05.10.1987

„Ich tobe mich bis an die Grenzen aus“

Der skurrile Psycho-Krieg zwischen Udo Lattek, Uli Hoeneß und Jupp Heynckes *
Die kleine Familie der Fußball-Größen traf beim Spiel zwischen dem 1. FC Köln und Bayern München zwangsläufig zusammen.
Paul Breitner, der ehemalige Bayern-Spielmacher, umhalste Udo Lattek, den Technischen Direktor der Kölner, einst Trainer der Bayern. Nach dem Spiel war Lothar Matthäus, der Bayern-Star, Gast im Kölner Klubheim "Zum Geißbock". Mit dem Kölschglas in der Hand plauderte Matthäus angeregt mit Lattek.
Der Schluck mit dem ehemaligen Trainer sorgte prompt für Ärger. Schließlich hatten die Bayern in Köln verloren. Der Bayern-Manager Uli Hoeneß erregte sich überaus heftig über die Verbrüderung mit dem Gegner.
Seit der Erfolgstrainer Lattek vor einem Vierteljahr München den Rücken kehrte und beim 1. FC Köln anheuerte, dreschen die einstigen Kampfgefährten unbarmherzig aufeinander ein. "Geschmacklose Verbalinjurien", schrieb die "Süddeutsche Zeitung" über den öffentlich ausgetragenen Schlagabtausch, dessen Unterhaltungswert kaum geringer ist als die Beschimpfungen zwischen den Unionschristen aus München und Bonn.
So erfuhr die verblüffte Fan-Gemeinde, daß Lattek den Fußball-Manager Hoeneß für einen "Angstbeißer" und "Lügner" hält. Der wiederum revanchierte sich mit einem süffisanten Hinweis auf Latteks Zechgewohnheiten: Der Coach habe in den beiden letzten Wochen seiner Amtszeit mit den Bayern-Spielern "mehr Alkohol verkonsumiert als ein Normalsterblicher in vier Jahren" .
Diese Bemerkung muß besonders getroffen haben, wo doch Lattek nach eigenem Bekunden "in Köln vom Schnaps weg" ist: "Ein paar Kölsch tun''s auch." Beim direkten Aufeinandertreffen der Kontrahenten, am vorletzten Sonntag im "Käferzelt" auf der Wies''n, kam es, wie die Münchner "Abendzeitung" berichtete, "zum Riesenkrach". Ein Augenzeuge wollte sogar beobachtet haben, Oktoberfest-Besucher Lattek sei handgreiflich geworden.
Zwar dementierte Lattek dies anderntags, räumte aber ein: Er habe Hoeneß die Zeitung, in der der Manager seine Meinung über den Charakter des früheren Bayern-Trainers verbreitet hatte ("Denkt nur ans Geld, das Schicksal eines Vereins ist ihm scheißegal"), auf den Tisch geknallt.
Was sich da in jüngster Zeit via Fußball artikulierte, sind unbeglichene Rechnungen der beiden aus gemeinsamen Tagen. Dabei war der Anfang des Streits sogar kalkuliert. Die professionellen PR-Strategen, als die sich Lattek und Hoeneß begreifen, hatten zu Saisonbeginn vereinbart, über die für Storys der etwas rauheren Art stets dankbare Boulevardpresse ein bißchen Theaterdonner zu inszenieren. Damit, wie Lattek freimütig bekennt, "wir beide die Häuser voll haben".
Das Vorhaben mußte angesichts der Eitelkeiten der beiden Hauptdarsteller _(Am 12. September, Köln siegte 3:1. )
zwangsläufig ins Schmierentheater abdriften. Die in über zehnjähriger Zusammenarbeit erworbenen Intimkenntnisse bilden einen reichen Fundus für gegenseitige Kränkungen, ihre Beziehung zueinander ist geradezu ein Muster für psychologische Studien.
Wie zwanghaft reiben sich da zwei, die sich bei allen Abgrenzungsversuchen doch ähnlicher sind, als sie wahrhaben möchten. Erfolg ist ihr Lebenselixier, und verlieren können beide nicht. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Bezieht Hoeneß sein Selbstvertrauen aus Macht, Einfluß und Geld (Lattek: "Dafür tut der alles"), so bedarf die Psyche eines Udo Lattek der beständigen Akklamation und Anerkennung durch die Öffentlichkeit.
Er subsummiert sein Verhältnis zu dem agilen Workaholic aus der Schaltzentrale des Deutschen Fußball-Rekordmeisters in Münchens Säbener Straße unter dem Begriff "Haßliebe". Der schwäbische Metzgerssohn Hoeneß, den Lattek aus der Jugend-Nationalelf zum FC Bayern geholt hatte, litt an der Rolle des Juniorchefs, die ihm der Coach allenfalls zugestand. Während die gesamte Branche Hoeneß als Idealtyp des Erfolgsmanagers pries, wurde ihm diese Anerkennung ausgerechnet im eigenen Klub verwehrt.
Lattek wäre gern in München geblieben. Zwar bezichtigt er Hoeneß, die gewünschte Vertragsverlängerung um drei Jahre mit "mafiösen Methoden" hintertrieben zu haben. Aber augenzwinkernd gibt er längst zu, daß der Manager im Interesse des Klubs richtig gehandelt habe.
Lattek-Freund Paul Breitner hätte den Trainer sogar "schon ein Jahr früher ausgetauscht". Drei Jahre, so der ehemalige Bayern-Kapitän, seien "das Maximum, danach muß ein Trainerwechsel erfolgen".
Die Werbe-Strategen Lattek und Hoeneß hätten sich womöglich an die Abmachung gehalten, dem Fußball-Publikum ein bißchen Theater vorzuspielen. Dann aber verlief der Start zur 25. Bundesligasaison anders als erwartet, die PR-Aktion geriet außer Kontrolle.
Während sich der 1. FC Köln überraschend in der Spitzengruppe festsetzte, verlor die sieggewohnte Bayern-Truppe drei Auswärtsspiele hintereinander. Deutschlands Sportjournalisten waren sich schnell einig: Unter Latteks Regie seien die Münchner bissiger, aggressiver gewesen als unter der seines Nachfolgers Heynckes. Die Münchner wurden zunehmend nervöser, Lattek war obenauf. "Ich lebe und tobe mich in diesem Spiel Fußball bis an die Grenzen aus",
hat er einmal gesagt. Er braucht den Zoff. Das Verhältnis zu Heynckes ist gestört, seit der ihn 1979 als Trainer von Borussia Mönchengladbach ablöste. Lattek wäre seinerzeit gern geblieben. Daß er den Job ausgerechnet an seinen Assistenten Heynckes verlor, kann er offenbar nicht verwinden.
Die Gelegenheit, Heynckes und Hoeneß gleichzeitig zu treffen, war jetzt zu günstig, als daß Lattek sie ungenutzt hätte verstreichen lassen können. Der FC Bayern sei eine Nummer zu groß für Heynckes, stichelte der große Meister aus dem fernen Köln. Aber Hoeneß "wollte ja unbedingt einen schwachen Trainer, damit er das Konzept in der Hand behält".
Zwar machte Lattek den Fans seines früheren Klubs ausdrücklich Mut ("Die Bayern kommen wieder, garantiert") aber die Begründung für den inzwischen tatsächlich eingetretenen Aufschwung konnte sein Nachfolger auch nicht unbedingt als Wertschätzung verstehen: "So schlecht kann ein Trainer gar nicht sein daß er diese Jungens schafft."
Dagegen klangen die Erklärungsversuche von Heynckes wie "Die Spieler waren bei meinem Amtsantritt körperlich in keiner guten Verfassung" oder "Unser Vorbereitungsprogramm war zu strapaziös" eher unbeholfen, auch wenn sie sachlich richtig waren.
Im Rededuell, vornehmlich von den Münchner und Kölner Blättern angeheizt, blieb der rauhbeinige Rhetoriker Lattek eindeutig Sieger über den introvertierten Heynckes. Das bekamen auch die Bayern-Spieler mit, es irritierte sie zusätzlich.
Ihr neuer Trainer paßte so gar nicht zu dem, was Uli Hoeneß ihnen eingebleut und Udo Lattek vorgelebt hatte: Mir san mir, wo der FC Bayern ist, ist oben.
"Selbst wenn die Bayern nichts drauf hatten", so Lattek, habe er der Mannschaft und sich so lange eingeredet, "wie stark wir sind, bis wir es geglaubt haben".
Im Privatbereich, auch im Umgang mit den Spielern, nachgiebig und tolerant durch die langjährige Erfahrung mit seinen eigenen Schwächen, ist er rigoros bei der Durchsetzung seiner ehrgeizigen beruflichen Ziele. Ungeniert operiert er mit Feindbildern, er demoralisiert den Gegner mit Chuzpe und Bluff, bevor der erste Spieler den Ball getreten hat.
"Lattek hat für die Spieler die Funktion eines Blitzableiters, er kanalisiert alle Aggressivität auf sich, und die Spieler haben ihre Ruhe", erklärt Paul Breitner.
Als Nachfolger dieses "Gurus" (Breitner) holten die Bayern mit Heynckes einen Trainer, der jede Menge deutscher Grundtugenden vorweisen kann: Anständig ist er, gewissenhaft, redlich und fleißig - und gänzlich unspektakulär. Ein Mann ohne Geheimnisse.
Aber dabei "ein Mann, der dem deutschen Fußball guttut", wie Franz Beckenbauer
meint, "kein Marktschreier der mit der Kuhglocke durch München zieht, wenn die Bayern ein Heimspiel haben".
Heynckes wertet das als Kompliment, genau so begreift er seine Rolle als "Fußballehrer". Daß in einer Stadt, in der die Bayern-Stars zur Schickeria gehören, mit Sonderservice etwa beim Feinschmecker "Käfer", in der die Türwächter der Nobel-Diskos bei ihrem Erscheinen strammstehen und selbst der blutarme Hochadel seine Feste mit ihrer Anwesenheit schmückt, auch von ihm mehr als - fachlich unbestritten - solides Trainerhandwerk erwartet wird, vermag Heynckes nicht zu erkennen.
Die Herzen im Sturm erobern, das kann er nicht, dafür fehlt ihm das Mitreißende. Heynckes hat nichts vom divenhaft Gebieterischen eines Franz Beckenbauer oder dem leicht verruchten Charme eines Günter Netzer.
Fast in Demutshaltung hockt er bei sich anbahnenden Niederlagen auf der Trainerbank, die Beine zaghaft übereinandergeschlagen, die Hände gottergeben verschränkt, als sei sein Lebensmotto: Der Herr hat''s gegeben, der Herr hat''s genommen. Da kommt kein positives Funkfeuer rüber, wenn ein hilfesuchender Spielerblick den Trainer streift, höchstens ein SOS.
Wie anders dagegen Manager Hoeneß zwei Hintern breit weiter auf der Bank: Aggressiv, breitbeinig, in hemdsärmeliger Unternehmerpose, die fleischigen Hände wie zum Sprung auf die wuchtigen Oberschenkel gestemmt. Ein Fußball-Aufsteiger in den Diensten des FC Bayern, der alles für seine Spieler tut, weil deren Erfolg vor allem ihm nutzt. Seinem Ansehen, seinem Einfluß, der Bestätigung seines Macherimages.
Das Terrain in der Weltstadt mit Herz ist schwierig für den rechtschaffenen Fußballehrer Heynckes, selbst so spröde und überschaubar wie die Landschaft am linken Niederrhein. Heynckes bäumte sich nicht, wie sein einstiger Teamgefährte Günter Netzer, früh mit aller Macht gegen das provinzielle Ambiente der Heimatstadt Mönchengladbach auf. Netzer betrieb seine Sozialisation über den Fußball hinaus, suchte Freunde in der Society und der Showszene, wagte den Schritt ins Ausland und bewirkte schon damals bei seinem Zimmergenossen Heynckes Fassungslosigkeit, wenn er im Trainingscamp schon mal um fünf Uhr in der Früh mit Michael Pfleghar in Los Angeles telephonierte und dabei Tina Sinatra und Raquel Welch grüßen ließ.
Für Heynckes war immer Mönchengladbach das Zentrum, und Fußball war Fußball und sonst gar nichts.
Er hat zugegriffen, als Hoeneß ihn lockte. Weil, so Heynckes, "es Zeit war, etwas Neues kennenzulernen". Daß Hoeneß ihn auch benutzt haben könnte, um Lattek eins auszuwischen, käme ihm niemals in den Sinn.
Am 12. September, Köln siegte 3:1.

DER SPIEGEL 41/1987
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