12.10.1987

LADENSCHLUSSAb nach Schilda

Der Streit um das Ladenschlußgesetz wird auf dem Frankfurter Flughafen zur Posse. *
Die Bankiersgattin wurde laut. Sie hatte sich auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen die Strümpfe zerrissen und wollte ihren Mann nicht mit Laufmaschen empfangen. Doch im Dessousgeschäft Hiller konnte ihr niemand helfen: Strümpfe werden nur gegen Vorlage eines Flugscheins verkauft.
Lautstarke Proteste helfen da zur Zeit gar nichts. Seit 1. Oktober haben sich die rund 100 Geschäfte und Kioske auf Deutschlands größtem Flughafen an das Ladenschlußgesetz zu halten. Es drohen Ordnungsstrafen bis zu 500000 Mark.
Wer nach 18.30 Uhr oder an Sonn- und Feiertagen auch nur eine Zeitung oder einen Kugelschreiber kaufen will, muß an der Kasse nach dem Flugschein kramen. Da fallen grobe Worte.
"Kein Mensch hat dafür Verständnis", sagt Horst Hiller, der auf dem Flughafen 16 Läden besitzt. "Und wer kann schon einem Ausländer das deutsche Ladenschlußgesetz erklären?"
Doch dafür mochte sich das Frankfurter Oberlandesgericht nicht interessieren, als es sein Urteil verkündete: Es untersagte einer Reihe beklagter Firmen, "während der allgemeinen Ladenschlußzeiten Waren an Personen zu verkaufen, die nicht Flugreisende sind".
Der Berliner "Verband Sozialer Wettbewerb e.V." hatte gegen fünf Flughafen-Konzessionäre eine einstweilige Verfügung durchgesetzt. Auch andere Ladenbesitzer lassen sich seitdem, in Sorge vor einer kostenpflichtigen Abmahnung, abends und sonntags erst die Flugscheine vorlegen, ehe sie Zeitungen oder Zigaretten, Lederkoffer oder Blumensträuße verkaufen.
"Totaler Quatsch", entfuhr es Peter Staffelbach, dem Direktor des Züricher Flughafens, als er in Frankfurt die neuen Praktiken kennenlernte. "Die Ausländer mokieren sich über die übergründlichen Deutschen", fand Heribert Diehl, Geschäftsführer der Hamburger Handelsfirma Gebr. Heinemann, die auf dem Frankfurter Flughafen elf Läden besitzt.
Diehl, Vorsitzender der "Konzessionäre Deutscher Verkehrsflughäfen", befürchtet nun, daß die Ladenbesitzer werktags um 18.30, samstags ab 14 Uhr und an Sonntagen ganz schließen werden. Je nach Branche werden in Frankfurt zwischen fünf und 38 Prozent des Umsatzes außerhalb der normalen Öffnungszeiten gemacht.
Zwar sind die meisten Kunden Flugpassagiere. Aber die Vorschrift, sich jedesmal einen Flugschein zeigen zu lassen, hat sich als wenig praktikabel erwiesen. Die Kunden, ob mit oder ohne Ticket, fühlen sich belästigt. Mancher knallt der Verkäuferin einfach das Geld auf den Tresen und entschwindet mit einer Zeitschrift. Für andere, vor allem für Ausländer, ist die Aufforderung, ihr Ticket vorzulegen, eine unbegreifliche Schikane - Hillers Verkäuferinnen haben in den vergangenen beiden Wochen oft das Wort "Nazis" gehört.
"Man kann gar nicht sagen", so Hiller, "was sich da abspielt, wie die Leute ihren Dampf ablassen." Sein Kollege Diehl sieht nur einen Ausweg: "Wir müssen eben um halb sieben zumachen, wir können nicht auf dem Buckel der Verkäuferin den Streit um das Ladenschlußgesetz austragen."
Dabei war erst im vergangenen Jahr das Ladenschlußgesetz novelliert worden. Durfte zuvor nur "Reisebedarf" abends oder sonntags verkauft werden so wurde dieser Begriff erweitert auf alles, was "zur Versorgung der Reisenden mit Waren des täglichen Ge- und Verbrauchs sowie mit Geschenkartikeln" dient.
Jetzt fordern die Ladenbesitzer eine weitere Änderung. Frankfurt ist der einzige Flughafen auf der Welt, auf dem es eine Sonntagszeitung nur gegen Vorlage des Flugscheins zu kaufen gibt.
Konzessionäre zwischen Hamburg und München rätseln derweil, wer eigentlich die Klage gegen die fünf Frankfurter Kollegen inszeniert hat. Der Vorsitzende des Verbands Sozialer Wettbewerb, Louis Porree, war es nicht. Den Vereinsvorsitz, bekannte Porree, habe er nach dem Tod seines Schwiegervaters geerbt, von der Klage nur beiläufig erfahren.
Vereinsanwalt Manfred Burchert verrät nur, daß er einen "anerkannten Wettbewerbsverein" vertritt: "Jeder, der sich über einen Mißstand ärgert - das kann eine Hausfrau oder ein Großkonzern sein -, kann zu uns kommen."
Viele Flughafen-Konzessionäre meinen allerdings, daß ihnen wohl kaum eine Hausfrau den Ärger eingebrockt hat. Sie vermuten hinter der Verbandsklage einen der ganz Großen im Handel - die Metro.
Deutsche Einzelhandelsverbände hatten den Schweizer Multi reihenweise mit Klagen überzogen, weil dessen Cashand-Carry-Märkte bis 22 Uhr geöffnet hatten. Jetzt, so die Vermutung, habe sich die Metro im Gegenzug die Läden in den deutschen Flughäfen vorgenommen.
Am nächsten Sonntag wollen die Ladenbesitzer ihre Geschäfte gar nicht erst aufmachen: "Der internationale Flughafen Frankfurt" meint Konzessionärssprecher Diehl ,"hat sich dann nach Schilda abgemeldet." Burchert sieht es mit Gelassenheit: "Die wollen doch nur Druck auf den Gesetzgeber machen."
Das allerdings könnte ihm oder seinem anonymen Mandanten nur recht sein. "Wenn die ganze Geschichte dazu führt, daß unser Ladenschlußgesetz grundlegend reformiert wird", so Burchert, "wäre das eine gute Sache."
Doch gute Dinge brauchen ihre Zeit. Statt einer großen Reform, wie sie vor allem die FDP anstrebt, wird es allenfalls eine kleine Korrektur geben: Die CDU hat bereits erkennen lassen, daß schon bald alles wieder so laufen soll wie seit 40 Jahren.

DER SPIEGEL 42/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 42/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LADENSCHLUSS:
Ab nach Schilda

Video 00:53

Makeup-Artistin Frau verwandelt sich in berühmte Persönlichkeiten

  • Video "Amateurvideo: Gerüstbauer arbeitet ohne Sicherung" Video 00:42
    Amateurvideo: Gerüstbauer arbeitet ohne Sicherung
  • Video "Seidlers Selbstversuch: Oh Captain, my Captain!" Video 05:15
    Seidlers Selbstversuch: Oh Captain, my Captain!
  • Video "Gesichtserkennung: Amazon verkauft Software an US-Polizei" Video 03:01
    Gesichtserkennung: Amazon verkauft Software an US-Polizei
  • Video "Erster Auftritt als Ehepaar: Prinz Harry, Meghan - und die Biene" Video 00:44
    Erster Auftritt als Ehepaar: Prinz Harry, Meghan - und die Biene
  • Video "Formel-1-Piloten auf Abwegen: Ich habe meine Toilette verloren!" Video 01:32
    Formel-1-Piloten auf Abwegen: "Ich habe meine Toilette verloren!"
  • Video "Unvergleichlich: Luchse kämpfen - mit ihren Stimmen" Video 01:11
    Unvergleichlich: Luchse kämpfen - mit ihren Stimmen
  • Video "Video aus Schweden: Insekten-Tornados am Himmel" Video 00:44
    Video aus Schweden: "Insekten-Tornados" am Himmel
  • Video "Erste irische Liga: Ein Torwart im falschen Film" Video 01:05
    Erste irische Liga: Ein Torwart im falschen Film
  • Video "ADAC-Video: Crashtest mit Airbag-Kindersitz" Video 01:41
    ADAC-Video: Crashtest mit Airbag-Kindersitz
  • Video "Kita-Chaos in Berlin: Und was mach ich jetzt?" Video 04:58
    Kita-Chaos in Berlin: "Und was mach ich jetzt?"
  • Video "Videospiele als Sport: Daddeln für Olympia?" Video 04:26
    Videospiele als Sport: Daddeln für Olympia?
  • Video "Meditations-Jacke: Mit tragbarer Technik zur Erleuchtung" Video 01:17
    Meditations-Jacke: Mit tragbarer Technik zur Erleuchtung
  • Video "Weltneuheit: Russland präsentiert schwimmendes Atomkraftwerk" Video 01:14
    Weltneuheit: Russland präsentiert schwimmendes Atomkraftwerk
  • Video "Orthodoxes Judentum: Regeln - vom Aufstehen bis zum Schlafengehen" Video 05:19
    Orthodoxes Judentum: "Regeln - vom Aufstehen bis zum Schlafengehen"
  • Video "Makeup-Artistin: Frau verwandelt sich in berühmte Persönlichkeiten" Video 00:53
    Makeup-Artistin: Frau verwandelt sich in berühmte Persönlichkeiten