02.11.1987

„Ich wollte nicht weg“

Der Hamburger Thalia-Intendant Jürgen Flimm landete den Theatercoup des Jahres: Alexander Lang, der brillanteste Regiseur, den die DDR in letzter Zeit noch vorzuzeigen habe, kapituliert vor den starrsinnigen Kulturfunktionären seines Landes und geht 1988 als Schauspieldirektor nach Hamburg. *
Nicht auszumalen, wie das westdeutsche Schauspieltheater des letzten Jahrzehnts dastünde, wenn nicht ein Zustrom von Künstlern aus der DDR immer wieder für Überraschung, Mühsal und Schärfe gesorgt hätte. Sicher, manch schwere Stunde wäre dem westlichen Theaterliebhaber erspart geblieben, manch harte, mit preußischem Ernst durchexerzierte Geschichtslektion, doch ihm wären auch viele Augenblicke heller theatralischer Intelligenz entgangen.
Die westdeutschen Bühnen hätten ohne die Rabiatheit der kulleräugigen Kindfrau Katharina Thalbach auskommen müssen, ohne den innigen Ton von Jutta Hoffmann, ohne Angelica Domröses kapriziöse Eleganz; dem Theater hätte die proletarische Energie von Hilmar Thate gefehlt, dem Fernsehen der breitschultrige Charme Manfred Krugs, dem Kino die unrasierte Männlichkeit von Armin Mueller-Stahl. Vor allem aber hätten tatkräftige Regisseure, ohnehin - Mangelware, gefehlt.
Vielleicht wird sich irgendwann erkennen lassen, daß die DDR-Kulturpolitik des Jahrzehnts seit der Biermann-Ausbürgerung ihre wirklichen Früchte im Westen getragen hat: indem man die besten Theatermacher des Landes Stück um Stück hinaus- und hinübergraulte, sozusagen eine ganze Generation. "Ich bin einer der letzten, die noch weg mußten", sagt Alexander Lang, 46, "danach wird es ruhig." Der international gefeierte Regisseur des Ost-Berliner Deutschen Theaters ist, anderthalb Jahre nach seiner letzten Premiere dort, zur schmerzenden Einsicht gekommen, daß seine DDR ihn zwar 1985 eines Nationalpreises Erster Klasse für würdig befand und ihn noch 1986 in den feinen Mitgliederkreis ihrer "Akademie der Künste" aufnahm, daß aber die obersten Zuständigen in Sachen Theater an seinen "reichen Mitteln sozialistisch-realistischer Bühnenkunst" (so das "Neue Deutschland" über Lang) kein ernsthaftes Interesse mehr haben. Lang kann gehen. Jürgen Flimm, Intendant des Hamburger Thalia Theaters, nutzte die Chance und landete den Theatercoup des Jahres. Er verpflichtete Lang von der nächsten Spielzeit an für drei Jahre als Direktionsmitglied an sein Haus - als Nachfolger des DDR-Abwanderers Jürgen Gosch, der in die Leitung der Berliner Schaubühne wechselt.
Nicht alle Theater-Exilanten sind von der DDR gleichermaßen in den Westen gedrängt worden.
Den einen hat man Knall auf Fall ausgebürgert und mit Frau und Kind abgeschoben (den Regisseur Herbert König), der andere bekam großzügig freie Fahrt für die Mitnahme seiner kostbaren Antiquitätensammlung in den Westen (der Sänger und Schauspieler Manfred
Krug), und mancher hat auch nach langen Gastarbeiter-Jahren in der Bundesrepublik an seiner DDR-Staatsbürgerschaft festgehalten - etwa Adolf Dresen, der ein paar tapfere Jahre in Frankfurt als Intendant tätig war, oder B. K. Tragelehn, der jetzt Oberspielleiter in Düsseldorf ist.
Schon immer sind DDR-Regiestars in den Westen hinübergewechselt, von Peter Palitzsch und Götz Friedrich bis Benno Besson. Doch allein die Liste derer die in den letzten Jahren kamen, und keiner ganz aus freien Stücken, ist eindrucksvoll lang: Adolf Dresen, Manfred Karge, Matthias Langhoff, B. K. Tragelehn, Jürgen Gosch, Einar Schleef, Peter Kupke, Herbert König. Jeder ist ein "Fall", ein politischer Fall, doch eine "Gruppe" waren sie dort nicht und sind sie nicht hier.
Gemeinsam ist ihnen, daß sie sich dort weder als Staatsfeinde noch als flugzettelverteilende "Dissidenten" gebärdeten, deshalb ließen sie sich auch hier nicht politisch vereinnahmen. Eine unerwiderte Liebe zur DDR hat sie in die Fremde getrieben kaum eine besondere Zuneigung zur Bundesrepublik oder Gier nach den Herrlichkeiten des Westens. Eine Gesellschaft, die sie so ernst nahm, daß sie sie dringend loswerden wollte, haben sie eingetauscht gegen eine, die sie wohlleben läßt um sie nicht über Gebühr ernst nehmen zu müssen.
Gemeinsam ist ihnen ein hervorragendes technisches und intellektuelles Training, eine strenge Arbeitsmoral, eine in DDRspezifischen Ränkespielen geschärfte Kampfkraft und ein Durchsetzungswille, der dann gelegentlich auch westliche Bühnenchefs mit den Ohren schlackern ließ. Gemeinsam ist ihnen: Sie sind deutsch, auch stur deutsch und manchmal fürchterlich deutsch.
Das hat Gründe: Während das bundesrepublikanische Nachkriegstheater sich in Spielplänen und Stilmoden gar nicht international genug sein konnte, hat die DDR ihre eigene Tradition in der kritischen Auseinandersetzung mit den Klassikern entwickelt - nicht bloß als Ausgleich für die Pflichtübungen in sozialistischer Gegenwartsdramatik, vielmehr aus prüfendem Interesse an den Erblasten der Nation.
Etwas von diesem deutschen und preußischen Grundimpuls haben die Ost-Zuwanderer - deren Fixstern längst nicht mehr Brecht ist, sondern Heiner Müller - dem West-Theater beigebracht: Es ist durch sie deutscher geworden, als es je war, und zu diesem Impuls bekennt
sich auch Alexander Lang. Am Deutschen Theater in Ost-Berlin, dessen Ensemble er seit 1969 angehörte, hat Lang - ein schmaler, zäher Mensch mit Klassikerkopf - Schillers Ferdinand und Kleists Prinzen von Homburg gespielt. Seine rasche Regiekarriere dann wurde möglich, weil schon so viele vor ihm das Feld geräumt hatten: Er konnte nachrücken, und die Bravour seiner schnellen, scharfsinnigen und scharf stilisierten Klassiker-Interpretationen fand seit "Dantons Tod" (1981) auch internationale Beachtung. Endlich hatte das Haus laut offiziellem Auftrag die "führende Schauspielbühne des sozialistischen Nationaltheaters", wieder einen Regie-Star, um den man sich riß.
Nun aber ist Alexander Lang wohl zum späten letzten Opfer der Kunst-Katastrophe geworden, in die das Deutsche Theater 1983 geriet: Eine "Faust II"-Inszenierung, riesig geplant zur Wiedereröffnung des luxuriös renovierten Hauses, brach unvollendet unter ihrer Riesigkeit zusammen, und in diesem Debakel ging auch die Solidarität der drei Hauptbeteiligten - Regisseur Friedo Solter, Faust-Darsteller Alexander Lang, Mephisto-Darsteller Dieter Mann - zu Bruch.
Einige Monate später, im Februar 1984, wurde "Mephisto" Dieter Mann glänzender Komödiant, Publikumsliebling, SED-Mitglied und geschäftiger Künstler-Gewerkschaftsfunktionär, zum neuen Intendanten ernannt. Der vitale Überlebenskünstler Friedo Solter stieg zum Chefregisseur auf, "Faust" Alexander Lang jedoch wurde Zug um Zug ins Abseits manövriert.
Anfangs, unter Manns Intendanz, konnte Lang noch zwei kühne Großunternehmungen verwirklichen: ein Doppelprojekt, das Goethes "Iphigenie" und Grabbes "Gothland" gegeneinandersetzte, und eine "Trilogie der Leidenschaft", die ihren Bogen von der "Medea" des Euripides über Goethes "Stella" zu Strindbergs "Totentanz" spannte. Lang bewies auch, wie sehr er die gemeinsame große Sache wollte und an sie glaubte, indem er zum 40. Jahrestag der Kapitulation ein nationales Pflichtstück erster Güte inszenierte, Johannes R. Bechers "Winterschlacht": Der Intendant stellte den antifaschistischen Edelhelden dar.
Erich Honecker, gern zitiert, will den Künstlern der DDR eine "Vielfalt der Handschriften" zubilligen, doch Dieter Mann hatte schon bei seinem Amtsantritt das Spektrum der Stile elegant eingegrenzt: "Man kann sich über Handschriften unterhalten, man muß nur wissen, ob man noch dasselbe Alphabet schreibt." Alexander Langs Kunst-Alphabet war bei weitem nie so "sozialistisch-realistisch", wie das "Neue Deutschland" aus gegebenem Anlaß lobte, und so wurde am Deutschen Theater rasch immer weniger nach Langscher, immer deutlicher nach Mannscher Art buchstabiert: nicht mehr kühn und mit blitzender Intelligenz, sondern handfest volksnah, saftig wie die SED. Als nichts mehr weiterging, im Mai 1986, ließ Lang sich auf drei Jahre beurlauben.
Er arbeitete sechs Monate als Gast an den Münchner Kammerspielen, wo Ende März 1987 als Doppelprogramm Racines "Phädra" und Kleists "Penthesilea" Premiere hatten - für die Fachzeitschrift "Theater heute" das "Projekt der Saison" -, die Jahre 1988 und 1989 wollte er dann ganz dem "Ring des Nibelungen" an der Ost-Berliner Staatsoper widmen. Doch seine weitere Zukunft blieb ungewiß, obwohl Lang über viele Monate beim Kulturministerium immer wieder auf Klarheit drängte.
"Ich wollte nicht weg. Ich machte Vorschläge, suchte Auswege. Wenn man mir zugesagt hätte, daß ich in drei oder fünf Jahren ein Theater bekomme hätte ich durchgehalten." Doch am Ende wurde ihm klargemacht, daß mehr als eine Inszenierung dann oder wann für ihn in Ost-Berlin nicht mehr zu kriegen sei - buchstäblich nichts für einen Mann, der mit seinem ganzen Theaterverstand in Ensemble-Zusammenhängen, übergreifenden Konzepten und weiten Perspektiven denkt.
Den "Ring des Nibelungen" hat die Ost-Berliner Staatsoper auf unbestimmte bessere Zeit vertagt; nun arbeitet Lang noch einmal in München, wo Mitte Dezember das Schauspiel "In der Einsamkeit der Baumwollfelder" von Bernard-Marie Koltes herauskommt: Langs erste Auseinandersetzung mit einem jungen Autor westlicher Prägung. Sein Einstandsstück in Hamburg soll dann "Clavigo" sein. Wenn der Klassikerkopf Lang - auch er will DDR-Bürger bleiben - seinen Blick auf Hamburg richtet, freut er sich auf "die Stadt, in der es schon Lessing schwer gehabt hat". Ruhe wird er nicht geben, dazu ist seine Theaterleidenschaft zu groß.
Bei einem Moskau-Gastspiel mit seiner "Danton"-Inszenierung im letzten Dezember hat Lang das heftige Gären im russischen Theaterbetrieb miterlebt, Aufbruchstimmung und frischen Mut. Daß aber in der DDR absolut kein Bedarf an "Glasnost" oder "Perestroika" sei, hat der ZK- und Politbüro-Kulturpapst Kurt Hager, in letzter Instanz auch für Langs Schicksal zuständig, mit einer strammen Formel proklamiert: Bloß weil der Nachbar seine Wohnung renoviere, so Hager, müsse man doch nicht in der eigenen die Tapeten erneuern. Weil das gelten soll, blieb auch Alexander Lang nur der Tapetenwechsel in den Westen.

DER SPIEGEL 45/1987
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