02.11.1987

BIOGRAPHIENSchöne Libelle

In der Zeit zwischen den Kriegen war sie einer der schillerndsten Stars der europäischen Kunstszene. Jetzt wird die Art-Deco-Künstlerin Tamara de Lempicka wiederentdeckt. *
Er lebte 25 Jahre lang als Mensch und dann 12 Jahre als Ehemann. Nach letzteren war seine Seelenmechanik derart verbogen, daß er den Mund meist nur noch zum Trinken aufbekam. Kurz bevor er Frankreich und seine Frau verließ, röchelte er, schon am Rande des Wahnsinns: "Sie ist kein Mensch. Sie ist ein Ungeheuer."
Le Tout-Paris war da ganz anderer Ansicht. Die Hochgeborenen, die Reichen, die Schönen und die Schicken und all die anderen Stützen der guten Gesellschaft nannten sie bewundernd "La Lempicka". Sie ließen sich von ihr malen und von ihr lieben - und sie zahlten teuer dafür: die einen mit Geld, die anderen mit Gefühlen, viele mit beidem.
Anderthalb Jahrzehnte lang war diese Tamara de Lempicka einer der Stars des europäischen Kunstbetriebs. Wie kaum eine andere Frau beherrschte sie in der Zeit zwischen den Kriegen die französische Hautevolee, vor allem deren männlichen Teil. Ihre Auftragsporträts waren die teuersten, ihre Partys die glänzendsten, ihre Verehrer vom Feinsten - Prinzen, Grafen, Millionäre, ab und zu erhörte sie zur Abwechslung auch eine Dame.
Dann aber, ganz plötzlich, fielen die Frau und ihre Bilder aus der Mode: Ihr Bildwerk verstaubte auf Speichern, sie selbst im mexikanischen Retiro.
Doch jetzt ist, ebenso plötzlich, die Lempicka wieder en vogue. Ihre Bilder, bis vor ein paar Jahren für Klimpergeld vertrödelt, erzielen auf Auktionen bis zu 300000 Dollar, Galeristen und ähnlich verzeitgeistigte Naturen rühmen sie als die "Grande Dame des Art Deco". Hollywood plant die Verfilmung ihres Lebens.
Anfang Dezember erscheint die deutsche Ausgabe der ersten Biographie über Tamara de Lempicka, verfaßt von ihrer Tochter Kizette und dem amerikanischen Kunst-Autor Charles Phillips. Diese Hommage an ein Erfolgsweib ist in den USA ein schon Seller, denn nur zu genau entspricht die Lempicka dem Ideal der jungen- Aufsteigergeneration mit ihrer von Mehrschein und Mehrwert geprägten Vorstellungswelt. _(Baronesse Kizette de ) _(Lempicka-Foxhall. Charles L. Phillips: ) _("Passion by Design - The Art and Times ) _(of Tamara de Lempicka". Abbeville Press: ) _(Wilhelm Heyne Verlag, München; 192 ) _(Seiten; 68 Mark. )
Berühmt werden und reich, und das sofort, mit diesem Vorsatz kam die 20jährige Tamara 1918 in Paris an - auf dem Umweg über das Bett des schwedischen Gesandten in Petersburg, der ihr und ihrem Mann als Gegenleistung für Stattgehabtes die Flucht vor Lenins revolutionärem Mob ermöglicht hatte.
Die beiden, die als Großbürger im Rußland des Zaren ein in Gold gefaßtes
Leben geführt hatten, besaßen bei Ankunft in Frankreich: ein paar geschmuggelte Juwelen, vier Paar Schuhe und einige Koffer. Anderthalb Jahre später auch noch Tochter Kizette.
"Kein Geld, ein Kind, keine Arbeit", klagte die Emigrantin ihrer Schwester; die erinnerte sich, daß Tamara als Kind recht hübsch gezeichnet hatte, und riet, um besseren Rat verlegen, zur Malerei.
Am nächsten Tag meldete sich Tamara in einer Malakademie an, am übernächsten schwor sie sich angesichts der sie umgebenden Schar von brotlosen Künstlern: Sie werde nur lernen, was kommerziell verwertbar sei, sie werde in einem ganz anderen, teuren Stil für ein reiches Publikum malen und für ihre Werke so viel erlösen, daß sie sich für jeweils zwei verkaufte Bilder ein Armband kaufen könne - "und dies werde ich so lange tun, bis mir die Diamanten bis zum Ellbogen reichen".
Monatelang malte und übte und übte und malte sie, immer wieder änderte sie ihren Strich, den Farbauftrag, die Farbzusammensetzungen - dann hatte sie den anderen, teuren Stil gefunden: Heraus kamen Bilder in kühlen Farben, glatt wie Email, mit der aggressiven Vereinfachung von Werbeplakaten und jener flachen Eleganz, die auch im Kunstgewerbe gepflegt und später Art Deco genannt wurde.
Mit Bedacht schuf sich das gerade dem Teenager-Alter entwachsene Mädchen seinen Markt, indem es zielstrebig die Society infiltrierte. Sie war schön, blond, schlank - ein sylphidenartiges Geschöpf, dessen unschuldiger Gesichtsausdruck reizvoll mit dem mühevoll kultivierten Schlafzimmerblick kontrastierte. Selbst den - an Frauen eigentlich weniger interessierten - Schriftstellern Jean Cocteau und Andre Gide wurde in Gegenwart der Lempicka ganz anders.
Um die Frauen der feinen Gesellschaft zu gewinnen, stilisierte sich die Lempicka geschickt zur Dame. In ihren (anfangs aus Geldmangel selbstgenähten) Kleidern sah sie aus wie eine zum Leben erwachte Figur aus dem Journal des Luxus und der Moden, in den Salons glänzte sie mit poliertem Charme und geistreicher Konversation - wobei sie nie vergaß, geheimnisvoll eine verwandtschaftliche Nähe zur Zarenfamilie anzudeuten.
Bald kamen die ersten Aufträge, 1923 hatte sie es geschafft. 50000 Franc, damals ein kleines Vermögen verlangte und bekam sie für ihre Auftragsporträts, an denen sie kaum länger als drei Wochen arbeitete. Adlige aus ganz Europa, Fabrikanten, Doktoren und wohlhabende Dandys bettelten förmlich darum, von der Lempicka abkonterfeit zu werden - wobei viele der Porträtierten auch noch in den Genuß ihrer Gunst kamen, aus rein künstlerischen Gründen, versteht sich: "Zu meiner Inspiration brauche ich Liebhaber. Und ich hatte viele, viele."
Vor Tamaras Palette drängten sich auch die Damen der Monde und der Demimonde, deren Gatten oder Liebhaber die mächtigen Aktbilder bezahlten. Marmorkühl rekeln sich da vor kantig gestaffelten Wolkenkratzern wohlgedrechselte Leiber - gleichsam Turbo-Brünnhilden mit blinkenden, wie aus Metall gefrästen Haarkonstruktionen. Auch die Körper ihrer weiblichen Modelle dienten der lebenshungrigen Lempicka als Quell künstlerischer Inspiration.
Manche ihrer Klienten freilich behandelte die Lempicka während der stundenlangen Sitzungen ziemlich rüde. "Wir sind es nicht gewohnt, daß mit uns in diesem Ton gesprochen wird", beschwerte sich etwa der König Alfons von Spanien. "Und wir sind es nicht gewohnt, daß unsere Modelle so viel quatschen", antwortete die Lempicka. Hoheit hielten fortan den Mund.
Ganz gegen seine Gewohnheit zurückstecken mußte auch der italienische Dichter Gabriele D''Annunzio, der als einer der größten Erotomanen seiner Zeit galt und schon Tausende beglückt hatte - von berühmten Frauen wie der
Schauspielerin Eleonora Duse (die ihm rettungslos verfallen war) bis hin zu Freudenmädchen (die kein Geld von ihm nahmen).
Nun wollte er, während der Porträtsitzungen in seinem operettenhaften Schloß, die Lempicka. Doch die entzog sich dem 63jährigen - bis er es nicht mehr aushielt. Eines Nachts schlich er im Pyjama in ihr Schlafzimmer und entblößte sein Wollen. Ob er ejakulieren dürfe, stotterte der ziegenbärtige Lustgreis. Aber gerne, antwortete die Künstlerin kühl, "solange Sie dabei Ihre Kleidung anbehalten".
Wutentbrannt verkehrte daraufhin der solcherart Verschmähte mit seiner Haushälterin vor Tamaras Zimmertür - so laut, daß die Lempicka deutlich seine Vox copuli hörte. Sie reiste daraufhin ab.
Tamaras Leben zwischen Prominenz, Partys und Palette, ihr Dasein als Society-Libelle und Erfolgsmalerin machte ihrem Ehemann Tadeusz arg zu schaffen. Als schönster Mann von St. Petersburg und Mittelpunkt aller Gesellschaften hatte er einst gegolten - jetzt war seine Tamara, die er als 18jährigen Backfisch geheiratet hatte, der Glanzpunkt der Society.
Da half es nichts, daß seine Frau nun endlich auch den immer einsilbiger und versponnener werdenden Gatten porträtierte - er verließ sie, noch bevor das Werk fertig war.
1925 malte die Lempicka ihr berühmtestes Bild, eine Auftragsarbeit für das Titelblatt des Berliner Modejournals "Die Dame". Darauf porträtierte sich die Meisterin der Pose und der Selbstinszenierung, wie sie von der Welt gesehen werden wollte - als eisenäugige Göttin, so unberührbar wie verführerisch: Tamara mit grauer Autokappe und in dekorative Falten geworfenem Schal hinter dem Steuer eines grünen Roadsters.
Neun Jahre nach ihrer Ankunft in Paris war die Lempicka reich und berühmt. Jetzt fehlten ihr nur noch zwei Dinge - noch mehr Geld und ein Adelstitel. Beides besaß der ungarische Baron Raoul Kuffner, welcher selber zwar nicht besonders jung und auch nicht besonders ansehnlich war. Dafür aber verfügte er über ertragreiche Latifundien in Ungarn sowie über das erforderliche Maß an Lebensart. Leider aber auch über eine äußerst attraktive Geliebte in Gestalt der andalusischen Star-Tänzerin Nana de Herrera.
Deren Fehler war, sich von der Lempicka malen zu lassen. Das Bild wurde eine Hinrichtung mit Farbe und Pinsel, Tamara de Lempicka wurde Baroneß Kuffner und der Baron ein genervter Mann.
Denn fortan redete ihm Frau Baronin die Ohren fusselig, er solle seine geliebten Familienbesitzungen verkaufen - sie hatte 1934 in Berlin Hitlers Horden gesehen und seither nur noch ein Ziel: raus aus Europa mit Mann und Millionen. "Rollie", wie sie ihn wegen seiner Leibesfülle nannte, verstand das alles nicht.
Fünf Jahre dauerte es, bis sie ihn soweit hatte. Dann, wenige Monate vor Kriegsbeginn im Sommer 1939, schiffte sich Tamara samt Mann nach Amerika ein. Dort lebte sie noch 41 Jahre, malte viel - mal abstrakt, mal expressionistisch, meist furchtbar schlecht. Denn sie beherrschte nur einen Stil, den ihren - aber nackte Frauen mit schweren Augenlidern, roten Lippen wie aufspringenden Pfefferschoten und porzellaniger Decadence-Haut wollte niemand mehr sehen.
Schließlich gab sie das Malen weitgehend auf und kujonierte nach dem Tod des Barons als lästige Witwe ihre erbversessene Umgebung. "Alles was in Amerika von ihr übrigblieb", so ihre Tochter, "war eine schicke Kuriosität namens Baroneß Kuffner."
Baronesse Kizette de Lempicka-Foxhall. Charles L. Phillips: "Passion by Design - The Art and Times of Tamara de Lempicka". Abbeville Press: Wilhelm Heyne Verlag, München; 192 Seiten; 68 Mark.

DER SPIEGEL 45/1987
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