20.07.1987

MATHEMATIK

Karge Kost

Mathematiker feiern den 100. Geburtstag des Inders Sriniwasa Ramanujan - eines Genies, das wie eine Urgewalt in die mathematischen Zirkel des frühen 20. Jahrhunderts brach. *

Als er sich mit 22 Jahren beweibte, war das kaum mehr als ein spiritueller Akt - seine Braut zählte eben neun Lenze. Die ehelichen Handreichungen der Kindfrau beschränkten sich darauf, den Gatten mehrmals täglich zu füttern.

Dabei war Sriniwasa Ramanujan weder körperlich behindert noch war er ein fingerfauler, von seinen Anhängern wie

eine Drohne gepäppelter Guru. Dem jungen Gehilfen eines Treuhandbüros in der indischen Hafenstadt Madras war Essen einfach lästig - eine zeitraubende Körperpflege, die ihn nur von ungleich wichtigeren Beschäftigungen abhielt.

Um den 100. Geburtstag des legendären Inders zu begehen, trafen sich letzten Monat Mathematiker aus aller Welt an der University of Illinois in Urbana-Champaign. Wie einst schon Ramanujans Zeitgenossen, so rätselte nun, 67 Jahre nach seinem Tod, eine neue Mathematikergeneration darüber, "aus welchen Quellen Ramanujan seinen ungeheuren Reichtum an Ideen geschöpft haben mochte" (wie das Wissenschaftsmagazin "Science" schrieb).

Wie konnte der junge Mann aus dem südindischen Kumbakonam, aufgewachsen in einer Lehmhütte, die er mit Bruder und Eltern teilte, zu einem überragenden Mathematiker werden? Wie ist zu erklären, daß er im Dschungel der Mathematik Ergebnisse fand, die von Bedeutung für wissenschaftliche Probleme sind, von denen er noch keine Ahnung haben konnte?
* Arbeiten Ramanujans lieferten, wie der australische
Forscher R. J. Baxter auf dem Kongreß in Illinois
berichtete, den Schlüssel zur Lösung vertrackter
Probleme der statistischen Mechanik von Molekülen.
* Ergebnisse des indischen Mathematikers haben, wie der
US-Physiker Freeman Dyson vom Institute for Advanced
Studies in Princeton erklärte, die "string theory"
maßgeblich weitergebracht - diese nur wenige Jahre
alte, exotische Theorie gilt Teilchenphysikern und
Kosmologen derzeit als wahrscheinlichstes
Ordnungsschema für den Kosmos, von seinen elementaren
Bausteinen bis zu den Galaxien.
* Berühmt sind inzwischen Ramanujans Ausführungen zu den
sogenannten Zetafunktionen, einer Gruppe von
mathematischen Zuordnungen, die in vielen Gebieten der
Mathematik eine bedeutende Rolle spielen.
* Eine von Ramanujan entwickelte Formel zur Bestimmung
des Zahlenwertes von Pi bestand letztes Jahr ihre
Bewährungsprobe - der US-Mathematiker William Gosper
konnte, als er mit Computerhilfe die Zahl Pi auf über
17 Millionen Stellen bestimmte, auf Ramanujans Ideen
zurückgreifen.

Der Werdegang des indischen Jungen, der zwar einer hohen Kaste entstammte, aber in äußerster Armut aufwuchs, scheint wie eine Folge von Szenen aus dem Bilderbuch: Das Kind, im Dezember 1887 als Sohn eines armen Buchhalters im südindischen Erode geboren; die einfache indische Landschule im etwa 200 Kilometer entfernten Kumbakonam; schließlich die - buchstäblich - zwei Bücher, aus denen der Heranwachsende seine mathematische Phantasie nährte.

Als Zwölfjähriger borgte sich Sriniwasa von einem älteren Mitschüler sein erstes Mathematikbuch, ein Bändchen über Trigonometrie. Mit 15 entlieh der Schüler aus der öffentlichen Bibliothek sein zweites Buch, das ein englischer Mathematiker für seine Studenten verfaßt hatte - beide Bücher, so der britische Mathematiker Robert Rankin taugten schon damals nichts.

Ramanujan genügte die karge geistige Kost, zu einem Genie zu wachsen. Ohne jede weitere mathematische Ausbildung, ohne Zugang zu mathematischen Werken und Zeitschriften, abgeschottet von den mathematischen Zirkeln seiner Zeit, notierte der junge Inder seine brillanten mathematischen Einfälle und Ideen auf allem, was eben zum Bekritzeln taugte.

So notierte der 22jährige, er war nun Bürogehilfe bei der Hafenhandelsgesellschaft Madras, Gleichungen und Formeln auf Reste von Packpapier - dazu nutzte Ramanujan seine Essenspausen; er schrieb, während seine Mädchenfrau ihn mit Häppchen fütterte. Daß sein Gekrakel von Indien bis nach Europa gelangte, dankte der Mathematik-Besessene einer glücklichen Fügung: Die Manager des Port Trust Office - Engländer der eine, ein in England ausgebildeter Inder der andere - waren Ingenieure.

Die mathematikverständigen Vorgesetzten rieten Ramanujan, Kostproben seiner Arbeit an englische Mathematiker zu schicken. Nachdem zwei namhafte Gelehrte der Cambridge University die seltsamen Aufzeichnungen als die eines mutmaßlich Irren kommentarlos zurückschickten, hatte Ramanujan mit seinem dritten Versuch Glück: Am 16. Juni 1913 übermittelte er seine Formeln in einem Brief an den Cambridge-Mathematiker Sir Godfrey Harold Hardy.

Hardy las den Brief mit etwa 60 Gleichungen - und nahm ihn mit zu einer abendlichen Schachpartie auf den Campus. Über dem Schieben von Bauern und Springern entschieden Hardy und sein Schachpartner, daß der Absender nicht nur kein Irrer, sondern ein Genie sein müsse: Hardy lud Ramanujan ein, bei ihm in England zu studieren.

Im April 1914 traf der 26jährige Inder am berühmten Trinity College der Cambridge University ein - und "setzte sein Hirn", wie Hardy damals notierte, "gegen die gesammelte Weisheit Europas". Drei Jahre lang verbrannte der Unbändige seine Energie ohne Maß: Er arbeitete jeweils 24 bis 36 Stunden in einem Stück bis er kollabierte, dann schlief er zwölf oder mehr Stunden und tauchte hernach wieder in seine Zahlenwelt ab. Der Besessene bereicherte die Theorie der Zahlen und die Analysis um tiefe Erkenntnisse. "Die Schönheit und Einzigartigkeit seiner Ergebnisse", lobten die Kollegen in Cambridge, "sind einfach ungeheuer." Sie waren, Formel um Formel, dem Körper abgetrotzt. Ohne die Pflege seiner Frau, die er in Indien zurückgelassen hatte, und unter den schwierigen Ernährungsbedingungen im England des Ersten Weltkrieges ging es dem Vegetarier Ramanujan immer schlechter; im Mai 1917 wurde er krank. Ein rätselhaftes Leiden zehrte das Genie aus. Nach mehreren Sanatoriumsaufenthalten kehrte der Entkräftete 1919 nach Indien zurück - am 26. April 1920 starb er in Kumbakonam.

Drei Kladden mit etwa 4000 Gleichungen, Formeln und Theoremen sowie 130 Manuskriptseiten, die Ramanujan in seinem letzten Lebensjahr an Hardy schickte, bildeten den Nachlaß des Zahlenmagiers, ein Fundus, in dem Mathematiker und Physiker noch immer neue Ideen von schillernder Brillanz aufspüren.

Mit gemischten Gefühlen, wie der amerikanische Mathematiker Gosper bekannte. "Wie können wir nur alle diesen Mann verehren", fragte Gosper, "der wieder und wieder seine Hand aus dem Grab reckt und uns unsere elegantesten Ideen wegschnappt - weil er sie schon vorweggenommen hat?"


DER SPIEGEL 30/1987
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