02.11.1987

UMWELTSchon verschollen

Begradigte Fluß- und Bachläufe sollen sich wieder mäandernd durch die Landschaft ziehen. *
Mehr als der Name ist der Krückau beim holsteinischen Barmstedt nicht geblieben, der im Niederdeutschen soviel wie krummes Wasser bedeutet. In den dreißiger Jahren war das einst gewundene Flüßchen von Hitlers Reichsarbeitsdienst "wider alle Natur", so der Barmstedter Naturschützer Gerd Janssen, "gerade gebogen'' worden.
Übrig blieb ein öder Kanal, eingezwängt ins genormte Sargprofil mit uniformer Böschungsneigung und Sohlenbreite, bis zum Wasserspiegel in ein Stützkorsett aus Faschinen und nichtrottendem Bongossiholz gepreßt. Auf schnurgerader Trasse rinnt die Krückau zwischen baumlosen Ufern dahin.
Nicht mehr lange. Auf Initiative von Naturschützern, die sich in einer "Arbeitsgemeinschaft zur Wiedereinbürgerung der Meerforelle in Krückau und _(Am Hengstbach in Dreieich. )
Pinnau zusammengetan haben, steht dem eingesargten Gewässer nun die Exhumierung bevor.
Das ursprüngliche Mäander-Bett wird im Frühjahr auf einem ersten einen Kilometer langen Abschnitt wieder aufgegraben. Wie ein Bach aus dem Bilderbuch, so das Ziel der vom Land Schleswig-Holstein finanzierten Renaturierung, soll sich das Gewässer künftig auf insgesamt 15 Kilometern Strecke wieder in ausholenden Schleifen und engen Kurven durch lichte Bruchwälder winden.
Schon zu Dutzenden werden inzwischen bundesweit Bäche entfesselt in Bongossi oder Beton gefaßte Flußläufe aufgerissen. Bürgermeister, Behörden und Gewässerverbände schmücken sich mit Projekten, die das Etikett "Renaturierung", "Rückbau" oder "naturnahe Umgestaltung" tragen. Wo Mittel und Möglichkeiten nicht reichen, wird wenigstens etwas für die "Verbesserung ökologischer Verhältnisse" getan.
Langt es auch dazu nicht, werden Bürger als "Bachpaten" angeworben, die Unrat aus den Flüßchen räumen oder an den Ufern Bäume pflanzen. Denn "dem Jahrhundert der Wasseraustreibung", so forderte unlängst Hubert Weinzierl, der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), "muß nun die Wiedergutmachung folgen".
Je nach Landstrich sind heute zwischen 40 und 90 Prozent der rund 250000 Kilometer Fließgewässer zwischen Waterkant und Alpenrand begradigt, kanalisiert oder in Röhren verschwunden. Allein nach dem Zweiten Weltkrieg wurden für schätzungsweise vier Milliarden Mark Wasserläufe von insgesamt fast Äquatorlänge reguliert.
Die Gründe für die uniforme Ausrichtung von Iller oder Aller, von hessischer Wieseck oder hamburgischer Wandse waren durchweg dieselben. Hochwassergefahren sollten gebannt werden, es ging darum, durch die Trockenlegung von Moor- und Sumpfgebieten, Auwäldern und Feuchtwiesen mehr landwirtschaftliche Nutzfläche zu gewinnen. Diese sogenannte innere Kolonisation machte immerhin Sinn, solange in Mitteleuropa, wie nach dem Krieg, Hunger zu stillen war und die EG-Bauern noch nicht unter Überproduktion litten. Doch erkauft wurden solche Maßnahmen zu hohem Preis.
Das Hochwasserrisiko wurde oft genug nur in tiefer gelegene Regionen verlagert, wo die Flußbetten das Schneeschmelz- und Dauerregenwasser, das nun schneller zufließt, nicht mehr fassen können. Und die Feuchtgebiete entlang naturbelassener Gewässer beherbergen fast die Hälfte der höheren Tierarten. 140 von 300 Vogelarten, alle Lurch- und 150 Fischarten. Doch daß Fischotter. Graureiher oder Eisvogel, aber auch Nixenkraut, Sumpfgladiole oder Adonisröschen heute zu den aussterbenden Arten zählen, ist im wesentlichen Folge der Bauwut der Kulturingenieure.
An den maschinell instand gehaltenen kanalisierten Bachläufen haben nistende Wasservögel oder Lurche ebensowenig eine Chance wie Flohkrebse oder Libellenlarven. Erhebungen an einem Sauerlandbach beispielsweise ergaben, daß nach dem Ausbau 50 Prozent der wirbellosen Tierarten verschwunden waren und die Individuendichte insgesamt um 85 Prozent abgenommen hatte.
Ausgeschwemmte Düngemittel und Pestizide aus den Äckern, die nun unmittelbar an die kahlen Ufersäume reichen verderben die Gewässer, deren Selbstreinigungskraft durch den Rückgang der Pflanzen- und Kleingetier-Populationen ohnedies geschwächt ist.
So ein verhunztes Gewässer ist auch die Krückau, die nun in ihren Urzustand zurückversetzt werden soll. In ihren Auen wird wieder, wie Arbeitsgemeinschaftssprecher Janssen hofft, "ein Mosaik vielfältiger Lebensbedingungen entstehen". Stillwasserzonen sollen mit strömungsreichen Partien abwechseln, steile Prallhänge, in denen Eisvögel und Uferschwalbe ihre Nisthöhlen bauen, mit flachen Gleithängen und vorgelagerten Kiesbänken, auf denen Forelle und Neunauge laichen.
Die Wandse im Hamburger Nordosten, eines der ersten Renaturierungsprojekte, hat die Wiederbelebungskur bereits hinter sich. Nach dreijähriger wissenschaftlicher Begleitung des Vorhabens meldete Biologe Vilmut Broock dem Hamburger Naturschutzamt kürzlich die Heimkehr seltener Viecher wie Teichläufer oder Tellerschnecke ins Wandsebett. Broock machte im Bach nun sogar die Larve einer "Köcherfliege aus der Familie der Hydro ptilidae" aus, die in Deutschland schon "als verschollen galt".
Um solche Idylle wiederherzustellen, werden auch in anderen Bundesländern große Summen aufgewandt. Rund 23 Millionen Mark will das nordrhein-westfälische Landesamt für Agrarordnungen in "unser anspruchsvollstes Objekt", so Amtspräsident Rolf Kalkkuhl, stecken - die Renovierung der 30 Kilometer langen Großen Aue am Nordrand des Wiehengebirges samt ihrer bis zu 500 Meter breiten Niederung.
Kaum billiger wird eine vom Umweltministerium in Stuttgart geplante Landschaftsreparatur an 20 Kilometern Donaulauf östlich vom oberschwäbischen Sigmaringen. Dort ist die Donau, Folge schon 1842 begonnener Korrekturen, zur Hochwasserabflußrinne verkommen. Der Fluß fraß sich über die Jahrzehnte zwei Meter tief in den Untergrund, der Grundwasserspiegel sank, die Auen verödeten. Nun sollen die Donau-Sohle wieder höher gelegt und längst trockengefallene Altarme reaktiviert werden.
Der Dellwiger Bach im Westen Dortmunds war zuletzt sogar Teil eines offenen Abwasserkanal-Systems gewesen, das den Kohlenpott 350 Kilometer weit durchzieht, bevor ihn die Emschergenossenschaft
aus Betonschalen in einen naturnahen Lauf umbettete.
Die Flottbek im Hamburger Westen hatte vor Jahrzehnten, weil sie den Stadtplanern im Wege war, in Betonrohren abtauchen müssen. Auf dem Gelände des Gymnasiums Christianeum gaben die Behörden dem Gewässer jetzt wenigstens auf 100 Metern die Freiheit wieder - als "Ökozelle" soll es dort nun erzieherischen Zwecken dienen.
Auch im hessischen Bad Nauheim sollen die Schüler der neunten Gesamtschulklasse an der Natur lernen. Sie wurden Bachpaten der Usa und ziehen regelmäßig Wasserproben, um nach Schmutzeinleitungen zu fahnden. Anderswo machen Angelvereine, Jugendfeuerwehren, Rentner und Hausfrauen "ökologische Bestandsaufnahmen, melden Mißstände und Mißbrauch", wie Volker Wild vom Saarbrückener Umweltministerium die Aufgabe dieser "Lobby des Gewässerschutzes" sieht. Nachdem der BUND und Ministerien etwa in Baden-Württemberg, Bayern und dem Saarland zur Übernahme von Bachpatenschaften aufgerufen haben gibt es mittlerweile republikweit rund 500 solcher Gruppen.
Nordrhein-Westfalen hat bereits vor sieben Jahren eine - inzwischen von anderen Landesregierungen kopierte - "Richtlinie für naturnahen Ausbau und Unterhaltung" beschlossen und seit 1985 fast 60 Millionen Mark Zuschüsse in etwa 200 Projekte zur Renaturierung oder ökologischen Verbesserung gesteckt. Hessen schrieb 1981 als erstes Land sogar gesetzlich fest, veränderte Gewässer seien "in einen naturnahen Zustand zurückzuführen". Allein im nächsten Jahr sollen dafür 3,2 Millionen Mark ausgegeben werden. Die Vertreter des Umweltministeriums im Oktober auf einem Fachkongreß in Bensheim ankündigten.
Bayern wiederum hat etwa die Inn-Zuflüsse Mangfall, Attel, Kalten und Isen gesund operiert, Schleswig-Holstein besitzt bisher überhaupt kein übergreifendes Schutzkonzept. Und Niedersachsen, wo sich nach amtlichen Erhebungen kein Bächlein mehr von der Quelle bis zur Mündung in einem "naturnahen" Zustand befindet, sorgt an der Bewer gerade mit einem "ersten Modell für eine naturnahe Gewässergestaltung".
Oft genug freilich klaffen bei dem, was inzwischen alles so als Rückbau ausgegeben wird, Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Eine Renaturierung soll die Wasserqualität verbessern und eine natürliche Wasserführung garantieren, sie soll Störungen der Uferzonen und ihrer Bewohner durch Menschen und Nutztiere ausschließen.
Doch der Diplom-Wasserbauer Klaus Kern vom Institut für Wasserbau und Kulturtechnik der Universität Karlsruhe, der mit seiner Kollegin Ina Nadolny bundesweit Projekte untersuchte, stieß auf vielerlei "Schwachpunkte", etwa in Hessen. Oft zieht nur eine Anliegergemeinde bei der Flußpflege mit, die nächste aber nicht, deshalb sind die renaturierten Gewässerabschnitte meist nur einige hundert Meter lang.
Auch die Biologinnen Margret Bunzel und Sabine Hänel, die für das "Landesbüro der Naturschutzverbände" in Nordrhein-Westfalen 23 Projekte analysiert haben, fanden nur ein einziges, das "als echte Renaturierung eingestuft werden konnte".
Am Hengstbach in Dreieich.

DER SPIEGEL 45/1987
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