden. Vor allem von Cineasten der westlichen Welt, die ihre Filme, wertfrei, losgelöst von politischem Brimborium, längst wieder genießen .

Warum auch nicht? Heißt es doch in Leni Riefenstahls Entnazifizierungspapier: "Propaganda zu treiben lag ihr gänzlich fern." Daß ihre Werke zu ebensolchen Zwecken benutzt worden seien, könne "der Herstellerin nicht als Schuld zugerechnet werden". Mit so einer fabelhaften Entlastungsschrift in der Schublade mußte es die Künstlerin notwendig als Rufmord, Hetzkampagnen etc. auffassen, daß sie immer wieder gegen Anwürfe wegen der alten Konskie-Kamelle, der "Tiefland"-Zigeuner, ihrer Beziehung zum Führer - vor dem sie, Gipfel aller Dreckschleudern, "Nackttänze" vollführt haben sollte - vorgehen mußte. 50 Prozesse habe sie gegen ihre "Verleumder" führen müssen, alle habe sie gewonnen (was nicht stimmt).

In einem Brief an Manfred George in New York, in dem sie pflichtschuldigst bedauert, daß sie "das Dämonische in Hitler" zu spät erkannt habe, barmt sie"Meine Feinde sind unsichtbar, namenlos, aber sie sind furchtbar."

Sie weiß sie teilweise dennoch zu orten, dank des Umstands, daß die Entnazifizierung insgesamt so recht keine war und der Ausbruch des Kalten Krieges gleich danach der Beibehaltung eines "wesentlichen Teils der Nazi-Ideologie ungemein förderlich" (Giordano) war.

Alte Feindbilder- wann immer eines ihrer Nachkriegsvorhaben sich nicht realisieren ließ oder Kritik an ihren Filmwerken ertönte, wann immer irgendeine Einladung an sie zurückgezogen wurde, irgendeiner ihrer Fernsehauftritte mit einem Nervenzusammenbruch zu enden hatte, dann waren Linke schuld oder "einflußreiche" Individuen oder Gruppen, die sie, offenbar gut beraten, nicht beim Namen nennt. Tatsächlich waren es meist jüdische Organisationen, die gegen Leni Riefenstahl Protest erhoben.

Einmal wollte sie ein Kinostück über "Atomkraft und Hiroschima" machen, mit Hilfe von Werner Heisenberg und Otto Hahn. Alle angesprochenen Filmfirmen schreckten vor diesem Projekt der Zauberin der mythischen Leinwandnebel zurück. Damals fragte der Produzent Friedrich Mainz: "Weißt du nicht, daß dein Name in den USA auf einer ,Schwarzen Liste'' steht?"

"Ein unglaublich erschütternder Bericht" über modernen Sklavenhandel in Afrika war Inspiration für den nächsten Plan der Riefenstahl. "War es denkbar", grübelte die Regisseurin, "daß heute noch solche Grausamkeiten geschehen konnten?" (Auschwitz lag immerhin schon gut zehn Jahre zurück.)

Sie drehte in Kenia, verhandelte mit deutschen und amerikanischen Firmen, aber der "weltweite Boykott", nicht etwa eine chaotische Finanzierung im Verbund mit einem dümmlichen Plot, soll das Projekt "Die schwarze Fracht" zum Kentern gebracht haben. _(Oben: mit Statisten; ) _(unten: mit dem Belastungszeugen Josef ) _(Reinhardt. )

Im Umgang mit den Deutschen war sie längst "ein gebranntes Kind", als sie sich 1976 auf Hansjürgen Rosenbauers Talkshow einließ - freilich nur gegen das Versprechen, zur Vergangenheit würden keine Fragen gestellt. Der Moderator ließ fragen, und zwar von einer Arbeiterfrau, einer Zeitgenossin, die sich, so kam es der Parteitagsregisseurin vor, wie eine "kommunistische Wahlrednerin" gerierte. Die Show mußte abgebrochen werden, Leni Riefenstahl fühlte sich "moralisch hingerichtet".

Fragen zur Vergangenheit können ihr nicht gestellt werden, denn die Riefenstahl von vor 1945 ist "gestorben", wie die Riefenstahl von danach Hermann Schreiber in dessen TV-Show sagte.

Kein Wunder, daß bei ihr das "erschütternde, kathartische Nacherleben" (Mitscherlichs) ausblieb, als sie 1960 Erwin Leisers Hitlerfilm "Mein Kampf" sah. Leiser hatte filmisch aus "Triumph des Willens" zitiert und diese Sequenzen KZ-Bildern gegenübergestellt. Für die NS-Filmemacherin war das "geistiger Diebstahl", der Urheberrechtsprozesse notwendig machte, schließlich war der Film ein "Kassenschlager, nicht zuletzt mit Hilfe meiner Aufnahmen".

Die weiland aus Nazi-Kassen finanzierte Urheberin strich nach eigenen Angaben 35000 Mark Lizenzgebühren ein. Kommentar der "Berliner Morgenpost": "Frau Riefenstahl hat also den Film ,Mein Kampf gesehen. Sie ist nicht still nach Hause gegangen und hat sich geschämt. Sie hat sich ihrer glorreichen Stunden an der braunen Kamerakurbel erinnert - und hat kassiert."

Über ihre Memoiren hat sie Einschübe gestreut, die wie Werbeslogans aus der Schamkosmetikindustrie anmuten: "Heute, da wir die entsetzlichen Dinge kennen, die im Namen Hitlers geschehen sind ..."

Die Erinnerungen Albert Speers nach dessen Entlassung aus Spandau hat sie besonders eifrig daraufhin gelesen, ob er eine Antwort auf "unsere Tragödie" geben könne. Da Speer in ihren Augen "süchtig" nach Verzeihung war, konnte ihm das freilich nicht gelingen, und das schrieb sie ihm 1976 dann auch: Die "negativen" Seiten Hitlers habe er stärker betont als seine "positiven". "Ein Hitler, wie Du ihn beschreibst, könnte wohl Ungewöhnliches im Guten wie im Schlechten vollbringen, nicht aber eine ganze Welt aus den Angeln heben, wie es ihm beinahe gelungen wäre."

Beinahe. Der Preis waren über 50 Millionen Tote.

"Die wirklichen Menschen, die wir da unserer Herrenrasse zu opfern bereit waren", so Alexander und Margarete Mitscherlich, "sind immer noch nicht vor unserer sinnlichen Wahrnehmung aufgetaucht. "

Und wenn sie einmal auftauchen, wie auf jenem Flug nach Afrika der Herr Hirsch aus Tel Aviv, dann legt sich um Leni Riefenstahls Herz eine Klammer, und sie schluchzt.

Leni Riefenstahl: "Memoiren". Albrecht Knaus Verlag, München; 912 Seiten; 49,80 Mark. Nach der Uraufführung des Riefenstahl-Films "Triumph des Willens"- in Berlin 1935. Der "linke" Nationalsozialist, von Hitler austaktiert, hatte resigniert. Er wurde am 30. Juni 1934 zusammen mit SA-Chef Röhm und über 80 Anhängern ermordet. So steht es noch im Vorabdruck in der "Bunten", im überarbeiteten Buch fehlen die letzten vier Wörter. In dem Sternberg-Film "Der blaue Engel" 1930. Im Garten der Riefenstahl-Villa in Berlin-Dahlem 1937, Hitler (M.), Goebbels (2. v. r.). Oben: mit Statisten; unten: mit dem Belastungszeugen Josef Reinhardt.

DER SPIEGEL 33/1987
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Verlorener Kampf um die Erinnerung