25.05.1987

VW-AFFÄRE

Völlig verdutzt

Das VW-Management will sich mit dem Verlust aus betrügerischen Devisengeschäften nicht abfinden - auch die Partner in Ungarn sollen zahlen. *

Laszlo Karczag, im Vorstand der Ungarischen Nationalbank (UNB) für das Auslandsgeschäft zuständig, ist auf Deutschland und die Deutschen derzeit nicht gut zu sprechen. "Erst wurde unser guter Name mißbraucht", so Karczag "und jetzt sollen wir dafür auch noch zahlen."

Der Zorn des ungarischen Nationalbankmanagers richtet sich gegen Deutschlands größtes Automobilunternehmen die Volkswagen AG. VW-Vorstandsmitglied Peter Frerk und VW-Chef-Justitiar Jürgen Schow hatten die Staatsbankiers in einem Brief vom 18. März dieses Jahres um "Verständnis" dafür gebeten, "daß wir ... die nach unseren Dokumenten bestehenden Ansprüche ... aufrechterhalten".

Die Ansprüche jedoch bestehen nach Ansicht der Ungarn überhaupt nicht. Sie betreffen neun angeblich zwischen Mai und November 1985 mit der Nationalbank abgeschlossene Devisentermingeschäfte über insgesamt 308 Millionen US-Dollar. Die Dollar waren, so steht es in den VW-Büchern, zum Durchschnittskurs von rund drei Mark in Termingeschäften an die UNB verkauft worden. VW wollte damit andere Terminkontrakte

- den Kauf von Dollar - absichern.

Mitte Februar dieses Jahres hatte sich jedoch herausgestellt, daß die Kontrakte mit den Ungarn nur auf dem Papier standen. VW kann die teuer eingekauften Dollar nicht an die UNB weiterreichen, weil diese von den Geschäften nicht gewußt haben will und die Unterlagen als gefälscht bezeichnet.

Da der Dollar inzwischen um 1,20 Mark an Wert verloren hat, muß VW einen Verlust von insgesamt 370 Millionen Mark aus diesen neun Geschäften verbuchen. Sie addieren sich mit den Verlusten aus weiteren windigen Kontrakten, die durch Manipulationen im Devisenhandel entstanden, zu fast einer halben Milliarde. Mit dem Verlust haben sich die VW-Manager jedoch noch nicht endgültig abgefunden. Zumindest einen Teil möchten sie gern auf die Ungarn abwälzen.

Die jedoch stellen sich stur. In seiner Antwort an Frerk erinnerte UNB-Manager Karczag daran, daß eine von Wolfsburg an die Donau entsandte Untersuchungskommission am 27. Februar in einem Protokoll gemeinsam mit der UNB zu dem Schluß gekommen sei, daß die Bestätigungen der Ungarn für die fraglichen Devisengeschäfte "gefälscht" wurden. Sein Haus, so Karczag, lehne daher "jegliche Ansprüche" der Wolfsburger "kategorisch" ab.

In der Tat können die Budapester Bankiers durch den Hinweis auf die gefälschten Belege glaubhaft machen, daß sie von den fraglichen Geschäften nichts wußten. Die UNB-Manager haben darüber hinaus ein Schreiben vom Januar 1986 in Händen, mit dem die Wolfsburger bescheinigen, daß per Ende 1985 keine laufenden Kontrakte mit den Ungarn in den Büchern stehen.

Dem VW-Persilschein für die Ungarn war eine merkwürdige Korrespondenz zwischen Wolfsburg und Budapest vorausgegangen. Der Schriftwechsel belegt, wie nachlässig bei VW die Kontrolle von Devisengeschäften gehandhabt wurde.

Am 30. September 1985 hatte VW die UNB aufgefordert, acht Termingeschäfte über insgesamt 290 Millionen Dollar zu bestätigen. "Wir waren", so erinnert sich Istvan ("Steve") Töröcskey, stellvertretender Chefdevisenhändler der Nationalbank, "völlig verdutzt."

Auf seine Rückfrage in Wolfsburg habe VW zurückgeschrieben, die Ungarn sollten das vorangegangene Schreiben bitte ignorieren", es sei "irrtümlich abgesandt" worden. Die Bitte um Bestätigung vom 30. September war echt; sie paßte aber wohl VW-Chefdevisenhändler Burkhard Junger nicht, der sie deshalb einfach als Irrtum bezeichnete.

Junger sitzt in Untersuchungshaft, weil der Staatsanwalt ihn verdächtigt, zusammen mit dem Frankfurter Devisenmakler Joachim Schmidt durch betrügerische Geschäfte den VW-Konzern um

480 Millionen Mark geschädigt zu haben Schmidt ist auf der Flucht.

Bei VW fragte damals offenbar niemand nach. Warum denn Antwort aus Budapest - die Junger ja verhindert hatte - ausblieb. Die Ungarn dagegen baten am 24. Januar Vergangenen Jahres die Wolfsburger um Bestätigung, "daß wir per 31. 12. 85 nichts von Ihnen in den Büchern haben". Diese Bestätigung kam prompt - von Junger.

Gut ein Jahr später stellte sich heraus, wie nützlich die Bescheinigung aus Wolfsburg war. Am 18. Februar dieses Jahres rief die Frankfurter DG Bank, die bundesdeutsche Korrespondenz-Bank der Ungarn, in Budapest an und bat um Überweisung von 155260000 Mark - den Gegenwert für 50 Millionen Dollar, die an diesem Tag von VW an die Ungarn gehen sollten.

Die Ungarn zeigten sich zum zweiten Mal verblüfft. Von einem derartigen Geschäft, so ihre Antwort an die DG Bank, sei ihnen nichts bekannt. Als VW die schriftliche Bestätigung der Ungarn für den Kontrakt vorlegte, erklärten sie diese für gefälscht: "Die beiden in Frage kommenden Unterschriften", so die UNB kühl, "sind nicht in der Liste unserer autorisierten Unierschriften."

Die Fälschungen, die dem VW-Management eine geschlossene Devisenposition vorgaukelten, waren reichlich grob - ein weiterer Beleg für die mangelnde Kontrolle in Wolfsburg. Teilweise wichen die Dokumente in bis zu 17 Punkten von den offiziellen Schreiben der UNB ab: Das Papier war ein anderes, das Schriftbild auch, die Buchungsnummern für die Geschäfte stimmten nicht.

Für die Vorgesetzten von Devisenchef Junger, die Innenrevision in Wolfsburg und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Treuarbeit waren die Fälschungen jedoch offenbar gut genug. Fast zwei Jahre lang und über zwei Bilanzstichtage hinweg blieben die Manipulationen unentdeckt.

Dabei hätte schon ein kurzer Blick in das offizielle Unterschriftenverzeichnis der UNB genügt, um den Schwindel auffliegen zu lassen. Die von den Fälschern verwendeten Unterschriften sind in dem Heftchen, das jedem Geschäftspartner der Ungarn zugänglich ist, nicht enthalten; auch die von den Fälschern verwendete Bezeichnung National Bank of Hungary ist nicht zu finden. Für offizielle Schreiben ist der ungarische Name Magyar Nemzeti Bank vorgeschrieben.

Ohnehin hätten die Devisengeschäfte mit der UNB die Wolfsburger Kontrolleure von Anfang an mißtrauisch machen müssen. Die Kontrakte waren nämlich Teil einer Kette von zweifelhaften Geschäften zu sogenannten historischen, das heißt marktabweichenden Kursen.

Das ging so: Volkswagen kaufte von den Ungarn per Kasse, also sofort, Dollar gegen Mark und zahlte dafür weit

mehr als den seinerzeit gültigen Tageskurs. Die Dollar reichten die Wolfsburger per Kasse zu ebenfalls überhöhten Sätzen an amerikanische Banken weiter. Deutschen Geldinstituten ist der Devisenhandel zu historischen Kursen verboten. Von den Amerikanern kauften die VW-Leute die soeben verkauften Dollar gleich anschließend - wiederum zu teuer - per Termin zurück. Die so entstandene offene Dollarposition schloß VW-Devisenchef Junger dann auf dem Papier indem er die teuren Termin-Dollar angeblich per Termin nach Budapest weiterreichte. Doch dieser Teil des Geschäfts war nur vorgetäuscht, und daraus erwuchsen VW die Verluste.

Daß VW Kassa-Geschäfte zu historischen Kursen mit ihnen abschloß, schien die Ungarn monatelang nicht zu stören. Da die vereinbarten Kurse zu ihren Gunsten waren, verdienten die Staatsbankiers viel Geld - bei insgesamt neun Geschäften angeblich über 50 Millionen Mark. Der Frankfurter Devisenmakler Schmidt, der die Geschäfte vermittelte hatte für die marktfernen Kurse, so die Ungarn, eine "plausible Erklärung". Schmidt, so der bei UNB für die VW-Geschähe zuständige Devisenhändler Töröcskey, habe ihm gesagt, VW wolle auf diese Weise "Gewinne verschieben".

Als VW die UNB Ende September 1985 aufforderte, Termingeschäfte über 290 Millionen Dollar zu bestätigen, wurden die Ungarn jedoch plötzlich anderen Sinnes. UNB-Manager Töröcskey teilte Makler Schmidt mit, in Zukunft "keine komischen Kurse mehr" akzeptieren zu wollen. In Wolfsburg dagegen kam offenbar niemand auf die Idee, bei den Ungarn nachzufragen, warum sie die Dollarabnahmeverpflichtungen, die VW in den Büchern hatte, immer wieder verlängerten, obwohl der Kurs der amerikanischen Währung seit 1985 nur noch eine Richtung kannte: nach unten. Selbst als im SPIEGEL und im "Platow-Brief" Berichte über eine Devisenschieflage erschienen, schöpften die Wolfsburger Prüfer keinen Verdacht, daß an den Ungarn-Kontrakten etwas faul sein könnte.

Dem VW-Vorstand dürfte Anfang Juli denn auch eine unerfreuliche Hauptversammlung bevorstehen. Zwei Aktionärsgemeinschaften, unter ihnen die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz mit Otto Graf Lambsdorff an der Spitze, haben bereits angekündigt, daß sie dem Wolfsburger Management die Entlastung verweigern werden.

Der VW-Vorstand betrachtet sich jedoch als unschuldiges Opfer einer Verschwörung. "Gegen kriminelle Energie", so VW-Chef Carl Hahn, "sind wir im Zweifel machtlos."

Als Verschwörer kommen für die VW-Manager neben ihrem ehemaligen Devisenchef Junger und dessen Makler-Freund Schmidt offenbar auch die Ungarn in Betracht. Angeführt von Vorstandsmitglied Frerk, der bis zum Eintritt

des neuen Finanzchefs Dieter Ullsperger kommissarisch das Ressort Finanzen führt, versuchen die VW-Manager derzeit, den Ungarn eine Mitschuld an dem Devisenschwindel nachzuweisen.

Sie sind dabei nicht ohne Chancen. Vor allem das Verhältnis der UNB zu dem vermutlichen Haupttäter Schmidt bietet reichlich Anlaß, an der Unschuld der Ungarn zu zweifeln.

Während VW mit Ausnahme von Devisenchef Junger und wahrscheinlich einiger Helfer all die Jahre nichts von der Existenz Schmidts erfuhr, pflegten die Ungarn zu dem Frankfurter Makler enge Kontakte - viel engere, als sie zugeben wollen. Schmidt reiste oft und gerne an die Donau. Er soll dabei, so ehemalige Mitarbeiter, stets viele Geschenke mitgenommen haben.

Manchmal waren auch Kollegen dabei. So flog Schmidt etwa 1985 mit einigen Mitarbeitern im Privatflugzeug nach Budapest, um mit der UNB deren neue Devisenhandelsabteilung einzuweihen. Im vergangenen Jahr verlegte Schmidt sogar die Weihnachtsfeier seines Büros in die ungarische Hauptstadt. Zu Gast waren selbstverständlich auch seine Freunde von der Nationalbank.

Obwohl die Ungarn Schmidt nach eigenen Angaben insgesamt fast vier Millionen Mark Courtage zahlten, kam davon nie ein Pfennig auf dem Geschäftskonto des Maklers bei dem Bankhaus Merck, Finck & Co. an. Die Ungarn überwiesen die Millionen auf Schmidt-Konten vorzugsweise in der Schweiz und ermöglichten dem Frankfurter so, seine Steuerschuld zu verkürzen.

Im Sommer 1985, also genau zu der Zeit, zu der auf Vermittlung Schmidts die umstrittenen Devisengeschäfte zwischen VW und der UNB vereinbart wurden, war der Makler seinen ungarischen Freunden einmal besonders zu Gefallen. In aller Eile besorgte Schmidt für einen Ungarn einen Golf GTI. Von den 21000 Mark, die das Auto kostete, übernahm das Büro Schmidt 13000.

Der Name des Ungarn, für den Schmidt so eifrig und großzügig tätig war, ist Laszlo Benedec. Der Mann betreibt ein Dentallabor in Budapest und hat mit Geldgeschäften selbst nichts zu tun. Laszlo hat jedoch hervorragende Beziehungen zur Ungarischen Nationalbank. Sein Bruder Georg arbeitet dort in der Innenverwaltung, und einer seiner besten Freunde ist stellvertretender Leiter des Devisenhandels: Es ist jener Steve Töröcskey, der für die Ungarn die Geschäfte mit Schmidt und VW abwickelte.

Der UNB-Manager räumt inzwischen auch ein, das Auto für seinen Freund bei Schmidt bestellt zu haben. Er habe, so Töröcskey, den Makler lediglich um einen "Gefallen für einen guten Bekannten" gebeten. "Ich weiß", so der Ungar, "die Sache setzt mich in ein schlechtes Licht. Aber ich bin nicht korrupt."


DER SPIEGEL 22/1987
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