10.08.1987

Frischzellen: Meist eine Freude erleben

Ende vergangener Woche kam das vorläufige Ende für eine der umstrittensten, aber auch einträglichsten Außenseitermethoden in der Medizin: Das West-Berliner Bundesgesundheitsamt hat wegen "schwerwiegender unerwünschter Wirkungen" den Vertrieb injizierbarer Frischzellen-Präparate bis auf weiteres verboten. *

Ein heidnisches Schlachtopfer spielt sich jeden Dienstag im oberbayrischen Lenggries ab: Frühmorgens, wenn der letzte vom Fensterln heimkehrt, fährt in der Latschenkopfstraße Nummer 2 ein Kastenwagen mit vier Schafen vor, drei hochträchtige Muttertiere und ein Widder werden ausgeladen und in den gekachelten Keller des Hauses getrieben, wo schon der Metzger wartet.

Kaum haben die Tiere ihr Blut verströmt, machen sich vermummte Ärzte ans Werk. Wie Hohepriester in grauer Vorzeit schneiden sie heraus, was für Lebenskraft, Jugendfrische und männliche Pracht steht: die Hoden des Widders, Herz, Hirn und Knochenmark der Ungeborenen.

Eine knappe Stunde später bekommen rund 40 Patienten des Sanatoriums Block die Schafsteile als bläßlichen Brei in die Hinterbacken gespritzt - die Frischzellen sind auf den Weg geschickt.

Als "Jung- und Gesundbrunnen" preist Siegfried Block, einer der bekanntesten Zelltherapeuten, seine Kur an, die er bereits an 60000 Bedürftigen erprobt haben will. Gegen nahezu jedes Übel, vom Mongolismus bis zum Krebs, und immer zur "allgemeinen Revitalisierung" verabreichen ähnlich wie Block etwa 200 Privatkliniken zwischen Alpen und Nordsee das Zellpüree. 5000 westdeutsche Doktoren gelten mittlerweile als Anhänger der umstrittenen Methode, die der Schweizer Mediziner Paul Niehans vor 50 Jahren ersann.

Papst Pius XII, Adenauer, Marlene Dietrich ebenso wie Fidel Castro und Axel Springer sollen aus der Zellspritze neue Kraft bezogen haben; Christiaan Barnard, Lilo Pulver, Inge Meysel, aber auch der gesamte FC Bayern (der Zell-Kapseln schluckt) gehören zu den gläubigen Patienten, mit denen die Behandler werben .

Doch ausgerechnet nun, da "der biologische Trend in der Medizin Rückenwind bringt", so Frischzell-Großproduzent Johannes Miller, droht der Zelltherapie ein schmähliches Ende: Das Bundesgesundheitsamt (BGA) verfügte am Donnerstag letzter Woche ein "vorläufiges Verkehrsverbot" - die Präparate dürfen, bis auf weiteres, nicht mehr verkauft werden.

Anlaß waren jüngst bekanntgewordene Todesfälle nach Zellbehandlungen; zugleich hatten Wissenschaftler vor möglichen schweren Virusinfektionen gewarnt, die mitunter erst Jahre nach der Behandlung mit den tierischen Substanzen auftreten:
* Ärzte der Universitätskliniken Berlin und Mainz
berichteten über immunologische Komplikationen, an
denen zwei Wochen nach einer
"Original-Frischzellenbehandlung nach Prof. Niehans",
eine 60jährige gestorben war; eine 75jährige Frau fiel
den Folgen einer Immunreaktion 30 Tage nach der
Behandlung mit schockgefrorenen Zellen zum Opfer.
* Für den Tod einer 64jährigen wurde der südpfälzische
Zelltherapeut Alexander Gali im Juni dieses Jahres vom
Landgericht Landau verantwortlich gemacht - die
Patientin hatte einen allergischen Schock erlitten.
* Weitere Fälle von Komplikationen, darunter den einer
60jährigen, die eine Woche nach der Spritze auf der
Intensivstation starb, ermittelten TV-Redakteure von
"Monitor".
* Professor Harald zur Hausen, Virologe am Deutschen
Krebsforschungszentrum in Heidelberg, warnte vor einer
Ansteckung mit zwei Virenarten, die im Gewebe von
Schafen häufig vorkommen und die beim Menschen
besonders tückische Erkrankungen des
Zentralnervensystems auslösen können.

Vollends ins Gerede kam die mysteriöse Behandlungsmethode jüngst durch den Fall der Sportlerin Birgit Dressel: Der Tod der 26jährigen Siebenkämpferin, so schloß Ende Juli die Staatsanwaltschaft Mainz aus den ärztlichen Gutachten, hänge auch mit einer "Überforderung des Immunsystems" zusammen, die auf Injektionen tierischer Zellpräparate zurückgehe (siehe Seite 136).

Ein weiterer "böser Fall", so BGA-Sprecher Ulrich Bartelt, brachte jetzt endlich die in Sachen Zelltherapie nachsichtige Behörde auf den Plan: Nach Abstimmung mit dem Bonner Gesundheitsministerium ordnete die Behörde das "Ruhen der Zulassung aller injizierbarer Arzneimittel befristet bis zum 30. Juni 1988" an. Bei den "schwerwiegenden, unerwünschten Wirkungen" handele es sich um Schocks oder auch später auftretende "Schädigungen des Zentralnervensystems mit Atemversagen". Diesen Risiken stehe, auch bei den frisch vom Schaf injizierten Mitteln (für die das BGA nicht zuständig ist), "keine belegte Wirksamkeit" gegenüber.

Zwar hatte das BGA bereits im März dieses Jahres die Ärzteschaft gebeten, Zwischenfälle in Zusammenhang mit Zellbehandlungen zu melden. Doch bis dahin hatten, so kritisiert Professor zur Hausen, die Zelltherapeuten "ohne ausreichende Kontrolle" spritzen können, was die Opfertiere hergaben.

Um sich Manneskraft und langes Leben buchstäblich einzuverleiben, hatten schon die Altvorderen gern die feinsten Teile von Stieren, Pferden und anderem Getier, aber auch von ihresgleichen verspeist: Achilles, griechischer Kraftprotz und Troja-Kombattant, war als Knabe

mit dem Mark von Löwen und Bären aufgepäppelt worden; germanische Krieger stärkten sich mit frischem Pferdehirn; impotente Römer, so berichtet Plinius der Ältere, setzten auf die Wirkung von Hoden junger Keiler.

Nach dem Grundsatz des spätmittelalterlichen Medicus Paracelsus "Similia similibus curantur", zu deutsch: "Gleiches heilt Gleiches", ging Chirurg Hermann Küttner vor, als er 1912 "Aufschwemmungen fein zerkleinerter Gewebe" Menschen injizierte.

Niehans soll davon nichts gewußt haben, als er 1931 erstmals eine Frischzellinjektion gab. Der damals 48jährige Schweizer Chirurg spritzte einer Bäuerin, der ein unerfahrener Kollege bei einer Kropfoperation die Nebenschilddrüsen beschädigt hatte, die zerkleinerten, aufgeschwemmten Nebenschilddrüsen eines Tieres ein: "Die Krämpfe", so berichtete Niehans, "lösten sich, und siehe da, die Sterbende war gerettet."

Der Eingriff wurde von Niehans selbst später als "Geburtsstunde der Zellulartherapie" gefeiert. Was dabei wirklich geschah, läßt sich auch schulmedizinisch durchaus erklären. Doch für Niehans, und später für seine Jünger, war damit ein für allemal bewiesen: Herzzellen heilen Herzen, Leberzellen heilen Lebern, jedem menschlichen Organ kann mit entsprechenden Tierzellen aufgeholfen werden.

Niehans, der den Professorentitel erst 1957 für einen Auftritt in Santo Domingo bekam, experimentierte nun drauflos. Patentrezepte lieferte er nicht nur für gängige Gebrechen, sondern auch für "sexuelle Fehlentwicklungen": "Bei lesbischer Liebe weibliche Zellen. Den unglücklichen Homosexuellen ... statt Strafe: männliche Zellen."

Einer Mutter, deren "Liebling nicht wie ein kleiner Europäer mit runden, offenen Augen in die Welt schaut, sondern wie ein Mongole durch Schlitzaugen", riet Niehans im selben Vortrag zu "Zellen von Thymus, Schilddrüse, Plazenta und Hirnanhang" - "und sie wird meist, wenn auch nicht immer, eine Freude erleben".

Als der Zelltherapeut das Vertrauen des (infolge eines Speiseröhren-Bruchleidens) vom Schluckauf geplagten Pius XII. errang, war der Weg in die High-Society geebnet: Alternde Reiche und Berühmte wie Aga Khan, Wilhelm Furtwängler und König Ibn Saud ließen sich mit Drüsenbrei behandeln.

Während Niehans für seine Kur noch jene auswählte, "die einen Wert für die Welt repräsentieren", widmeten sich seine Nachahmer der übrigen zahlungskräftigen Menschheit:

Ungehindert konnten, Ende der 50er Jahre, geschäftstüchtige Ärzte Kranke und Gebrechliche in die Schlachthöfe laden, um ihnen dort, mit Hilfe eines Veterinärs, zermuste Organe von Kälbern zu injizieren.

Daß schon damals gläubige Patienten durch die Kur Schaden erlitten, konnte den Aufstieg der Zelltherapie nicht bremsen. Der Tod des Violinisten Georg Kulenkampff, der nach einer Frischzellbehandlung durch Niehans mit 50 Jahren an einer Virusinfektion starb, hatte kein Nachspiel; eine Landstuhler Ärztin, die eine rheumatische Schlachtersfrau mit Kalbszellen ins Jenseits spritzte, kam mit 400 Mark Geldstrafe davon.

Allerdings verfeinerten sich mit der Zeit Methoden und Ambiente: Zell-Sanatorien wie die der Doktoren Block und Gali warben mit Kuren in plüschigem Komfort; blitzende Labors und bei Block sogar eine eigene Schafherde sollten Sicherheit vortäuschen.

Vor allem im Blockschen Institut (Preis pro Kurwoche: etwa 10000 Mark), hochtrabend als "Deutsches Zentrum für Frischzellentherapie"- bezeichnet, blieb kein tierisches Teil ungenutzt, kaum ein Leiden unbehandelt: "Dr. Block's Gesundbrunnen" (so ein Buchtitel des Lenggriesers) hält mittlerweile "Frischzellen aus 86 verschiedenen Organen" bereit, als wichtigste sind im Hochglanzkatalog aufgeführt: Mutterkuchen "zur allgemeinen Stärkung", Nabelschnur "gegen Falten", Eierstöcke und Hoden bei "Wechseljahrsbeschwerden und Potenzstörungen". Herzmuskel gegen "Herzmangelleistung", Hirn gegen

"Verkalkung", Bries bei "Infektanfälligkeit und Immunschwäche" .

Am liebsten in "Bild" und "BamS", aber auch in der "Bunten" und artverwandten Blättern meldeten die Zelltherapeuten, im Verein mit anderen Wunderheilern, ihre angeblichen Erfolge: Da konnte, so "Bild", ein von Block betreuter Blinder wieder sehen, ein Gelähmter wurde wieder flott. Lilo Pulvers Beschwerden waren nach der Behandlung "spurlos beseitigt". Bankier Enno von Marcard fand sich hinterher "zwar nicht jünger, aber man bleibt wenigstens gleich alt". Am glücklichsten jedoch war Scheich Mansur dran, dem die Kur "wunderbar geholfen" hatte: "Ich habe zwei Frauen in Kuweit, und die brauchen dreimal täglich Liebe!"

Das prominente Trio zählt zur Kundschaft von Johannes Miller, der in Hamburg, am feinen Ballindamm, die Gefrierzellfabrik "Milcell" betreibt. Mit Hilfe der "Spritze aus der Kälte" (Milcell) konnte der Volkswirtschaftler die Vitaltherapie im großen Maßstab vermarkten: Ärzte und Heilpraktiker, die keinen eigenen Schafstall und nicht mal Beziehungen zum Schlachthof haben, können die Fertigspritzen (Werbeslogan: "Mercedes der Zellpräparate") per Post beziehen und im Kühlschrank lagern. Zum Auftauen wird der Fön empfohlen.

Doch trotz Werberummel und Gefriertechnik blieb, auch nach Jahrzehnten, die Wirkung der legendären Zellen die gleiche: die eines Placebos, das vorübergehend der Psyche aufzuhelfen vermag, nicht aber morsche Knochen, kranke Herzen, schwache Nieren oder gar Erbkrankheiten bessern kann.

Daß tierische Zellen nach der Injektion unversehrt dorthin gelangen sollen, wo die Zelltherapeuten sie hinschicken möchten, ist, so der Hamburger Immunologe und Mikrobiologe Rainer Laufs, ein "besserer Witz", der Professor fühlt sich an die kindliche Vorstellung erinnert, daß "Himbeersaft ins Blut geht".

Hans Baenkler, Immunologe an der Universität Erlangen, findet diese "ganz kühne Idee nicht vereinbar mit der Physiologie". Zwar reisen Zelltrümmer, etwa tierische Eiweißstoffe, durch den ganzen Körper, aber da richten sie eher Unheil an: Die fremden Eiweißstoffe können, das zeigte sich bei den Zwischenfällen, allergische Schocks auslösen; auch im Falle einer Gali-Patientin endete solche Komplikation tödlich.

Auch die Behauptung der Frischzell-Werber, die Allergiegefahr werde durch die Verwendung fötalen Gewebes ausgeschlossen, läßt Baenkler nicht gelten. Die Zellen der ungeborenen Tiere haben, so Baenkler, zwar "eine schwächere Antigenität, sind aber keineswegs frei davon". Auch die Gefriertrocknung könne die Antikörperbildung nicht mindern.

Das Einspritzen der Schafs- oder Kalbszellösung, so bestätigt auch der

Kölner Immunologie-Professor Gerhard Uhlenbruck, bedeute immer "Streß" für den Organismus, und es sei "verwunderlich, daß nicht schon mehr passiert ist".

Mit einer Warnung vor den besonders tückischen, langfristigen Gefahren der Zellinjektionen alarmierte im Juni Professor zur Hausen die Ärzteschaft und das Bundesgesundheitsamt.

Ganz gleich, ob frisch vom Schaf oder gefriergetrocknet - durch Zellpräparate können offenbar sogenannte "Slow-Virus-Infektionen" auf den Menschen übertragen werden, die erst nach Jahren zum Ausbruch kommen. Gerade bei Schafen, so hatte bereits im Januar auch die Weltgesundheitsorganisation gewarnt, finden sich solch bedrohliche Erreger, die mit herkömmlichen Verfahren kaum nachzuweisen sind. Die infizierten Tiere, so zur Hausen, gehen "unter quälender Symptomatik" langsam an Gehirnleiden zugrunde, die Übertragung dieser Erreger auf andere Säuger habe sich zumindest als möglich erwiesen.

Doch die Hersteller der einträglichen Ampullen sind, auch nach dem BGA-Verbot, keineswegs bereit, den verseuchten Jungbrunnen zu schließen.

Als "rein theoretische Spekulation" taten am Donnerstag letzter Woche Manager der Heidelberger Firma Cybila, aus einer Krisensitzung heraus, die Virus-Warnungen ab; bei der großen Anzahl der zelltherapeutisch Behandelten sei es außerdem "vernachlässigbar, wenn ein paar Zwischenfälle vorkommen".

Milcell-Produzent Miller zeigte sich "besonders vom Menschlichen her betroffen": Unter dem "Rundumschlag" des BGA, klagt Miller, würden vor allem Krebspatienten leiden, deren Abwehr nun nicht mehr mit tiefgefrorener Nabelschnur gesteigert werden könne.


DER SPIEGEL 33/1987
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