15.06.1987

„Dieses Buch ist wie ein Fluch für mich“

Der Schriftsteller Günter Wallraff und die Folgen seines Super-Bestsellers „Ganz unten“ *
Günter Wallraffs im Oktober 1985 erschienene 256-Seiten-Reportage "Ganz unten", in der die erbärmlichen Lebensbedingungen und Arbeitsverhältnisse der Türken in der Bundesrepublik ins Licht gestellt werden, ist eines der erfolgreichsten Bücher der deutschen Nachkriegszeit geworden (Auflage 2,75 Millionen. Übersetzungen in 14 Sprachen). Aber es dauerte nicht lange, da bliesen Wallraffs politische Gegner ihrerseits zur Offensive.
Nicht nur weil der Schriftsteller für sein Buch mit Under-cover-Methoden recherchiert hatte (als Türke "Ali" mit Perücke, schwarzem Schnurrbart und dunklen Kontaktlinsen), sondern weil er auch einige Verantwortliche für den mitten in der Bundesrepublik herrschenden "Sklavenmarkt" beim Namen nannte, wurde Wallraff mit feindseligen Medien-Kampagnen und einer Prozeß-Lawine überzogen. Nur war der Wahrheitsgehalt seines Skandalberichtes wesentlich nicht zu erschüttern: *___Der groß aufgemachte Vorwurf der "Westdeutschen ____Zeitung, der Enthüllungsautor habe ein Photo gefälscht, ____das ihn als Türken "Ali" anläßlich einer Rede des ____CSU-Vorsitzenden Strauß in einem bajuwarischen Bierzelt ____zeigt, erwies sich als haltlose Anschuldigung. *___Die Gaststättenkette McDonald''s verzichtete auf ____Klageverfolgung gegen Wallraffs Schilderung ____unhygienischer Arbeitsweisen in einem ihrer Betriebe. *___Der Düsseldorfer Subunternehmer Alfred Keitel unterlag ____im Prozeß um die von Wallraff aufgedeckten Geschäfte ____mit ausländischen Leiharbeitern. *___Das Fernsehmagazin "Report" aus München konnte zwar ____publikumswirksam nachweisen, daß Wallraff zwei Passagen ____seines Buches "Ganz unten" geklaut hat: bei Michael ____Holzachs Reisebericht "Deutschland umsonst" und beim ____Originalton des ZDF-Filmes "Nebenwirkungen ____unbedenklich". Aber Wallraffs Bericht über den ____Schwarzarbeitermarkt ließ sich so nicht widerlegen. *___Auch der mächtigste Prozeßgegner, der Thyssen-Konzern, ____hatte mit einer Unterlassungsklage gegen Wallraff in ____der Hauptsache keinen Erfolg: Im Februar 1987 gab das ____Düsseldorfer Landgericht dem Duisburger Stahl-Riesen ____zwar in zwei von sieben Punkten recht. Dennoch strich ____der Richter das legitime öffentliche Interesse an der ____Verbreitung der Reportage heraus und lehnte das ____Verkaufsverbot weiterer Auflagen ab.
Nur ein einziger Gegenspieler schien Wallraff gefährlich zu werden. Dieser Gegenspieler ist ausgerechnet der Mann, den Wallraff als besonders skrupellosen Menschenhändler vorgeführt hat: der Oberhausener Leiharbeiter-Unternehmer Hans Vogel (der Herr "Adler" des Buches). Vogel war gegen den parallel zum Buch entstandenen Video-Film "Ganz unten" vor Gericht gezogen. Seine Klage: Mit den hinter seinem Rücken hergestellten Tonband- und Filmaufnahmen hätten die Video-Produzenten die "Vertraulichkeit des Wortes" verletzt.
Tatsächlich verurteilte das Münchner Amtsgericht Wallraff im Januar dieses Jahres zu einer Geldstrafe von 75000 und den Regisseur Jörg Gfrörer zu einer von 25000 Mark. Aber als Wallraff vorvergangene Woche gegen das erstinstanzliche Urteil zur Münchner Berufungsverhandlung antreten wollte, ereignete sich Sensationelles: Obwohl Vogel gute Aussichten zu haben schien, daß erneut zu seinen Gunsten und damit für alle Zukunft gegen Wallraffs Enthüllungsmethoden entschieden werde, zog er seinen Strafantrag zurück.
Aus dem "Krieg mit der Rechten" (Wallraff) ist der Schriftsteller also unzweideutig als Sieger hervorgegangen. Aber ungleich härter als die "rechten Schikanen" trifft ihn nach seinem Bekunden die Kritik, die neuerdings aus den eigenen Reihen gegen ihn vorgebracht wird, etwa vom Journalisten Uwe Herzog im alternativen "Bremer Blatt":
Uwe Herzog, ein langjähriger Freund des Autors und einer von dessen Mitarbeitern am Buchprojekt "Ganz unten", verwahrte sich in seiner Generalabrechnung mit dem politischen Vorbild vergangener Tage zuerst gegen den Beifall von der falschen Seite: "Die Rechten, von Strauß bis Thyssen, seien gewarnt: für ihre Anfeindungen in ''Bild'', im ''Baverischen Rundfunk'' oder anderswo ist hier nichts zu holen. Dann aber zieht er vom Leder.
Der Bestseller "Ganz unten" sei alles andere als das Bravourstück eines einzelnen "Super-Ali". Denn Wallraff habe nicht nur von den Recherchen seiner zahlreichen Mitarbeiter profitiert: er habe auch von fremder Hand verfaßte Erlebnisprotokolle in sein Buch placiert und dann bedenkenlos als eigene Leistung ausgegeben. Herzog selber reklamiert eine ansehnliche Urheberschaft für sich: Immerhin 28 der 256 Seiten seien ausschließlich von ihm "recherchiert und geschrieben" worden.
In einem Interview mit der "Kölner Illustrierten" verschärfte Herzog seine Vorwürfe noch und diktierte in die Notizblöcke der Kollegen: Er kenne "keinen Text in ''Ganz unten'', von dem ich definitiv sagen könnte, er sei von Günter geschrieben. Obwohl alle in "Ganz unten" geschilderten Erlebnisse "Alis" die Wirklichkeit widerspiegelten, sei Wallraff selbst "nicht immer und überall Ali gewesen" und habe er mit dem Verschweigen dieser Wahrheit "die Glaubwürdigkeit des Buches und seine eigene aufs Spiel gesetzt".
Im engsten Kreis des Schriftstellers gilt Herzog seit seiner Philippika als ein gefallener Engel, den, so Wallraff, offensichtlich Vatermordgelüste trieben. Und so ergriffen Getreue Wallraffs öffentlich das Wort, die ihn vor der bösen Zunge in Schutz nahmen. Zu ihnen gehören der Journalist Frank Berger, der Photograph Günter Zint und der "Ganz unten"-Regisseur Jörg Gförer. Diese Solidaritätsbekundungen deutet Herzog seinerseits psychologisch: als emotionelles und materielles Abhängigkeitsverhältnis von der "Firma Wallraff".
Die "Firma Wallraff" scheint tatsächlich das Problem zu sein. Nach dem Riesenerfolg seines Buches "Ganz unten" nämlich hat sich eine heimliche Verwandlung des Günter Wallraff vollzogen: die Verwandlung des Polit-Schriftstellers in den Polit-Unternehmer. Dieser Verwandlung ist Wallraff erlegen, weil er sich seiner Millionen schämte. Ein kreuznormaler Revolutionär war er nun nicht mehr: ein Millionär durfte er vor seinem zu auffälliger Bescheidenheit mahnenden Gewissen nicht sein.
Also versuchte er, die beiden Charakterrollen politisch tadellos miteinander zu verbinden und kündigte an, er werde den mit seiner Kapitalismus-Kritik gemachten Reichtum unter die Leute verteilen, deren tristes Leben er in seinem Bestseller beschrieben hat. Mit dieser etwas zu lauten Ankündigung manövrierte er sich in eine Falle. Denn nun hatte er es plötzlich mit Leuten zu tun, die ihn beim Wort nahmen und Taten sehen wollten. Sie bekamen sie zu sehen.
Tatort Duisburg, Flurstraße: Wundersamerweise in dieser Straße, in welcher der gemeinsame Alltag von Deutschen und Türken ohnehin auf natürliche Art funktioniert, will Wallraff sein in "Ganz unten" versprochenes "Wohnprojekt" wahrmachen: eine kleine Internationale der gelebten Völkerverständigung. Dazu hat er die Stiftung "Zusammen-Leben" gegründet und mit angeblich 1,7 Millionen Mark ausgestattet.
Aber einige der Flurstraßen-Bewohner sind auf ihren Gönner nicht gut zu sprechen: Nicht nur, daß die bereits vor über einem Jahr zugesagte Renovierung der heruntergekommenen Altbauwohnungen immer noch aussteht. Die mit Wallraff kooperierende Wohnungsbaugesellschaft GEBAG verweigert den Mietern, so berichten einige, unter Hinweis auf den immer wieder neuen Renovierungsbeginn auch die aktuell unumgänglichsten Reparaturen.
In der Flurstraße 31 hat die Renovierung inzwischen tatsächlich begonnen. Nur zu welchem Preis? Die Zeitungsbotin Barbara Grittner versteht die Welt nicht mehr. Vor einem halben Jahrhundert wurde sie in dem Torbogen Haus Nummer 31, das die beiden Seiten der Flurstraße überbrückt, geboren und hat dort danach ihr ganzes Leben verbracht.
Wohltäter Wallraff jedoch möchte in diesem architektonisch reizvollen Zentrum der Flurstraße ein Solidaritäts-Büro und eine multinationale Cafeteria einrichten. Außerdem hat er dort Wohnungen für mehrere ausländische sowie eine "passende" deutsche Familie ins Auge gefaßt. Frau Grittner paßte nicht.
Unter dem Datum des 3. April dieses Jahres erhielt sie von der GEBAG einen Brief, in dem ihr mitgeteilt wurde, daß in ihrem Haus nun die Modernisierung beginne; sie möge "Wünsche bezüglich einer neuen Wohnung" äußern. Ein Vertreter der GEBAG, so Frau Grittner, habe ihr überdies erklärt, die Sache eile: Da es sich um eine Renovierung handele, betrage ihre Kündigungsfrist lediglich zwei Monate anstatt der für angestammte Mieter garantierten zehn Jahre.
Obwohl diese Auskunft nicht der Wahrheit entsprach. Ließ sich die alleinstehende Frau unschwer einschüchtern und willigte in einen Umzug ein: aus Angst vor Ärger und aus Sorge, in Wallraffs Insel der Humanität als Störenfriedin zurückzubleiben.
Vom SPIEGEL mit dem Fall der Zeitungsbotin konfrontiert, erklärte Wallraff, er sei dankbar für den Alarm: Selbstverständlich könne die ihm leider unbekannte Mieterin in der Flurstraße 31 wohnen bleiben. Und siehe da: Einen Tag nach dem Alarm erschien ein GE-BAG-Vertreter bei ihr und bot ihr für eine neue Unterkunft 8000 Mark Einrichtungshilfe an. Vom Wohnrecht in der alten schien keine Rede mehr zu sein.
Doch dann kam wie ein Sturmwind Segen über die gute Stube. Dieselbe _(Oben: am Aschermittwoch in Passau ) _(1985; ) _(unten: vor ihrem Wohnhaus in der ) _(Flurstraße 31 in Duisburg. )
Barbara Grittner, die sich vor wenigen Tagen noch "auf schmutzige Art und Weise" aus ihrem Geburtshaus verdrängt gefühlt hatte, teilte dem SPIEGEL kurz vor Redaktionsschluß telephonisch mit, sie sei seit Stunden "der glücklichste Mensch auf der Erde". Denn "der Herr Wallraff" habe ihr völlig überraschend eine neue Wohnung in der Flurstraße zugesichert - und die sei "schöner als alles, wovon ich je zu träumen gewagt habe".
Sie lasse ihm darum "von ganzen Herzen ein riesiges Dankeschön" ausrichten und hoffe nun, man möge gut von ihm schreiben. Aber die Welt versteht Barbara Grittner wohl zum zweiten Male nicht mehr.
Angesichts der Kritik von allen Seiten gestand Wallraff im Gespräch mit Journalisten:"Dieses Buch ist inzwischen wie ein Fluch für mich"; das alte Jahr sei "das schlimmste meines Lebens" gewesen. Das neue Jahr könnte den Fluch, der über dem Werk zu liegen scheint, noch vergrößern. Denn nun gehen mit Wallraff zum ersten Male Kombattanten ins Gericht, die er eine Zeitlang für seine Kronzeugen hielt: zwei Türken aus dem Mitarbeiterstab von "Ganz unten".
Levent Sinirlioglu, 32, ist ein türkischer Sozialist, der seit 1974 in der Bundesrepublik lebt. Weil er sich gegen die Militärdiktatur in seiner Heimat engagiert hatte, wurde er 1986 wie etwa 12000 seiner Landsleute aus der Türkei ausgebürgert und weist sich inzwischen mit einem Fremdenpaß aus. Er ist Vater von drei Kindern und jobbt in Hamburg als Taxifahrer. Taner Aday, 34, lebt seit 1980 in Duisburg und ist dort als Sozialarbeiter beschäftigt.
Levent Sinirlioglu sagt heute von seinem einstigen "Chef" Wallraff, "ungleicher und undemokratischer als er kann man seine Mitarbeiter nicht behandeln", und wo bei Wallraff "das Geschäft aufhört und das politische Engagement anfängt, ist mir inzwischen schleierhaft".
Und Taner Aday, der für Wallraff das von diesem eingerichtete Ausländer-Solidaritätsbüro in Duisburg führte, verrät dieses Büro sei eine "Alibi-Adresse" gewesen, eine Einrichtung der leeren Kasse, die den Ratsuchenden Hilfe kaum habe gewähren können.
Den Aufklärer Wallraff schätzen Sinirlioglu und Aday nach wie vor. Nur sei es einmal an der Zeit, auch über den Aufklärer aufzuklären.
Inzwischen wollen Gerüchte wissen, was hinter der überraschenden juristischen Einigung zwischen Hans Vogel und Günter Wallraff steckt. Denn mit seinem Klageverzicht gab Vogel ohne die geringste Not nicht nur glänzende Karten gegen seinen Erzrivalen aus der Hand; der schon beinahe sichere Sieger zahlt damit auch die Gerichtskosten und die der teuren Anwälte seiner Prozeßgegner "freiwillig". Hat Wallraff an der Sache gedreht? Merkwürdig jedenfalls ist folgender Umstand:
Auch Hans Vogel will ein Buch über das Leiharbeitergeschäft in Deutschland schreiben, er muß es ja wissen. Ein Druckunternehmen aber fand er dafür begreiflicherweise nicht. Da sprang ausgerechnet der Göttinger Steidl-Verlag helfend ein - zu dem der Politgraphiker und Wallraff-Freund Klaus Staeck Beziehungen unterhält und in dem Wallraff nach dem "Ganz unten"-Erfolg sein Büchlein "Predigt von unten" veröffentlichte. Hans Vogel hat vergangenen Mittwoch auf Anfrage bestätigt, daß bereits ein unterschriebener Vorvertrag existiert.
Oben: am Aschermittwoch in Passau 1985; unten: vor ihrem Wohnhaus in der Flurstraße 31 in Duisburg.

DER SPIEGEL 25/1987
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