25.05.1987

SÜDKOREA

Das Marcos-Syndrom

Aufruhr und blutige Straßenschlachten machen dem Militär-Regime in Seoul zu schaffen: Präsident Chun hat die versprochene Demokratisierung gestoppt. *

Demokratie hat Chun Doo Hwan, 56, nie gelernt- Aufgewachsen zu Kolonial- und Kriegszeiten, Fallschirmjägergeneral mit Vietnam-Erfahrung, regiert er seit einem von ihm angezettelten Militärputsch vor sieben Jahren Südkorea als autokratischer Staatschef. Und doch hegt Präsident Chun einen großen Traum von Demokratie und Freiheit: Er möchte, sagt er, in die Geschichte eingehen als der erste Herrscher Südkoreas, der einen "friedlichen Machtwechsel" im Präsidentenpalast von Seoul zugelassen hat.

Im Februar nächsten Jahres, rechtzeitig vor den Olympischen Sommerspielen, die im September 1988 in Seoul stattfinden, will Chun freiwillig zurücktreten. Bis dahin soll sich der stramm antikommunistische Polizeistaat in eine Musterdemokratie verwandelt haben - ohne jene Unruhen, die in immer kürzeren Abständen auf Seouls Straßen ausbrechen.

Es wird wohl ein Traum bleiben. Denn je näher der Termin für den versprochenen Wechsel rückt, desto radikaler und gewalttätiger wehrt sich die Opposition gegen den Fahrplan des selbstherrlichen Generalspräsidenten und seine Version von "gelenkter Demokratie". "Ich warne Dich mit meinem Tod, Diktator. Denke über Deine bisherigen Untaten nach" schrieb Anfang Mai der Dissident Rha Byung Nam, 30, auf ein Flugblatt - und stürzte sich von einem zwölf Meter hohen Baum vor der Myongdong-Kathedrale mitten in Seoul.

Die dramatische Aktion (Rha überlebte schwer verletzt) löste Protestdemonstrationen aus, die Südkorea seitdem nicht zur Ruhe kommen lassen. Fast täglich liefern sich Tausende von Studenten in Seoul, Pusan oder Kwangju blutige Straßenschlachten mit der Polizei.

Die Regierung schlägt mit gewohnter Brutalität zurück. Vorigen Monat wurden 4000 Studenten vorsorglich eingesperrt, noch bevor sie gegen Chun demonstrieren konnten. In den Gefängnissen sitzen mindestens 2000 politische Häftlinge. Der koreanischen Anwaltskammer liegen Berichte vor, wonach seit langem Folterpraktiken "vertuscht oder ignoriert" würden.

Die Medien sind durch scharfe Zensurbestimmungen geknebelt. Dissidenten werden immer wieder unter Hausarrest gestellt - Koreas bekanntester Oppositionspolitiker, Kim Dae Jung, ab Februar 1985 allein 55mal.

Seit einigen Wochen gilt seine "vorsorgliche Abschirmung", wie Seouls Regierung die Festsetzung beschönigend nennt, auf unbefristete Zeit. Schwerbewaffnete Polizisten halten Kims Haus in Seoul Tag und Nacht umzingelt.

Die verschärfte Repression beweist, daß der Präsident Angst hat, die Kontrolle zu verlieren. Denn trotz des anhaltenden Aufschwungs im Wirtschaftswunderland Südkorea (siehe Seite 157), trotz der allgegenwärtigen Polizei scheint ein Volksauftand nicht länger ausgeschlossen. Jeder Demonstrant, der zu Tode komme, so die Analyse eines Diplomaten in Seoul, könne "eine Signalwirkung haben wie damals auf den Philippinen die Ermordung des Oppositionsführers Benigno Aquino".

Das Marcos-Syndrom bedroht jetzt auch Chun. Ihre Abneigung gegen den Präsidenten (in inoffiziellen Umfragen sprechen sich 86 Prozent gegen ihn aus) begründen viele Südkoreaner mit der Korruption "dieser schmutzigen Regierung". Die

Cliquenwirtschaft wuchert in Südkoreas Militärregime fast genauso unkontrolliert wie einst im Familienclan des philippinischen Diktators.

Die Studenten stehen in ihrem Kampf nicht mehr allein. Vor allem die schnell wachsende neue Mittelschicht, meist gut ausgebildet und vielfach unzufrieden über die ungleiche Verteilung des neu erworbenen Wohlstands, verlangt mehr politische Mitbestimmung.

Selbst die politisch bislang abstinente Kirche wendet sich offen gegen Chun. 40 protestantische Geistliche begannen einen Hungerstreik, um ihre "ernste Botschaft zu unterstreichen". Und Stephen Kardinal Kim Sou Hwan, geistliches Oberhaupt der zwei Millionen Katholiken, fürchtete, das Land werde "einmal mehr in Tränengas getränkt". Der Traum des Volkes "von einer lichten neuen Zeit", so der Kardinal, "ist furchtbar zerstört worden".

Denn die Bedingungen für den versprochenen Übergang in die "neue glorreiche Ära der Demokratie" (Chun) legt nach wie vor der Präsident selbst fest. Jede Diskussion über Alternativen zu seinem Weg, dekretierte er, sei "eine Verschwendung nationaler Energien".

Fast ein Jahr lang, bis zum vorigen Monat, hatten die Südkoreaner über ebendiese Alternative diskutiert:

Chun Doo Hwan und seine regierende Demokratische Gerechtigkeitspartei wollen das neue Staatsoberhaupt indirekt von 5300 lokalen Wahlmännern (die keine Politiker sein dürfen) küren lassen. Gleichzeitig soll per Verfassungsänderung die politische Macht weitgehend an den vom Parlament gewählten Ministerpräsidenten übertragen werden.

Die Opposition dagegen fordert die direkte Wahl des Präsidenten durch das Volk. Denn im Parlament ist die Übermacht der Regierungspartei einstweilen nicht zu brechen, und die Wahlmänner kann Chun leicht manipulieren. Die alte autokratische Ordnung würde so nur unter neuem Etikett fortbestehen.

Die Debatte spaltete die Neue Demokratische Partei (NKPD) der beiden Oppositionsführer Kim Dae Jung und Kim Young Sam. Weil Teile ihrer Gefolgschaft einem Kompromiß mit der Regierung zuneigten, gründeten die beiden Kims eine neue, radikale "Partei für Wiedervereinigung und Demokratie" - und zogen die meisten der 90 NKPD-Abgeordneten mit sich.

Für Chun war das "Durcheinander" ein willkommener Vorwand, die Verhandlungen mit der Opposition zu beenden - bis nach den Olympischen Spielen im Herbst 1988.

Seinen Nachfolger hat Chun längst ausgesucht: den Vorsitzenden der Gerechtigkeitspartei, Roh Tae Woo. Er soll wahrscheinlich im Juni als Präsidentschaftskandidat nominiert werden.

Roh ist ein Freund Chuns aus der Militärakademie. Als Befehlshaber der Garnison in Seoul hatte General Roh vor sieben Jahren für den Putscherfolg des Kameraden Chun gesorgt.


DER SPIEGEL 22/1987
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