10.08.1987

UNTERNEHMENHoch gepokert

Der Konsumgüter-Multi Procter & Gamble hat es geschafft: Blendax wird amerikanisch. *
In dem Stuttgarter Rechtsanwalt Lothar Strobel hatte Andrea Gölkel, 43, Inhaberin der Zahnpflege-Firma Blendax, stets einen beredten Fürsprecher. Vor allem wenn es galt, die immer wieder aufkommenden Verkaufsgerüchte zu dementieren, fand der Anwalt stets die passenden Worte.
Er war sich ja auch seiner Sache sicher. "Wer Blendax kaufen will", so Strobel 1978, "muß erst zwei Morde begehen - an mir und an Andrea Gölkel."
Seit Montag vergangener Woche braucht der Generalbevollmächtigte der Blendax-Erbin nichts mehr zu dementieren. Keine starken Worte mehr, keine Morde - Blendax ist verkauft, nach Branchenschätzungen für rund 800 Millionen Mark. Die 2300 Beschäftigten werden künftig für Amerikaner arbeiten.
Der US-Konzern Procter & Gamble (P&G) will mit Blendax sein Produktangebot in Deutschland abrunden. Zum Konzern gehören bereits die Firma Richardson ("Kukident", "Wick"-Hustenmittel) sowie der Fruchtsaft-Abfüller Dittmeyer.
Procter & Gamble führt seine deutschen Unternehmen von seiner Niederlassung im Taunusstädtchen Schwalbach aus. Zusammen mit dem Blendax-Umsatz von rund 550 Millionen Mark wird der Konsumgüter-Multi aus dem US-Staat Ohio mit Waschmitteln (Ariel. Dash, Lenor) und Babywindeln (Pampers, Luvs) jährlich rund drei Milliarden Mark in Deutschland einnehmen.
Die Blendax-Werke in Mainz stehen seit fast 20 Jahren auf der Wunschliste der P&G-Manager ganz oben. Immer wieder führten die Amerikaner Gespräche mit den Blendax-Eignern. Das Sortiment der Deutschen, neben Zahncremes vor allem Haut- und Haarpflegemittel wie "Shamtu", "Litamin" oder "Kamill", bildet eine ideale Ergänzung zu den Produkten der Amerikaner. Zudem gehören die Blendax-Produkte ebenso wie die der Amerikaner in vielen Bereichen zu den führenden Marken.
Doch die Blendax-Eigner zeigten lange kaum Neigung, sich von ihrem profitablen Besitz zu trennen. Das änderte sich erst im vergangenen Jahr. Denn der Körperpflege-Markt in der Bundesrepublik ist, erkannte Blendax-Geschäftsführer Wulf Horstkotte, "fast total ausgereizt". Wachstumschancen sah er nur noch im Ausland. Dafür jedoch wären Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe erforderlich gewesen - Summen jedenfalls, vor denen die Blendax-Erbin zurückschreckte .
So war die Offerte des kapitalstarken Multis aus Ohio schließlich doch recht. Ein bedeutender Teil eines der ältesten deutschen Markenartikel-Unternehmen geht damit in amerikanische Hände.
Es hatte alles mit einer Firma angefangen, die 1867 von den Brüdern Friedrich und Georg Werner gegründet wurde. Ihren ersten Verkaufsschlager hatten die beiden im Jahre 1895 mit der Schuhcreme "Erdal".
Erfinder des Bestsellers war der einige Jahre zuvor als Teilhaber in die Firma eingetretene Chemiefabrikant Philipp Adam Schneider. Dessen Söhne Rudolf und Hermann gründeten 1931 schließlich die Tochterfirma Blendax.
Mitte der 60er Jahre, nach dem Tod der Gründersöhne, teilte der Clan die Firmengruppe auf. Die Erben Rudolf Schneiders erhielten den Blendax-Ableger, der andere Teil der Sippe übernahm das Stammhaus, das neben Schuhcreme auch Bodenreiniger ("Glänzer") und Autopolitur ("Rex") herstellt. Später erwarb dieser Teil der Schneider-Familie noch die Brotfabriken Lieken & Batscheider und Simons.
Während die Erdal-Erben ihr Unternehmen mit starker Hand führten, mußte sich Andrea Gölkel, seit 1977 Alleinerbin des Blendax-Vermögens, schon bald nach einem Manager umsehen, der ihr die unternehmerische Aufgabe erleichterte. Die Mutter von drei minderjährigen Kindern engagierte deshalb den Stuttgarter Rechtsanwalt Lothar Strobel als ihren Generalbevollmächtigten.
Der Intimus des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth
galt seither als graue Eminenz bei Blendax. Er war es, so wollen Insider wissen, der die Firmenerbin trotz zahlreicher Angebote stets davon abhielt, allzu rasch zu verkaufen.
Erst jetzt schien auch Strobel der Zeitpunkt günstig. Blendax mache guten Umsatz und gute Gewinne. Doch die weitere Expansion, so Geschäftsführer Horstkotte, "hätten wir nicht allein finanzieren können".
Strobel, lobt ein P&G-Manager den Blendax-Verwalter, "hat hoch gepokert, doch der Einsatz hat sich gelohnt".

DER SPIEGEL 33/1987
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