Seinen Körper versetzt Dirk Aschmoneit regelmäßig "auf eine andere Ebene". Dann hebt er sachte ab, ganz so, "als ob man einen Schuß Kokain kriegt", und mit einem Mal sieht er "die rosa Sonne". Erlebnisse dieser Art, weiß Aschmoneit, machen süchtig: "Triathlon - das ist wie Dope."
Die Sucht, ein 1977 auf Hawaii erfundener Dreikampf aus Schwimmen (3,8 Kilometer), Radfahren (180 Kilometer) und Laufen (42 Kilometer) hat bereits rund eine Million Amerikaner erfaßt. 30000 Bundesdeutsche eifern ihnen mittlerweile eisern nach.
Triathlon ist vor allem der Sport der etablierten Wohlstandsbürger. "Lauter gelangweilte Leute", wie der Amerikaner John Collins, Organisator des Ironman-Wettkampfes auf Hawaii, sagt, "die den ganzen Tag nur mit dem Kopf arbeiten und eine neue Herausforderung suchen."
Mediziner und Manager, Piloten, Rechtsanwälte, Ingenieure übersäuern unerbittlich ihre Muskulatur, radeln und rennen ohne Rücksicht auf Gelenke, Bänder und Kreislauf in persönliche Grenzbereiche. Bei einigen der 150 Triathlon-Wettbewerbe in der Bundesrepublik entspricht die Zahl der startenden Doktoren einem gut besuchten Ärztekongreß.
Keiner aber "knüppelt so tierisch" wie Dirk Aschmoneit, 25. Der blonde Heros aus Neumünster, in Japan als "German Rambo" verehrt, ist der erste echte deutsche Profi. Den Triniks, wie sich die Leistungsabenteurer gern selbst nennen, gilt er als Kultfigur.
Aschmoneit startet für den "Winning Club" des Belgiers Jean Claude Garot. 500 Dollar monatlich zahlt der Herausgeber der Fachzeitschrift "Triathlete" dem deutschen Rambo, der außerdem von dem französischen Sportartikel-Hersteller Le Coq Sportif gesponsert wird.
Haupteinnahmequelle des Modellathleten mit 1,5 Liter Herzvolumen, 71 Kilo Kampfgewicht und 30er Ruhepuls sind die bei Triathlon-Wettkämpfen ausgesetzten Preisgelder. Rund 35000 Mark
kassierte Aschmoneit 1986 vornehmlich im Ausland. Während es bei den mörderischen Dreikämpfen in Deutschland höchstens 1200 Mark zu verdienen gibt, betragen die Siegprämien in Frankreich schon bis zu 12000 Dollar. Der "Ironman Contest" auf Hawaii, nach wie vor die größte Herausforderung für alle Triathleten, ist insgesamt mit 100000 Dollar dotiert.
Dort machen seit Jahren vor allem die Amerikaner Kasse. Scott Tinley oder Dave Scott, der amtierende Weltmeister. Er allein bringt es auf rund 500000 Mark Jahresverdienst.
Aschmoneit gilt Insidern als einzig ernst zu nehmender europäischer Herausforderer der Amerikaner. Er könne, urteilen Experten im Branchenjargon, "bald alle plattmachen".
600 Kilometer strampelt der Eisenmann jede Woche auf dem Rad, 25 Kilometer macht er im Wasser, 160 Kilometer rennt er, manchmal sechs Stunden am Tag. Daß ihn Mediziner deshalb "schon für verrückt erklärt haben", stört ihn kaum. Er wolle sich "aus der Masse hervorheben" und einmal ganz vorn dabeisein.
Die Trainingstortur zeitigt schon jetzt erste Verschleißerscheinungen. Aschmoneits rechtes Bein ist seit zwei Wochen eingegipst. Eine Streßfraktur macht seinen Start bei der Triathlon-Europameisterschaft am kommenden Samstag in Roth bei Nürnberg unmöglich. Dort gelten unter 350 Athleten aus 16 Nationen nun seine "Winning Club"-Teamgefährten, Titelverteidiger Rob Barel aus Holland und der Bundeswehrsoldat Jürgen Zäck, als Favoriten.
Bilder wie aus Hawaii, wo sich total erschöpfte Athleten schon mal auf allen vieren ins Ziel schleppten und danach für 24 Stunden am Tropf hingen, wird es in Roth allerdings kaum geben. Der Wettkampf geht lediglich über die halbe Ironman-Distanz.
Erst reduzierte Kilometerleistungen haben die Entwicklung des Triathlon zum boomenden Volkssport ermöglicht. 90 Prozent der bundesdeutschen Triniks, schätzt Dr. Joachim Fischer, Präsident der Deutschen Triathlon-Union, "starten lediglich bei den Kurz-Wettkämpfen". Ihnen reicht es schon, nach 1000 Metern im Wasser, 40 Kilometern auf dem Rad und zehn Kilometern Langlauf ins Ziel zu taumeln. Einige hundert wagen sich immerhin noch auf die mittlere Distanz.
Es gebe halt, urteilt die Deutsche Meisterin Alexandra Kremer, "zum Glück nicht ganz so viele Verrückte". Die Hausfrau und Mutter einer Tochter schätzt am Triathlon vor allem die Abwechslung, fürchtet allerdings gleichzeitig bei vielen Übereifrigen "die Gefahr sich rücksichtslos zu überfordern".
In dieser Gefahr aber steckt jeder Triathlet, denn zum Ehrenkodex der Freaks gehört es, "auf Biegen und Brechen ins Ziel zu kommen". Schon stehen die ersten Amateure am Start und schlucken jede Menge Aspirin, um die Schmerzschwelle zu senken und das Blut flüssiger zu machen. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung, so fürchten Funktionäre, wird es bald auch die ersten Dopingfälle geben.
Den ersten Toten erwarten ums Image besorgte Kritiker ebenfalls sehr bald, denn "ein paar Idioten", so Alexandra Kremer, absolvierten schon die doppelte Ironman-Distanz - acht Kilometer im Wasser, 360 Kilometer auf dem Rennrad und 80 Kilometer Langlauf. Wettkampfzeit: 24 Stunden.
DER SPIEGEL 25/1987
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